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Georgios Chatzoudis | 10.04.2014 | 5446 Aufrufe | Interviews

Doktorhut – alles gut?! Karriereperspektiven nach der Promotion in den Geisteswissenschaften

Interview mit Anke Bohne, Miriam Dierker und Kai Sicks über Berufe nach der Promotion

Ein Promotionsvorhaben ist arbeitsintentiv und kostet viel Zeit. Dennoch nehmen immer mehr Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler diese Herausforderung an. Der erhoffte Lohn für die Mühsal: bessere Berufsperspektiven und möglicherweise auch ein höheres Einkommen. Doch wie sehen die konkreten Karriereaussichten tatsächlich aus? Darüber infomierte in der vergangenen Woche in der Universität Bonn die Veranstaltung „Doktorhut – alles gut!?“. Wir haben im Anschluss den Organisatoren vom Career Center der Universität Bonn, Dr. Anke Bohne, Miriam Dierker und Dr. Kai Sicks, unsere Fragen gestellt.

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"Berufsmöglichkeiten auch jenseits der universitären Forschung und Wissenschaft"

L.I.S.A.: Frau Dr. Bohne, Frau Dierker, Herr Dr. Sicks, in der Universität Bonn fand erstmals eine Veranstaltung für Doktorandinnen und Doktoranden der Geisteswissenschaften zum Thema „Doktorhut – alles gut?!“ statt. Worum ging es konkret? Und was war Ziel der Veranstaltung?

Dierker: Mit der Veranstaltung wollten wir den Doktorandinnen und Doktoranden die Möglichkeit eröffnen, sich mit der Zeit nach ihrer Promotion auseinanderzusetzen und Perspektiven zu bekommen, welche Karrierewege sich ihnen mit einem Doktortitel in den Geisteswissenschaften eröffnen. In unserer Beratungstätigkeit erleben wir immer wieder, dass insbesondere Geisteswissenschaftler Fragen nach der beruflichen Zukunft innerhalb oder außerhalb der Wissenschaft nach der Promotion gar nicht oder zu spät stellen.

Dr. Bohne: Die Veranstaltung sollte den Teilnehmern die Gelegenheit geben, frühzeitig mit Vertretern unterschiedlicher Berufsbereiche in Kontakt zu treten. Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Wissenschaftsmanagement, Beratung, Ausstellungs- und Verlagswesen haben in Workshops über ihre Erfahrungen beim Berufseinstieg gesprochen und Tipps für einen gelungenen Karrierebeginn gegeben. Ganz besonders wollten wir die Teilnehmer zum Nachdenken anregen: über Berufsmöglichkeiten, die eben auch jenseits der universitären Forschung und Wissenschaft liegen können.

Dr. Anke Bohne, Career Center der Universität Bonn

"Neben der Promotion auch Berufs- und Praxiserfahrung sammeln"

L.I.S.A.: Erhöht die Erlangung eines Doktorhutes für Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler die Berufschancen?

Dr. Sicks: In der Wissenschaft geht es natürlich nicht ohne einen Doktortitel – für die akademische Karriere ist er absolut unverzichtbar. Aber auch in bestimmten wissenschaftsaffinen Berufssparten – man denke etwa ans Wissenschaftsmanagement – ist ein Doktortitel die Eintrittskarte, um später einmal Leitungspositionen zu erlangen. Der Titel ist dabei gar nicht mal so sehr als rein formale Qualifikation zu verstehen. Es geht auch darum, dass Stelleninhaber in solchen Positionen verstehen, wie wissenschaftliches Arbeiten funktioniert.

Dr. Bohne: Ähnliches gilt auch für den außeruniversitären Bereich: So werden auch viele Stellen im Museums- und Kulturbereich mit der Voraussetzung einer abgeschlossenen Promotion ausgeschrieben, gleiches gilt für Pressesprecher bei Institutionen und Firmen. Wer sich für solche Berufe interessiert, sollte immer auch darauf achten, dass er oder sie neben der Arbeit an der Promotion, die sich ja teilweise über Jahre hinzieht, auch Berufs- und Praxiserfahrung sammelt. Denn die Absolventen, die direkt nach dem Master-Abschluss ins Berufsleben starten und nicht an einer Promotion „herumdoktern“, haben den promovierten Absolventen eben einige Jahre Berufserfahrung außerhalb der universitären Forschung voraus.

"Heute sind Geisteswissenschaftler in der freien Wirtschaft keine Exoten mehr"

L.I.S.A.: Welche konkreten Berufsfelder stehen Geisteswissenschaftlern heute offen?

