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Georgios Chatzoudis | 09.08.2016 | 2076 Aufrufe | Interviews

"Kritischerer Umgang mit Bildern ist dringend notwendig"

Interview mit Mirjam Brusius zur Ikonographie der Zerstörungen in Palmyra

Als die Bilder von den mutwilligen Zerstörungen von Palmyra durch den sogenannten Islamischen Staat (IS) um die Welt gingen, waren Entsetzen und Empörung groß. In einem Akt der Barbarei hatte der "IS" einmal mehr seine Brutalität und Skrupellosigkeit unter Beweis gestellt, so das einhellige Narrativ. Die Kunst- und Wissenschaftshistorikerin Dr. Mirjam Brusius bezweifelt diese Sicht nicht, meint aber, dass das nur die halbe Wahrheit sei. Ohne unser Interesse an den Bildern von den Zerstörungen würde die vom IS inszenierte Ikonographie ins Leere laufen. Außerdem sei die westliche Perspektive auf die Ereignisse in Palmyra selektiv.

Mirjam Brusius forscht derzeit in Berlin und Oxford zum Thema Archäologie- und Fotografiegeschichte. Für ihre von der Gerda Henkel Stiftung geförderte Forschung über den Fotografen William Henry Fox Talbot wird ihr in diesem Jahr der Aby Warburg Preis für Nachwuchswissenschaftler verliehen. Wir haben Sie zu ihren Thesen über die Ikonographie zu Palmyra befragt.

Landschaft in und um Palmyra (2005)

"Gezielte Subversionen des westlichen Heritage-Paradigmas"

L.I.S.A.: Frau Dr. Brusius, Sie haben sich aus kunsthistorischer Sicht mit dem medialen Umgang im Zusammenhang mit den jüngeren Zerstörungen antiker Überreste in Palmyra durch den sogenannten Islamischen Staat auseinandergesetzt. Zur Geschichte der Fotografe haben Sie bereits im Rahmen Ihres Dissertationsprojekts geforscht, sich dabei aber auf das 19. Jahrhundert konzentriert. Warum nun Palymra?  

Dr. Brusius: Die fotografische Bildgeschichte Palmyras beginnt in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als erste Aufnahmen im Rahmen europäischer Expeditionen in den Mittleren Osten entstanden. Es wäre irrtümlich zu glauben, dass die historische Bildproduktion nichts mit der Gegenwart zu tun hätte. Nehmen wir zum Beispiel eine Fotografie des zerstörten Baalschamin Tempels, die Anfang 2016 als letztes Glied einer Fotostrecke in The Guardian erschien: Die Hälfte des Bildes ist mit einem im warmen und goldenen Wüstenlicht schimmernden Berg von Steinen eingenommen. Im Hintergrund befinden sich nur noch drei der einst vier stehenden Säulen, während weitere Säulen wie abgehackte Baumstümpfe eine saubere Diagonale ins Bild ziehen. Man will fast von einer gelungenen Bildkomposition sprechen. Dahinter Palmen, der blaue Himmel. Ist es Ironie oder Zufall, dass dieses Bild weit in die Vergangenheit, ja an die Ruinenästhetik europäischer Stiche der Grand Tour im 18. Jahrhundert erinnert?

Die Ikonographien spielen, wenn auch unbewusst, mit einer weit verbreiteten Anfälligkeit für Nostalgie, was die Antike betrifft. Die Süddeutsche Zeitung schrieb etwa „So wie auf diesem Archivbild vom März 2014 wird der Baal-Tempel von Palmyra nie wieder zu sehen sein: Islamisten haben ihn gesprengt.“ Sicher war diese Nostalgie auch für den Ankauf des Getty Research Institutes von Louis Vignes (1831-1896), Ruines de Palmyre - Paysages du Liban, 1864, ausschlaggebend; einem Album von frühen Fotografien, von denen einige Bilder die mutmaßlich zerstörten Tempel zeigen.

Bildkonvolute wie die Vignes oder die neulich in Köln ausgestellten Zeichnungen Louis-François Cassas (1756 -1827) sind jedoch auch Dokumente, die durch das Kartographieren der Landschaft den Weg für die europäisch dominierte, archäologische Bestimmung Palmyras als westliches Touristenziel geebnet haben. Sie markieren überspitzt gesagt den Anfang vom Ende, da die Zerstörung und die durch sie produzierten Bilder auf eben diese Wertschätzung zielen. Führt man den Gedanken zu Ende, so sind Zerstörungen gezielte Subversionen des westlichen Heritage-Paradigmas.

