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M. A. Verena Ricken | 17.04.2014 | 2480 Aufrufe | Artikel

Ein freier Geist für den freien Markt?

Welche Karrierechancen eine Promotion in den Geisteswissenschaften bietet

„Geisteswissenschaften machen den Geist weit und frei!“ Mit diesen Worten begrüßte Prof. Dr. Paul Geyer, Dekan der Philosophischen Fakultät, letzte Woche rund 70 Doktoranden und Promotionsinteressierte an der Universität Bonn. Mit der Veranstaltung „Doktorhut – alles gut?!“ zeigten das Career Center und die Förderberatung der Universität, dass eine Promotion in Germanistik oder Geschichte nicht nur den Geist fordert, sondern auch vielseitige berufliche Perspektiven eröffnen kann.

„Sie müssen auf den Arbeitsmarkt zugehen! Auf Ihre Qualifikation abgestimmte Stellen gibt es für Sie als Geisteswissenschaftler doch so gut wie nie!“ Andreas Pallenberg vom Wissenschaftsladen Bonn e. V. kennt die Realitäten der Berufswelt und die Anforderungen, die diese gerade an Geisteswissenschaftler stellt. Den Teilnehmern des Informationstages „Doktorhut – alles gut?!“ will er erklären, wie ein zügiger Einstieg in den Arbeitsalltag dennoch gelingen kann.

In Kleingruppen diskutieren die Doktoranden über ihre Berufsperspektiven

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„Das Hintereinander-Denken beenden“

Geisteswissenschaftler müssen ihren beruflichen Fokus schon frühzeitig – auch in der Promotionsphase – erweitern und ihr persönliches Potential jenseits der fachlichen Qualifikationen herausarbeiten, rät Pallenberg. Nur so könnten Wartezeiten von oftmals einem Jahr vermieden und Einstellungschancen durch Arbeitserfahrung und Engagement gesteigert werden: „Denn das böse Wort ‚Berufserfahrung‘ wird sie stets begleiten und zunächst auch belasten!“

Wer sich aber selbst während der Promotion um ein geschärftes Profil bemühe und sich auch mal auf Jobs unterhalb seiner eigentlichen Qualifikation bewerbe, der dürfe darauf hoffen, als Geisteswissenschaftler auf dem freien Markt gut anzukommen. Die Angst des Arbeitgebers vor Überqualifizierung durch die Promotion empfiehlt Pallenberg, durch bewusste Bewerbungsstrategien zu entkräften: „Sie sind nicht über-, sondern hoch-, aber eben nicht unbedingt passend qualifiziert.“ Um das höhere Einstiegsalter nach einer Promotion sollten sich Bewerber auch weniger Gedanken machen. Jüngere Arbeitnehmer würden oft wegen ihrer Formbarkeit gesucht – nach einer Promotion habe man jedoch als gefestigte Persönlichkeit ganz andere Qualitäten und empfehle sich für neue Stellen.

Auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machen

Damit es mit der Bewerbung klappt, müssen Kunsthistoriker, Anglisten oder Philosophen ihre abstrakten Fähigkeiten für die zukünftigen Arbeitgeber konkretisieren, gibt Pallenberg zu bedenken: „Sie tragen als Bewerber die Beweislast!“ Inhaltlich zu lange an seinem Fach festzuhalten, sieht er als einen großen Fehler, den besonders promovierte Wissenschaftler oft begehen. Über mehrere Jahre bearbeitete Themenbereiche mit einem Mal loszulassen, das falle leider häufig sehr schwer.

Perspektiven jenseits der Wissenschaft

Eine Stelle in der Wissenschaft ist gerade aus diesem Grund für viele Promotionsstudenten noch immer ein Traum. So auch für Anne Christina Scheus, die im vierten Jahr an ihrer Promotion im Fach Komparatistik arbeitet. Obwohl sie bereits Erfahrungen im Lehrbetrieb gesammelt hat, bereitet sie sich auch auf andere Optionen vor: „Deshalb werde ich heute an der Veranstaltung zu Wissenschaftlern in der Unternehmensberatung teilnehmen - ‚back to reality‘, sozusagen.“

Dass manchmal auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs erst Umwege zum Traumjob führen können, davon berichten alle Referenten und Organisatoren des Tages bereits in der ersten Vorstellungsrunde. In auf Dialog ausgerichteten Berufswerkstätten stellen sie ihre ganz persönliche Berufslaufbahn und mögliche Tätigkeitsfelder für promovierte Geisteswissenschaftler vor. Die Teilnehmer können sich dabei ausführlich über Karrieremöglichkeiten im Wissenschaftsmanagement oder im Ausstellungsbereich, im Verlagswesen, in der Unternehmensberatung und nicht zuletzt in der Wissenschaft informieren. Auch Anlaufstellen bei Fragen zur Berufsplanung für Promotionsstudenten der Geisteswissenschaften stellen sich vor, darunter das Team Akademische Berufe der Arbeitsagentur Bonn und Einrichtungen der Universität.

Persönlichkeit, Erfahrung und ein wenig Glück

Dr. Claudia Müller, die heute als Cheflektorin im Bastei Lübbe Verlag arbeitet, kennt die berufliche Unsicherheit, auf die sich Geisteswissenschaftler bereits zu Beginn ihres Studiums einlassen: „Mein Professor warnte mich, dass meine Berufsaussichten als Studentin der Skandinavistik gleich Null seien. Nach der Promotion wusste ich dann auch nicht so recht, wo ich hinpassen könnte.“ Durch erste Arbeitserfahrungen im Verlagswesen und mit ein wenig Glück macht sie nun Karriere.

Über den Berufseinstieg im Wissenschaftsmanagement spricht Dr. Barbara Sheldon von der Alexander von Humboldt-Stiftung. Gerade in ihrem Arbeitsumfeld sei die Promotion ein deutlicher Vorteil, schließlich habe man bei der Vermittlung von Wissenschaftlern auch mit der entsprechenden Klientel zu tun. Eine Veranstaltung wie „Doktorhut – alles gut?!“ hält sie für überfällig. Für die Promotionsstudenten hat sie noch einen praktischen Tipp parat: „Es ist gerade für Geisteswissenschaftler bei einer Bewerbung unglaublich wichtig, den eigenen potentiellen Nutzen für den Arbeitgeber klar zu formulieren. Bei aller Qualifizierung darf man aber auch nicht vergessen, dass es meist die Persönlichkeit ist, die beim Bewerbungsgespräch den Ausschlag gibt.“

Dass die Veranstaltung einen Nerv trifft, das machen nicht nur die zahlreichen Fragen der Teilnehmer, sondern auch der Andrang der Doktoranden deutlich. „Das Interesse an der Veranstaltung war bereits im Vorfeld sehr groß. Wir haben sehr positives Feedback bekommen und auch sehr konstruktive Anregungen für den nächsten Durchgang, den wir für 2015 planen“, resümiert Dr. Anke Bohne vom Career Center der Universität Bonn den gelungenen Tag. Die geplante Fortsetzung freut auch die begeisterten Doktoranden. Eine Teilnehmerin lobt besonders die Berufswerkstätten: „Ich habe vor einiger Zeit schon einmal an einem solchen Informationstag teilgenommen, der war auch sehr gut, aber leider eher desillusionierend. Heute hingegen war ich begeistert von den praktischen Tipps und den sehr persönlichen Präsentationen. Diese Veranstaltung sollte unbedingt in einem festen Turnus stattfinden, vielleicht auch für Studenten in unterschiedlichen Promotionsphasen!“

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