Dr. Bohne: Geisteswissenschaftlern stehen heute viele Berufsfelder offen – auch wenn in vielen Ausschreibungen gar nicht konkret nach Geisteswissenschaftlern gesucht wird. Ein Blick in den Informationsdienst „arbeitsmarkt. Bildung. Kultur. Sozialwesen“ des Wissenschaftsladens Bonn e.V. zeigt, wie ich finde, gut mögliche Berufsfelder auf: Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit, Verlags- und Bibliothekswesen, Schulen, Aus- und Weiterbildung, Kunst und Kultur, Internationaler Austausch, Sprachen und Tourismus, Sozialwesen, Wissenschaft, Hochschule und Forschung sowiedie Wirtschaft.

Dierker: Als Geisteswissenschaftler sollte man sich bei dieser Vielfalt überlegen, welche Stärken und Interessen man hat und sich durchaus auch trauen, sich auf Stellen zu bewerben, die vielleicht nicht direkt für Geisteswissenschaftler ausgeschrieben sind, bei denen aber die anderen Komponenten passen. Einer der Referenten unserer Veranstaltung, der selbst eine Beratungsfirma leitet, betonte auch wiederholt, dass Geisteswissenschaftler in der freien Wirtschaft heute gar nicht mehr exotisch sind. Wirtschaft und Geisteswissenschaften bewegen sich erkennbar aufeinander zu. Mit Blick auf die Berufsoptionen liegt darin eine große Chance für die Absolventen.

Miriam Dierker, Förderberatung der Universität Bonn

"Ein Forum, um ins Gespräch zu kommen und Fragen stellen zu können"

L.I.S.A.: Was waren die Bedürfnisse der Doktorandinnen und Doktoranden?

Dr. Sicks: Aus meiner Sicht waren das vor allem zwei Dinge: Einerseits einmal einen Überblick über das angesprochene weite Feld zu bekommen, das gesamte Spektrum vor Augen zu haben, um es dann mit den persönlichen Interessen abgleichen und eine erste Orientierung gewinnen zu können. Andererseits aber – und viel konkreter – auch der Kontakt mit den Experten. Viele Doktorandinnen und Doktoranden haben ja durchaus Vorstellungen über ihre nächsten beruflichen Schritte, aber natürlich ergeben sich da viele Fragen. Meistens kennen sie aber niemanden, mit dem sie diese Fragen diskutieren können. Da bot unsere Veranstaltung Gelegenheit, ins Gespräch zu kommen, Unsicherheiten auszuräumen.

Dierker: Auch die Vernetzung mit anderen Doktoranden und die Einschätzung der eigenen Situation waren für die Teilnehmer sehr wichtig.

Dr. Bohne: Es waren oft ähnliche Fragen, die die Doktoranden besonders beschäftigt haben: Wie erlange ich die immer wieder geforderte Berufserfahrung? Wie schaffe ich es, die Arbeit an der Promotion mit Praxiserfahrung unter einen Hut zu bekommen? Bislang habe ich die Wissenschaft als einzige Perspektive gesehen: Wie realistisch ist der Einstieg und welche anderen Möglichkeiten habe ich?

Dr. Kai Sicks, Förderberatung der Universität Bonn

"Die Veranstaltung war doppelt überbucht"

L.I.S.A.: Welches Fazit ziehen Sie aus der Veranstaltung? Gab es schon Feedback?

Dr. Sicks: Die Veranstaltung ist auf großes Interesse gestoßen, sie war sogar doppelt überbucht. Wir schließen daraus, dass ein Austausch über berufliche Optionen, die Orientierung über Karriereoptionen für Doktoranden ein wichtiger Bedarf ist. Das werden wir uns zu Herzen nehmen und an der Universität weiter zu etablieren versuchen.

Dr. Bohne: Ja, es gab bereits Feedback. Mündlich von Seiten vieler Teilnehmer, die sich für die informative, interessante und gut organisierte Veranstaltung bedankt haben. Aber auch von Seiten der Referenten, die sich während ihrer eigenen Promotionszeit auch solche Veranstaltungen gewünscht hätten.

Dierker: Sowohl im mündlichen als auch im schriftlichen Feedback haben wir viel Lob für die gut organisierte Veranstaltung erhalten. Die Bedarfe der Teilnehmer wurden in großem Maße gedeckt. Dies freut uns sehr und motiviert uns, weitere Veranstaltungen in Angriff zu nehmen. Die Anregungen der Teilnehmer werden wir versuchen aufzugreifen.

Dr. Anke Bohne, Miriam Dierker, Dr. Kai Sicks haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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