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PD Dr. Oliver Hülden | 14.07.2015 | 1085 Aufrufe | Artikel

Frankreichs Front National und der Kampf um Bilder

Nach dem Terroranschlag von Paris erschien bei L.I.S.A. ein Interview mit dem Passauer Professor Thomas Knieper, das den Titel Ein Krieg um Bilder? trug. Der Kommunikationswissenschaftler unterzog darin die in den Medien verbreiteten Bilder einer detaillierten Analyse. Das Thema ›Krieg um Bilder‹ soll hier aufgegriffen und um die Komponente der Okkupation und politischen Instrumentalisierung historischer Leerstellen im kollektiven Gedächtnis erweitert werden. Dazu ist der Blick auf Bilder zu richten, die erneut in Frankreich produziert worden sind. Anders als die weltweit beachteten Bilder nach dem Attentat haben die jüngsten über das Herkunftsland hinaus zwar kaum Beachtung gefunden, ihnen dürfte nicht zuletzt wegen der sich in Europa auf vielen Feldern zuspitzenden Lage aber wahrscheinlich eine weitaus brisantere und weit über Frankreich hinausgehende Bedeutung zukommen.

Der 1. Mai, ein Polit-Aufzug und ein Video

Wie in jedem Jahr hat der Front National seine traditionelle Feier am 1. Mai zwischen Place des Pyramides und Place de l’Opera in Paris abgehalten. Auf dem zuerst genannten Platz befindet sich die goldene Jeanne d’Arc Statue von Emmanuel Frémiet aus dem Jahr 1874, wobei die heilige Jungfrau bekanntermaßen in katholischen und konservativen Kreisen große Verehrung genießt. Der Versuch durch den Front National, sich dieses starke Figur der französischen Geschichte anzueignen und nahezu ausschließlich in ein Symbol des eigenen Widerstands gegen die äußeren und inneren Feinde Frankreichs umzuwidmen, ist ebenfalls längst bekannt. So kursiert etwa im Internet ein Foto der Nichte von Marine Le Pen, Marion Maréchal-Le Pen, auf dem sie in einer entsprechenden Rüstung als Jeanne d’Arc posiert. Im Zuge des diesjährigen Aufmarschs des Front National fand allerdings ein neuer, deutlich weniger plumper Zementierungsversuch dieses Aneignungsprozesses statt, der sich mittlerweile als ein durch einige weitere Komponenten verdichtetes propagandistisches Gesamtpaket präsentiert: So hat die rechte Partei nämlich wenige Tage nach der Kundgebung ein Video ins Netz gestellt, das allein auf der Facebook-Seite seiner Jugendorganisation (Front National de la Jeunesse) von über 380.000 Usern abgerufen worden ist (Link zum Video). Was ist nun aber in dem etwa zweieinhalb Minuten langen Video zu sehen?

Es beginnt mit den Füßen offensichtlich junger Menschen, die auf regennasser Straße dem Place de l’Opera entgegenströmen. Unterlegt ist das ganze mit zunächst sanfter Klaviermusik, die im Verlauf des Videos eine regelrecht symphonische Kraft entfaltet. Die Kamera schwenkt, und wir blicken in die Gesichter der sympathischen Heranwachsenden, deren Mimik und Körperhaltung allerdings noch die schlechte Witterung widerspiegeln. Die nächste Einstellung rückt dann schon die eigentliche Hauptperson des Clips in den Mittelpunkt. Auf einem von den Teilnehmern hochgehaltenen Plakat ist das Bild von Marine Le Pen verbunden mit dem Slogan ›L’avenir c’est nous‹ zu sehen. Wir haben es also noch mit einer Epiphanie zu tun, aber es ist bereits völlig klar, um wen es in persona in den folgenden noch über zwei Minuten gehen soll.

