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M.A. Francesco Reinerio | 20.09.2014 | 736 Aufrufe | Artikel

Goražde

Sarajevo, Bosnien und Herzegowina

Was anderswo vollkommen selbstverständlich erscheint, ist es in diesem Land nicht. Ein einfacher Ausflug aufs Land zum eigenen Geburtsort kann in Südostbosnien ein ausgesprochenes Abenteuer werden: das habe ich diesen Frühling vor Ort erlebt, genau zwanzig Jahre nach der Nato-Operation Deny Flight, die den Auseinandersetzungen ein Ende setzte und den Weg zum Abkommen zwischen den Kriegsparteien ebnete. Jenes Abkommen wurde 1995 in Dayton einhellig unterzeichnet und festigte den Status quo im Krieg, der noch heute im Geiste andauert.

Ein imaginärer Faden schlängelt sich durch das bosnische Erzgebirge und gelangt bis nach Sarajevo, um es in zwei Teile zu trennen: Ostsarajevo, Hauptstadt der Republika Srpska (und nicht Banja Luka, wie manche glauben), dem orthodoxen Staat-im-Staat der Serben und Westsarajevo, Hauptstadt der eigentlichen Föderation Bosnien-Herzegowina. Diese Trennlinie ist zwar imaginär, doch sie ist schwerwiegend - so wie die Worte, die sie verteidigen. Es betrifft alle Grenzen, welche jüngst aus Nachbarstreitigkeiten, Säuberungen, Landnahmen entstanden sind und keine unmittelbare geophysische Entsprechung haben. Doch das ist genauso unfassbar, unverständlich und unbekannt für Fremde, wie greifbar und gegenständlich für Einheimische. Schilder verkünden überall diese Trennung, manchmal in verschiedenen Sprachen (von Serbisch und Bosnisch ist hier nicht die Rede), und verabschieden Reisende stets mit einem farewell, sobald sie einen Landstreifen der Republika Srpska (RS) überqueren, um in die Föderation zurückzukehren.

Die kyrillische Schrift, ehemals allgemeiner Besitz der slawischen Völker und ursprünglichstes Kulturerbe ihrer Länder und jener, die sie, ungeachtet der Religion, acht Jahrhunderte lang benutzten, wirkt heute auf Nicht-Serben - nach den Ereignissen des letzten Jahrhunderts - eher einschüchternd, verstanden als Wahrzeichen politischer Orthodoxien.

Nun begrüßt sie die Fahrgäste des Wagens, der in Dobrinja, einem dicht bevölkerten, ethnisch gemischten Weiler Sarajevos, diese imaginäre Grenze des Landes überquert: Faruk, Safet, und mich - willkommen im Osten!

Unser Bestimmungsort ist die Gebietsinsel Goražde im Kanton Podrinje, einen Steinwurf von Montenegro entfernt, wo die beiden ihre Elternhäuser am Wochenende besuchen und mir die Gegend zeigen möchten. Dieser Ort, der eher den Strategen und Kriegsgeschichtlern als den Kulturbetreibern bekannt sein dürfte, ist ein Widerspruch im allgemeinen Widerspruch dieses ethnisch und politisch dreiteiligen Staates. Es liegt innerhalb der serbischen Gebiete, doch auf Grund seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung gehört es zur Föderation, und es ist die einzige Insel, die im Bosnienkrieg der serbischen Belagerung bis zum US-amerikanischen Eingriff Mitte 1994 standhalten konnte. Ihr Widerstand ist in Bosnien sagenhaft geworden, seine Kämpfer werden als Helden besungen.

Die Stadt Goražde trägt den Berg in ihrem Namen, so wie auch das thüringische Gera, mit dem Goražde laut dem Willkommensschild befreundet ist. Die Stadt liegt inmitten der Dinariden, im Tal des Flusses Drina, der sie nach Osten mit Višegrad und nach Westen mit Foča verbindet - beides Orte, die mehrheitlich von orthodoxen Serben bewohnt sind. Mit dem freundlichen Sarajevo ist sie jedoch nicht verbunden, was uns zwingt, einen Umweg durch das RS-Gebiet zu fahren.

