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Lena Reuter | 01.05.2020 | 454 Aufrufe | Interviews

"Der Erhalt der Demokratie betrifft uns alle"

Interview mit Sebastian Elsbach über den Wehrverband Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold

Im Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, das 1924 als Veteranen- und Wehrverband gegründet wurde, fanden sich Anhänger der SPD, DDP und des Zentrums sowie zahlreiche Parteilose zusammen. Ziel der Organisation war es, den Schutz der Weimarer Republik angesichts rechtsnationaler und antirepublikanischer Bedrohungen zu gewährleisten. Dazu zählte auch der Schutz marginalisierter Menschen sowie die Dokumentation rechtsextremer und antisemitischer Vorfälle - und man schreckte auch nicht vor dem Einsatz aktivistischer Gewalt zurück. Gerade heute zu Zeiten wiedererstarkender rechter Parteien werden häufig Vergleiche zwischen der Bundesrepublik und der Weimarer Republik angestellt. Welche Lehren wir aus der Geschichte des Reichsbanners ziehen können, besprachen wir mit Dr. Stefan Elsbach im L.I.S.A.Interview.

"Das Reichsbanner vereinte mehr Männer als alle antirepublikanischen Organisationen zusammen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Elsbach, Sie haben einen gewichtigen Band in der Reihe „Weimarer Schriften zur Republik“ veröffentlicht. Auf beinahe 600 Seiten widmen Sie sich dem Veteranen- und Wehrverband „Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“. Was hat Sie bewogen, sich mit diesem Thema zu beschäftigen?

Dr. Elsbach: Die Geschichte des Reichsbanners bildet eine sehr wichtigste Leerstelle in der Forschung zur Weimarer Republik und zur jüngeren deutschen Geschichte insgesamt. Mit der Arbeit möchte ich dazu beitragen, dass dieser Missstand behoben wird, aber ich behaupte nicht, dass ich dies trotz des Umfanges meines Buches komplett geschafft habe. Es ist nicht damit getan, so wie es bisher üblich ist, das Reichsbanner als größte demokratische Massenorganisation dieser (und jeder anderen) Zeit mit einem oder zwei Sätzen abzutun. Nach dem Motto: „Die konnten ja eh nichts tun und waren gegenüber der SA hilflos.“ Dass solche Sätze aber – trotz einiger sehr guter Arbeiten zum Reichsbanner in jüngerer Zeit – nach wie vor die Rezeption des Reichsbanners in der Wissenschaft bestimmen, finde ich empörend. Die Weimarer Republik als „Republik ohne Republikaner“ zu beschreiben, schlägt doch genau in diese abgewetzte Kerbe. Wahr ist aber, dass das Reichsbanner mit über 1,5 Millionen Mitgliedern bis zum bitteren Ende mehr Männer vereinte als alle antirepublikanischen Organisationen zusammengenommen. Ich könnte also mit genauso wenig Recht die Weimarer Republik als „Republik ohne Antirepublikaner“ beschreiben und weitere wissenschaftliche Verwirrung stiften. Warum die Republik trotz der Tatsache zerstört werden konnte, dass die militanten Antirepublikaner eine Minderheit waren, ist eine Frage, der ich nachgehen möchte.

"Man ging nicht davon aus, dass das Militär einen rechtsgerichteten Aufstand bekämpfen würde"

L.I.S.A.: Der Verband konnte in den 1920 und 1930er Jahren eine hohe Mitgliederzahl verzeichnen. Wer organisierte sich hier und warum? Worauf reagierten die Gründer und an welche Tradition sollte mit dem Namen „Schwarz-Rot-Gold“ angeknüpft werden?

