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Nadja Thelen-Khoder | 09.05.2020 | 321 Aufrufe | Artikel

Zur „Thüringer Erklärung“ am 75. Jahrestag der Befreiung des KZ Buchenwald Jugend forscht im ITS

Ein Beitrag von Nadja Thelen-Khoder

Die „Thüringer Erklärung aus Anlass des 75. Jahrestages der Befreiung der nationalsozialistischen Konzentrationslager Buchenwald und Mittelbau-Dora am 11. April 1945“ [1] einer „Initiative der Repräsentanten obersten Thüringer Verfassungsorgane und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora“ ist in diesen Tagen [2] ein wichtiges Zeichen, und es war mir eine Ehre, sie (wie jeder) auf der Seite unterzeichnen zu dürfen.

Buchenwald [3] war lange Zeit für mich weit weg, und Lippstadt auch. Erst durch mein besonderes Erbe [4] und die Suche nach Olga Schiskonska [5] kam ich nach Lippstadt, und seitdem rückt es mir immer mehr auf die Pelle, geht mir immer tiefer unter die Haut. Die Schreie der vielen „Ostarbeiter“ werden immer lauter; Nadja Poltorazkaja [6], „OST“-Arbeiterin bei „Heinrich Jungeblodt , Metallwarenfabrik Lippstadt“ [7], heute in Warstein, ist nur einer der vielen, vielen Menschen, die nach ihrer Würde schreien. Aber was hat das mit Buchenwald und der „Thüringer Erklärung“ zu tun?

„Auch 75 Jahre nach der Befreiung sind uns Unmenschlichkeit und Verbrechen des nationalsozialistischen Deutschlands bewusst. Wir ehren all jene, die sich widersetzten. Wir nehmen wachen Anteil an der Geschichte und dem Leid der Millionen Menschen, die von den Nationalsozialisten zunächst in Deutschland und dann in den vom ,Dritten Reich’ besetzten Ländern entrechtet, entwürdigt, ausgegrenzt, ausgeplündert und ermordet worden sind: allen voran die deutschen und europäischen Juden, aber auch Sinti und Roma, Kranke und Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, sozial Diskriminierte und alle, die im besetzten Europa oder als Deportierte im Reichsgebiet Zwangsarbeit leisten mussten oder Opfer von Besatzungs- und Kriegsverbrechen wurden.“

Als ich diese Zeilen las, mußte ich wieder an Fritz Bauer [8] denken:

  1. „Statt einer ,Bewältigung der Vergangenheit’, die auch damals aktuell und notwendig war und einen harten Willen zur Wahrheit erforderte, zog man den Betrug und Selbstbetrug eines angeblichen ,Dolchstoßes’ vor und suchte krampfhaft nach Sündenböcken. Man fand sie bald in den ,Marxisten’, bald in den Juden. Nach faulen Ausreden und nach einer Sicherheit im Aberglauben suchen immer die Kranken, Schwachen, Selbstunsicheren, die Rückschläge nicht vernünftig verarbeiten können.
  2. „Die Deutschen wurden zu einem Volk, das sich an dem Catch-as-catch-can einiger Massenredner gegen die zu Sündeböcken gemachten Juden und Slawen passiv beteiligte und das ständig die Illusion der ,Aktivität’ einer schreienden Zuschauermasse eines Fußballspiels empfand, wobei einige das Scheinprivileg genossen, den befohlenen Beifall zu organisieren.

Beide Zitate sind aus seinem Büchlein „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ von 1965, das ich einmal abgetippt habe, weil es ein halbes Jahrhundert lang nicht im Buchhandel zu erhalten war [9].

Und ich mußte an Nikolai Karpenko denken - den siebzehnjährigen „Ostarbeiter“ (eigene Nazi-Kategorie für Zwangsarbeiter aus der Sowjetunion, die das „OST“-Kennzeichen tragen mußten) bei den „Warsteiner Eisenwerken“ [10], gestorben laut ärztlicher Bescheinigung meines Großvaters (2.2.2.2 / 76773777, ITS Digital Archive, Bad Arolsen) am 13.12.1944 „im Lager Stillenberg Warstein“ an „Herzschwäche“, regulär beurkundet und mit Namen begraben, heute namenlos mit fünf weiteren „Ostarbeitern“ in Warstein liegend [11].

Und auch an Vida Levi, „Au. Häftl. Nr. 75035“, einer „der weibl. Häftlinge, die am 17.11.44 vom KL Auschwitz nach Lippstadt überstellt wurden“ (0.1 / 109331290, ITS Digital Archive, Bad Arolsen), „Eltern: Avram u. Flora, geb. Baru, Geburtsdatum: 27.5.1914, Ort: Sarajevo, 43 in Kocevje verhaftet. Lager: Lippstadt, Auschwitz, Buchenwald“ (0.1 / 53499481), „Blockbuch des KL Auschwitz-Birkenau (Block 22 B)“, „TD 937597“ mit Datumsstempeln vom 3.11.1972 und 19.12.90 (0.1 / 109331282), „Politisch-Jugoslawinnen, Jüdinnen“, „Auschwitz/ Birkenau Häftl.Transp. nach Buchenwald, Kdo. Lippstadt“ (0.1 / 109331283), „Bu.No. 25784”, „Slow.Sch.Jüdin”, auf der „Liste der von Auschwitz in Buchenwald/ Akdo. I Lippstadt eingetr. Häftl.” (0.1 / 109331284), „Bu,No. 25784 Polit.Jug.Jüdinnen”, „Polit. Abt. Buchenwald, Neuzugänge von Auschw. nach Akdo. Lippstadt”, Dated 4.1.45“ (0.1 / 109331285), „Häftl. Pers. Karte“, „Effektenkarte“, „Arbeitskarte“, „Dokumente: 8“ (0.1 / 109331286), in den „Nament. Aufstellungen von Häftlingen, deren Effekten und Wertsachen vom KL Auschwitz zum KL Buchenwald überstellt wurden“ (0.1 / 109331287), „09. Juli 1981“ (0.1 / 109331291).

