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Fachschaftsrat Archäologie Leipzig | 26.06.2014 | 3270 Aufrufe | 4 | Artikel

Sechs Monate Protest in Leipzig

Eine Zwischenbilanz

Ein halbes Jahr ist vergangen, seitdem das Rektorat der Universität Leipzig am 21.01.14 u.a. die Schließung des Instituts für Klassische Archäologie und des Instituts für Theaterwissenschaft verkündete. Die Kürzungen basieren auf den Beschlüssen des Sächsischen Landtages, insgesamt 1.042 Stellen bis 2020 an den Sächsischen Hochschulen zu streichen. Davon müssen allein 300 an der UL gekürzt werden. Diese Pläne basieren auf den falsch prognostizierten sinkenden Studierendenzahlen in Sachsen. Trotz der deutlich erkennbaren Diskrepanz zwischen Prognose und Realität hält man an den Sparplänen eisern fest. Die Auswahl der zu streichenden Stellen erfolgt durch das Rektorat selbst, eine Folge der “Hochschulautonomie“ des Sächsischen Hochschul“freiheits“gesetzes. Schließlich ist bei der derzeitigen Haushaltslage und den bisher abgebauten Stellen eine qualitätvolle Lehre an der UL schon kaum noch möglich. Weitere Kürzungen haben daher absolut katastrophale Folgen. Im Einzelfall bedeutet dies, dass der einzige Studiengang für Archäologie in Sachsen geschlossen wird. Dadurch fehlt dem sächsischen Staat mittelfristig der wissenschaftliche Nachwuchs - auch für das vor kurzem eröffnete smac.

Schnell formierte sich eine massive Protestwelle der Studierenden gegen die sächsische Sparpolitik - eine Vielzahl von Aktionen, wie z. B. die Bannerenthüllung am Krochhochhaus ("Ohne Bildung und Kultur wird Sachsen zum Unland"). Bei der von Studierenden der Archäologie organisierten Podiumsdiskussion trafen Vertreter der Landesregierung und des Rektorats öffentlich aufeinander. Schon hier wurde deutlich, dass der berühmte „Schwarze Peter“ zwischen beiden Lagern hin und her geschoben wird. Sollten alle Kürzung wie geplant umgesetzt werden, so würde von der Sächsischen Hochschullandschaft und der Alma Mater wohl nur noch ein Häufchen Asche übrig bleiben - wie bei der Prozession und Brandbestattung zur Museumsnacht.

Verschärft wird die Lage an der UL dadurch, dass die Rektorin, Prof. Dr. Beate Schücking, bei der Auswahl der Stellenstreichungen keine inhaltlichen Argumente liefert. Ihr Handeln ist von Konzeptlosigkeit und Inkompetenz geprägt. Bei der bereits erwähnten Podiumsdiskussion erklärte sie gegenüber dem Leiter des Instituts für Klassische Archäologie, Prof. Dr. H.-U. Cain: „Wären sie zehn Jahre jünger gewesen, würde die Archäologie nicht zur Debatte stehen“. Ebenso ist sie sowohl dem Hochschulrat als auch dem SMWK seit ihrem Amtsantritt jeden Haushaltsbericht schuldig geblieben. Dies bestätigte auch die Wissenschaftsministerin Sabine von Schorlemer gegenüber Vertretern der Archäologie Leipzig bei der Eröffnung des smac, einen Anlass, den die Studierenden nutzten, um auch einem zukünftigen Arbeitgeber, nämlich der Landesarchäologie sowie allen interessierten Besuchern zu zeigen, was in Leipzig beschlossen wurde und welche Konsequenzen das hat.

Die Ministerin erklärte weiterhin, dass sie sich immer für die Stärkung und den Erhalt sog. „Kleiner Fächer“ eingesetzt und dies auch in den Zielvereinbarungen festgeschrieben habe. Dabei stellt sich jedoch die Frage, warum denn überhaupt so massive Kürzungspläne zustande kamen und immer die zuerst die „Kleinen Fächer“ gekürzt/amputiert werden. Denn auch wenn mit den „Kleinen Fächern“ nicht die Hauptschlagader getroffen ist, so ist die Vielzahl der Amputationen inzwischen lebensbedrohlich. Die Rektorin betonte: „Wir haben keinen Speck mehr, den man einfach wegschneiden kann. Inzwischen sind wir bei den Muskeln angelangt und amputieren ganze Muskelgruppen. Und das obwohl wir bewiesen haben, dass unsere Anziehungskraft ungebrochen ist.“

Konträr zum Vorhaben der Ministerin die kleinen Fächer zu unterstützen, ist jedoch ihre Ansage in der Debatte des Sächsischen Landtags am 19.06.14, die 56 Millionen Euro, welche den Ländern jedes Jahr zusätzlich zur Hochschulförderung zustehen werden (Bafög-Entlastung) für die Anschaffung von Großgeräten und den Ausbau der Hochschulinfrastruktur zu nutzen. „Was nützt es, neue Geräte anzuschaffen, wenn niemand mehr mit ihnen arbeiten kann, weil die Studiengänge gestrichen wurden? Warum werden mit dem Geld nicht die Kürzungen aufgefangen“, fragt sich der Pressesprecher der Archäologie, Matthias Meinecke.

Wie lassen sich die vergangenen 6 Monate bilanzieren? Am ehesten ernüchternd. Ministerium und Rektorat schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Die Landesregierung sieht alle „rechtlichen Mittel“ gegen die Schließung als erschöpft an. Das Rektorat der Universität Leipzig versagt auf ganzer Linie. Es herrscht Konzeptlosigkeit. Es regiert Inkompetenz.

Studierende der Archäologie in Leipzig bei einer Protestveranstaltung

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Kommentar

von Astrid Bühlau | 27.06.2014 | 16:56 Uhr
Eine eher traurige Bilanz. Wie wird es denn weiter gehen? Sind weitere Aktionen geplant? Und gibt es eine realistische Chance, den Kahlschlag noch abzuwenden? Ich würde ja auch empfehlen, die anderen archäologischen Institute mit ins Boot zu holen.

Kommentar

von Christian Grube (FSR Archäologie Leipzig) | 29.06.2014 | 21:47 Uhr
Sehr geehrte Frau Bühlau,

Tja...wie wird es weitergehen...so einfach unterkriegen lassen werden wir uns nicht. Demnächst sind ja Landtagswahlen, Ziel ist es dass die CDU die absolute Mehrheit verfehlt. FDP wird herausfliegen, von daher sieht es nach einer Großen Koalition aus. Ob die ministerialen Posten weiterhin so bestehen wie sie aktuell besetzt sind ist fraglich.

Wir wissen, dass die Ministerin und auch einige Regierungsmitglieder nicht sehr glücklich mit der Entscheidung des Rektorates ist, die Archäologie zu zu machen. Evtl. gibt es da nach der Wahl nochmal Gespräche... Definitiv soll 2015 nochmal evaluiert werden ob die Kürzungen so noch zu halten sind. Mal sehen was da noch so geht...

Geplant ist viel, doch leider kann ich dazu öffentlich noch nichts sagen. Eine Sache - am 13.7. findet im Antikenmuseum das Museumsfest statt. Da ist jeder herzlich eingeladen!

Kommentar

von Marcus Cyron | 01.07.2014 | 03:09 Uhr
"ob die Kürzungen so noch zu halten sind" - wenn das ordentlich laufen würde, wären sie nie gekommen.

Kommentar

von Christian Grube | 01.07.2014 | 10:32 Uhr
Genau das predigen wir ja seit 6 Monaten...

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