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Georgios Chatzoudis | 11.10.2014 | 286 Aufrufe | Artikel

11. Oct. 1914. Sonntag. Wolka – Szelenzna

Tagebucheintrag Harry Graf Kessler

Früh Befehl sofort nach Zwolen abzurücken. In Zwolen auf Telegraphenamt weiterer Befehl, in beschleunigter Gangart auf der Chaussee nach Nowo-Aleksándria Munition zu überbringen. Um 2 fort aus Zwolen und im Trab vorgegangen. Schöne breite schnurgerade Chaussee. Schon in Zwolen Vormittags einen Transport russischer Gefangener getroffen. Auf der Chaussee kommen uns weitere entgegen, grössere und kleinere Trupps, manchmal fünfzig, manchmal sechs oder sieben, manchmal blos einer, einmal ein ganz grosser von dreizehnhundert. Sie marschieren dichtgedrängt, mit gleichgültiger Miene, die Offiziere an der Spitze, Marodeure in Bauernwagen hinterher. Kalmückengesichter und daneben ganz blonde hübsche Burschen. Nur Wenige sind verwundet, aber die sture Gleichgültigkeit, vielleicht auch die schmutziggrauen Uniformen, das Heerdenartige sich Zusammendrängen erzeugen einen dumpf-schweren Eindruck wie ein trüber Nebeltag: Man sieht diese Trupps schon von weitem auf der schnurgeraden Strasse herankommen und hat gleich von Weitem schon diesen trostlos jenseitigen Eindruck. Ein verwundeter Offizier von den Maikäfern erzählt, dass er gestern mit 35 Mann 300 Russen, darunter 11 Offiziere und einen Obersten gefangen genommen hat. Er ist einfach auf sie losgegangen und hat gerufen „Hände Hoch“. Darauf haben sie Alle, die Offiziere zuerst, die Waffen weggeworfen und sind auf ihn losgelaufen, um sich zu ergeben. Nur der Oberst fehlte noch. Der Maikäfer schrie sie aber an: Wo so viele Soldaten sind, muss auch ein Oberst sein: „Heraus mit dem Kerl“. Darauf hätten sie den Oberst, der tatsächlich versteckt worden war, herausgeholt und mitübergeben. Derselbe Offizier erzählte mir, dass der kleine Gruner, mit dem ich ausgehoben hatte, gestern abend gefallen ist. Es war mir ein unendlicher Schmerz, den Tod dieses jungen, wohlgeratenen, lachenden Menschen zu erfahren. Bis auf 6 Kilometer an Nowo Aleksandria herangeritten; vom Gefecht, das 2 bis 3 Kilometer vor mir, nur den Kanonendonner gehört. Tote Russen sollen massenhaft etwas weiter vor gelegen haben. Auch wir haben schwere Verluste. Abends im Tel. Amt in Zwolen den Armee Befehl gehört, aus dem hervor geht, dass wir an der ganzen Weichsellinie von Warschau bis Sandomir kämpfen, XX u XVII Corps nördl der Pilica bei Warschau und Gora Calvarja „in schweren Kämpfen“, wir bei Nowo Aleksandria u Iwangorod bis Warka an der Pilica, wo wir möglichst viel Terrain gewinnen sollen um das XX u XVII Corps zu unterstützen; die anderen Corps südlich. Es ist wieder die grosse Schlacht um eine Flusslinie wie an der Alle, Sambre, Aisne, Marne, Maas. Im modernen Krieg scheint die riesige Ausdehnung der Schlachtfront den Flüssen eine ganz besondre Bedeutung zu geben. Sie sind in Nordeuropa die einzigen natürlichen Hindernisse, die ähnliche Dimensionen haben wie die modernen Heere. Auch die Schlacht bei Tannenberg, die richtiger Schlacht an den masurischen Seeen hiesse, fällt unter diese Kategorie; die Seeenkette spielte dort eine ähnliche Rolle wie die Flüsse bei den andren grossen Schlachten dieses Krieges.

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