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Georgios Chatzoudis | 07.02.2017 | 876 Aufrufe | Interviews

"Wahrheit festzulegen ist gefährlich"

Interview mit Uwe Krüger über die Debatte um sogenannte Fake News

Die Medienkritik ist so alt wie ihr Gegenstand selbst. Insofern ist es für Medienschaffende nichts Neues, wenn sie für ihr Tun aus unterschiedlichen Richtungen kritisiert werden. Was sich aber geändert hat, sind Form und Schärfe der Kritik, die sich zuletzt auf das Schlagwort "Lügenpresse" verdichtet hat. Neu sind auch die Kanäle und Wege, über die sich medienkritische Äußerungen heute verbreiten können. Was sich einst vor allem in Leserbriefen und Programmbeschwerden eher lautlos vollzog, findet heute sein Pendant in stimmgewaltigen Kommentaren und medialen Gegenentwürfen in Sozialen Netzwerken, in denen Mainstreammedien Einseitigkeit, Parteilichkeit und bewusste Manipulationen vorgeworfen wird. Die von alternativen Medien gestreuten Neuigkeiten und Einschätzungen werden nun wiederum von etablierten Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern sowie Internetportalen als "Fake News" beziehungsweise "postfaktisch" bezeichnet, gegen die man nun gemeinsam vorgehen müsse. Der Medienwissenschaftler Dr. Uwe Krüger von der Universität Leipzig hat sich intensiv mit den gegenwärtigen Medien und der Kritik an ihnen beschäftigt. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Erodierendes Vertrauen in politische und gesellschaftliche Institutionen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Krüger, Sie forschen als Medienwissenschaftler über den Journalismus. Ihre vielbeachtete Dissertationsarbeit ist 2013 unter dem Titel „Meinungsmacht“ erschienen, in dem Sie den Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten kritisch untersucht haben. Darin zeigen Sie unter anderem Leerstellen und Tabus in der Berichterstattung der Leitmedien auf. In einem zweiten Buch, „Mainstream“, stellen Sie fest, dass viele Menschen den Medien nicht mehr trauen und fragen nach der Ursache des Vertrauensverlustes, der im Begriff der „Lügenpresse“ seinen stärksten Ausdruck findet. Nun geistert in diesem Zusammenhang ein neuer Begriff durch die Medienlandschaft: „Fake News“. Welche diskursive Funktion kommt ihm zu? Welche Bedeutung hat er für die Leitmedien? Ist es gar der mediale Gegenbegriff zur „Lügenpresse“?

Dr. Krüger: So kann man das sehen. Als 2014 erstmals massive Lügenpresse- und Systemmedien-Vorwürfe aufkamen – im Zuge der Ukraine-Krise und Krim-Annexion, später auch während der Flüchtlingskrise – da reagierte das politische und mediale Establishment zunächst mit einem Gegendiskurs über „Verschwörungstheorien“. Seit einigen Monaten sind „Fake News“ und „postfaktisch“ die neuen Schlagworte im Kampf um die Deutungshoheit. Dahinter steht ein erodierendes Vertrauen in die politischen und gesellschaftlichen Institutionen – übrigens in vielen Ländern, wie das neue Edelman Trust Barometer zeigt. Im Zuge dieser Vertrauenskrise werden offizielle bzw. offiziöse Wirklichkeitsdarstellungen – man könnte auch sagen: orthodoxe Sinnhorizonte und Deutungsmuster – stärker in Zweifel gezogen und ketzerische Diskurse mit heterodoxen Wirklichkeitsbestimmungen geführt. Teil dieser heterodoxen Sinnwelten sind auch erfundene Nachrichten mit entsprechendem politischem Spin.

"Heute kann jeder 'Fake News' produzieren und unter die Leute bringen"

L.I.S.A.: Falschmeldungen zu erzeugen und zu streuen ist grundsätzlich alles andere als neu. Diese Strategie zählt zu einer der bekanntesten, um den politischen Gegner in die Irre zu führen oder um Gefolgschaft zu schaffen. Tatsächlich werden „Fake News“ aktuell als ein sehr neues Phänomen wahrgenommen. Woran liegt das? Welche Rolle spielen dabei die „Neuen Medien“?

Dr. Krüger: Tatsächlich gibt es erlogene Nachrichten schon lange. Die neue Qualität liegt darin, dass sie früher, in der klassischen Medienwelt, fast nur aus dem Establishment kamen und von Journalisten ans Publikum weitergereicht wurden. Beispiele wären die Massenvernichtungswaffen, die die Bush-Administration 2003 dem irakischen Staatschef Saddam Hussein angedichtet hatte, oder der angebliche „Hufeisenplan“ des serbischen Präsidenten Slobodan Milosevics, der im Bundesverteidigungsministerium 1999 zur Legitimierung des Kosovo-Einsatzes erfunden wurde. Heute sind Fake News „demokratisiert“, wie der Mainzer Kommunikationswissenschaftler Philipp Müller sagt. Jeder kann sie produzieren und via Facebook & Co. direkt unter die Leute bringen. Hinzu kommt, dass auch ausländische Mächte wie Russland in diesem Geschäft mitmischen und die politische Debatte beeinflussen wollen – die aktuelle russische Offensive im Informationskrieg begann mit der Ukraine-Krise. Und das macht doppelt Angst.

