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Judith Wonke | 10.05.2018 | 2230 Aufrufe | 8 | Interviews

„Und was machst du jetzt mit deinem Studium?“

Interview mit Martin Streicher zur AG Wissen schafft Karriere

AbsolventInnen geisteswissenschaftlicher Disziplinen ist die Frage "Und was machst du jetzt mit deinem Studium" in der Regel nur zu gut bekannt. Um eine Berufsorientierung bereits im Studium zu stärken und ehemaligen Studierenden den Übergang von der Universität in das Berufsleben zu erleichtert, wurde im Rahmen des Deutschen Archäologen-Verbandes e.V. die Arbeitsgemeinschaft "Wissen schafft Karriere" gegründet. In einem Interview haben wir mit dem Sprecher der AG, Martin Streicher, über seinen persönlichen Berufsweg, typische Fragen der Studierenden und was er diesen rät gesprochen. 

"Von vielen AbsolventInnen werden fachbezogene Stellen in der Archäologie angestrebt"

L.I.S.A.: Herr Streicher, Sie sind Sprecher der neu gegründeten  Arbeitsgemeinschaft „Wissen schafft Karriere“. Was ist das Ziel dieser AG?

Streicher: Ziel unserer AG des Deutschen Archäologen-Verbandes e.V. ist es, die Bedeutung der Berufsorientierung in den archäologischen Fächern bereits während des Studiums zu stärken. Wir betrachten hierbei die verschiedenen Berufsfelder, unabhängig davon, ob sie fachlich, fachnah oder fachfern sind, als gleichwertige Karriereoptionen für AbsolventInnen der archäologischen Disziplinen.

Unsere Zielgruppen sind zum einen die Studierenden selbst, denen wir eine frühzeitige berufliche Orientierung, auch außerhalb des in vielen Fällen gut bekannten universitären Rahmens, ermöglichen wollen. Zum anderen möchten wir StudienberaterInnen und Dozierende für das Thema der Berufsorientierung sensibilisieren. Aktuell bieten wir zwei Workshops an, die speziell auf die jeweilige Gruppe zugeschnitten sind. Des Weiteren planen wir die Bereitstellung von Materialien mit Informationen, Bibliographien sowie Vorstellung von Beratungs- und Veranstaltungsformaten.

L.I.S.A.: Warum ist es grade für AbsolventInnen der archäologischen Disziplinen wichtig, eine Berufsorientierung frühzeitig in Angriff zu nehmen?

Streicher: Das Studium eines archäologischen Faches wird häufig nicht wegen Karriere- und Verdienstmöglichkeiten begonnen, sondern aufgrund einer großen Leidenschaft zur Thematik. In der Folge werden von vielen AbsolventInnen häufig sehr stark fachbezogene Stellen in der Archäologie beispielsweise an der Universität oder im Museum angestrebt.

Doch nur die wenigsten von ihnen arbeiten später tatsächlich als ArchäologIn. Selbst mit einem sehr guten Studienabschluss ist der Verbleib in den archäologischen Disziplinen nicht garantiert. Es herrscht eine deutliche Diskrepanz zwischen der Anzahl an AbsolventInnen (auf allen Stufen) und Vakanzen im Fach. Deshalb können mitunter auch sehr engagierte AbsolventenInnen nicht im Wissenschaftsbetrieb weiter beschäftigt werden, was häufig – in meinen Augen irrtümlich – als persönliches Scheitern empfunden wird. Dass es sehr erfüllende Berufe auch außerhalb der Archäologie gibt, die häufig mit sichereren, unbefristeten und besser bezahlten Beschäftigungsverhältnissen einhergehen können, wird von vielen erst sehr spät wahrgenommen. Eine frühzeitige, studienbegleitende Berufsorientierung ermöglicht den Studierenden ihr Studium auf ihre individuellen Karrierewünsche anzupassen - eine Option, die nach dem Studium deutlich eingeschränkter ist.

"Die persönliche Beratung der Studierenden ist ein ganz zentraler Aspekt"

L.I.S.A.: Wie soll die Berufsorientierung während des Studiums umgesetzt werden? Was sind beispielhafte Veranstaltungen?

Streicher: Die Berufsorientierung im Studium sollte mittels verschiedener Formate erfolgen und von unterschiedlichen Akteuren angeboten werden. Nicht jede oder jeden erreicht man beispielsweise mit der Bereithaltung von Listen potentieller Berufsfelder. Da Berufsorientierung immer einen großen Anteil individueller Komponenten beinhaltet, ist die persönliche Beratung der Studierenden ein ganz zentraler Aspekt.