Die Polizei der RS gehe nicht höflich mit Muslimen und anderen Fremden um. Eine einfache Geschwindigkeitskontrolle kann sich zu einer regelrechten Durchsuchung ausweiten, wobei mir aufgefallen ist, dass auch in der Föderation die Straßen von Männern stark bewacht werden, die in jeder Kurve auf der Lauer liegen. Doch das Gefühl, durch Niemandsland zu fahren ist hier auch für mich stärker. Zweihundert Kilometer von Sarajevo bis Goražde auf Bundesstraßen mit Tempo achtzig zu fahren, ist nicht langsam. Mir wird vom Bergpfad erzählt - dem einzigen, der noch zu dieser Insel durch bosnisches Gebiet führt - auf dem nachts im Winter Männer aus Goraždes mehrere Kilometer zurücklegen, um Lebensmittelvorräte zu holen. Viele hat es wegen der Kälte, aus Erschöpfung oder verursacht durch Hinterhalte das Leben gekostet. Ich schweige nachdenklich.

Wir fahren an Sokolac und Pale vorbei - damals, Anfang der 1990er Jahre eine Hochburg des Doktor Radovan Karadžić und seines Oberbefehlshabers der bosnisch-serbischen Streitkraft Ratko Mladić. Heute ein Geisterdorf. Eine Kalaschnikow soll dort drei- bis vierhundert Deutsche Mark kosten, erzählt Faruk. Eigentlich teuer, bemerkt Safet zu meinem Erstaunen.

Safet ist ein Freund. Er studiert und arbeitet als Maler in Sarajevo, wir kennen uns schon lange und reden eigentlich viel häufiger über unsere künstlerischen Leidenschaften, als über die Übel Bosniens und Herzegowinas. Faruk kennt mich zwar erst seit kurzer Zeit, aber weiß, dass Bosnien mitunter Gegenstand meiner Arbeit ist. Er kann es sich nicht verkneifen, mich über die schlechte Politik, die Arbeitslosigkeit und die gesellschaftliche Konflikte in diesem Lande zu unterrichten, obwohl ich ja eher auf der Suche nach positiven Anzeichen einer Entspannung bin. Faruk ist ein entschlossener, strahlender Junge und als Gleichaltrige verstehen wir uns bestens. Nicht auf Bosnisch, sondern auf Deutsch - er besteht sogar darauf, denn er hat mit viel Mühe das Sprachniveau C1 erreicht, unter anderem über Bücher und deutsche Fernsehsendungen, allerdings ohne jemals ausreisen zu können. Sein Ziel ist, nach seinen Studien in den Westen zu ziehen und in einem deutschsprachigen Land zu arbeiten. Er ist ein stolzer Goražder und bedauert, dass Sarajevo sie von oben bis unten als Provinzler betrachtet, übrigens genauso wie der Westen es mit Bosnien tut.

Beide Freunde sind jung genug, um damals nicht kämpfen zu müssen, doch alt genug, um alles vom Bosnienkrieg mitbekommen zu haben: als Flüchtlinge in der eigenen Stadt, im Falle Faruks sogar innerhalb der feindlichen Grenzen, in Goražde.

Angekommen in Goražde, steigen wir zunächst hinauf zu einer Gedenkstätte in einer Ortschaft namens Rorovi oberhalb der Stadt. Auch von dieser dieser Anhöhe aus, nur einige hundert Meter von der Stadt entfernt, kommandierte man von 1992 bis 1995 die Belagerung und Beschießung des bewohnten Zentrums von Goražde. Heute sind dort Panzer und ähnliche Kriegswaffen wie Antiquitäten ausgestellt, in die frühere Kämpfer und heutige Besucher ihre Namen und Botschaften eingeritzt haben. Schon damals waren sie veraltet und haben heute höchstens noch Museumswert. Etwas ungeschickt entfällt mir die Bemerkung, dass die Arsenale der Bosnienserben nicht so tauglich aussehen. Ja schon, aber besser das als nichts, entgegnet man mir ernsthaft. Denn damals bei der Belagerung kam es mehr auf die Quantität als auf die Qualität der Angriffe an. Es ging um reine Gebietsbesatzung, um Vertreibung, gegebenenfalls auch durch Mord. So wurde die Bewaffnung des viertgrößten Landheeres der Welt gegen Zivilisten eingesetzt: wirksam, egal wie tauglich sie tatsächlich war.

Von dieser Anhöhe habe man damals die Bürger unten als Zielscheibe für Steinwürfe benutzt. Manchmal verstehe ich noch schwerlich den hiesigen Sarkasmus. Die Jungs müssen scherzen, glaube ich. Nein, vergewissern sie ernsthaft, man habe tatsächlich Bürger mit großen Steinen beworfen. Ich möchte das nicht weiter ermitteln, denn hier ist noch viel Schlimmeres geschehen. 

