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Georgios Chatzoudis | 15.08.2017 | 1833 Aufrufe | 1 | Interviews

"Anpassung an kranke gesellschaftliche Verhältnisse"

Interview mit Hans-Joachim Maaz über das Phänomen der Normopathie

Von Menschen, die nicht gerade als Eremiten leben, sondern Teil einer Gruppe sein möchten, wird erwartet, dass sie sich an die Gruppe anpassen und gewisse Regeln des Zusammenlebens befolgen. Wer das tut, erntet die Anerkennung der Gruppe und erfährt ihren Schutz und ihre Solidarität. Das wiederum kann zu dem Gedanken verführen, dass besonders viel Anpassung und ein besonders folgsames Verhalten zu besonders viel Lob, Belohnung und persönlichem Glück führen könnte. Diese Rechnung geht aber nicht auf, behauptet der Psychiater und Psychoanalytiker Dr. Hans-Jürgen Maaz. Im Gegenteil, wer nach diesen Prinzipien lebe, sich übermäßig anpasse und überkonform verhalte, lebe ein falsches Leben und ist ein Normopath. Schuld daran ist aber nicht nur der derart narzisstisch veranlagte Einzelne, sondern die Gesellschaft insgesamt, die einen hohen Anpassungsdruck auf ihre Mitglieder ausübe. Wie das genau zu verstehen ist, dazu haben wir dem Autor des Buches "Das falsche Leben" unsere Fragen gestellt.

"Wir Ärzte leben davon, dass Menschen 'endlich' krank werden"

L.I.S.A.: Herr Dr. Maaz, Sie haben ein Buch über den psychologischen Zustand bzw. über die seelische Verfassung unserer Gesellschaft geschrieben. Wie der Titel bereits deutlich macht, fällt Ihre Bilanz nicht gut aus: „Das falsche Leben. Ursachen und Folgen unserer normopathischen Gesellschaft“. Bevor wir auf Ihre Analyse im Einzelnen eingehen - was hat Sie zu diesem Buch bewogen? Welche Beobachtungen und Überlegungen gingen dem Buchprojekt voraus?

Dr. Maaz: Als Arzt und Psychotherapeut lebe ich praktisch von den Folgen falschen Lebens. Die meisten Menschen wissen zum Beispiel, dass sie falsch leben, wenn sie sich falsch ernähren, zu wenig bewegen, zu viel Alkohol trinken, rauchen, sich keine Zeit mehr für Erholung lassen, im Dauerstress durch Leistungs- und Konkurrenzdruck usw. sind und sie ändern es trotz besseren Wissens nicht. Sie können es meistens nicht ändern, weil sie Opfer innerer „Antreiber“ sind, die frühen Erziehungsmustern entsprechen, die man eben nicht einfach aufgeben und verlassen kann (für frühe Prägungen gibt es keine „Heilung“ im Sinne des Ungeschehen-Machens, sondern bestenfalls „Genesung“ durch Einsicht, Verstehen und mühevolle Verhaltenskorrekturen – d. h. „Genesung“ ist ein gesünderer Umgang mit der Störung).

Aber wir sind alle auch in soziale, politische, moralische, ökonomische Zwänge eingebunden, die oft gestörtes Verhalten favorisieren (z. B. übermäßige Leistungsforderungen, Perfektionismus, Stärkekult, sich übermäßig darstellen und verkaufen usw.), so dass jede Bewegung aus dem geforderten Verhalten heraus negative Konsequenzen nach sich zieht. (Zu DDR-Zeiten war mehr Mut, mehr Kritikfähigkeit, mehr Individualisierung, mehr Offenheit - was der „Gesundung“ diente, sofort politisch subversiv und im kapitalistischen Deutschland besteht die Gefahr, wenn man Schwächen, eigene Fehler und Begrenzungen zugibt, um den Leistungsstress zu mildern, dass man sofort an „Marktwert“ verliert.)