Sie war der erste Mensch, der mir von den Transporten aus dem KZ-Auschwitz heraus über das KZ-Buchenwald zu den KZ-Außenlagern „Lippstadt I“ der „Lippstädter Eisen- und Metallwerke GmbH (LEM)“ (heute „Thyssen-Krupp Rothe Erde“) und „Lippstadt II“ der „Westfälischen Metall-Industrie AG (WMI)“ (heute „Hella KG Hueck und Co.“) erzählte, die schon in der Meldung der Stadtverwaltung Lippstatt vom 27.6.1949 (2.2.0.1 / 82413810, ITS Digital Archive, Bad Arolsen, Abschrift auch in „Der ,Franzosenfriedhof’ in Meschede“, Norderstedt 2018) aufgelistet sind [12].

„Wir nehmen wachen Anteil“, steht in der „Thüringer Erklärung“, und ich möchte wieder werben für meine Idee vom Juli 2017: „Schulen könnten die Namenslisten erarbeiten“ [13]. Inzwischen habe ich daraus mein „Konzept der vier Schritte“ entwickelt und es „Jugend forsht im ITS” genannt. Es gibt „Jugend forscht” für Naturwissenschaten und „Jugend erinnert”; aber „erinnern” kann man nur, was man weiß, und wir wissen so vielen nicht und müssen unsere Toten suchen [14].

Suchen wir gemeinsam [15], denn vier Augen sehen mehr als zwei, sechs mehr als vier, acht mehr als sechs, ...

Möge meine bisherige Arbeit als Grundlage für weitere Recherchen dienlich sein und mein Traum „Jugend forscht im ITS” in Erfüllung gehen:

Übersicht der Artikel von Nadja Thelen-Khoder zum Download (328.09 KB)

Anmerkungen

[1] https://www.thueringer-erklaerung.de/erklaerung#top

[2] https://www.daserste.de/information/reportage-dokumentation/dokus/sendung/der-schwache-staat-100.html

[3] https://www.buchenwald.de/nc/896

[4] https://reflections.news/de/ein-besonderes-erbe-den-menschen-ihre-wurde-wiedergeben/

[5] „ ,Opfer des Nationalsozialismus’. Olga Schiskonska (Siepmann-Werke Belecke) und viele ihrer Namen Beraubte“ auf http://www.hpgrumpe.de/ns_verbrechen_an_zwangsarbeitern_suttrop,_warstein,_meschede/55_Olga_Schiskonska_und_viele_ihrer_Namen_Beraubte.pdf

[6] http://www.afz-ethnos.org/index.php/aktuelles/147-kriegstote-russen-nr-61

[7] https://www.wp.de/staedte/warstein-und-umland/grabsteine-von-russischen-zwangsarbeitern-ohne-inschrift-id215040577.html

[7] „Jugend forscht im ITS. Ein Fallbeispiel - Heinrich Jungeblodt“ auf www.hpgrumpe.de/ns_verbrechen_an_zwangsarbeitern_suttrop,_warstein,_meschede/203_Jugend_forscht_im_ITS-Ein_Fallbeispiel-Heinrich_Jungeblodt.pdf

[8] http://www.fritz-bauer-film.de

[9] http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Vera-ab2019/NTK-AbschriftFB-Wurzelnfasch-u-natsozHdlns.pdf

[10] https://www.schiebener.net/wordpress/wp-content/uploads/2018/03/37.-Nikolai-Karpenko.pdf

[11] https://www.schiebener.net/wordpress/wp-content/uploads/2019/06/160.-Zum-21.6.2019.-Offener-Brief-an-die-Warsteiner-B%C3%BCrger.pdf

[12] http://upgr.bv-opfer-ns-militaerjustiz.de/uploads/Dateien/Links/NTK-211-%20Lippstadt-Hospitalstra%C3%9Fe-46.pdf

[13] https://www.wp.de/staedte/meschede-und-umland/schulen-koennten-die-namenslisten-erarbeiten-id211134385.html

[14] https://www.schiebener.net/wordpress/wp-content/uploads/2019/09/182.-ITS-ein-neuer-Name-und-eine-neue-alte-Bitte.pdf

[15] https://www.schiebener.net/wordpress/ein-grabstein-erzaehlt-teil-3-und-schluss-ich-habe-einen-traum/ und https://www.schiebener.net/wordpress/beklemmende-spurensuche-wie-schoen-waere-es-wenn-wir-gemeinsam-nach-den-ermordeten-im-its-in-bad-arolsen-suchen-koennten/

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