Wir fahren hinunter zum Zentrum und frühstücken um die Mittagszeit mit Burek. Die Preise und das Leben im Allgemeinen sind hier wesentlich günstiger als in Sarajevo, und es gibt hier tatsächlich mehr zu tun, als den langsamen und tiefen Lauf der Drina anzustarren: Kinobesuche, zum Beispiel, oder Musikfeste erleben. Es gibt sogar ein internationales Festival der Freundschaft mit multikulturellem Kunstprogramm und ausländischen Besuchern. Ich verspreche, zu versuchen, dieser jährlichen Veranstaltung im Juli beizuwohnen, ohne wirklich zu wissen, ob ich mein Versprechen werde einhalten können. Eine neue, riesige Moschee ist neulich gebaut worden und steht stolz in der Mitte der Landschaft, neben dem ebenso riesigen, neuerbauten Einkaufszentrum: Viele Baustellen sind offen und man hat den Eindruck, dass hart gearbeitet und in den Straßen viel verkauft wird. Spuren des Krieges sind bei oberflächlicher Betrachtung kaum noch zu erkennen. Das gleiche könnte man von den Menschen hier behaupten, die ein bescheidenes doch durchaus geordnetes Alltagsleben führen.

Zum Mittagessen, um 17.30 Uhr, kommen wir bei Faruks Familie unter, die etwas weiter weg vom Zentrum, aber gleich nah an den Ufern der Drina in einer Ortschaft wohnt, aus der auch Safets Mutter, heute eine eingebürgerte Sarajka (Einwohnerin Sarajewos), stammt. In der Ortschaft Potrkuša hat eine Handvoll muslimischer Familien einen traditionellen, aber keinen betont konservativen Lebensstil. Gebete, Vorschiften und Verbote stehen in der Rangfolge, wenn überhaupt, hinter harter Arbeit und Gemütlichkeit (in Gesellschaft, mit Essen und Getränken).

Die Familie Dučić, die mich herzlich aufnimmt, besteht bis auf Faruk ausschließlich aus Frauen: seinen Vater hat er hier, getroffen von einer Granate, verloren, genauso wie zahlreiche andere im Alter zwischen 25 und 30 Jahren, die ich hier kennengelernt haben. Es ist unmöglich für ihn, etwas Unbekanntes zu hassen. Und selbst wenn der Grenadier, der seinen Vater ermordet hat, leiblich vor ihm stünde, würde er sich nicht rächen wollen. Der Hass zwischen den Ethnien (Religionen) dieses ehemaligen Jugoslawiens macht langsam der Vergebung Platz, weil sich die Generationen Bosniens erneuern. Es liegt in der Verantwortung jeder Generation, diesen gesichtslosen Hass nicht mehr weiterzugeben.

Faruks Mutter Temima, die aber alle im Städtchen als Beba kennen, musste zwei Kinder großziehen, mit Arbeit auf dem Feld und im Büro. Das Grundstück pflegt sie nur mit Hilfe ihrer Mutter Latifa, dem ältesten Familienmitglied, die sich bereits ein Leben lang mit Haushalt und Landwirtschaft beschäftigt. Als diesen Frühling die Unruhen von den Kundgebungen gegen die Zentralregierung Bosniens und Herzegowinas ausbrachen, empfahl man ihr, den Fernseher anzuschalten. Das gehe sie nichts an, sagte sie dazu, sie müsse sich um ihre Hühner kümmern. Für mich ein Beispiel dafür, dass sich die einfachen Leute hier lieber die Hände mit Mist beschmutzen, als mit Politik, denn sie wissen aus Erfahrung, dass Politik zu blutigen Auseinandersetzungen führen kann.

Landwirtschaft ist aber nur die eine Seite Bosniens, nur eine Seite Goraždes und nur eine Seite der Menschen, die sie betreiben. So arbeitet zum Beispiel Beba im Verwaltungswesen der Stadtgemeinde - die Landwirtschaft bringt einfach nicht genug Ertrag ein, da die steilen Abhänge der Hügel vom Drinathal keinen intensiven Anbau erlauben, sondern nur einen einfachen, aber dafür immerhin nachhaltigen.

Zusätzlich zu ihren Berufen im lokalen Gewerbe fischen die Männer in der Drina, jagen in den Wäldern Wild, Hasen und Hirsche. Wildschweine werden hier geschlachtet, aber nicht verzehrt - das würde gegen die Halal-Vorschriften verstoßen - sondern an Serben gut verkauft. Berufliche und wirtschaftliche Beziehungen mit Andersgläubigen sind heute wieder an der Tagesordnung, denn niemand lehnt hier gute Geschäfte ab.