Die Marianne ist mit uns

Nach einem Blick auf ein wogendes Fahnenmeer erfolgt dann ein erster Versuch, historische Assoziationen zu erwecken. So soll die Aufmachung einer jungen Frau – Kleid in den Nationalfarben und entsprechende Kokarde im gelösten Haar – offensichtlich an die Marianne erinnern. Es ist nicht das erste Mal, dass der Front National oder seine Anhänger diese wohl zentralste und von allen Franzosen gleichermaßen anerkannte Symbolfigur der französische Geschichte und Republik okkupiert. Hier kommt neben der Absicht einer permanenten Aneignung aber wohl noch eine weitere Intention hinzu: So gehört die junge Frau zum Pariser Kader des Front National de la Jeunesse und betreibt unter dem Pseudonym Kelly Poppy eigene Twitter-, Facebook- und Youtube-Accounts, in denen sie ihr ebenso sympathisches wie attraktives Wesen bewusst zur Rekrutierung neuer Mitglieder einsetzt.

Diese Verkörperung der Marianne marschierte am 1. Mai nun also nicht nur an der Spitze des Front National mit, sondern sie marschierte Hand in Hand mit Teilen der französischen Jugend – jener Jugend, welche die demokratischen Parteien aus Sicht des Front National zu 25% in die Arbeits- und Hoffnungslosigkeit getrieben haben und die mittlerweile fast 30% der Front National Wähler ausmacht. Aber die Jugend hat ja jetzt Marianne an ihrer Seite, die ihnen neue Kraft und Zuversicht gibt, was im Film an den Gesichtern der jungen Leute auch deutlich abzulesen ist.

Dass der Weg vom weiblichen Symbol der französischen Revolution zum weiblichen Symbol der neuen französischen Revolution à la Front National nicht weit sein kann, macht sogleich die folgende Einstellung unmissverständlich deutlich. Sie zeigt die eigentliche Spitze des Demonstrationszuges, an der natürlich niemand anderes als Marine le Pen höchstselbst stehen kann. Dabei gibt sich die an ihrer Seite hinter einem Banner mit der Aufschrift ›La France fait Front‹ versammelte Parteiführung betont bürgerlich, wobei der Text den womöglich etwas vermessenen Anspruch erhebt, man vertrete gewissermaßen die gesamte Nation. Darüber hinaus hat es beinahe den Anschein, als ob diese Bilder mit einer geradezu staatsmännisch auftretenden Führerin den Zug der internationalen Politiker zur Ehrung der Opfer des Attentats von Paris übertreffen sollen. Man erinnere sich aber richtig: Da wollte man Le Pen und den Front National nicht dabei haben.

Aber Marine Le Pen überlässt das Feld ein weiteres Mal der Jugend. Wir blicken erneut in die Gesichter sympathischer Jungnationalisten. Alle wohlfrisiert, gut gekleidet und voll Inbrunst mitsingend. Es sind die wohlerzogenen Töchter und Söhne französischer Bürger, die durch die Aufschrift ›Allons enfants de la patrie‹ auf Plakaten und T-Shirts eine symbolträchtige Aufladung erfahren. Auch hier sind es vor allem junge Mädchen und Frauen, die offensichtlich ganz bewusst die erste Reihe des Demonstrationszuges der Jugendorganisation der Nationalen bilden und damit neben der Parteiführung als zweite Speerspitze erscheinen. Auffällig ist, dass unter den Frauen kurz ein junger Mann mit asiatischen Gesichtszügen erscheint, der zweifellos den Eindruck vermitteln soll, dass es sich nicht um eine exklusive Veranstaltung ethnischer Franzosen handelt.

Die ›Retterin‹ Frankreichs

Nach diesem ca. 50 Sekunden währenden Vorlauf räumt das Video endlich der Person mehr Raum ein, um die es eigentlich gehen soll. Mit einer gewissen Lässigkeit erklimmt Marine Le Pen die Treppe zum Rednerpult – ein unweigerliches Sinnbild für ihren kometenhaften Aufstieg, der letztendlich in den Élysée-Palast führen soll. Sie winkt in die Menge, über deren Köpfe das Fahnenmeer wogt, das neben den Nationalfarben und den Farben des Front National auch die Fahnen einzelner französischer Regionen und Städte erkennen lässt. Aus allen Landesteilen scheint heute das französische Volk in Paris zusammengeströmt zu sein, um seiner Retterin zu lauschen und ihr unverbrüchliche Unterstützung zuzusagen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass an dieser Stelle das Pathos der zur Untermalung genutzten Musik einem ersten Höhepunkt entgegenstrebt. Aber Marine Le Pen ist noch nicht gänzlich dem Volk entrückt, um von erhöhter Position zu ihm zu sprechen. Noch einmal ist sie in einer kurzen Sequenz zu ihren Anhängern hinabgestiegen und schüttelt die Hände von Menschen, aus deren Gesichtern eine überbordende Freude und Dankbarkeit spricht.

