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Prof. Dr. Dr. h.c. Andreas Speer | 28.10.2017 | 277 Aufrufe | 3 | Artikel

‚Environment‘ & ‚Agency‘ als interdisziplinäre Leitbegriffe

a.r.t.e.s. forum 2017 betrachtet die Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt

Die jährliche Thementagung der a.r.t.e.s. Graduate School for the Humanities Cologne, das a.r.t.e.s. forum, ermöglicht den Doktorandinnen und Doktoranden, eine umfangreiche, wissenschaftliche Tagung in Eigenregie zu planen und durchzuführen. Auf diese Weise können Erfahrungen im Projektmanagement und in der Veranstaltungsorganisation gesammelt werden.

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Die Ursprünge der global herrschenden ökologischen Krise verortet der Historiker Donald Worster nicht in den (Fehl-)Funktionen der Ökosysteme selbst, sondern im (Fehl-)Funktionieren unserer ethischen Systeme. Die Kapazität zur Reform dieser ethischen Systeme schreibt Worster nicht den einzelnen Wissenschaften allein zu, sondern vielmehr dem interdisziplinären Dialog zwischen den Disziplinen der Literaturwissenschaft, Kulturanthropologie, Philosophie, Geschichte und Geographie. Diese Notwendigkeit zur interdisziplinären Herangehensweise globaler Krisen und Herausforderungen zeigte sich als zentrales Strukturmerkmal des a.r.t.e.s. forum 2017: Unter den Leitbegriffen environment und agency verstand sich das diesjährige forum als disziplinenübergreifende Diskussionsplattform der vielschichtigen Interrelationen von Akteuren und ihren Umwelten in einem Zeitalter, das vielfach als das Anthropozän bezeichnet wird.

Die wechselseitigen Beziehungen zwischen menschlichem Handeln und Umwelt wurden dabei auf ihre systemtheoretischen Entwicklungen und destruktiven Kräfte hin befragt. Das Zusammenbringen von Wissenschaftler/inne/n aus verschiedenen Fachdisziplinen ermöglichte die interdisziplinäre Erörterung, Deutung und Verknüpfung der Begriffe Umwelt und Handlungsmacht sowie ihrer Relevanz für die Positionierung des Menschen in der Welt. Dabei präsentierte in drei Paneln jeweils ein/e Keynote-Speaker die eigene Sichtweise auf die Thematik von environment and agency, auf die jeweils zwei weitere Referent/inn/en unterschiedlicher Disziplinen mit einer Respondenz reagierten.

Unter dem Titel Expeditions into Cosmopolitanism beschäftigte sich Panel I mit der formierenden Rolle des Konzepts Klima im Prozess der U.S. Amerikanischen Nationsbildung. Zu diesem Thema präsentierte Prof. Catrin Gersdorf (Amerikanistik, Universität Würzburg) eine Keynote mit dem Titel „Climate, Cosmopolitanism, and the Formation of the American Republic“. Dr. Birgit Peuker (Sozial- und Kulturanthropologie, Freie Universität Berlin) antwortete mit einer ersten Respondenz, die die Symbolik des Gartens und seine Bedeutung für das Wohlergehen einer Gemeinschaft und darauf aufbauende Grenzbildungen vertiefte. Die zweite Respondenz wurde von Katharina Diederichs (Kulturanthropologie, Universität zu Köln) gehalten und beschäftigte sich mit der non-profit Organisation der Oranjezicht City Farm in Kapstadt, Südafrika. Sie verknüpfte environment dabei vor allem mit nachhaltigen Praktiken handelnder Subjekte, die den öffentlichen, urbanen Raum (um)gestalten.

Panel II verstand sich als Explorations into the Politics of Sharing und begann mit einer Keynote von Prof. Joyeeta Gupta (Environment and Development in the Global South, Universiteit van Amsterdam). Mit Blick auf die ungleiche Ressourcenverteilung unseres Planeten befragte Gupta die Machtgefälle zwischen Nord und Süd sowie zwischen industriellen Größen und der Bevölkerung in ihrer Präsentation „The Politics of Sharing our Earth“. Die sich anschließenden Respondenzen von Andreas Folkers (Soziologie, Goethe-Universität Frankfurt) und Dominik Ohrem (Nordamerikanischen Geschichte, Universität zu Köln) nahmen die von Gupta verhandelten Fragen und Kritikpunkte auf und entwickelten die politischen Explorationen des zweiten Panels mit Blick auf infrastrukturelle und biopolitische Aspekte unserer menschlichen Systeme sowie in Bezug auf die wechselseitigen Beziehungen zwischen Mensch und Tier weiter.