Seit vielen Jahren bieten Career Center, Career Service-Einrichtungen oder Graduiertenzentren Berufsorientierungs- und Karriereberatungen an. Seltener – und dies ist ein Punkt, den unsere AG „Wissen schafft Karriere“ deutlich stärken möchte – wird das Thema aktiv von den FachstudienberaterInnen angeboten. Eine positive Zusammenarbeit dieser beiden Gruppen und ihrer unterschiedlichen Expertisen bietet große Synergieeffekte, die es zu nutzen gilt, sei es durch die Weiterleitungen der Ratsuchenden als auch durch Abstimmung von Veranstaltungen und Informationen.

Ein weiteres Format, das von Studierenden gut angenommen wird, ist die Berufsinformationsveranstaltung. Bei dieser referieren Personen unterschiedlicher Professionen aus ihrem beruflichen Alltag, skizzieren ihre Werdegänge und tauschen sich mit den Studierenden aus. Diese bietet sich besonders für Karrierewege außerhalb der universitären Wissenschaft an, die den Studierenden – und eben auch den Dozierenden an den Universitäten – häufig nur unzureichend präsent sind. Gerade auf diesem Gebiet können solche Veranstaltungen neue Impulse bei den Studierenden setzen. Dies zeigt sich beispielhaft an der Bonner Universität, an der ich meine Doktorarbeit schreibe. Dort gibt es für promotionsinteressierte Masterstudierende und Promovierende geisteswissenschaftlicher Fächer die Veranstaltungsreihe „Doktorhut – alles gut?! Karriereperspektiven nach der Promotion in den Geisteswissenschaften“. Hier stellen promovierte GeisteswissenschaftlerInnen ihre Karrierewege außerhalb der üblichen universitären Laufbahn vor, darunter auch einige Altertumwissenschaftler.

An der Universität Mainz erprobe ich aktuell ein neues Format, das die Berufsorientierung im Rahmen einer Lehrveranstaltung thematisiert und den Studierenden mit Leistungspunkten anerkannt wird. Die Übung verbindet methodische Ansätze der Kompetenzanalyse und Selbstklärung, grundlegende Informationen zu Qualifikation(sweg)en, Berufsfeldern und Stellenausschreibungen, sowie Termine bei potentiellen Arbeitgebern und den Austausch mit Experten aus verschieden Tätigkeitsbereichen. Die große Nachfrage und rege Beteiligung der Studierenden hat mich sehr gefreut, zumal das Thema Berufsorientierung so auch optional in den Lehrplan integriert werden kann. Wichtig ist hier darauf hinzuweisen, dass diese Lehrveranstaltung nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zur Beratung konzipiert ist. Es soll den TeilnehmerInnen zu Anregungen für die persönliche Gestaltung des Studiums und der Wahl von Praktikumsplätzen dienen, wodurch sie sich schrittweise dem für sie passgenauen Beruf schon während des Studiums annähern können.

„Was möchte ICH beruflich machen?“

L.I.S.A.: Wie haben Sie persönlich den Eintritt in die Berufswelt erlebt? Hätten Sie sich Veranstaltungen dieser Art während Ihres Studiums gewünscht?

Streicher: Meine eigenen Erfahrungen mit der Berufsorientierung im Studium oder besser deren Mangel, ist ein wesentlicher Punkt, weshalb ich mich – und dies gilt auch für einige meiner MitstreiterInnen – in der AG sowie im universitären Alltag für dieses Thema engagiere.

Meine persönliche Berufsorientierung erfolgte ausschließlich im universitären Umfeld (der ‚typische‘ Automatismus: BA – MA – Dissertation – Habilitation – Professur). Darüber hinaus gerieten höchstens noch Grabungsfirmen und Museen ins Blickfeld. Das weite Spektrum an Tätigkeitsfeldern, für das ein kultur-/geisteswissenschaftliches Studium qualifiziert, habe ich erst im Nachgang kennen und schätzen gelernt. So bin ich in der glücklichen Lage, nach dem Abschluss meiner Promotionsarbeit, an der ich aktuell neben meiner Tätigkeit als Studienberater schreibe, mir den verschiedenen Karrieremöglichkeiten bewusst zu sein. Eine frühere Unterstützung bei der beruflichen Orientierung hätte mir, aber auch Bekannten und FreundInnen aus meinem privaten Umfeld, sicherlich dabei geholfen, einen konkreten Karriereweg strukturiert zu verfolgen.

L.I.S.A.: Was sind typische Fragen von Studierenden der Archäologie? Welche Tipps haben Sie?