Wir Ärzte leben davon, dass Menschen „endlich“ krank werden, damit eine Chance entsteht, aus dem Bedrohungserleben und dem Leidensdruck heraus bittere Erkenntnis über das eigene falsche Leben zuzulassen und Mühen auf sich zu nehmen, durch Veränderung des Lebensstils zu gesunden. Und es bedeutet immer Kampf, Auseinandersetzung und Konflikte mit sich selbst und dem sozialen Umfeld. Mit diesem medizinischen Erfahrungswissen und den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, der Säuglings- und Kleinkindforschung und der Hirnforschung war es nur noch ein kleiner Schritt, typische, d.h. mehrheitlich wirksame pathogene Einflüsse des gesellschaftlichen Lebens, die durch Erziehung, durch ökonomische, moralische und religiöse Zwänge zur Selbst-Entfremdung vieler Menschen beitragen, zu identifizieren und die Entwicklung einer „Normopathie“ zu verstehen.

"Anpassung an eine falsche Leitkultur führt in die Krise"

L.I.S.A.: Der zentrale Begriff in Ihrem Buch ist der der Normopathie. Man weiß von Psychopathen und von Soziopathen, was aber ist ein Normopath? Welche Pathologie machen Sie bei jemanden aus, der sich normgerecht verhält? Ist Anpassung nicht das, was gerade allenthalben gefordert wird – auch im Zusammenhang mit dem Begriff der Leitkultur?

Dr. Maaz: Mit „Normopathie“ ist eine Anpassung einer Mehrheit von Menschen einer Gesellschaft an eine Fehlentwicklung, an pathogenes psychosoziales Verhalten gemeint, dessen Störung nicht mehr erkannt und akzeptiert wird, weil eine Mehrheit so denkt und handelt. Und was die Mehrheit vertritt, kann ja nicht falsch sein – so beruhigt jeder sein Gewissen durch Autosuggestion und lässt sich zur Anpassung manipulieren. Die große Fähigkeit des Menschen zur Anpassung wird praktisch pervertiert zur Anpassung an kranke gesellschaftliche Verhältnisse. Das wird unterstützt durch das psychosoziale Grundbedürfnis des Menschen, unbedingt „dazugehören“ zu wollen (zu einer Partnerschaft, Familie, Freundes-Gruppe, Verein, Partei, Religion, Nation usw.), um im zugehörigen sozialen Milieu auch entsprechend verstanden und bestätigt zu werden, auch Erfolg zu haben und auf keinen Fall abgelehnt, beschämt, ausgegrenzt und verfolgt zu werden. Eine Normopathie erklärt das pathologische Mitläufersyndrom, wenn eine Mehrheit begeistert in den Krieg zieht, sich als Herrenrasse wähnt, Völkervernichtung zustimmt, Andersdenkende verfolgt, Ideologie über die Realität stellt und im narzisstischen Größenwahn lebt.

Eine „Leitkultur“ wird immer zu prüfen sein, ob sie eine realitätsgerechte, menschenfreundliche, sozial gerechte ehrliche, ideologiefreie Orientierung gibt, aber auch vor destruktiven Einflüssen und Bedrohungen wirksam zu schützen versteht. Anpassung an eine falsche Leitkultur führt in die Krise und Katastrophe. Anpassung an eine psychosozial orientierte Leitkultur, die ich „Beziehungskultur“ nenne, ermöglicht gesünderes Leben und hilfreiches und befriedigendes Zusammenleben.

"Im Narzissmus gibt es keine Empathie für andere"

L.I.S.A.: Zuletzt haben wir mit dem Soziologen Prof. Dr. Stephan Lessenich ein Interview über sein Buch zur sogenannten Externalisierungsgesellschaft geführt, in dem er die These vertritt, dass wir hier im Westen auf Kosten des Rests der Welt lebten. Wir würden das übrigens tun, obwohl wir wüssten, dass es falsch sei. Wir konnten im Interview nicht abschließend klären, warum wir so handeln, wie wir es tun. Haben Sie eine Antwort darauf? Woran liegt es, dass wir wider besseren Wissens falsch handeln?

Dr. Maaz: Ich stimme Prof. Lessenich zu, dass wir im „Westen“ auf Kosten des Rests der Welt leben. Dabei dürfen aber auch die Fehlentwicklungen des „Rests der Welt“ nicht übersehen werden, die in die Eigenverantwortung gehören und nicht nur Folge unseres narzisstischen Lebens sind. Mit „narzisstischer Gesellschaft“ erkläre ich unser Fehlverhalten trotz besseren Wissens (vergleichbar dem individuellen falschen Lebens, das in aller Regel erst durch Krankwerden zur Einsicht und Veränderung ruft).

