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Dr. Birte Ruhardt | 30.01.2014 | 3600 Aufrufe | 2 | Interviews

Archäologie in Leipzig vor dem Aus?

Interview mit Jörn Lang über die Disziplin Archäologie in Leipzig

Für das Leipziger Institut für Klassische Archäologie war es ein Schock: Nach einem Beschluss der sächsischen Landesregierung sollen nun weitere 24 Stellen an der Universität Leipzig gestrichen werden, was zu einer vollständigen Schließung des archäologischen Instituts führen würde. Dr. Jörn Lang, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Klassische Archäologie, erklärt, wie es zum Beschluss kam und welche Auswirkungen er auf die archäologische Forschung haben wird.

Das Institut für Klassische Archäologie in Leipzig, © Marion Wenzel, Leipzig

"Die Perspektive des Antikenmuseums ist unklar"

L.I.S.A.: Laut Presse sollen weitere 24 Personalstellen an der Universität Leipzig gestrichen werden. Wie kommt es zu diesem Stellenabbau und welche Institute sind davon betroffen?

Dr. Lang: Der Stellenabbau geht auf einen Beschluß der schwarz-gelben Landesregierung aus dem Jahre 2010 zurück, nach dem bis ins Jahr 2020 an den sächsischen Universitäten insgesamt 1042 Stellen entfallen sollen. Einzig die TU Dresden ist als Exzellenz-Universität von den Stellenkürzungen ausgenommen. Der Beschluß beruhte auf der Erwartung sinkender Zahlen der künftig in Sachsen Studierenden. Die Studierendenzahlen in Leipzig sind jedoch nicht zurückgegangen, im Gegenteil: sie steigen seit Jahren konstant (2012 und 2013 wurden je über 7000 Ersteinschreibungen registriert). Bereits in der letzten Kürzungsrunde war das Institut für Pharmazie zur Streichung vorgesehen, nun hat es neben dem Institut für Klassische Archäologie und Antikenmuseum die physikalische Chemie sowie die Theaterwissenschaft getroffen.

Während die physikalische Chemie Stellen verliert, aber weiterhin funktionstüchtig ist, sollen das Institut für Klassische Archäologie sowie das Institut für Theaterwissenschaft mittelfristig geschlossen werden. Die Perspektive des dem Institut angegliederten Antikenmuseums ist unklar: zum einen hat sich das Rektoratskollegium bisher nicht eindeutig zu dessen Erhalt bekannt, zum anderen ist das Museum ohne das angegliederte Institut nicht lebensfähig. Damit steht der Beschluß des Rektoratskollegiums im Gegensatz zur Grundordnung der Universität, in der unter § 2 (6) die Pflege, Förderung und Erschließung der Sammlungen für Forschung und Lehre als universitäre Aufgabe formuliert ist.

Zoom

Dr. Jörn Lang, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Klassische Archäologie in Leipzig

"Wir werden vehement gegen diesen Beschluss protestieren"

L.I.S.A.: Besonders hart hat es das Institut für Klassische Archäologie getroffen, das mittelfristig sogar geschlossen werden soll. Wie sind die Reaktionen am archäologischen Institut und ist Protest geplant?

Dr. Lang: Wir sind von dieser Nachricht vollkommen überrascht worden: weder mit dem Institutsdirektor noch mit dem Fakultätsrat der Fakultät für Geschichte- Kunst und Orientwissenschaften, zu der das Institut gehört, hat das Rektorat vor seinem Beschluß vom 9. Januar 2014 das Gespräch gesucht. Unser Vertrauen in das Rektoratskollegium ist dadurch nachhaltig zerstört. Nach dem ersten Schockmoment hat sich schnell Widerstand formiert. Als erste Reaktion haben wir vom Rektorat eine Erklärung der Kriterien und Argumente gefordert, die der angekündigten Schließung zugrunde liegen.

Zudem werden wir in enger Abstimmung mit dem Fachschaftsrat Archäologie auf verschiedenen Ebenen energisch gegen diesen Beschluß protestieren. Auf lokaler Ebene, weil mit dem Antikenmuseum eine zentrale Einrichtung des Leipziger Kulturangebots sowie der sächsischen Kultur und Museumslandschaft insgesamt bedroht ist. Auf nationaler Ebene über die Berufsverbände, weil das Fach Archäologie durch die Streichung nachhaltigen Schaden nehmen wird und schließlich auf internationaler Ebene, weil die Klassische Archäologie einen internationalen Forschungsgegenstand zum Inhalt hat und damit aktive Bedeutung für die Internationalisierung der Universität Leipzig besitzt.