Dr. Elsbach: Die Mitglieder des Reichsbanners waren Anhänger der SPD, der linksliberalen DDP und der katholisch-konservativen Zentrumspartei, also den drei Parteien der Weimarer Koalition als politischer Mitte der Republik. Es ist aber wichtig, das „Anhänger“ zu betonen, da diese Leute vielfach keine Parteimitglieder waren. Eine Mitgliedschaft in einer der Parteien der Weimarer Koalition wurde nur von Funktionären des Reichsbanners erwartet. Hinzu kommt, dass der linke SPD-Flügel sich genauso wenig im Reichsbanner engagiert hat, wie der rechte Zentrumsflügel, wobei die weltanschaulichen Gründe dieser Ablehnung natürlich sehr verschieden waren. Die schwarz-rot-goldene Symbolik, die ja schon im Vereinsnamen steckte, sollte hingegen an die demokratische Revolution von 1848 erinnern, das Ansehen der 1919 als Reichsfarben etablierten Trikolore stärken und somit ein parteiübergreifendes Integrationszeichen sein. Lediglich in der DDP war Schwarz-Rot-Gold wirklich unumstritten. So grenzte sich das Reichsbanner scharf von den alten monarchistischen Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot ab, die nach wie vor großes Ansehen in Teilen der Bevölkerung genossen. Die Gründung des Reichsbanners im Februar 1924 war dabei eine Reaktion auf die schreckliche Sicherheitslage zu Beginn der Weimarer Republik. Insbesondere die republikanische Unzuverlässigkeit des Militärs hatte aus Sicht der Reichsbannergründer ein Handeln notwendig werden lassen, da man nicht davon ausging, dass das Militär einen rechtsgerichteten Aufstand willig bekämpfen würde und schlimmstenfalls sogar selbst putschen könnte. Beides war zuvor mehrfach geschehen. Demgegenüber wurde von Seiten des Reichsbanners erklärt, dass man antirepublikanische Gewaltaktionen mit denselben Mitteln zurückschlagen werde. Mit dieser harten Ansage hat man sich auch in den Reihen der demokratischen Parteien nicht nur Freunde gemacht.

"Bereits seit 1924 registrierte das Reichsbanner antisemitische Vorfälle"

L.I.S.A.: Sie beschreiben das Reichsbanner als stärkste Bastion der Demokratie gegen den Nationalsozialismus. Was meinen Sie damit?

Dr. Elsbach: Ich denke, dass der Beitrag des Reichsbanners zum Schutz der Republik selbst denjenigen der preußischen Schutzpolizei mit ihren rund 70.000 Mann noch überstiegen hat, auch wenn das Reichsbanner sicherlich nicht der einzige Aktivposten der Republik war. Der Hauptgrund ist eben die Mitgliederstärke gepaart mit dem reichsweiten Aktionsradius des Reichsbanners. Die über 8.500 Ortsgruppen des Reichsbanners gab es überall in Deutschland, also auch in Regionen wie Bayern oder Ostdeutschland, wo sich demokratisch eingestellte Menschen nicht auf den effektiven Schutz durch die Staatsorgane verlassen konnten, sondern schlimmstenfalls durch eben diese Staatsorgane drangsaliert wurden. Das Reichsbanner konnte mit seinem Saalschutz aber dafür sorgen, dass demokratische oder pazifistische Versammlungen in diesen Regionen überhaupt möglich waren. Auch die jüdische Religionsgemeinschaft wurde – beispielsweise im Rahmen der Gemeindewahlen – vom Reichsbanner geschützt, während der Staat sich hierzu nicht in der Lage bzw. nicht zuständig sah. Bereits seit 1924 wurden zudem im Reichsbanner antisemitische Vorfälle registriert wie auch insgesamt der zu dieser Zeit noch sehr heterogene Rechtsradikalismus unter Beobachtung des Reichsbanners stand. Anfang der 1930er kam angesichts des SA-Terrors der alltägliche Personen- und Objektschutz hinzu, den die Polizei – selbst wenn der entsprechende Wille immer vorhanden gewesen wäre – allein aufgrund der geringen Personaldecke gar nicht leisten konnte. Und hiermit sind ja nur die „harten“ Aspekte des Republikschutzes durch das Reichsbanner beschrieben und es ist noch nichts über die prodemokratische Propaganda- und Bildungsarbeit des Reichsbanners gesagt, deren Untersuchung in meiner Arbeit einige Kapitel ausmacht.

"Die Zivilgesellschaft allein kann nicht ausgleichen, was der Staat versäumt"

L.I.S.A.: Warum scheiterte das Reichsbanner letztendlich doch?