Die Hälfte des Videos ist vorbei, und es ist Zeit, dass endlich auch das gesprochene Wort hinzutritt. Die gesamte Rede von Marine Le Pen ist im Internet nachlesbar und dauerte ungefähr eine Stunde. Im Video ist hingegen lediglich der Schluss der ›conclusion‹ wiedergegeben. Le Pens Stimme ist bemerkenswerterweise etwas verzerrt und verlangsamt, klingt aber deshalb nicht unangenehm. Vielmehr erinnert sie – vermutlich unbewusst – an den Sprechgesang der Gattung ›Spoken Word‹, wie er in der avantgardistischen Musik der 1980er und 1990er Jahre vor allem durch die Sängerin Anne Clark geprägt worden ist. Schlüsselbegriffe der Bewegung fallen: Klarheit, Mut und Aktion werden Verblendung, Feigheit und Trägheit gegenübergestellt. Die Kräfte der gedemütigten französischen Nation werden beschworen, einer Nation, die sich unter der Führung des Front National der kommenden politischen Schlacht nicht entziehen und alle Hindernisse überwinden wird. Dieser Kampf, so Le Pen, wird ohne Frage enorme Opfer kosten, denn die Gegenseite wird den Anhängern der Bewegung nichts, aber auch gar nichts ersparen.

Handgreiflicher Triumph über die ›Feinde der Republik‹

Wer mit der Gegenseite unter anderem gemeint ist, dafür konnten die Macher des Videos an dieser Stelle gleich Aufnahmen in die Choreografie einbauen, für die unbeabsichtigterweise Aktivistinnen von Femen gesorgt haben. Drei Mitglieder dieser Organisation versuchten die Veranstaltung dadurch zu stören, dass sie sich auf dem Balkon eines zum Place de l’Opera gewandten Gebäudes mit blonden Perücken, nacktem Oberkörper und Hitlergruß zeigten. Außerdem entrollten sie in rot, weiß und schwarz gehaltene Fahnen mit der Aufschrift ›Heil Le Pen‹. Trotz der farblichen Unterschiede zur die Versammlung prägenden französischen Trikolore fügt sich dieser Teil so in das Video ein, dass der Betrachter beinahe den Eindruck gewinnen muss, es handelte sich um eine von den Veranstaltern geplante Aktion. Woran liegt das? An derselben Ästhetik, einer Mischung aus ›Triumph des Willens‹ und Elementen der Popkultur, wobei sich die Femen-Frauen deutlicher an jener faschistoiden Pop-Ästhetik orientiert haben, wie sie Marilyn Manson vor einigen Jahren etwa in dem Video seines Songs ›mOSCENE‹ auf die Spitze getrieben hat.

Während man sich auf anderen Videos im Internet den tatsächlichen Ablauf dieser durchaus effektvollen Störung anschauen kann, erweckt das Front National-Video den Eindruck, Marine Le Pen und ihre Zuhörerschaft hätten sich davon überhaupt nicht beeindrucken lassen. Die Botschaft ist klar: Niemand wird uns aufhalten. Das gipfelt darin, dass die Protest-Szene damit endet, dass ein Sicherheitsmann nach Überwältigung der drei Frauen eine zusammengeknüllte Protestfahne just in dem Moment vom Balkon herunterwirft, als Marine Le Pen im begleitenden Text ihren Anhängern einschärft, dass der Front National schließlich in allen (Wahl-)Schlachten triumphieren wird. Am Ende werde jenes Frankreich und das ›bon vivre‹ stehen, das sich alle Franzosen so sehnlich wünschen und das durch die Rückkehr zu Vertrautheit, Brüderlichkeit, Freiheit und kollektiven Stolz geprägt sein wird.