"Die Archäologie zählt an keiner Universität zu den großen Fächern"

L.I.S.A.: In NRW sollen die Landeszuschüsse für die Archäologie und Denkmalpflege ab 2015 gestrichen werden, in Berlin, Rostock, Gießen oder Hamburg wurden schon zahlreiche archäologische Fächer liquidiert und nun ist auch das archäologische Institut in Leipzig von Kürzungen betroffen. Sind diese Einsparmaßnahmen und Schließungen der Anfang einerKettenreaktion, so dass in Zukunft noch weitere Schließungen von archäologischen Instituten zu befürchten sind?
 
Dr. Lang: Diese Sparmaßnahmen, die wie im Falle des Leipziger Instituts in allen Kleinen Fächern meist unmittelbar zur Schließung der Institute und Einstellung von Studiengängen führen, zeugen – allen Empfehlungen des Wissenschaftsrats und der HRK zum Trotz – von einer zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber der akademischen Vielfalt in Deutschland. Das auf Landesebene meist knappe Geld reicht nur an wenigen Orten für Volluniversitäten, der Bund darf sich auf Landesebene nur durch Sonderprogramme an der Hochschulfinanzierung engagieren.

Da die Archäologie an keiner Universität zu den großen Fächern zählt, besteht die Gefahr, daß diese Institute bei jeder neuen Sparmaßnahme auf den Prüfstand gestellt werden. Zukünftige Entwicklungen sind aus Gründen der Länderhoheit im Bildungsbereich natürlich schwerlich vorhersehbar. Wir können nur hoffen, daß dieses erneute Negativbeispiel aus Sachsen in anderen Bundesländern keine Schule macht. Doch hat uns ein Blick in die Vergangenheit (z. B. Schließung des traditionsreichen Instituts für Klassische Archäologie in Greifswald) gelehrt, daß solche Hoffnungen meist unbegründet sind.

"Es wird ein Kernstück der akademischen Lehre entfernt"

L.I.S.A.: Wie wirken sich all diese Schließungen und Stellenabbauten auf die Geisteswissenschaften aus und welche Folgen hat das für die archäologische Forschung?
 
Dr. Lang: Im Zuge der Neustrukturierung der Jahre 1992/ 93 hat sich die Universität Leipzig explizit zum Fach “Klassische Archäologie” als Teil der “klassischen universitären Wissensgebiete” bekannt. Mit der Schließung der Klassischen Archäologie und der Theaterwissenschaft wird das ursprünglich ausdifferenzierte Fächerspektrum der Fakultät für Geschichte, Kunst- und Orientwissenschaften nicht nur zunehmend eingeengt, es wird ein Kernstück der akademischen Lehre entfernt. Unmittelbar ist dadurch auch das Institut für Ur- und Frühgeschichte betroffen, dessen Lehrstuhl erst kürzlich wiederbesetzt wurde: Der Studiengang “Archäologie der Alten Welt” wird von der Klassischen Archäologie zusammen mit der Ur- und Frühgeschichte getragen. Zu dessen Zukunft hat sich das Rektorat nicht geäußert. Für die Zukunft steht zu befürchten, daß angesichts der weiteren einzusparenden Stellen das breite Angebot geisteswissenschaftlicher Fächer auf eine unzureichende Grundversorgung der Bereiche reduziert wird, die für die Lehrerbildung Relevanz haben. Das im hochschulspezfischen Entwicklungsplan der Universität Leipzig bekräftige Bekenntnis zur “integrierten Volluniversität” ist damit obsolet.

Für die archäologische Forschung hat diese Entwicklung Folgen auf verschiedenen Ebenen. Zum einen generiert sich eine erfolgreiche Wissenschaftslandschaft aus der Pluralität erfolgreicher Standorte. Diese wird mit der Entscheidung erheblich eingeengt. Denn neben einer Professur mit einem Schwerpunkt auf römischer Kunst- und Kulturgeschichte verliert die deutsche klassische Archäologie zwei wichtige Qualifikationsstellen für den wissenschaftlichen Nachwuchs innerhalb der deutschen Forschungslandschaft. Darüber hinaus ist eine Schließung des Antikenmuseums zu befürchten, dessen Betrieb sich ohne das Institut nicht aufrecht erhalten lassen wird. Dadurch verliert das Fach nicht nur einen zentralen Lehr- und Lernort, sondern auch ein erfolgreiches Fenster in die Öffentlichkeit.

"Von den Geisteswissenschaften wird eine Rechtfertigung ihrer Existenz erwartet"

L.I.S.A.: Wo sehen Sie den Grund dafür, dass immer wieder geisteswissenschaftliche Fächer und vor allem die Archäologie vom Stellenabbau betroffen sind? Ist die Archäologie heute vielleicht nicht mehr gesellschaftlich relevant, da sie wirtschaftlich uninteressant ist?