„Narzissmus“ ist bemüht, psychosoziale Bestätigungs- und Liebesdefizite durch besondere Anstrengungen und Leistungen zu kompensieren. Da man sich aber Liebe nicht verdienen kann, müssen praktisch alle Bemühungen zu grenzenloser Sucht führen. Im Narzissmus gibt es keine Empathie für andere, keine Rücksicht auf die Folgen des Kampfes gegen die verleugnete Selbstunsicherheit und Minderwertigkeit. Es zählt nur das, was im Augenblick der Kompensation, der Ablenkung und der Betäubung des erlittenen psychosozialen Mangelschmerzes („Muttermangel“) dient. Deshalb sind Klimakatastrophe, Umweltzerstörung, Ausbeutung, unfairer Handel, Kriege um Ressourcen und Absatzmärkte, Migration zwar als Bedrohung und „Krankheit“ bekannt, können aber aus Suchtgründen (wie bei jeder Sucht!) nicht einfach verändert werden. Die „Abstinenz“, die notwendig wäre, führt zwangsläufig zu Entzugserscheinungen, die praktisch erst bei existenzieller Bedrohung akzeptiert wird.

"Ich stimme Adorno nicht zu, wenn es um die persönliche Würde geht"

L.I.S.A.: Im Titel Ihres Buches schwingt Adornos berühmte Sentenz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ mit. Hatte Adorno recht?

Dr. Maaz: Adorno hat mit seiner Sentenz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ insofern recht, wenn damit die normopathischen Ursachen, Zusammenhänge und Zwänge gemeint sind. „Wahres“ Leben wird von der Mehrheit der Menschen im falschen Leben nicht zugelassen, wird verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt und sogar getötet. So verstehe ich z.B. den „Christusmord“ – Liebe und Frieden als Botschaft und Herausforderung sind für die meisten Menschen im falschen Leben eine Bedrohung, weil sie damit an die Lieblosigkeit und die seelischen Verletzungen, die sie erlitten haben und zum Selbstschutz verleugnen müssen, schmerzvoll erinnert werden könnten. Und statt dass jeder an sein „Kreuz“ geht, pflegen wir die Illusion, das könnte einer für uns alle abnehmen, den wir dann „Heiland“ nennen. Aber der Einzelne verharrt im falschen Leben, wenn er die Mühen belastender Selbsterkenntnis und Verhaltensveränderung nicht auf sich nehmen will und Angst vor sozialer Ausgrenzung hat. Aktuell bilden „Mainstream“ und „politische Korrektheit“ eine neue Zensur, um belastende Kritik und Protest zu verhindern, die auf falsches Leben aufmerksam machen könnten.

Ich stimme Adorno nicht zu, wenn es um die persönliche Würde geht, sich um die individuellen Möglichkeiten, sich um Selbsterkenntnis und Verminderung falschen Lebens zu bemühen. Selbst unter widrigsten Umständen bleibt jeder Einzelne in der Verantwortung, „richtiger“ zu leben. Und ein „richtiges Leben“ kann immer nur situativ, für den Augenblick, dynamisch veränderbar gelebt werden. Wenn mein innerstes Erleben mit der äußeren Situation in Einklang kommt, wird „richtiges Leben“ durch Entspannung, Befriedigung und Glückseligkeit für den Augenblick erfahrbar.

"Ich mag dennoch nicht resignieren"

L.I.S.A.: Während der Lektüre Ihres Buches prüft man ständig, welcher der zahlreichen Störungen, die Sie exemplifizieren, man selbst möglicherweise unterliegen könnte. Sie kommen zu dem Schluss, dass wir alle in einer gewissen Weise gestört sind, auch weil wir die Störungen unserer Eltern geerbt haben, die wiederum die ihrer Eltern übernahmen usw. Denkt man das weiter, gibt es eigentlich kaum Hoffnung, dass es auch psychologisch gesunde bzw. seelisch intakte Menschen geben könnte. Sie unterscheiden in diesem Zusammenhang zwischen Heilung und Genesung. Was genau ist der Unterschied? Und haben wir tatsächlich keine Aussicht auf Heilung?

