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PD Dr. Oliver Hülden | 07.04.2016 | 587 Aufrufe | 1 | Artikel

Unter neuer Flagge: das Kibyratis-Projekt

Neue Heimat im Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI)

Seit 2008 fördert die Gerda Henkel Stiftung ein Forschungsprojekt in der Kibyratis/Kabalis (westliche Provinz Burdur, Türkei), das von Prof. Dr. Thomas Corsten (Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien) und PD Dr. Oliver Hülden (ehemals Institut für Klassische Archäologie der LMU München) gemeinsam geleitet wird. Ziel des Projekts ist es, die materielle Kultur dieser Region zu erforschen und die historische Entwicklung querschnitthaft nachzuvollziehen. Dies ist mit der Durchführung von insgesamt sieben Feldkampagnen zwischen 2008 und 2014 geschehen, die sich auf zwei als Teilprojekte angelegte inhaltliche Schwerpunkte konzentriert haben.

Google Maps

In der ersten Phase des Projekts rückte durch die intensive Untersuchung eines an einem See auf einer felsigen Halbinsel gelegenen Siedlungsplatzes (Gölhisar Gölü/Uylupınar) die archaische Epoche, d. h. insbsondere das 7. und 6. Jh. v. Chr., in den Vordergrund. Zu dieser Zeit gehörte wohl das gesamte Forschungsgebiet zu einer Region mit dem Namen Kabalis, die einen peripheren Teil im Süden des von Sardis aus beherrschten lydischen Reiches darstellte. Insofern dürfte die Siedlung am See von Lydern bewohnt oder zumindest lydisch geprägt gewesen sein, was auch die im Verlauf der Forschungen dokumentierten materiellen Hinterlassenschaften widerspiegeln. Das deckt sich mit einer Überlieferung des antiken Geographen Strabon, der von einer von Lydern bewohnten Vorgängersiedlung des in hellenistischer Zeit an anderer Stelle (bei der modernen Kleinstadt Gölhisar) neugegründeten Stadt Kibyra spricht, die ab dann namengebend für die Region wurde (Kibyratis). Die Siedlung am Göhisar See, die zudem über eine ausgedehnte Nekropole verfügte, lässt sich demnach als 'Alt-Kibyra' identifizieren. Einen Eindruck von dem Ort vermittelt ein Kurzfilm, der bereits 2011 auf L.I.S.A. eingestellt worden ist.
    

Die Halbinsel am Gölhisar Gölü, auf der einst 'Alt-Kibyra' lag

Neben 'Alt-Kibyra' lag der Fokus auf einer großen befestigten Anlage auf einem Hügelplateau oberhalb des Salda Sees bei Yeşilova. Sie dürfte ebenfalls aus archaischer Zeit stammen, ist aber bis in die Kaiserzeit hinein zumindest partiell weiter genutzt worden. Abgesehen von den aus einer vorgelagerten Sperrmauer und einem großen Mauerring ohnehin schon aufwendigen Verteidigungsanlagen fällt vor allem der 'Burgbereich' im Norden der Anlage auf, der durch eine hohe künstliche Böschung aus Bruchsteinen vom übrigen Siedlungsgebiet abgetrennt ist. Einen Eindruck von dieser Anlage vermittelt ein zweiter Kurzfilm auf L.I.S.A., der im Jahr 2015 erstellt worden ist.

Eine Vielzahl weiterer archaischer Fundplätze ist darüber hinaus in der Kibyratis/Kabalis festzustellen, wohingegen die klassische Epoche, als die Region Teil des persischen Großreichs geworden ist, nur vergleichsweise wenige Spuren hinterlassen hat. Das gilt gleichermaßen für den frühen Hellenismus, in den wahrscheinlich die Gründung von Kibyra fällt. Erst im fortgeschrittenen Verlauf dieser Epoche werden die Funde zahlreicher, um mit der römischen Herrschaft einen deutlichen Höhepunkt zu erreichen.
    

'Burgbereich' der befestigten Anlage oberhalb des Salda Sees

Chronologisch ist damit zur zweiten Phase des Projekts übergeleitet, die 2014 begonnen hat und mit einer Verschiebung der Zielsetzung in Richtung der Erforschung der wirtschaftlichen Strukturen der Kibyratis während der Kaiserzeit und der Spätantike einherging. Jetzt standen die zahlreichen Gehöfte und dörflichen Siedlungen dieser Zeitstellung, darunter offenbar auch solche mit ausgedehnten Viehpferchen, im Vordergrund. Unter ihnen befinden sich einige doch recht spektakuläre Anlagen:

So ist eine nach Ausweis der zugehörigen Nekropole nicht nur temporär genutzte Siedlung im südlichen Gebirgsland der Kibyratis auf immerhin über 1700 m Höhe in einer eher lebensfeindlichen Umgebung gelegen. In einer anderen Siedlung, diesmal in der Ebene, konnten Dutzende von Pressgewichten registriert werden, die aufgrund fehlender Mahlvorrichtungen mit der massenhaften Produktion von Wein in Verbindung gestanden haben müssen. Schließlich konnten zwei zuvor nur aus Inschriften bekannte Landgüter identifiziert werden, die im Besitz herausragender römischer Familien gewesen sind. In einem dieser beiden Fälle gelang es sogar anhand entsprechender Funde die Produktion von Keramik, darunter auch Reliefkeramik, im ländlichen Raum nachzuweisen.
   

Zerstörte Sarkophage am Rand einer kaiserzeitlichen Hochgebirgssiedlung

Mit der Kampagne 2014 sind die Feldarbeiten in der Kibyratis/Kabalis abgeschlossen worden, und das Projekt befindet sich seither in der Publikationsphase. Bei der Veröffentlichung der Ergebnisse werden zwei Wege beschritten. So soll neben die traditionelle Buchform eine von der Gerda Henkel Stiftung als eigenes Unterfangen geförderte Online-Plattform mit allen Daten des Kibyratis-Projekts treten, wobei an beiden 'Baustellen' schon eifrig gearbeitet wird.

Seit 1. März 2016 ist das Kibyratis-Projekt nun von München nach Wien übergesiedelt, wo Oliver Hülden eine Stelle als Senior Researcher und Leiter der Lykien-Forschung am Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) angetreten hat, das vor Kurzem unter das Dach der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) aufgenommen worden ist. Mitarbeiter/innen des Projekts sind nach wie vor aber auch noch am Institut für Klassische Archäologie der LMU München tätig, weshalb die Verbindungen dorthin nicht abreißen werden. Ein Interview mit Oliver Hülden zu seinem neuen Aufgabenbereich ist soeben auf der Homepage der ÖAW erschienen.
   

Kommentar

von Marcus Cyron | 09.04.2016 | 14:56 Uhr
"[...] wo Oliver Hülden eine Stelle als Senior Researcher und Leiter der Lykien-Forschung am Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) angetreten hat [...]" - offenbar geht gar nichts mehr ohne Anglizismen. Es ist ja nicht so, daß die deutsche Sprache nicht reich an Ausdrücken für derartige Stellen wäre. Aber nein, es muß der englische Begriff sein. Es ist traurig, daß aus internationaler Forschung, bei der das erlernen verschiedener Sprachen Pflicht war, ein Einheitsbrei wurde. Am Ende führt das aber leider auch zum Denken in Einbahnstraßen.

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