Dr. Elsbach: Die Zivilgesellschaft allein kann nicht alles ausgleichen was der Staat versäumt. Das Reichsbanner war ein eingetragener Verein mit einem geschätzten Jahresbudget von 12 Millionen Reichsmark, wobei man mit einer ungefähr vierfachen Kaufkraft im Vergleich zu heute rechnen muss. Das waren über die Jahre hinweg also enorme Summen, die die meist aus der Arbeiterschaft kommenden Mitglieder des Reichsbanners sich insbesondere während der Wirtschaftskrise ab 1929/30 buchstäblich vom Mund absparen mussten. Wenn all dies trotzdem nicht genug war, so lag dies an einer Kombination von Faktoren: Der Rechtsradikalismus konnte sich stets auf die mal mehr mal weniger direkte Unterstützung durch Militär und Justiz verlassen, wo trotz taktischer Differenzen dieselbe abschätzige Grundhaltung gegenüber der Republik vorherrschte. Die soziologische Basis der demokratischen Parteien war zudem im Vergleich zu heute relativ dünn. Gerade die Landbevölkerung und das Großbürgertum konnten sich mehrheitlich nie für die Demokratie erwärmen. Vor diesem strukturellen Hintergrund gab es auch schwere taktische Fehler der demokratischen Parteien, der maßgeblichen Sicherheitspolitiker und der Reichsbannerführung. Zusammenfassend gesagt, spaltete sich das Lager der demokratischen Parteien an der Frage des Umgangs mit politischer Gewalt. Das Reichsbanner wurde als Saalschutz- und Wehrverband selbstverständlich auch in gewaltsame und sogar tödliche Zwischenfälle verwickelt. Es ging zwar nie auch nur ansatzweise so aggressiv vor wie die SA oder die Kommunisten, aber das änderte nichts daran, dass das Reichsbanner von staatlicher Seite genauso behandelt wurde, wie die antirepublikanischen Wehrverbände. Der DVP-Vorsitzende und langjährige Außenminister Gustav Stresemann etwa – der als Innenpolitiker eine sehr zweifelhafte Figur gewesen ist – machte keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Reichsbanner und Kommunisten. Beide waren in seinen Augen „linke“ Gewalttäter, die der Staat zu bekämpfen hatte, selbst wenn er dabei auf rechtsradikale Wehrverbände wie den Stahlhelm oder den Jungdeutschen Orden zurückgreifen musste. Auch der preußische Innenminister Carl Severing (SPD), der auf die DVP als Koalitionspartner Rücksicht nehmen musste, suchte nie die aktive Zusammenarbeit des Reichsbanners in Sicherheitsfragen und begab sich dadurch in die Hände der Militärs, sodass sein politisches Ende im Preußenschlag 1932 durchaus folgerichtig war. Angesichts des politischen Drucks auf das Reichsbanner, das von keiner Partei vorbehaltlos unterstützt wurde, mussten früher oder später Risse im Reichsbanner entstehen. Die Initiative ging vollends verloren, als das Reichsbanner im Einvernehmen mit den demokratischen Parteien im April 1932 die Wiederwahl des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg mitorganisierte – in der Hoffnung, dass Hindenburg sich als überparteilicher Schutzanker gegen die NSDAP beweisen würde. Hindenburg dankte es seinen Wahlhelfern aber damit, dass er nur fünf Tage nach seiner Wiederwahl das Reichsbanner öffentlich als eine der SA vermeintlich gleichzusetzende Organisation brandmarkte und ein Verbot verlangte. Als der amtierende Reichsinnenminister Wilhelm Groener, der von dieser Initiative Hindenburgs aus der Presse erfuhr, dies verweigerte, wurden er und etwas später auch Reichskanzler Heinrich Brüning entfernt. Es folgten Papen, Hitler und ein verzweifelter Versuch der Reichsbannerführung, die Reichswehr um Kurt von Schleicher zu einem Putsch gegen Hindenburg zu bewegen. Dass auch dieser letzte Strohhalm riss, weil Schleicher seinerseits von Hindenburg geschasst wurde, ist für mich in der Rückschau kein Wunder. Sofort nach der Machtergreifung wurde das Reichsbanner von den Nationalsozialisten gewaltsam zerschlagen, da man das dort versammelte Gewaltpotential natürlich fürchtete.

"Die Weimarer Demokratinnen und Demokraten standen vor der Wahl: aufgeben oder kämpfen"

L.I.S.A.: Politische Gewalt im Einsatz für die Demokratie: Das Reichsbanner bezeichnet sich in seinem letzten Rechenschaftsbericht von 1933 als Kämpfer, „denn freie Menschen werden immer kämpfen.“ Was halten Sie von dem Ansatz des Reichsbanners, antirepublikanische Gewalt mit prorepublikanischer Gegengewalt bekämpfen zu wollen? Wie sind Gewaltakte zu prodemokratischen Zwecken zu rechtfertigen?