Offizielles Logo der République française mit Marianne

Sieg und Wiedergeburt Frankreichs

Dann folgt der Kernsatz, der parallel auf Twitter als griffige Botschaft verbreitet worden ist: ›Oui, de ce combat, la France renaîtra!‹. Das ist die Beschwörungsformel für die Wiedergeburt einer neuen Nation, die jetzt noch einmal mit Bildern von gebannten Zuhörern untermalt ist. Die gezeigten Gesichter drücken einmal mehr wahlweise ein Höchstmaß an Zustimmung oder Glückseligkeit aus, wobei alle Alters- und Geschlechtergruppen gleichermaßen berücksichtigt sind. Ja, manch ein Zuhörer hängt wie gebannt an den Lippen der selbsternannten Retterin der Nation. Aber es reicht noch nicht! Ganz zum Schluss wird nochmals tief in den Zitatenschatz der französischen Literatur gegriffen, und es erfolgt die Aneignung einer weiteren historischen Figur, die im kollektiven Gedächtnis der französischen Nation eine gewisse, indes nicht ganz so bedeutsame Rolle spielt.

Es sind die Worte ›L’espérance est un risque à courir‹, die auf den Schriftsteller Gerorges Bernanos zurückgehen und dem obligatorischen Schlussakkord ›Vive la République. Vive le Peuple. Et vive la France‹ vorausgehen. Bernanos kämpfte im Ersten Weltkrieg für Frankreich und ist später aus Ekel vor der Unterwürfigkeit seines Landes gegenüber Hitler nach Südamerika ausgewandert. Er selbst konnte aufgrund einer Verwundung nicht mehr am Krieg teilnehmen, aber zwei seiner Söhne schlossen sich den Alliierten an. Pikanterweise ist das ›Tagebuch eines Landpfarrers‹ von Bernanos eine Schrift gewesen, deren Lektüre in Deutschland zur selben Zeit einen gewissen Einfluss auf die Geschwister Sophie und Hans Scholl ausgeübt hat.

Ob das Marine Le Pen bzw. ihren Redenschreibern bekannt ist, sei dahingestellt. Ein anderer Aspekt kann dagegen mit Sicherheit als Auswahlkriterium bestimmt werden: Von Bernanos lässt sich ein unmittelbarer Bezug zu Jeanne d’Arc herstellen. So war der Schriftsteller mit Jehanne Talbert d’Arc verheiratet, die unmittelbar mit der Jungfrau von Orleans verwandt gewesen ist. Wahl des Schlusszitats und Wahl des Veranstaltungsorts finden hier demnach eine unmittelbare Entsprechung, wobei interessanterweise im gesamten Video darauf verzichtet worden ist, die Statue der Jeanne d’Arc oder das am Place de l’Opera für die Veranstaltung aufgehängte riesige Banner mit ihr nur ein einziges Mal explizit zu zeigen. Das kann man wahrscheinlich so interpretieren, dass die Figur mittlerweile so fest in der Welt der Front National-Anhänger verankert ist, dass ein solcher Verweis gar nicht mehr notwendig ist. Wer im Übrigen auch nicht in Erscheinung tritt, ist der geschasste und nicht mehr ins bürgerliche Bild der Partei passende Jean Marie Le Pen, wobei die Ursachen für sein Fehlen bekanntlich auf einer anderen Ebene zu suchen sind.

›Triumph des Willens‹ meets Pop

Was lässt sich in der Zusammenschau feststellen: Das Video ist eine perfekte Inszenierung. Man kann sich durchaus vorstellen, dass Leni Riefenstahl die Reminiszenzen an ihr legendäres eigenes Meisterstück ›Triumph des Willens‹ erkannt und auch nicht geleugnet hätte, obgleich ebenfalls anzunehmen ist, dass sie das Video als allenfalls mittelmäßige Kopie im Stil moderner Popvideos bezeichnet hätte. Die Anklänge an ›Triumph des Willens‹ sind jedenfalls unübersehbar. In technischer Hinsicht zeigen sie sich beispielsweise in mancher Kamerafahrt und im regelrechten ›Schwelgen‹ in den Gesichtern von Einzelpersonen. In inhaltlicher Hinsicht ist der Zuschnitt auf eine einzelne führende Person zu nennen, die zum zu allem entschlossenen opferbereiten Retter einer Nation stilisiert wird. Daneben treten Elemente der Popkultur, an deren Entstehen Riefenstahl ja bekanntermaßen ebenfalls nicht unbeteiligt gewesen ist und die dem Clip das Gewand eines jugendaffinen Musikclips verpassen.