Dr. Lang: Erlauben Sie mir eine Gegenfrage: spiegelt sich eine gesellschaftliche Relevanz grundsätzlich in Wirtschaftlichkeit? Ich meine nein. Kaum einem akademischen Fach wird im öffentlichen Diskurs eine gesellschaftliche Relevanz abgesprochen. Einzig von den geisteswissenschaftlichen Fächern wird regelmäßig eine Rechtfertigung ihrer Existenz erwartet, da sich der Ertrag geistiger Wertschöpfungsketten kaum exakt beziffern läßt. “Gesellschaftliche Relevanz” entfaltet bereits begrifflich eine Komplexität, die sie schwer meßbar macht.

Als ein Indikator ist jedoch nachhaltiger Erfolg in der Öffentlichkeit heranzuziehen. Verweist man dabei auf die Präsenz etwa in den TV-Medien oder auf die deutschlandweit erfolgreichen Ausstellungen zu archäologischen Themen, ist bezogen auf die Archäologie gerade kein Absinken der gesellschaftlichen Relevanz zu beobachten. Im Gegenteil. Um mit einem letzten Beispiel aus Sachsen zu schließen: im Mai 2014 wird unter erheblicher Beteiligung des Freistaats Sachsen in Chemnitz das “Haus der Archäologie” eröffnet. Die Pläne zur Einstellung des einzigen Studiengangs Archäologie, den die Schließung des Instituts für Klassische Archäologie nach sich zöge, konterkariert die damit zum Ausdruck gebrachte Wertschätzung der Archäologie in höchstem Maße.

Dr. Jörn Lang hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet

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Kommentar

von Marcus Cyron | 31.01.2014 | 01:24 Uhr
Das Entsetzen und die Empörung ist nicht nur bei den Vertretern der Klassischen Archäologie in Leipzig groß. Reden wir doch von einem Lehrstuhl, der seit 1863 (!!) mit Größen wie Johannes Overbeck, Franz Studniczka, Bernhard Schweitzer, Eberhard Paul und aktuell Hans-Ulrich Cain besetzt war bzw. ist. Der Kahlschlag ist mit Greifswald erweiterbar.

Die größte Unglaublichkeit ist für mich aber, daß einer der Gründe zum Abbau der Hinweis auf die Universitäten in Jena und Halle mit demselben Fach ist. Man könne sich unter den Unis ja besser abstimmen. Sachsen will also das Fach schließen und die Verantwortung nach Thüringen und Sachsen-Anhalt hinüberwälzen. Statt regionaler Vielfalt nur noch Einfalt? In der Politik offenbar. Dann muß aber auch die Antikensammlung nach Halle und/oder Jena gehen. Statt Synergien zu nutzen und etwa Antikensammlung und Ägyptische Sammlung zusammenzulegen wird eines vielleicht verschwinden? Eine der wichtigsten Sammlungen in Deutschland? Am besen wohl noch mit viel Gewinn verkaufen... Wo sind denn die Mittel für die Bildung, die laut unserer Politiker da sind? Ich denke, Bildung und Forschung werden vom Sparwahn verschont? Wird hier nicht auch immer wieder beim Abbau von Sozialleistungen argumentiert? Investment in die Bildung und Forschung ist "wichtiger"? Darf es aber nur die Forschung sein, die etwas "einbringt"? Ist unser Land schon so verroht?

Selbst in der Wikipedia wird schon über eine Solidarisierung diskutiert. Denn wie können wir weiter arbeiten, wenn wir keine Forschungsergebnisse mehr zum Verarbeiten haben?

Kommentar

von Mario Todte | 11.02.2014 | 16:31 Uhr
Wenn ich 1991, als ich nach Leipzig kam, eine derartige oder ähnliche Situation wie heute an der Universität Leipzig vorgefunden hätte, so hätte ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ihr Innenleben nie kennengelernt, weil es mir so schon vergangen wäre. Ich hätte einen Bogen gemacht. Das könnte künftig auch passieren, das begabte Studenten das zu sehen. Ist das zu wünschen? Bei der Gestaltung der Rahmenbedingungen hinsichtlich der Hochschulfinanzierung seitens der Landespolitik, bei der offenkundig Vielfalt der Disziplinen unerwünscht zu sein scheint, wird nicht nur die Tatsache ignoriert, daß mit dem Streichen ganzer Studiengänge auch Streichung beruflicher Perspektiven einhergeht. Was an den Hochschulen sich vollzieht, transformiert sich dann auch auf andere Bereiche, auch in wirtschaftliche (!), die dem Vorbild folgen oder folgen könnten. Ja Hochschulen haben auch eine Vorbildfunktion, was offenbar bei derartigen Überlegungen gar nicht zum Tragen kommt. Insgesamt ist das ganze Drama ein geistiges Armutszeugnis, dessen Langzeitwirkungen nicht abzusehen sind, wenn die Schließung Wirklichkeit werden würde.

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