Zum Auftakt der Excursions into Ecology and Poetics des dritten Panels hielt Prof. Reinhold Görling (Medien- und Kulturwissenschaft, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) eine Keynote mit dem Titel „Ecology and Poetics“ und führte die Besucher/innen damit durch die Begrifflichkeiten zeitlicher wie räumlicher Modelle von Umwelt und Ökologie und positionierte Handelnde innerhalb dieser dynamischen bis hin zu metastabilen Systeme. Mittels einer kulturübergreifenden Perspektive setzte Daanish Mustafa (Geographie, King's College London) Görlings Ideen in Verbindung mit Literatur und Mythenbildung und schlug mit seiner ersten Respondenz eine Brücke zwischen geographischer und literarischer Betrachtung des Anthropozäns. Natalie Dederichs (Anglistik, Universität zu Köln) schloss das dritte Panel mit ihrer Respondenz ab und beleuchtete Ansätze des Ecocritism und der Ecomimesis, indem sie diese aus einer literaturwissenschaftlichen Perspektive auf Jeff Vandermeers Roman Annihilation (2014) anwendete. Hierbei standen vor allem durch den Menschen ausgelöste Klimaveränderungen und die Einbettung des Menschen in dunkle, ökologische Realitäten im Vordergrund.

Der Abend lud schließlich dazu ein, die theoretischen Verhandlungen des Tages mittels eines Orts- und Perspektivwechsels in die Praxis umzusetzen: Auf dem Gelände des NeuLand e.V. las Karl Wolfgang Flender aus seinem Debütroman Greenwash, Inc. (2016) über die Branche der Öko-PR und zeigte, wie man sich der Einflussnahme des Menschen auf die Umwelt literarisch nähern kann.

 

von James Hargreaves, Pia Heidemeier, Christopher Quadt, Lena Straßburger und Olga Tarapata

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Kommentar

von Martin Landvoigt | 29.10.2017 | 17:03 Uhr
Ich sehe nicht, dass es überhaupt eine 'global herrschenden ökologischen Krise' überhaupt gibt. Dann wäre der Ansatz auch völlig verfehlt. Wo sollte diese sein? Der Text sagt:

'Hierbei standen vor allem durch den Menschen ausgelöste Klimaveränderungen und die Einbettung des Menschen in dunkle, ökologische Realitäten im Vordergrund.'

Das Problem dabei: Diese Realitäten gibt es nicht. Zur Zeit gibt es mehr menschen auf der Welt und immer weniger Hunger. Wir haben keinerlei auffällige Klimaveränderungen, die klar belegt dem Menschen zugeordnet werden können mit Ausnahme der Mikroklimata durch veränderte Landnutzung. Aber nicht mehr auffällige Extremwetter, kein außergewöhnlicher Meeresspiegelanstieg oder voranschreitende Versteppung. Die Realität: Der Sahel ergrünt.

Was es gibt, ist eine ganze Industrie, die vor bedrohlichen Veränderungen in der Zukunft warnt. Diese basiert auf Modellrechnungen, die sich aber auch in der Vergangenheit nicht bewährten. Unter fragwürdigen Annahmen könnte sich das Klima tatsächlich verschlechtern, denn wir haben zur Zeit eigentlich ideale Klimaverhältnisse. Jede Veränderung, ob Abkühlung oder Erwärmung, wird wohl wenig Verbesserung ermöglichen. Aber ob das Klima so bleibt, sich erwärmen oder abkühlen wird, und ob der Mensch dazu wesentlich beitragen kann, ist mit Gewissheit nicht zu beantworten.

Was eigentlich relevant wäre, ist die Frage, wie sich moderne Mythen von der heraufziehenden Klimakatastrophe sich in der Literatur niederschlägt. Dieser Zugang zur Analyse bleibt aber verwehrt, wenn man unkritisch Weltuntergangsprophetien einfach glaubt.

Kommentar

von Malte Rehbein | 31.10.2017 | 14:24 Uhr
Dieses Portal sollte Leugnern des (durch Menschen verursachten) Klimawandels kein Forum bieten. Ich bitte darum, oben stehenden Kommentar von Herrn Landvoigt zu löschen, zumal er zahllose Wissenschaftler beleidigt ("eine ganze Industrie") und ihre wissenschaftliche Redlichkeit pauschal und postfaktisch in Frage stellt. Ich denke, wir überlassen die Frage nach dem Klimawandel besser denen, die auch das Urteilsvermögen dazu besitzen: den ausgebildeten Klimaforschern in ihrem interdisziplinären Diskurs. Sie bejahen die nicht geringe Wahrscheinlichkeit einer bevorstehenden Katastrophe einhellig, was selbst von der Politik weltweit akzeptiert wird (wenn sie auch nicht ausreichend handelt). Unqualifizierte Kommentare wie von Herrn Landvoigt sind in einem wissenschaftlichen Portal fehl am Platze!

Kommentar

von Martin Landvoigt | 04.11.2017 | 00:04 Uhr
Es war seit ehedem eine Sache des religiösen Impetus, Ketzer und Leugner zuerst mit sprachlichen Mitteln zu exkommunizieren. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt einer jeden Meinungsäußerung ist es dem Konzept des Diskurses geschuldet, Argumente statt Verbote und Repressalien in einer offenen Gesellschaft als Mittel des Konfliktes einzusetzen. Die Visionen einer Inquisition, einer StaSi oder eines Big Brother, der darüber wacht, dass man ja konform reden und denken mag, beunruhigt zu recht die Menschen. Wie das nun aktuell geschieht, kann man am aktuellen Beispiel beobachten.
Wäre dies nicht weit mehr ein Thema für die a.r.t.e.s. forum 2017 gewesen?

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