Während in ›Triumph des Willens‹ allerdings Militärisches und Männlichkeit dominieren, wählen die Macher des Front National-Videos bewusst einen anderen Weg. Lässt man sämtliche näher gezeigten Personen des Videos Revue passieren, so springt eine eindeutige Fokussierung auf Frauen ins Auge. Obgleich in den Worten Marine Le Pens die laufenden und kommenden politischen Auseinandersetzungen martialisch als Kampf zur Rettung Frankreichs stilisiert werden, für die es Opfer zu bringen gilt, wird diesem ›Kampfgetöse‹ dadurch die Schärfe genommen, dass es nahezu permanent mit weiblichen Gesichtern untermalt ist. Ja, der Endkampf um Frankreich scheint fast schon rein weiblicher Natur zu sein, denn schließlich sind es auch insbesondere die historischen Frauen, die beschworen werden. Und letztendlich ist Marine ja die zukünftige Retterin aller Franzosen jedweden Geschlechts.

Botschaften an das (gebildete) Volk

Wie ist die Wirkung eines solchen hochprofessionellen Machwerks einzuschätzen? Zunächst einmal wird die Deutungshoheit über die Bilder einer für den Front National zentralen Veranstaltung beansprucht. All jenen, die an der Feier teilgenommen haben, wird quasi Gedächtnishilfe angeboten, wie es ›wirklich‹ abgelaufen ist. Kaum einer wird umhin kommen, in nostalgischen Gefühlen zu schwelgen und sich der offiziellen Sichtweise anzuschließen. Das ist deshalb so wichtig, weil die Veranstaltung, wie einige private Videos im Internet zeigen, eigentlich viel unspektakulärer abgelaufen ist, als es das Video suggeriert. Außerdem zeigen andere im Internet kursierende Videos, dass der Aufmarsch durch den Femen-Protest eine doch markante Zäsur erhalten hat. Die ›richtige‹ Erinnerung, einschließlich des Triumphs über innere Feinde, personifiziert durch die drei protestierenden Femen-Frauen, soll durch das Video zementiert werden. Alle anderen Bilder sollen dagegen verblassen, und all jenen, die nicht teilnehmen konnten, wird durch die emotionale Sogkraft des Videos dieselbe Botschaft vermittelt. Da sie keine eigene Erinnerung an die Veranstaltung haben, braucht hier jedoch nichts korrigiert zu werden. Angesichts der harmonischen Bilder mag bei manchem für solche Stimmungen empfänglichen Betrachter dann fast schon Bedauern aufkommen, an diesem geradezu epochalen Ereignis nicht selbst teilgenommen zu haben.