"Nachwachsenden Generationen ein journalistisches Rüstzeug geben"

L.I.S.A.: Nicht nur die Medien wollen in einer sogenannten Koalition („First Draft Coalition“) global gegen sogenannte „Fake News“ vorgehen, auch die Bundesregierung plant ein Gesetz gegen die Verbreitung von Falschmeldungen. Ist das tatsächlich notwendig? Reichen das bisherige journalistische Rüstzeug und Handwerk sowie bestehende Gesetze nicht aus, um gegen Falschmeldungen bzw. volksverhetzende Propaganda vorzugehen?

Dr. Krüger: Ich halte die bestehenden Gesetze für ausreichend: Personen können sich gegen Falschaussagen wehren, die sie betreffen, Verleumdung und üble Nachrede ist justiziabel. Volksverhetzung auch.

Zusätzlich müssten verstärkte Anstrengungen auf dem Gebiet der Medienpädagogik gemacht werden, etwa ein Schulfach „Publizistik“. Darin müsste es dann aber nicht gehen, per ordre du mufti zu erzählen, dass alles, was in den etablierten Medien steht, stimmt, und alles was auf RT Deutsch kommt, Lüge ist. Sondern man müsste den nachwachsenden Generationen quasi journalistisches Rüstzeug geben und sie lehren zu recherchieren und zu unterscheiden etwa zwischen Sachverhalts- und Deutungsaussagen oder zwischen neutralen und interessengeleiteten Quellen – damit sie als aufgeklärte Subjekte kritisch sowohl mit dem Mainstream-Journalismus als auch mit Alternativmedien und Gegenöffentlichkeiten umgehen können.

Vor allem aber müsste auf die Repräsentationskrise, die dem Fake-News-Problem zugrunde liegt, politisch reagiert werden – auf die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von einer liberal-internationalistischen Elite, die sich jetzt im Aufschwung rechtspopulistisch-nationalistischer Kräfte á la Trump, Brexit und AfD äußert.

"Dann ist die Demokratie tot"

L.I.S.A.: Wie verhält sich aus Ihrer Sicht ein Maßnahmenkatalog gegen Nachrichten, die als „Fake News“ klassifiziert und deren Urheber und Verbreiter deswegen juristisch belangt werden können, mit den Grundrechten auf Meinungs- und Pressefreiheit? Wie unterscheiden sich solche Maßnahmen von einer neuen Form der Zensur? Überspitzt formuliert: Droht ein Orwell’sches Wahrheitssprech, in der einige dazu Erwählte bestimmen, was wahr ist und was nicht?

Dr. Krüger: Ich finde Bestrebungen, Wahrheit staatlich festzulegen, sehr gefährlich für Demokratie und Meinungsvielfalt. Das würde die offene Gesellschaft, die durch Massenüberwachung schon heute gefährdet ist, noch stärker bedrohen. Wenn es erst einmal eine Instanz gibt, die darüber entscheidet, was Lüge, Einseitigkeit, Desinformation oder Propaganda ist, sind dem Missbrauch Tür und Tor geöffnet. Dann wird es bald nicht mehr nur um das Aussortieren falscher Sachverhaltsaussagen gehen, sondern auch um „falsche“ Deutungen, Interpretationen oder Kausalzusammenhänge. Wenn uns aber auch das Framing und die Perspektive vorgeschrieben werden, dann ist die Demokratie tot – und wir werden eine gelenkte Demokratie bzw. ein autoritäres System wie das von Wladimir Putin, vor dem wir uns so sehr fürchten.

"Ein gemäßigter Konstruktivismus hilft"

L.I.S.A.: Was sagt die Debatte um „Fake News“ über das Weltbild von Journalisten, die nun Maßnahmen dagegen fordern und ergreifen wollen? Ist Multiperspektivität unerwünscht? Hat die Postmoderne mit ihren Zweifeln an Eindeutigkeit und letzten Gewissheiten dort keinen Einzug gehalten? Oder ist man sich dessen vollkommen bewusst und es geht lediglich bzw. in erster Linie um den Erhalt von Macht und Deutungshoheit?

Dr. Krüger: Es geht sicherlich um Deutungshoheit. Zusätzlich fürchte ich, dass vielen Medienunternehmen und Journalisten nicht klar ist, auf welch schmalem Grat sie wandeln, wenn sie „Fake News“ ausmerzen wollen. Nicht selten basiert auch die Berichterstattung etablierter Medien auf Spekulation und ungesicherten Fakten – siehe Schlagzeilen wie „Russische Hacker beeinflussen Wahlen“. Oder sie ist mit einem politischen Spin versehen, den man bei sich selbst nicht sieht, aber beim weltanschaulichen oder geopolitischen Gegner sehr wohl. Dass Medienmacher durch Recherche und Berichterstattung eine Medienrealität konstruieren und nicht eine real vorhandene und objektiv erfahrbare Wirklichkeit spiegeln, dieses Bewusstsein vermisse ich in der Debatte. Ich will nicht dem radikalen Konstruktivismus das Wort reden oder sagen, Fakten würden keine Rolle spielen, aber ein gemäßigter Konstruktivismus hilft, die eigene Perspektivität zu reflektieren.

Dr. Uwe Krüger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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