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Judith Wonke | 10.09.2019 | 455 Aufrufe | Interviews

"Keineswegs eine ideologiefreie Wertevermittlung"

Interview mit Melanie Fritscher-Fehr zur Rolle des Rundfunks in der Bundesrepublik

Seit jeher gelten Massenmedien als wichtige Mittel in Krieg und Nachkriegszeit. So auch der Rundfunk, der im Zweiten Weltkrieg erstmals gezielt und institutionell als Propagandamittel eingesetzt wurde. Doch auch nach Ende des Krieges erkannten vor allem die Alliierten Mächte die Möglichkeiten des Rundfunks und nutzen das Medium zur Re-Education und Demokratisierung der deutschen Bevölkerung. Dr. Melanie Fritscher-Fehr hat dem Leitmedium der Nachkriegszeit ihre Dissertation gewidmet und den sogenannten "Schulfunk" näher untersucht. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt. 

"Eine Rückversicherung durch und eine Orientierung in der Geschichte"

L.I.S.A.: Dr. Fritscher-Fehr, Ihre kürzlich veröffentlichte Publikation trägt den Titel “Demokratie im Ohr”. Sie beschäftigen sich in dieser mit der Entwicklung des Radios in Westdeutschland und untersuchen, welchen Beitrag das Radio zur Demokratisierung der Bevölkerung leistete. Woher rührt Ihr Interesse an dieser speziellen Thematik? Welche Überlegungen gingen der Untersuchung voraus?

Dr. Fritscher-Fehr: Vielleicht sollte ich in einem ersten Schritt voranstellen, dass ich in meiner Arbeit einen geschichtskulturellen Zugang gewählt und mich ausschließlich mit Geschichtsbeiträgen im Radio und deren Bedeutung für den Demokratisierungsprozess Westdeutschlands nach 1945 auseinandergesetzt habe. Mein Interesse an erinnerungs- bzw. geschichtskulturellen Repräsentationsformen oder Manifestationen begleitet mich bereits sehr lange und hat sich im Verlauf der Entwicklung immer stärker auf massenmediale Darstellungsformen konzentriert: Geschichte ist in unserer Alltagswelt schließlich omnipräsent, insbesondere in massenmedialen Erzählungen. Ob in der Kinder- und Jugendbuchliteratur, in historischen Romanen, in populärkulturellen Darstellungen in Kino- und Spielfilmen oder verstärkt in Serien verschiedener Streaming-Dienste: Geschichte und ihre Transformation in mediale, weitreichende Formate üben offenbar eine große Faszination auf Menschen aus. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive habe ich mich daher schon immer für die Frage interessiert, warum das so ist.

Warum wenden wir uns zu bestimmten Zeitpunkten spezifischen historischen Sujets zu und was sagt diese Auswahl und ihre jeweilige Interpretation eigentlich über uns aus? Warum brauchen wir in unserer alltäglichen Welt offensichtlich eine Rückversicherung durch und eine Orientierung in der Geschichte und weshalb stört es uns als Konsumentinnen und Konsumenten gar nicht so sehr, wenn die massenmedialen Erzählungen Elemente aufnehmen, die zweitweise eher ins Fiktionale reichen und weniger einer, wie auch immer gearteten „historischen Wahrheit“ entsprechen?

Aus einer kommunikationstheoretischen Perspektive ist hierbei wichtig, dass sich Massenmedien aktiv an gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen beteiligen und Inhalte nicht lediglich abbilden oder wiedergeben. Massenmediale Darstellungen erzeugen auf ihre eigene Weise soziales Wissen, etablieren für uns Normen und andere Vorstellungssysteme und verleihen unserer Gegenwart und der Art und Weise, wie unsere Gesellschaft funktioniert, einen bestimmten Sinn.

Und da für die unmittelbare Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre hinein keine Studien vorlagen, die der Frage nachgegangen sind, in welcher Weise sich die damaligen Massenmedien – und hier im Besonderen das Radio als Leitmedium dieser Zeit – historischer Stoffe bedienten, reizte mich die Auseinandersetzung mit diesem Thema besonders. Ich stellte unter anderem die Frage, wie das wichtigste Medium dieser Zeit einen Umgang mit Geschichte gefunden hat und welche historischen Stoffe für die zeitgenössische Gegenwart als sinnstiftend und nach den Erfahrungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft als legitimierend empfunden worden waren.