Damit wäre die Wirkung beim erstmaligen und vielleicht auch nur flüchtigen Betrachten beschrieben. Die subtilen Botschaften des Videos vermögen aber noch weitaus mehr: Wie schon weiter oben hervorgehoben, sind die extrem gut ausgewählten und aneinandergereihten Bilder mit entsprechend pathetischer Musik unterlegt, und sie sind zudem perfekt auf den Begleittext abgestimmt. Beschworen werden Begriffe, Symbole und historische Personen, mit denen gebildete französische Schichten durchaus etwa anzufangen wissen. In einem nicht im Video wiedergegebenen Teil ihrer Rede hat Marine Le Pen gesagt: ›Aimer la France, c’est aimer son histoire‹. Und wenige Zeilen später folgte: ›Nos élites amnésiques ont oublié notre histoire comme elles ont oublié le peuple français‹. Durch diese Formeln reiht sie sich nicht nur selbst in das gemeine Volk ein – jenes französische Volk, das die Eliten genauso vergessen haben wie die eigene Geschichte. Nein, Marine Le Pen stilisiert sich hier auch zur Bewahrerin des historischen Bewusstseins aller wahren Franzosen, was angesichts der Reformpläne der mehr als ungeschickt agierenden französischen Bildungsministerin für die Schulen im Land, die unter anderem eine Reduzierung des als elitär verschrienen Sprachunterrichts in Deutsch, Latein und Alt-Griechisch sowie Eingriffe in den Geschichtsunterricht beabsichtigen, eine gewisse Brisanz besitzt. Die Abkehr von der eigenen Geschichte wird hier demnach gleichgesetzt mit der Abkehr vom eigenen Volk. Insgesamt 13 Mal taucht der Begriff ›histoire‹ in unterschiedlichen Abwandlungen in der gesamten Rede auf, und damit wird erneut klar, warum es für den Front National so wichtig ist, auch starke Symbole der französischen Geschichte zu besetzen.

Eine im Weichspülgang befindliche Partei der extremen Rechten zielt also direkt auf die bürgerlicher Mitte der Gesellschaft. Die Botschaft an deren Vertreter lautet: Wir sind doch wie ihr die tragenden, auch intellektuell tragenden Stützen der Gesellschaft, und wer will sich da nicht anschließen, wenn Sozialisten, Republikaner und Migranten Frankreichs ökonomischen wie kulturellen Niedergang herbeigeführt haben und nach wie vor herbeiführen. Damit sind die integrativen Kräfte der Partei in den Vordergrund gestellt, und auch gegen den politischen Gegner wird ja stets nur implizit Front gemacht. So wird etwa der Femen-Protest durch das geschickte Schneiden zu einem Sinnbild für einen zwar verächtlichen, aber irgendwie auch gönnerhaften Umgang mit dem Gegner verbrämt, der sich ohnehin durch sein eigenes Handeln der Lächerlichkeit preisgibt. Die Brutalität der Sicherheitsmänner, welche die drei Femen-Frauen schließlich überwältigen und anschließend ebenfalls von der Polizei festgenommen worden sind, fällt dabei natürlich gänzlich unter den Tisch und wird empfindlichen bürgerlichen Augen vorenthalten.

Die Zukunft ist ›Bleu Marine‹?

Marine Le Pen hat nach den letzten Wahlergebnissen bedauerlicherweise zu Recht darauf hinweisen können, und wird seither nicht müde, es zu wiederholen, dass der Front National als Einzelpartei ›le premier parti de France‹ ist. Vor diesem Hintergrund muss man davon ausgehen, dass ein solches Video auf durchaus fruchtbaren Boden fällt, und das legen letztendlich schon die genannten und nach wie vor wachsenden Abrufzahlen nahe. Frankreich scheint in einer Zeit der Internationalisierung der extremen Rechten in Europa mehr und mehr eine gewisse Vorreiterrolle zukommen. In kaum einem anderen europäischen Land dürfte die Akzeptanz einer rechten Partei durch die bürgerliche Gesellschaft mittlerweile so weit fortgeschritten sein wie dort. Das lässt sich daran erkennen, dass nach jüngsten Umfragen rund 50% der Republikaner-Wähler keine Berührungsängste mehr mit dem Front National haben (Für weitere Informationen zur Entwicklung des Front National, allerdings auf der Basis von 2014, s. ein Video des Göttinger Instituts für Demokratieforschung). Warum das so ist, kann und soll hier nicht vertieft und beurteilt werden. Was hier allerdings beurteilt werden soll, ist das gesteigerte Qualitätsniveau der Bilder, die hier einem geneigten oder noch nicht geneigten, aber ebenso dem ablehnenden Publikum präsentiert werden und insofern dem weiteren Aufstieg der Partei dienen sollen.

