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Judith Wonke | 26.06.2018 | 1864 Aufrufe | Interviews

Berufsperspektiven in den Geisteswissenschaften

Interview mit Doris Gutsmiedl-Schümann und Katharina Herrmann

Wann lohnt sich eine Promotion und wann ist sie gar unbedingt nötig? Welche Berufsfelder eröffnen sich durch einen Doktortitel? Was gibt es außerhalb der universitären Lehre und Forschung? Diese Fragen sind es unter anderem, die am Ende einer geisteswissenschaftlichen Promotion stehen. Die Veranstaltung "Doktorhut - alles gut?!", die im April an der Universität in Bonn stattfand, versuchte Antworten auf diese Fragen zu geben. Wir haben Dr. Doris Gutsmiedl-Schümann und Dr. Katharina Herrmann, die an der Veranstaltung mitwirkten, um ein Interview gebeten. 

Dr. Doris Gutsmiedl-Schümann (l.) und Dr. Katharina Herrmann (r.)
Copyright: Universität Bonn / Frommann

"Kompetenzen, die sich in vielen Bereichen einsetzen lassen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Gutsmiedl-Schümann, Frau Dr. Herrmann, Sie waren an der Veranstaltung “Doktorhut – alles gut?!“ beteiligt, die in diesem Jahr zum vierten Mal in Folge stattfand. Was hat Sie veranlasst, an dieser Veranstaltung mitzuwirken?

Dr. Gutsmiedl-Schümann: Geisteswissenschaftliche Studiengänge bereiten in der Regel nicht auf ein bestimmes Berufsbild vor, sondern sie vermitteln anhand eines Fachgebietes Kompetenzen, die sich in vielen Bereichen einsetzen lassen bzw. in vielen Bereichen anwendbar sind. Diese Vielfalt der beruflichen Möglichkeiten eröffnet auf der einen Seite große Freiräume, führt aber auch zu großer Unsicherheit.

Ich bin seit Jahren in der Studienberatung tätig, und bekomme durch diese Tätigkeit auch mit, wie viele Gedanken sich die Studierenden schon von Beginn ihres Studiums an um ihre spätere Berufstätigkeit machen. Dabei nehmen die Fragen in Laufe der Zeit eher zu, und werden komplexer. Daher finde ich es gut, dass es Veranstaltungen wie "Doktorhut - alles gut?!" gibt, die Masterstudierenden dabei helfen soll, zu entscheiden, ob eine Promotion und die sich daraus ergebenden Optionen das Richtige für sie ist, und Promovierenden Möglichkeiten und Wege aufzeigt, wie es nach der Arbeit an der Dissertation beruflich weitergehen kann. Oft ist es dann auch die Perspektive, die Aussicht auf das "danach", die Promovierenden den entscheidenden "Kick" gibt, um ihre Doktorarbeit auch fertigzustellen.

Dr. Herrmann: Das Konzept der Veranstaltung hat mir sofort eingeleuchtet. Einen Überblick über Berufschancen nach der Promotion zu geben und auch konkrete Berufsbilder zu beleuchten, ist sowohl für Absolventen als auch für Promovierende ein wirklich attraktives Angebot. Außerdem habe ich mich gefreut, einmal wieder an der Universität Bonn zu sein, wo ich meine ersten beiden Studienjahre verlebt habe.

"Eine Investition vor allem in sich selbst"

L.I.S.A.: Welche Tipps geben Sie den anwesenden Studierenden, die sich für einen Doktor interessieren – Wann lohnt sich überhaupt eine Promotion?

Dr. Gutsmiedl-Schümann: Das kommt darauf an, was der oder die Einzelne unter "es lohnt sich" versteht. Wenn sich eine Promotion und ein Doktortitel vor allem in einem vergleichsweise höheren Gehalt auszahlen sollen, dann kommt das auch sehr auf das Fach an, ob dies der Fall sein wird.

Allerdings "lohnt" sich eine Promotion sowohl in persönlicher, als auch in wissenschaftlicher Hinsicht meines Erachtens immer: Durch die Arbeit an einer Dissertation wird Promovierenden die Chance gegeben, sich über einen längeren Zeitraum hinweg intensiv und vertiefend mit einem Thema auseinanderzusetzen, und sich in einem kleinen Gebiet zu Expertinnen und Experten zu entwickeln. Diese Erfahrung, dieses Gefühl, in einem Bereich nicht nur mitreden zu können, sondern die eigene Disziplin in diesem Themenbereich auch ein Stückchen weiterzubringen, gibt auch Selbstbewusstsein für den späteren Berufweg. Zudem können Promovierte mit Ihrem Doktortitel unter Beweis stellen, dass sie in der Lage sind, ein umfangreiches und vielschichtiges Projekt eigenverantwortlich zu bearbeiten und fertigzustellen.

Dr. Herrmann: Eine geisteswissenschaftliche Promotion ist eine Investition vor allem in sich selbst. Natürlich ist es schön, später einen Titel führen zu können, viel wichtiger ist aber, dass man wertvolle Kompetenzen für den späteren Beruf und natürlich für das Leben überhaupt erwirbt.  Wer sich drei Jahre intensiv und oft genug ganz alleine mit komplexen Fragestellungen auseinandersetzt, schult sein Durchhaltevermögen, lernt Arbeitsorganisation, Eigenständigkeit, das Abwiegen zwischen verschiedenen Positionen, das Überzeugen kritischer Stakeholder und vieles andere mehr!

"Schnittstellen zwischen (Fach)Wissenschaft, Lehre, Studierenden und Verwaltung"

L.I.S.A.: Wie ist die Veranstaltung von den Studierenden aufgenommen worden? Gibt es Fragen, die besonders oft gestellt wurden?