Mit diesen Fragen ging die Frage nach der demokratisierenden Wirkung des Hörfunks einher: Inwiefern konnten historische Themen und ihre massenmediale Übersetzung dazu beitragen, eine tief verunsicherte, eben nicht demokratisch sozialisierte Gesellschaft, in eine neue politische Ordnung zu überführen, diese auch zu verinnerlichen und zu akzeptieren? Die intellektuelle, ideengeschichtliche Entwicklung der Bundesrepublik ist bereits eingehend und sehr gut durch die historische Forschung dokumentiert und interpretiert worden. Aber wie gesellschaftliche Wandlungsprozesse durch das wichtigste Massenmedium mit ausgehandelt wurden und sich vollzogen haben, das war eine Frage, mit der sich bisher nur Einzelstudien (mit einem anders gelagerten Erkenntnisinteresse) beschäftigt hatten. Zudem war für mich die Feststellung wichtig, dass das Radio Menschen erreichte, die keine Leserinnen und Leser intellektueller, kulturhistorischer Zeitschriften oder soziologisch-historischer Studien waren; deren Akzeptanz für eine demokratische Ordnung aber umso entscheidender war, damit sich die bundesrepublikanische Gesellschaft tatsächlich irgendwann als eine demokratische verstand.

"Die Aushandlung eines bundesrepublikanischen Selbstverständnisses"

L.I.S.A.: Massenmedien im Allgemeinen und der Hörfunk im Speziellen wurden von der Fachwissenschaft lange stiefmütterlich behandelt. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen, vor allem angesichts des bedeutenden Einflusses, den Medien auf unser Verständnis von Geschichte sowie die Geschichtskultur haben? Inwiefern trägt Ihre Arbeit dazu bei, diese Forschungslücke zu schließen?

Dr. Fritscher-Fehr: Es ist richtig, dass sich die deutsche Historiografie vergleichsweise spät mit massenmedialen Geschichtsdarstellungen auseinandergesetzt hat. Erst in den 1990er-Jahren erlebte die Erforschung der Kulturgeschichte, im Speziellen die der Erinnerungskultur in Deutschland, einen ersten Boom. Dies ist insbesondere der Verdienst von Jan und Aleida Assmann, die im Jahr 2018 – unter anderem für dieses Engagement – mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurden. Warum die Auseinandersetzung mit kulturgeschichtlichen Entwicklungen so lange auf sich hat warten lassen, ist eine sehr komplexe, historiografiegeschichtliche Frage und führt an dieser Stelle womöglich zu weit.

Für massenmediale historische Erzählungen lässt sich zunächst festhalten, dass die Geschichtswissenschaft solche Formen der Geschichtsdarstellung lange Zeit marginalisiert und durchaus als „unseriös“ verstanden hat. Ab den 1990er Jahren sahen sich Historikerinnen und Historiker zunehmend mit einem wachsenden Erfolg und einer damit verbundenen großen Reichweite solcher Geschichtsdarstellungen konfrontiert. Dieser Erfolg löste zunächst eine gewisse Irritation in der Fachdisziplin aus und lud in einem nächsten Schritt dazu ein, sich intensiver mit der Darstellungsart, den produktionstechnischen Zwängen sowie den hinter den Darstellungen liegenden „mind sets“ und Sinnbildungsprozessen zu befassen. Sicherlich hat auch die sich rasant verändernde mediale Gegenwart dazu beigetragen, dass Massenmedien zunehmend als gesellschaftsprägende und -verändernde Faktoren wahrgenommen wurden und sich hier Erkenntnisinteressen verschoben haben.