Dr. Elsbach: Gewalt wird tagtäglich für die Demokratie eingesetzt. In etablierten Demokratien dienen Polizei und Militär dazu, Freiräume zu schaffen, in denen ein gewaltloser, demokratischer Austausch möglich wird. Gewaltsame Verstöße gegen die entsprechenden demokratischen Regeln müssen gewaltsam abgewehrt und rechtsstaatlich geahndet werden, sonst brechen die genannten Freiräume schnell zusammen und alle Beteiligten stehen vor der Wahl, sich entweder völlig zurückzuziehen oder ihrerseits zu Gewalt zu greifen, um ihre politischen Ziele zu erreichen. Natürlich funktioniert ein demokratisches Gewaltmonopol nur, wenn der Einsatz der Sicherheitskräfte an rechtsstaatliche Prinzipien geknüpft ist, der Polizeiknüppel also nicht willkürlich zuschlagen kann. Heute ist dies Realität, aber in der Weimarer Republik war dies nur ein Anspruch, der höchstens in Bezug auf die Polizei ansatzweise umgesetzt wurde. Demgegenüber standen die Weimarer Demokratinnen und Demokraten vor der oben beschriebenen Wahl, entweder aufzugeben und ihre Überzeugungen fallen zu lassen, oder zu kämpfen. Die Reichsbannermitglieder entschieden sich für die zweite Option und hatten so wenigstens eine Chance, die Demokratie in Deutschland zu bewahren.

"Die Geschichte des Reichsbanners zeigt, was passiert, wenn die großen Parteien eine rechtsnationalistische, antisemitische Partei als koalitionsfähig befinden"

L.I.S.A.: Zur Weimarer Republik werden seit geraumer Zeit ja gerne, und auch nicht zu Unrecht, warnend Parallelen gezogen, wenn es um rechte Parteien geht. Welche Lehren, denken Sie, können wir aus der Geschichte des Reichsbanners ziehen angesichts dieser tagespolitischen Diskurse? Und welche Bedeutung messen sie dem Reichsbanner, das von vielen Politikerinnen und Politikern jedweder Couleur nach 1945 gewürdigt wurde, in seiner heutigen Form für unsere Zivilgesellschaft bei?

Dr. Elsbach: Das Kernproblem der Weimarer Republik – der angemessene Umgang mit politischer Gewalt – wird nach meinem Eindruck in der aktuellen Debatte sehr sensibel wahrgenommen, was zum großen Teil auf die historischen Erfahrungen zurückzuführen ist. Das Problem mit der AfD ist nicht, dass sie vorgibt für konservative Werte einzutreten, sondern dass Führungspersönlichkeiten dieser Partei eine gewaltverherrlichende Sprache verwenden oder gar direkt zu Gewalt gegen Andersdenkende oder –seiende aufrufen. Dies muss bei allen parteitaktisches Überlegungen, die hier und da angestellt werden, ein absolutes Ausschlusskriterium für eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit mit den demokratischen Parteien sein. Die Geschichte des Reichsbanners zeigt demgegenüber ein Szenario auf, in dem es den großen Parteien nicht  gelungen ist, sich auf ein einheitliches Vorgehen gegen politische Gewalt zu einigen und – um es an dem konkreten historischen Beispiel festzumachen – eine rechtsnationalistische, antisemitische Partei wie die DNVP als koalitionsfähig befunden wurde, nachdem es zuvor auf Länderebene entsprechende Experimente gegeben hatte. Man nannte das beschönigend „Bürgerblock“. Die Konsequenz war, dass die demokratische Zivilgesellschaft und insbesondere das Reichsbanner sehr stark gegen diese Regierung und gegen rechtsradikale Auswüchse insgesamt mobilisierte, was der Demokratie immerhin eine prekäre Stabilität verlieh. Ob solche zynischen Spielchen wie jüngst im Erfurter Landtag von Erfolg gekrönt sind oder nicht, hängt also letztlich von uns allen als Teil einer demokratischen Öffentlichkeit ab. Wichtig ist, dass der Schutz der Demokratie und der Republik nicht als bloße Staats- oder gar Parteiaufgaben betrachtet werden, sondern als etwas, für das die ganze Gesellschaft verantwortlich ist. Das historische Reichsbanner zeigt allen, die es sehen wollen, dass Demokratien sehr viel Kraft entwickeln können und dass es extrem schwierig ist, sie zu zerstören, solange Einigkeit über die grundsätzlichen Fragen des öffentlichen Miteinanders besteht. Das heutige Reichsbanner ist, denke ich, in dieser Hinsicht gut dazu berufen, die Erinnerung an das Reichsbanner als Teil unserer Demokratiegeschichte nicht nur zu erhalten, sondern vielfach überhaupt erst zu erwecken und klar zu machen, dass der Erhalt der Demokratie alle betrifft und keine Frage von „links“ oder „rechts“ sein darf.

Dr. Sebastian Elsbach hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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