Streicher: Gerade als StudentIn der Archäologie bekommt man von anderen oft die Frage gestellt „Und was machst du jetzt mit deinem Studium?“, sodass dies die Studierenden selbst viel beschäftigt. Sie sollten jedoch vielmehr versuchen dazu überzugehen, sich selbst zu fragen „Was möchte ICH beruflich machen?“. Dies ist kein einfacher Schritt, da er erfordert, sich zunächst mit sich selbst und den konkreten individuellen Berufskriterien auseinanderzusetzen, bevor man sich im Rahmen einer strukturierten Recherche mit den Zugangsvoraussetzungen, dem Stellenmarkt, den Stellenausschreibungen und dem Bewerbungsprozess befassen kann. Doch die Selbstklärung/Standortbestimmung ist elementar für die Berufsorientierung und man nähert sich durch das Festhalten der eigenen Wünsche, Stärken und Bedingungen erstaunlich schnell dem eigenen, erfüllenden Karriereweg.

Martin Streicher hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Kommentar

von Quentin Quencher | 10.05.2018 | 11:18 Uhr
Sorry, ich habe nach wenigen Sätzen abgebrochen dies hier zu lesen. Derart gegenderte Texte sind einfach eine Zumutung für den Leser.

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von Claudia Strachan | 10.05.2018 | 16:37 Uhr
Ich finde das nicht. Das Interview ist relevant und interessant, und ich mag den Tipp, sich zu fragen, was will ICH eigentlich machen. Zu oft verirren sich gerade Absolvent/innen eines so spezialisierten Studiums in Berufe, die sie nicht wirklich ausüben wollen, aus lauter Panik, jetzt sei es aber Zeit zum Geld verdienen. Ich würde als Rat noch hinzufügen, dass Berufe bzw. Karrieren auch gewechselt oder adaptiert werden können. #NeverTooOld

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von Kerstin Krüger | 11.05.2018 | 10:16 Uhr
Relevant ist das Thema, aber das Interview ist da was die Problemaufstellung angehtklar, aber alles folgende bleibt schwamming und nichtssagend. Die entscheidende Aussage ist die (und gilt nicht nur für Archäologie): "Doch nur die wenigsten von ihnen arbeiten später tatsächlich als ArchäologIn. Selbst mit einem sehr guten Studienabschluss ist der Verbleib in den archäologischen Disziplinen nicht garantiert. Es herrscht eine deutliche Diskrepanz zwischen der Anzahl an AbsolventInnen (auf allen Stufen) und Vakanzen im Fach. Deshalb können mitunter auch sehr engagierte AbsolventenInnen nicht im Wissenschaftsbetrieb weiter beschäftigt werden." Was also konkret tun...diese viel zu spät gestellte Frage, was will ICH eigentlich müsste evtl. mal vorher gestellt werden...

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von Studierender | 15.05.2018 | 13:05 Uhr
Ich muss mich Frau Krüger anschließen. Es ist definitiv ein wichtiges Thema, welche viele Absolventen, nicht nur archäologischer Disziplinen, beschäftigt. Ich gehe aber einen Schritt weiter und möchte sagen, dass hier wiedermal ein typisches Vorgehen in den Arbeitsgruppen des DArV zu sehen ist. Ich möchte nicht die Arbeit von Herrn Streicher oder anderen Beteiligten dieser Arbeitsgruppe schlecht reden. Trotzdem wird hier zwar ein Problem thematisiert, dennoch keinesfalls konkrete Lösungen angeboten. Es ist schön die Ziele der AG aufzuzeigen, trotzdem stellt sich auch mir die Frage nach deren Umsetzung.

Die Sorgen um Studierende und Absolventen wirken, meines Erachtens, größtenteils fadenscheinig. Wer einen Einblick in den universitären Alltag der Archäologie hat, weiß, dass Projekte nur damit umgesetzt oder gestemmt werden können, wenn engagierte Studierende mit schlecht bezahlten HiWi-Jobs oder entgeltfreien Prakika beschäftigt werden. Dies wird als lukrative Zusatzausbildung angepriesen und man gaukelt den Studenten vor, dass man dadurch eine Chance auf eine tolle Anstellung in der Archäologie besitzt. Studierende, welche kein Glück mit einer HiWi-Stelle haben, werden keineswegs anständig bzgl. einer Karriere außerhalb der Wissenschaft beraten. Herr Streicher hat das Schlagwort bereits genannt, was viele mit einer Karriere außerhalb der Universität oder dem Museum assoziieren: "Grabungsfirma". Dies resultiert darin, dass den Beratungsjob oft die Universitäten selbst übernehmen. Diese Career-Service Zentren haben aber zumeist garkeine Ahnung, welche Qualifikationen einen Archäologen ausmachen. Ich selbst habe schon Studienberater erlebt, welche gänzlich von der Archäologie abgeraten haben, da es eine Sackgasse sei.