Das zeigt sich auch an der Rundfunkgeschichte. Sie wurde lange Zeit isoliert betrachtet und überwiegend als Institutionengeschichte geschrieben. Mit der Erweiterung der Politik-, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte um eine kulturelle Perspektive und die stärkere Rezeption der Cultural Studies in Deutschland, veränderte sich die Rundfunkgeschichtsschreibung insofern, als stärker nach programmgeschichtlichen Entwicklungen gefragt wurde. Außerdem untersuchte man, welche Orientierungsangebote der Rundfunk seiner Zuhörer- und Zuschauerschaft in der Vergangenheit unterbreitet hatte. Hierbei wurden Arbeiten zum Hörfunk oftmals von solchen zum Fernsehen überlagert, da das Fernsehen ab etwa Mitte der 1960er-Jahre eine enorme Breitenwirkung hatte und lange Zeit somit das größere Forschungsinteresse auf sich zog.

Zudem wurde und wird die Auseinandersetzung mit massenmedialen Inhalten ganz grundsätzlich dadurch erschwert, dass Historikerinnen und Historikern Erfahrungen im Umgang mit massenmedialen Quellen fehlten und in Teilen heute noch fehlen. Eine belastbare Quellenkritik musste und muss erst entwickelt werden, um solche Erzeugnisse seriös auswerten zu können. Hier stoßen wir immer noch an Grenzen, insbesondere dann, wenn es um die Analyse und Wirkung von Bildern, Tönen und Klangerzeugnissen geht und vor allem um deren historische Rezeption.

Hier ist wiederum die Archivsituation entscheidend: Fehlende Quellen zur Rezeption stehen in der Hörfunkgeschichtsschreibung einer großen Zahl an Quellen zum Programm gegenüber, die jedoch nicht in allen Fällen als Tondokumente vorliegen. In Abhängigkeit zum Programm wurden die Tonbänder insbesondere in der unmittelbaren Nachkriegszeit und den 1950er Jahren mehrfach genutzt, da in dieser Zeit nicht genügend Bänder zur Verfügung standen. Die Archivierungspraxis der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten war zudem stark davon beeinflusst, dass sich diese Archive lange Zeit als sehr gegenwartsorientiert und unternehmensbezogen verstanden haben und nur bedingt ein historisches Archivverständnis ausbildeten. Das wirkte sich selbstverständlich auf den Quellenbestand und das Dokumentationsverständnis aus.  

Um abschließend Ihre Frage nach der Forschungslücke und meinem Beitrag zur bundesrepublikanischen Mediengeschichte zu beantworten: Ich habe mich als erste mit Hörfunkquellen aus einer geschichtskulturellen Perspektive befasst und dabei unterschiedliche Ebenen berücksichtigt: die institutionsgeschichtlichen Rahmenbedingungen, die medialen Gestaltungskriterien, die Rezeption des Programms, die Biografien und der Einfluss der Redakteurinnen und Redakteure, der Einfluss der Autorennetzwerke sowie die von den Redakteurinnen und Redakteuren wie Autorinnen und Autoren genutzten Quellen und Wissensbestände. Hierdurch konnte ich der Frage nachgehen, wie sich die in den Sendungen thematisierten Sujets und die mit ihnen verbundenen Ordnungsvorstellungen im zeitlichen Verlauf verändert und in welchem Verhältnis diese Veränderungen zu den kulturellen und sozialen Wandlungsprozessen der Bundesrepublik gestanden haben.

Darüber hinaus konnte ich die Kooperationsverhältnisse zwischen dem Rundfunk und der zeitgenössischen Geschichtswissenschaft eingehend untersuchen und belegen, dass hier ein enges Austauschverhältnis bestanden hatte. Die zeitgenössische Geschichtswissenschaft war maßgeblich an den geschichtskulturellen und -politischen Aushandlungsprozessen beteiligt und legte gemeinsam mit den Redakteurinnen und Redakteuren den Deutungshorizont fest, in dem sich die Radiosendungen bewegten. Über solche Kooperationsverhältnisse, die rezipierten Wissensbestände und die in den Sendungen verhandelten Themen konnte ich somit nachweisen, dass der Hörfunk ein zentraler und wichtiger Ort für die Aushandlung eines bundesrepublikanischen Selbstverständnisses war.