Dr. Maaz: Die Logik meiner Erfahrungen und Erkenntnisse ist pessimistisch: ohne ernste Krise, ohne Katastrophe wird es keine wesentliche Veränderung geben. Dennoch mag ich nicht resignieren. Hoffnung auf Einsicht, auf Veränderung besteht immer, die auch durch Information, Diskussion, Reflexion, Beratung und Therapie unterstützt werden kann. Auch der Kampf um eine möglichst optimale Frühbetreuung von Kindern, um deren Selbst-Entfremdung, vor allem die narzisstischen Defizite zu verhindern, bleibt eine wichtige und lohnende Aufgabe für eine sinnvolle „Prävention. Eine „Heilung“ der Selbst-Entfremdung im Sinne, dass alle Verletzungen, Demütigungen, Mangelerfahrungen beseitigt werden könnten, gibt es nicht – das ist entwicklungspsychologisch und neurobiologisch belegt – aber „Genesung“ im Sinne der Erkenntnis der eigenen Selbst-Entfremdung und ihrer Folgen ist möglich mit emotionaler Verarbeitung aller seelischer Not und dem Erlernen weniger pathologischen Verhaltens. „Gesundung“ ist kompetenter, verantworteter und regulierter Umgang mit der Selbstentfremdung, um sich selbst und anderen weniger zu schaden und verborgene Affekte nicht mehr projektiv an anderen abzureagieren.

Dr. Hans-Joachim Maaz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Robby Basler | 25.12.2017 | 21:01 Uhr
Ich beobachte dargestelltes Verhalten insbesondere unter den 400.000 Geschädigten deutscher Erziehungsgewalt, die als Minderjährige in Erziehungsheimen der Bildungsvorenthaltung ausgesetzt wurden, mit Zwangsarbeit und Schläge und sexuellen Missbrauch erzogen wurden. Jedoch steigert sich dieses Phänomen in jene Abnormalität, dass Resignation und Bildungsdefizit sich darin äußert, Strategien Einzelner zur Entschädigung nur dann anzuerkennen und zu fördern, wenn das Konzept für den eigenen geistigen Horizont überschaubar bleibt. Dies dazu führt, sich wie Pinguine von Eisscholle zu Eisscholle zu schwingen, ohne die Tragfähigkeit der Schollen zu kennen, wenn Zielführung nur verheißungsvoll von ihr ausgestrahlt wird. Am Ende immer erst im Untergang gemerkt wird, das es zu spät ist. Dann aber nicht auf die eigene Schwäche geschimpft wird, sondern sich die Resignation mit neuen Argumenten begründet wird. Die Bereitschaft oder das in der Lage sein, den geistigen Horizont zu erweitern, um Konzepte von kompetenteren Mitstreitern fördernd zuzusprechen, ist selbst nach solch Untergang in der Regel nicht vorhanden. Folge der Unzugänglichkeit ist, dass die Opfergruppe nicht in der Lage ist, ihr Anliegen den gesellschaftlichen Bedingungen entsprechend vorzutragen. Die Opfer in Lebensverhältnisse belassen werden, in denen sie eines unnatürlich verfrühten Todes aus dem Leben getrieben werden. Da der Staat Menschenrechte den Opfern so vorenthalten kann, die diese Lebensverhältnisse ändern könnten, ist in völkerrechtlicher Sicht in Fachkreisen von Euthanasie in Lebensverhältnissen die Sprache, die wiederum als Teil von Genozid gelten kann. Jedoch stößt genau diese Theorie auf eine Gesellschaft, die wie von Dr. Hans-Joachim Maaz als normopathisch beschrieben steht, die nicht bereit ist, ein solches aus ihrer Gesellschaft hervorgegangenes Verbrechen erkennen zu wollen. Es scheint eine Win-Win-Situation zwischen zwei geistigen Minuspolen entstanden zu sein, in der sich beide Teile mit gleichen Erfolg schädigen. Informationen zu unserer Opfergruppe finden sie diesbezüglich auf meinem Blog www.kinderrechte-blog.byme-magazin.de oder auf Facebook unter meinen Klarnamen. (Sollte der Link der Veröffentlichung im Wege stehen, möge die Redaktion ihn bitte entfernen.) Mit besten Grüßen Robby Basler

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