Dies zeigt mir, dass das Problem nicht hauptsächlich an der Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage liegt. Ich sehe vielmehr die Schwierigkeit, dass die gesamte Archäologie einen Wechsel im System benötigt. Man müsste die Studierenden breiter ausbilden, antike Strukturen abschaffen (auch wenn man sich deren Studium widmet) und endlich im 21. Jahrhundert ankommen. Angestaubte Hierarchien, welche in anderen Disziplinen vor Jahrzehnten beseitigt wurden, existieren bis heute in der Archäologie und schaden dem ganzen Fachbereich. Studierenden und Absolventen fehlt es meist an den notwendigsten "basic skills" unserer Zeit (grundlegende EDV-Kenntnisse, Betriebswirtschaftliche Grundlagen, etc.). Professoren müssen endlich einsehen, dass man Studierende auch hinsichtlich Öffentlichkeitsarbeit, Projektmanagement, Betriesbwirtschaftliche Grundlagen und Informatik ausbilden muss. Es müsste zudem mehr nach außen gearbeitet werden. Der DArV soll nicht nur Diskussionsforen anbieten sondern auch Fachmessen, Jobmessen, etc. Der Fachbereich muss sich endlich attraktiver an staatliche Institutionen und an den privaten/wirtschaftlichen Sektor verkaufen. Mit einer reinen AG "Wissen schafft Karriere" wird sich, meiner Meinung nach, erneut keine Verbesserung, geschweige denn Veränderung zeigen. Bereits in anderen Belangen hat sich der DArV dahingehend als eingerostet und verstaubt präsentiert (Berufsverband, Wissenschaftszeitvertragsgesetz).

Abschließend hoffe ich dennoch, dass Herr Streicher mit seiner AG Erfolg haben wird. Trotzdem möchte ich an ihn appelieren, dass die ganze Diskussion nicht nur auf die Studierenden oder Absolventen abgeladen wird ( Stichwort: "was will ICH"). Ich persönlich nehme das Lehrpersonal und die Institutsleiter verstärkt in die Pflicht. Diese tragen definitiv Mitschuld an der Situation des Arbeitsmarktes. Würde man die Studierenden offener und gemäß den wirtschaftlichen und technischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts ausbilden, würde sich vielleicht oft die Frage "Was kommt nach meinem Studium?", garnicht erst stellen. Außerdem wäre ein verstärktes und gemeinsames Auftreten in arbeitsrelevanten und politischen Fragen wünschenswert (teilweise sprechen die archäologischen Disziplinen nichtmal im Hause untereinander).

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von Patricia Arlt | 16.05.2018 | 13:57 Uhr
Diskutiert doch auch hier mit...denn genau darum geht es:

https://www.beruf-archaeologie.dguf.de/

Was muss sich ändern, damit das Berufsfeld „Archäologie“ funktioniert. Prima, dass der DArV hierfür eine AG hat...aber nicht nur die Studenten wollen ohne Existenzangst in die Zukunft blicken.

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von Martin Streicher | 17.05.2018 | 13:02 Uhr
Vielen Dank für die vielen Hinweise. Wir nehmen die Anregungen mit in die AG-Sitzungen auf. Uns geht es in der AG gerade auch im die Sensibilisierung der Dozierenden für die Fragen der Berufsorientierung. Daher bieten wir am 21. Juni 2018 in Kassel einen Workshop für Dozierende an. Man kann sich bis zum 31. Mai anmelden:

https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/archaeologiestudium_und_dann_berufsorientierung_in_der_studienberatung_archaeologischer_faecher?nav_id=7553


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von Volontärin | 18.05.2018 | 12:34 Uhr
Ich muss dem Studierenden Recht geben.
Es tun sich nach dem Studium andere Fragen auf, als "was will ich?".
Es geht mehr darum, wo man überhaupt hin kann? Wie soll man bei schlecht bezahlten, befristeten Jobs ein Familie haben können? Kann man sich ein 2. Standbein schaffen und dennoch Archäologe bleiben? Gibt es dafür Vorbilder?

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von Alex Schneider | 05.09.2018 | 12:47 Uhr
Danke für diesen Beitrag. Auf meinem Blog habe ich eben auch einen neuen Artikel rund ums Masterstudium: https://schriftle.com/blog/masterstudiengang-waehlen

Freue mich auf jeden Besuch!

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