"Ganz eindeutig ein Re-Education-Instrument"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial stützen Sie die Untersuchungen? Konkret gefragt: Gibt es Aufzeichnungen der Radioprogramme oder sind allein die Manuskripte der Sendungen überliefert? Inwiefern lässt sich schriftliches Quellenmaterial überhaupt für eine Studie der Hörfunkprogramme heranziehen?

Dr. Fritscher-Fehr: Im Mittelpunkt meiner Arbeit standen die Quellen eines ganz bestimmten Hörfunkformats; nämlich die des Schulfunks. Ausgehend von meinem Erkenntnisinteresse und meiner Fragestellung war es wichtig, ein Hörfunkformat zu finden, das sich explizit und über den gesamten, von mir fokussierten Zeitabschnitt permanent mit Geschichte auseinandergesetzt hatte. Das war im Programmangebot des Schulfunks der Fall und mit seinen Sendungen lag zudem ein Quellenkorpus vor, der es zuließ, ganz explizit nach geschichtstheoretischen Grundlagen, nach rezipierten Quelleneditionen und Sekundärtexten zu fragen.  

Darüber hinaus stellte der Schulfunk eine Verbindung zu bildungspolitischen Akteuren her, die auf diese Weise Einfluss auf das wichtigste Massenmedium der damaligen Zeit und auf die in ihm verhandelten Geschichtskonzeptionen ausüben konnten. Alle westdeutschen Sendeanstalten strahlten ab den späten 1940er- und frühen 1950er-Jahren solche Schulfunksendungen aus, um den Schulen Lehrinhalte anzubieten, die vermeintlich nicht ideologisch beeinflusst waren; die also nicht aus der Zeit des Nationalsozialismus stammten. Damit kam dem Schulfunk im Hörfunk der Nachkriegszeit eine Sonderstellung zu. Das Programm richtete sich zunächst ausschließlich an Lehrerinnen und Lehrer sowie Schülerinnen und Schüler und sollte mittels spezieller Rundfunkapparate ganze Unterrichtseinheiten in den westdeutschen Schulen ersetzen.

Diese Ausrichtung an der Schule führte dazu, dass komplexe Inhalte, in diesem Fall historisch orientierte Sendungen, sehr allgemeinverständlich übersetzt wurden und auf diesem Weg ganz andere Adressatenkreise erreichten als von den Rundfunkverantwortlichen vorgesehen. Der Schulfunk wurde im Verlauf seiner Entwicklung weniger von Schülerinnen und Schülern und stärker von einem sehr gemischten Publikum gehört, das dem Schulalter längst entwachsen war – Hausfrauen, Rentnerinnen und Rentner, Arbeitslose. Menschen, die zu den Ausstrahlungszeiten eben Radio hörten und sich über den Schulfunk „nachbildeten“. Daher kann auch von einer gewissen Breitenwirkung des Programms ausgegangen werden, auch wenn der Titel des Programms das nicht so ohne weiteres vermuten lässt.

Selbstverständlich gab es auch andere Radioformate, in denen geschichtliche Themen verhandelt worden sind und die im Verbund mit den Sendungen des Schulfunks einen erzieherischen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks umrissen. So beispielsweise der Jugendfunk, literarische Hörspiele oder die Abend- und Nachtprogramme, zu denen bereits Forschungsergebnisse vorliegen. Das Radio war ganz eindeutig ein Re-Education-Instrument und damit ein Erziehungsmittel, das somit keineswegs eine ideologiefreie Wertevermittlung übernahm.

Um den zweiten Teil Ihrer Frage zum Quellenmaterial zu beantworten: Wie in der Frage zuvor bereits ausgeführt, existierten leider nur in Ausnahmefällen die Aufzeichnungen der Sendungen, da in den späten 1940er- und noch den gesamten 1950er-Jahren Tonbänder rar waren und viele Sendungen überspielt werden mussten. Die von mir auf einer quantitativen Auswertung basierende Auswahl an qualitativ zu untersuchenden Sendungen stand mir als Tondokumente für eine quellenkritische Analyse nicht zur Verfügung. Ich konzentrierte mich daher auf die Radiomanuskripte. Sicher lässt sich darüber diskutieren, ob dieses Vorgehen methodologisch tragfähig ist. Aber da mein Erkenntnisinteresse stärker auf die Frage nach den politischen, sozialen, kulturellen sowie räumlichen Ordnungsvorstellungen zielte, die den Sendungen inhärent waren, und weniger auf die radioästhetische Ausgestaltung und Aneignung des historischen Themas abhob, war die Arbeit mit dem schriftlich überlieferten Quellenmaterial sehr gewinnbringend.

