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Dipl.-Ing. Architekt Reinhard Gunst | 22.07.2018 | 484 Aufrufe | Artikel

Sarapis und das Kolosseum

Das Denkmal des Vespasians

Herrscher setzen sich gerne Denkmäler die ihre Zeit überdauern und als gebaute Zeichen ihre Weltsicht darstellen sollen. Diese, in der Renaissance aufkommende Sicht lässt sich aber bereits bei römischen Bauwerken erkennen. So stellt das Kolosseum in Rom ein Bauwerk dar, das aufs engste mit der Biografie des römischen Kaisers Vespasian verknüpft ist.

Er ließ zwischen 72 und 80 n. Chr. das Amphitheatrum Flavium errichten, das erst später durch die dort aufgestellte Kolossalstatue Neros den populären Namen Kolosseum erhielt. Es ist das größte im römischen Reich errichtete Amphitheater und zugleich der größte, geschlossene Bau der römischen Antike. Der Bau des Amphitheater war Teil einer gewaltigen Investitionstätigkeit, mit der Vespasian die nach dem Bürgerkrieg zerrüttete Wirtschaft wieder in Schwung brachte. Geschickt nutzte er dazu auch die Beute, die bei der Zerstörung Jerusalems in die Hände der Römer fiel. Dieses Bauwerk diente dann den Bürgern Roms, ebenso wie den Mitgliedern des Kaiserhauses, zur Unterhaltung durch grausame und brutaler Veranstaltungen. Beliebte Schauspiele waren vor allem die Gladiatorenkämpfe (munera) und die Tierhetzen (venationes), wobei Kämpfe zwischen besonders exotischen Tieren am beliebtesten waren. Obwohl das Kolosseum ein Zweckbau zur Unterhaltung war, spiegelt es aber auch Vespasians eigentliche politische Ziele wieder. Die sah er in einer Rückbesinnung auf altrömische Tugenden und Ordnung. Doch so widersprüchlich es klingen mag, offenbart das Bauwerk auch seine persönliche Biografie. Auf den ersten Blick scheint die Ausrichtung das alte Stiftungsfest der Lupercalien zu reflektieren, doch am 15. Februar ist der Sonnenstand in der Mittellinie  des Kolosseums um knapp 1° zu hoch. An diesem Tag steht die Sonne in der Achse Bauwerkes bereits um etwa 1 1/4 Durchmesser der Sonnenscheibe über dem Gelände. Dennoch konnte ihr Aufgang an diesem Morgen im oberen Rang vortrefflich für ein Lichtschauspiel genutzt werden.

Viel besser passt Sonnenstand, Ausrichtung und auch die Biografie Vespasians jedoch am Morgen des 3. November zusammen, denn dann geht die Sonne exakt in der Achse des Bauwerkes auf. An diesem Tag wurde im Römischen Reich die Inventio Osiridis, die Auffindung des Osiris gefeiert. Dieser Heilgott wurde im 4. Jahrhundert v. Chr. von dem ersten griechisch-makedonischen König Ptolemaios geschaffen. Er stellte eine griechisch-ägyptische Mischgottheit dar, deren Name sich aus den Namen des ägyptischen Gottes Osiris und des heiligen Apis Stieres ableitete. Sarapis, war wieder eine der zahlreichen Wandlungen, die er himmlische Riese und Jäger Orion in seiner langen Geschichte durchlaufen hatte. Ein wundersames Erlebnis verbindet nun die Gestalt des Osiris/Sarapis mit Vespasian. Es sollte dem zukünftigen Kaiser seine Wirkmächtigkeit zeigen und zugleich die Legitimation für den Kaiserthron bestätigen. Auf diese Zeichen des Himmels hatte er im Jahr 69 während des Ägyptenaufenthaltes sehnlichst gewartet. In der Reihe wundersamer Ereignisse war das wichtigste, die Heilung eines Blinden und eines Lahmen. Von ihm berichten auch die Schriftsteller Tacitus, Sueton und Cassius Dio. Sie schreiben, dass der Heilgott Sarapis einem Blinden und einem Lahmen offenbarte, dass sie von dem neuen Kaiser Heilung erfahren würden. So ist es wohl wieder einmal eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Heilgott beim Bau einer Arena Pate stand, in der so viele Gladiatoren und verfolgte Christen ihren Tod fanden.

 

Bauachse: 120,3°

Sonnenstand am 3. November 80 n.Chr. Azimut:120,35°/ Elevation 0,5° (Sonnenscheibe am Horizont, Strahlenkranz über dem Horizont) Höhe Horizont:0,48° Heinrichs Kalenderumrechner/ Sunearthtools / Google Map

Lit.: Stefan Pfeiffer/ Zeit der Flavier /WBG/ S.8.-9

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