Die Qualitätssteigerung fällt deutlich ins Auge, wenn man sich das Video von der Mai-Veranstaltung ein Jahr zuvor anschaut (Link zum Video). Bestimmte Versatzstücke in der Choreographie ähneln sich, andere sind hingegen weggelassen. Aber der neue Clip erzählt vor allem eine stringente Geschichte, die im vorangegangenen Video noch fehlt. Es ist die Geschichte einer ebenso kämpferischen wie selbst gegenüber der eigenen Familie opferbereiten Frau, deren Weg an die Spitze der Grande Nation kaum mehr aufhaltbar zu sein scheint. Jetzt werden auch die fehlenden expliziten Verweise auf Jeanne d’Arc verständlich: Marine ist die neue Jeanne und wird Frankreich retten (nachdem sie den Vater mittlerweile endgültig politisch entsorgt hat).

Vorbild für andere Rechte in Europa?

Ob das so ist, wird die Zukunft erweisen, aber der Anspruch ist formuliert und unbedingt ernst zu nehmen. Angesichts der starken Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich und ihrer Bedeutung für Europa sind die Sprengkraft einer solchen Entwicklung und die mögliche Auswirkungen auf die deutsche und europäische Politik sicherlich kaum zu unterschätzen. Während weite Teile der Kritiker von neurechten Bewegungen dem alten Schema verhaftet bleiben, diese wären gewissermaßen nur für die Verlierer und Dummen der Gesellschaft attraktiv, hat der Front National intellektuell erstaunlich aufgerüstet und vermag mittlerweile seine nach wie vor einfachen Botschaften in perfektionierten, komplexen Inszenierungen propagandistisch aufzubereiten und unter fast alle Bürger Frankreichs zu bringen. Auffällig ist dabei, mit welcher Konsequenz gerade historische Themen oder Symbole besetzt werden, die zwar ursprünglich auch in anderen, bisweilen sogar allen gesellschaftlichen oder politischen Gruppen akzeptiert waren, mittlerweile aber kaum mehr als besonders identitätsstiftend oder wertvoll erachtet werden, weil sie mitunter schlichtweg in Vergessenheit geraten sind oder als entbehrlich gelten. In diese ›Leerstellen‹ ist der Front National einem Raubzug gleich vorgedrungen, und wird sich die Symbole auch nicht mehr wegnehmen lassen.

Ein solches Vorgehen, zumal wenn es so erfolgreich ist, findet zweifellos Nachahmer, und so sind solche in anderen europäischen Ländern vereinzelt schon auf den Plan getreten. Die dreiste Aneignung und Umdeutung der so genannten Wirmer-Fahne von 1944 durch deutsche Neurechte ist nur eines von vielen Beispielen, die sich auch hierzulande anführen lassen, aber noch weit von jener Professionalisierung entfernt sind, wie man sie in Frankreich beobachten kann. Dennoch ist es sicherlich nicht verkehrt, solchen Entwicklungen schon früh entgegenzutreten, was eine Gesellschaft jedoch nur kann, wenn sie sich ihrer gesamten Geschichte und damit solcher Ereignisse und Symbole bewusst ist.

Dass es hier von historischer Seite durchaus Nachholbedarf gibt, ließ sich beispielsweise unlängst einem Artikel in der Südwest-Presse entnehmen, der sich aus aktuellem Anlass der Vermittlung der Bismarck-Ära in baden-württembergischen Schulen widmete und in dem der ›Zwiespalt als Lernziel‹ regelrecht abgefeiert worden ist. Eine Zwischenüberschrift lautete: ›Der Fokus liegt mehr auf Beurteilen als auf Faktenwissen‹, wo sich dem mitdenkenden Leser sofort die Frage aufdrängt, wie man einen Sachverhalt ohne Kenntnis von Fakten eigentlich richtig beurteilen kann. Zu welch kruden Äußerungen das führt, konnte man dann auch im Artikel selbst nachlesen. Ein Lukas zog dort eine erstaunliche Parallele von Bismarck zu Angela Merkel, indem er beiden eine gute Außenpolitik attestierte, wohingegen in der Innenpolitik nur wenig passiert wäre. Nun, wenn man die Fakten eben nicht kennt, dann kann man natürlich zu solchen Urteilen gelangen – und dann ist der Weg dahin vielleicht auch nicht mehr allzu weit, dass einem irgendwann irgendjemand wieder eine ganz andere Geschichte seines eigenen Landes erzählt.

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