Selbstverständlich habe auch ich den spezifischen Charakter der Quellen berücksichtigt und mich an einer Quellenkritik orientiert, in der das Auditive immer einbezogen war. Aber letztlich stand die geschichtskulturelle oder auch geschichtspolitische Dimension der Sendungen im Fokus und diese musste durch ergänzende Quellen wie Begleittexte, Protokolle verschiedener Ausschusssitzungen, Bibliothekslisten, denen die rezipierte Literatur entnommen werden konnte, Autorenkorrespondenzen und viele weitere Quellen erschlossen werden.

Insgesamt habe ich 1.279 Radiosendungen und die erwähnten weiteren Quellenerzeugnisse ausgewertet, da mir ein diachroner Zuschnitt für die Untersuchung gesellschaftlicher Wandlungsprozesse sehr wichtig war. Das erklärt den mikrohistorischen Zuschnitt, sprich die Konzentration auf zwei Sendeanstalten, um tiefergehend und hierbei exemplarisch den sich wandelnden Ordnungsvorstellungen und dem Einfluss des Hörfunks auf die ideengeschichtliche Entwicklung der Bundesrepublik nachzuspüren. Der Schulfunk war für mich somit eine Art „Sonde“, mit deren Hilfe ich zeigen konnte, dass im Radio ein demokratisches gesellschaftliches Bewusstsein und ein bundesrepublikanischer Werte-horizont mit ausgehandelt und in ersten Ansätzen verankert wurde. 

"Demokratisierung der westdeutschen Gesellschaft"

L.I.S.A.: Das Radioprogramm wurde von den Alliierten gezielt als Mittel der Demokratisierung und „Re-Education“ eingesetzt. Inwiefern sind diese Bemühungen noch heute im Rundfunkprogramm sichtbar? Gibt es ein Pendant zu dem sogenannten „Schulfunk“, den Sie in Ihrer Studie analysieren?

Dr. Fritscher-Fehr: Die durchaus normative Setzung, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk einer demokratischen Grundordnung verpflichtet ist und zu deren Aushandlung und Formierung beitragen soll, haben wir sicherlich den Umgestaltungsprozessen der Alliierten nach 1945 zu verdanken. Wie ich bereits angedeutet habe, existierte eine Vielzahl an Formaten, wie der Kinder-, Schul- und Jugendfunk, die Abend- und Nachtprogramme, Round-Table-Gespräche, alliierte Auflagenprogramme sowie literarische Hörspiele, die eine Demokratisierung der westdeutschen Gesellschaft befördern und sie maßgeblich mitgestalten sollten. Über die Jahrzehnte entwickelten sich die meisten dieser Formate weiter und gingen in ausdifferenzierten und diversifizierten Programmangeboten der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auf.   

Das gilt auch für den Schulfunk, der sich bereits gegen Ende der 1950er Jahre stetig von einem Erziehungsinstrument zu einem allgemeinbildenden Bildungsprogramm entwickelte. Um diesen Selbstverständniswandel wurde in den Redaktionen sehr gerungen; das zeigen Diskussionen um den Programmzuschnitt, die zu adressierenden Zielgruppen und die Namensgebung des Programms. Irgendwann wollte man wegkommen von dem verstaubt klingenden Titel „Schulfunk“ hin zu attraktiveren Bezeichnungen, denen ein breiteres, sich weiterentwickelndes Bildungsverständnis zugrunde lag.

