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M.A. Lea Kreuzburg | 01.12.2019 | 193 Aufrufe | Ankündigungen

Encounter. Theorie und Praxis im Dialog

Überlebenswissen im Totalitarismus: Rudolf Leonhards expressionistisches Traum-Archiv // Montag, 16. Dezember 2019, 18 Uhr

"Überlebenswissen im Totalitarismus: Rudolf Leonhards expressionistisches Traum-Archiv" mit Andrea Allerkamp (Westeuropäische Literaturen, Frankfurt Oder) und Steffen Mensching (Theater, Rudolstadt)

Traumberichte stellen eine besondere Form des Life Writing dar, das sowohl biographisch als auch epochal Zeugnis ablegt. Anders als im Übertragungsakt der Psychoanalyse ist die Lektüre von schriftlichen Traumprotokollen aber mit der Ablösung des Traums von Träumer und Leben konfrontiert. Schon in den alten Traumbüchern fehlen die Namen der Träumenden, die Auslöschung des Subjekts macht den überlieferten Traumbericht zu einem kulturellen Artefakt. Träume sind Teil eines Kaleidoskops von Biographien und von Zeitgeschichten. 

Doch wie wirkt sich das kreative Potential von Traum und Literatur in extremen Lebensbedingungen aus? Anfang des 20. Jahrhunderts häufen sich Traumbücher, eine neue Gattung von Über-Lebens-Schriften entsteht. Unter Terror und Verfolgung ist die private Deutungssphäre nicht mehr ohne die politische Dimension zu denken. Als Traumforscher in eigener Sache erscheint der heute vergessene Schriftsteller Rudolf Leonhard in südfranzösischen Internierungslagern, dort stets in Gefahr, als Kommunist und Jude deportiert zu werden. Eine beeindruckende Sammlung von intimen Traum-Zeugnissen entsteht. Ähnlich wie Walter Benjamin kommentiert Leonhard deren historische Bedeutung in einer eigens dafür entwickelten Gedächtnis- und Geschichtstheorie. Das Traum-Archiv zeigt exemplarisch, dass sich Protokollierung und Kommentierung gegenseitig bedingen. 

Unter dem Titel „Überlebenswissen im Totalitarismus“ diskutieren Andrea Allerkamp (Professorin für westeuropäische Literaturen an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder) und Steffen Mensching (Intendant des Theaters Rudolstadt) den expressionistischen Traum-Nachlass. Im Rahmen des Encounter. Theorie und Praxis im Dialog findet diese Diskussion am 16. Dezember 2019 ab 18 Uhr in der Bibliothek des Internationalen Kollegs Morphomata statt. Der Encounter ist Teil der Morphomata-Forschungen zu Biographie und Porträt als Figurationen des Besonderen; diskutiert werden am 16. Dezember folgende Fragen: 

Was für Bilder und Metaphern entstehen beim Schreiben im Desaster? Was für ein historisches Dokument erzeugt die rege Praxis der Protokollierung noch in „derselben Nacht“? Wie könnte eine Gedächtnis-Theorie zwischen Politik (Widerstand), Geschichte (Faschismus), Ästhetik (Poesie, Sprachkritik) und Anthropologie (Tod, Eros) aussehen? 

Nach einem kurzen kulturwissenschaftlichen Aufriss der Traumkritik wird Steffen Mensching seine seit 2001 im Aufbau-Verlag vorliegende Edition von Leonhards Traumprotokollen vorstellen und zeitkritisch im Kontext von Psychoanalyse und Politik situieren. Andrea Allerkamp kommentiert Leonhards Traumtheorie und untersucht ihre geschichtsphilosophischen Anleihen und Verwandtschaften. Die Wechselseitigkeit von Traum-Praxis und Traum-Theorie soll Gegenstand des Dialogs und der Diskussion mit dem Publikum sein. 

Die Veranstaltung ist öffentlich: Gäste sind herzlich willkommen.

Ort: Bibliothek des Internationalen Kollegs Morphomata, Weyertal 59 (Rückgebäude, 3. Etage), 50937 Köln
Zeit: 18.00 Uhr
Kontakt: Karena Weduwen (karena.weduwen[at]uni-koeln.de)

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