Im Sommer fährt hier - wie man landläufig sagt - fast halb Serbien auf der kurvigen Bundesstraße durch das Drinatal durch, um zur kroatischen Küste um die Ferienortschaft Dubrovnik zu gelangen. Dei Strecke war schon immer eine wichtige Handels- und Verkehrsader zwischen Serbien, Bosnien und Kroatien, bereits seit dem Altertum, und der letzte Krieg konnte die Verbindung auch nicht unterbrechen. Man vertrage hier viel einfacher die Serben aus Belgrad als die unmittelbaren Nachbarn aus der Republika Srpska, vertraut mir Safet an. Man kann sich schon gut leiden, doch man kann sich einfach noch nicht lieben, höchstens vielleicht achten.

Diese gewisse Entspannung herrscht insbesondere extern, das heißt zwischen Bosnien-Herzegowina und seinen Nachbarstaaten sowie innerhalb der Jugoslawen in der Diaspora. Sie setzt keine besondere Nächstenliebe voraus, bloß Menschenverstand. Eine Versöhnung ist indes etwas schwieriger. Tatsache ist aber, dass die Trennung auf religiöser Grundlage innerhalb der Gebiete Bosniens südöstlich von Sarajevo, also zwischen verschiedenen Machtbereichen innerhalb desselben Staates, für ein modernes Land immer noch unerträglich und unzulässig ist. Die meisten wünschen sich jedoch, dass die Frage noch lange offen bleibt, denn die einzig mögliche "Lösung" wäre leider Gewalt.

Ich möchte meinen Gastgebern mehr Fragen stellen, aber sie möchten auch gerne mehr über mich erfahren: überfordert von der eindrucksvollen Menge an Essen, die von Latifa aufgetischt wird, vergesse ich für einen Augenblick, dass grundsätzlich ich derjenige sein sollte, der die Fragen stellt. Nun werde aber ich mit persönlichen und allgemeinen Fragen bestürmt. Zum Beispiel fragt mich Faruk, wie man den Tourismus in der Gegend Goraždes, insbesondere in dem Weiler Dučići, fördern könnte. Der Weiler trägt des Namen seines Vaters, wo er ein Ferienhaus vermietet. Ich will ehrlich sein und antworte, dass man aus dem deutschen Sprachraum wahrscheinlich nur junge Leute mit langem Haar auf der Suche nach Abenteurn und niedrigen Preisen hierher locken kann. Er denkt nach und antwortet: in Ordnung, sie sollen kommen, Hauptsache, sie zünden beim Kiffen nicht das ganze Haus an. Alles andere sei frei und erlaubt. Die ganze Familie lacht und die Stimmung ist fröhlich und entspannt.

Die Zeit des Sonnenuntergangs naht, es wird kälter und Rauch steigt aus den Schornsteinen des Dorfes bis über die Drina. Wir beschließen, uns auf den Weg zurück nach Sarajevo zu machen. Nur noch eben kurz Zeit für ein paar Schnappschnüsse - Latifa wirft mir vor, das nicht früher gemacht zu haben, denn jetzt sei der Tisch blank, und es sehe aus, als ob wir nichts zu essen bekommen hätten. Wir verabschieden uns.

Hinter einer Kurve kurz nach der Stadt hält uns die Polizei wegen einer Geschwindigkeitskontrolle an. Er ist kein Polizist der RS, wie wir die ganze Zeit auf der Hinfahrt befürchtet haben, sondern ein Bürger von Goražde, ein Bosniake. Er fragt was wir aus Sarajevo hier in Goražde zu suchen hätten: "Wir waren zu Essen bei Beba!" Er kennt sie: "Alles klar, Sie dürfen gehen, grüßen Sie sie meinerseits und noch eine gute Rückfahrt."

Wären wir Serben gewesen, hätten wir dann auch eine solche Behandlung erfahren? Behandeln die Serben einander auch mit solcher Familiarität? Diese und andere Fragen schießen mir durch den Kopf, während wir durch die Schluchten und Serpentinen der Gegend fahren, während hinter uns der Name Titos in gewaltiger Blockschrift und mit mild rotem Stern von den Hügeln Goraždes grüßt. Er ist der einzige Menschen in einer sonst schattigen Vergangenheit, auf den sich die meisten Menschen aus diesen Ländern einigen können. Genauso einig ist man sich übrigens auch über die Notwendigkeit, zukünftig wieder nach vorne zu schauen und Brücken zu schaffen.

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