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Dipl.-Ing. Architekt Reinhard Gunst | 08.04.2018 | 484 Aufrufe | Artikel

Für Mercurius gebaut

Bauen und Mythologie

Die Einmessung eines Bauwerkes oder auch einer Planstadt bedingt die Entscheidung für die Ausrichtung. Diese Frage entscheidet heute meist ein Bebauungsplan, der praktische wie auch künstlerische Überlegungen vereint. In einer Ausrichtung aber eine symbolische Bedeutung zu sehen, ist uns heute in einem von Wissenschaft geprägten Zeitalter fremd. Im Zuge der Christianisierung haben die alten Planetengötter der Antike sowie die in Fixsternen verstirnten Gottheiten ihre einstige Bedeutung verloren. Ganz anderes war dies noch im Römischen Reich. Zahlreiche wichtige Gebäude zeigen, dass dort Mythologie und Bauen noch eine enge Verbindung eingingen.

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Der Schutz des Mercurius

So wurden in jener Zeit Gebäude, aber auch ganze Städte, auf den Sonnenaufgang an Feiertagen wichtiger Götter der römischen Gründungslegende ausgerichtet. Einer, auch in den Provinzen sehr beliebter Gott, war Mercurius. So leitet sich der Kern seines Namens vom lateinische Wort merx, die Ware, ab. Dies lässt auch seine Funktion erahnen. Mercurius war in erster Linie der Schutzgott des Handels, des Reichtums und des Gewinns. Doch der vielseitige Gott war auch ein Seelenführer ins Jenseits, eine Funktion, die er in seinen Ursprüngen bereits als ägyptischer Gott Anubis ausfüllte. Dort war er Totenbegleiter, aber zugleich für die Riten der Bestattung und die Einbalsamierung zuständig.

Die Sonnenachse

Eine genaue Betrachtung zweier Handelskontenpunkte zeigt nun, dass Mercurius die Ausrichtung von Kastellen oder auch von ganzen Stadtlagen beeinflusste. Beim Kastell in Ladenburg zum Beispiel, einem Handelsknotenpunkt im Kraichgau, wie aber auch beim Hafen in Ostia, sind jeweils die gleichen Ausrichtungen identifizierbar. Beiden Anlagen ist eine Visurachse gemeinsam, in der am Morgen des 15. Mai, dem Fest Mercuralia, die Sonnenscheibe am Horizont stand. Beim Kastell in Ladenburg wurde die via praetoria und beim Hafen in Ostia zur Achse des Hafenbeckens. Mit diesem Kunstgriff, bei dem die Visurachsen mit dem Stand der Sonnenscheibe verknüpft wurden, erinnerten die Römer an das für die Stadt wichtige Datum. Gleichzeitig hatte der Sonnenstand auch eine kalendarische Funktion.

Sonne und Adler vereint

Eine Betrachtung der unterschiedlichen Richtungen zeigt aber, dass bei der Einmessung nicht nur der Sonnenaufgangspunkt von Bedeutung war, sondern auch die Sichtung des Altair, dem hellsten Stern im Sternbild des Adlers.

Beispiel Sonnenstand Ostia

Sonnenstand am 15.05 um 5.40 (Mercuralia)

Azimut 64.95°/ Deklination 0.7°(über dem ebenen Horizont)

Geländehöhe ca. 0.2°

Sonnenscheibe, Durchmesser ca. 0,66°

Mit Einbeziehung der Refraktion stand zu diesem Zeitpunkt die Sonnenscheibe in der Hafenachse direkt am Horizont.

(Berechnung mit Sonnenstand: www.sunearttools.de/ opentopomap.)

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