Dr. Gutsmiedl-Schümann: In meinem Workshop ging es um berufliche Optionen an der Universität, inbesondere jenseits des klassischen Weges zur Professur. Ich habe hier unter anderem aufgezeigt, welche Optionen sich v.a. in den in den letzten Jahren immer häufiger an Schnittstellen zwischen (Fach)Wissenschaft, Lehre, Studierenden und Verwaltung ergeben. Durch eine Stelle als Studiengangsmanagerin für die archäologischen Bachelor- und Masterstudiengänge, die ich einige Jahre an der Universität Bonn innehatte, kann ich hier auch aus eigener Erfahrung berichten. Leider sind auch diese Stellen oft befristet. Besonders oft wurde mir daher die Frage gestellt, wie ich persönlich damit umgegangen bin, dass meine beruflichen Engagements nach der Promotion bis jetzt immer nur befristet waren.

Dr. Herrmann: Die Teilnehmer habe ich als sehr aufgeschlossen und fragefreudig erlebt. Besonders viel Interesse gab es an allen Aspekten des konkreten Arbeitsalltags, also etwa dem Ablauf eines typischen Tages, an einzelnen Arbeitsaufgaben oder Zeitanteilen unterschiedlicher Aufgaben. All das, was eben nicht in den Stellenanzeigen steht...

"Erste Erfahrungen in Branche oder Funktion erleichtern daher den Start"

L.I.S.A.: Wie bewerten Sie Ihre eigene Promotion? Hat diese Sie auf Ihrem beruflichen Weg weitergebracht? Und wie haben Sie den Einstieg in die Berufswelt geschafft?

Dr. Gutsmiedl-Schümann: In meinem Fach, der Prähistorischen Archäologie, ist eine Promotion nach wie vor Vorausstetzung, um dauerhaft in diesem Bereich - sowohl innerhalb als auch außerhalb der Universität - arbeiten zu können. Daher wären mir viele Berufswege ohne Promotion verschlossen geblieben. Ich hatte zudem das Glück, mit meiner Dissertation in einem interdisziplinären Umfeld arbeiten zu können, und hatte in meiner wissenschaftlichen Tätigkeit mit Kolleginnen und Kollegen aus vielen Nachbarwissenschaften, z.B. aus Restaurierung und Anthropologie, zu tun.

Das Ende der Promotionszeit und der Übergang ins Berufsleben erfolgten bei mir verhältnismäßig fließend: Während ich mich auf die Verteidigung meiner Doktorarbeit vorbereitet habe, habe ich auch einen ersten Lehrauftrag durchgeführt, und damit einen Einstieg in die Hochschullehre gefunden; kurz nach der Verteidigung meiner Doktorarbeit konnte ich eine Elternzeitvertretung einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin übernehmen, und habe dadurch die Universität nicht nur als als Stätte des Forschens, Lernens und Lehrens kennengelernt, sondern auch als Arbeitgeber.

Dr. Herrmann: Für meinen Einstieg ins Berufsleben waren vor allem meine Praktika hilfreich. Ein guter akademischer Abschluß, gerne auch inklusive Promotion, ist wichtig, Unternehmen möchten aber sicher sein, daß die neue Kollegin oder der neue Kollege anpacken und praktische Probleme schnell und effizient lösen können und nicht direkt aus dem Elfenbeinturm kommt. Erste Erfahrungen in Branche oder Funktion erleichtern daher den Start auf beiden Seiten.

"Zeit und Möglichkeiten, an sich selbst zu arbeiten"

L.I.S.A.: Gibt es etwas, das Sie rückwirkend gern vor Ihrer Promotion gewusst hätten?

Dr. Gutsmiedl-Schümann: Zwei Dinge hätte ich gerne vorher gewusst: Zum einen, wie wichtig und tragfähig - längerfristig gesehen - die Kontakte waren und sind, die ich damals zu anderen Doktorandinnen und Doktoranden geknüpft habe. Zum anderen, dass das Thema einer Dissertation erst nach dem Abschluss und der Veröffentlichung der Doktorarbeit im Fach so richtig wahrgenommen wird, und man daher erst ab einem Zeitpunkt, zu dem man selbst das Thema der Dissertation sowohl inhaltlich als auch emotional als abgeschlossen empfindet, und sich mit anderem, neuem Themen beschäftigen möchte, dass man erst ab dann in der Fachwelt als Expertin oder Experte für sein Dissertationsthema wahrgenommen wird.

Dr. Herrmann: Vor der Promotionszeit habe ich – verständlicherweise – im Wesentlichen über das Thema meiner Arbeit nachgedacht und dafür einen guten Betreuer gesucht. Welch‘ eine Chance die Phase der Doktorarbeit ist, habe ich erst später verstanden. Statt nur einen Arbeitsplan zu erstellen, rate ich daher allen Promovierenden, gleich einen Entwicklungsplan daraus zu machen: mit allen Dingen, die man lernen, ausprobieren, erleben möchte. Soviel Zeit und Möglichkeiten, an sich selbst zu arbeiten, hat man später im Beruf nie wieder.

Dr. Gutsmiedl-Schümann und Dr. Herrmann haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Weitere Informationen zur Berufsorientierung in den Geisteswissenschaften

Um eine Berufsorientierung bereits im Studium zu stärken und ehemaligen Studierenden den Übergang von der Universität in das Berufsleben zu erleichtert, wurde im Rahmen des Deutschen Archäologen-Verbandes e.V. die Arbeitsgemeinschaft "Wissen schafft Karriere" gegründet. In einem Interview haben wir mit dem Sprecher der AG, Martin Streicher gesprochen. 

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