Mit den öffentlich-rechtlichen Wissensformaten, die es heute in jeder Sendeanstalt gibt, liegen solche Formate nun vor und sie können in gewisser Weise als eine Fortentwicklung des Schulfunks, aber auch der anderen genannten Formate angesehen werden. Von einem „Pendant“ zum Schulfunk würde ich im Falle dieser Wissensformate weniger sprechen, da die Grundidee des Schulfunks, also Radiosendungen explizit für die Schule zu produzieren und über diese ein Unterrichtsmittel anzubieten, ab einem gewissen Zeitpunkt einfach überholt war und von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten nicht weiterverfolgt wurde.

L.I.S.A.: Eine Frage zum Schluss: Welches Fazit ziehen Sie – inwiefern glückte eine Umerziehung und Demokratisierung der deutschen Bevölkerung mithilfe des Radios? Inwiefern blieben die Bemühungen schlicht Wunschvorstellungen?

Dr. Fritscher-Fehr: Ich bin der festen Überzeugung, dass der öffentlich-rechtliche Hörfunk und mit ihm das bundesrepublikanische Fernsehen, das sich ja strukturell wie personell aus dem Hörfunk heraus entwickelt hat, maßgeblich zur Demokratisierung der deutschen Bevölkerung beigetragen haben. Allerdings darf man sich diesen Vorgang nicht als eine lineare Entwicklung vorstellen – ausgehend von einer autoritär, nationalkonservativ geprägten Gesellschaft hin zu einer demokratisch-liberalen, in der demokratiefeindliche Ressentiments keine Rolle mehr gespielt haben.

Dieser gesellschaftliche Wandlungsprozess ist von Widersprüchen und Abwehrmechanismen und auch einem gewissen Beharrungsvermögen geprägt und offenbart vielmehr, dass das, was unter Demokratie verstanden wurde und wird, immer wieder einem Aushandlungsprozess unterliegt. Das meiner Publikation vorangestellte, einleitende Zitat von Margherita von Brentano, in der sie von der Demokratie als Form spricht, die zeitgebunden ist, die wechseln und sich ins Gegenteil verkehren, sogar missbraucht werden kann, untermauert das meiner Meinung nach sehr eindrücklich.  

Die Analyse der von mir untersuchten Sendungen hat gezeigt, dass sich dieser Aushandlungs- und mit ihm der politische wie gesellschaftliche Wandlungsprozess sehr komplex gestaltete und vielen Einflüssen unterlag. Kulturkonservative Positionen gingen eine durchaus widersprüchliche Beziehung und Mischung mit progressiven, demokratisierenden, europabejahenden Vorstellungen ein und konnten sich in Teilen immer auch halten. Manche Vorstellungssysteme und Ordnungsvorstellungen lösten einander aber auch ab und galten ab einer gewissen Zeit als desavouiert. Die Alliierten und später dann die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten definierten einen Raum des Sagbaren, dessen Grenzen von den Redakteurinnen und Redakteuren akzeptiert und aktiv angewandt, aber auch selbstbewusst interpretiert wurden.

Die Journalistinnen und Journalisten sowie die Autorinnen und Autoren haben somit entscheidend und bewusst zu den angesprochenen Wandlungsprozessen beigetragen, da sie sich zunehmend der demokratischen Ordnung verpflichtet fühlten, obwohl sie in Teilen kulturkonservativ sozialisiert waren. Hier hat sozusagen ein journalistischer Sozialisations- und Professionalisierungsprozess stattgefunden. Dies hängt sicher auch damit zusammen, dass sich die bundesrepublikanische Ordnung als politisch wie wirtschaftlich stabil erwies und sich ein Vertrauen in die neue Grundordnung aufbauen konnte.

In Zeiten, in denen die Werte und der Rahmen dieser Ordnung angegriffen und infrage gestellt werden, ist es also weiterhin wichtig, dass sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk einer demokratischen Grundordnung verpflichtet fühlt und sich aktiv an dem stetigen Aushandlungsprozess über die Beschaffenheit und Ausgestaltung der Demokratie beteiligt. Es ist jedenfalls kein Prozess, der ein fest definiertes Ende finden kann.

Dr. Melanie Fritscher-Fehr hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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