Dr. Mirjam Brusius

"Die Fotografien beschreiben den Zerstörungsvorgang als Narrativ, nicht als Moment"

L.I.S.A.: Von Bilder geht heute trotz des Wissens um ihre Manipulierbarkeit nach wie vor eine hohe Beweiskraft aus. Im Fall der Zerstörungen in Palmyra sind wir auf Bilder angewiesen, die von den Tätern selbst produziert und verbreitet wurden. Für wie verlässlich halten Sie diese Bildstrecken? Was genau zeigen sie uns bzw. lassen sie uns erkennen? Was sollen wir möglicherweise sehen?  

Dr. Brusius: Tatsächlich besteht diese beweisgenerierende Kraft der Fotografie trotz des Wissens um Manipulationen weiter fort. Und das, obwohl nicht nachvollziehbar ist, wer die Bilder produzierte und wer bestimmte, wie und in welcher Reihenfolge sie an die Öffentlichkeit gelangen sollten. Visuelle Beweisführung findet aber längst nicht mehr intrinsisch und somit im Bild selbst statt, sondern in den Mechanismen, die das Bild im Folgenden verbreiten und einbetten. Hier geben sich die Inszenierungsstrategien von Daesch (Abkürzung von "Der Islamische Staat im Irak und der Levante" / "Al-Daula al-Islamija fil-Irak wal-Scham", Anm.d.Red.) und westliche Medien quasi die Hand, da beide auf einander angewiesen sind. Kurz gesagt, wären die Bilder Daeschs wertlos, würden westliche Medien sie nicht verbreiten.

Durch die Bilder wird dadurch eine Tat vollbracht, die im Wesentlichen darin besteht, diese selbst zum Bild werden zu lassen. Dass dabei Objekte zu Schaden kommen, wird somit zum zweitrangigen Nebeneffekt, selbst wenn es angeblich auch darum geht, Spuren der irakischen und syrischen Geschichte materiell zu verwischen. Dabei lässt sich eine besondere Strategie der Bildnarration von Seiten Daeschs beobachten. Das Ausmaß der Zerstörung wurde auffällig langsam und in einzelnen Schritten kommuniziert. Die Aufnahmen zeigten nicht dass, sondern durch quasi cartoonartige Bildstrecken, wie IS-Kämpfer den Baalschamin-Tempel angeblich in die Luft sprengten. Durch serielle Einbettung beschreiben die Fotografien den Vorgang als Narrativ, nicht als Moment. Die Bilder funktionierten somit nicht als Ikonen, wie etwa das Foto der brennenden Twin Towers des 11. Septembers 2001, bei dem das Einzelbild symbolisch für einen ganzen Tatvorgang stand, sondern dieser wurde regelrecht hergeleitet, um die Tat selbst, nicht nur das Ergebnis sichtbar zu machen. Das Ende der Zerstörung wird dadurch unabsehbar. Während Textquellen jedoch meistens hinterfragt, verifiziert und interpretiert werden, wirken Fotografien als Glieder einer Beweiskette weiterhin unmittelbar, weshalb sie problematisch sind. In Hinblick auf die Verwendung der Bilder wäre ein kritischerer Umgang dringend notwendig, der ihre Herkunft thematisiert und sich dadurch von ihren Inhalten distanziert.     

"Die Bilder sind selbst dem westlichen Betrachter nützlich"

L.I.S.A.: Die Bilder vom Vandalismus in Palmyra haben eine Kontroverse über den Umgang mit diesen Aufnahmen ausgelöst. Die Kritik an der Veröffentlichungspraxis lautet wie folgt: Wer die Bilder veröffentlicht und weiter verbreitet, macht sich zum Komplizen der Terroristen. Wie sehen Sie das? Wem nutzen diese Bilder möglicherweise noch?  

Dr. Brusius: Der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp argumentierte vor mehreren Jahren, wenn Menschen allein deshalb, wie es im Fall Abu Ghraibs nahe lag, gefoltert oder getötet würden, um ihren Tod in Bildern festzuhalten, dann mache sich jeder Betrachter zum Komplizen. Dass es ohne die Bilder keine Nachrichten gäbe, doch ohne sie und den Aufschrei im Westen eben auch keine, scheint ein derzeit nicht aufzulösendes Dilemma. Unter Experten kursierte dabei immer wieder die Vermutung, dass einige Antiquitäten lediglich dem Erhalt der Bildpropaganda dienten, Daesch viele Objekte jedoch aufbewahre, um sie als Antiquitäten zur Finanzierung des Kriegs zu verkaufen.

Doch die Bilder und die damit einhergehende Zerstörung dienen nicht nur Daesch, sondern verschiedenen Parteien gleichzeitig. Die Ruinen der einstigen Handelsmetropole sind nun UNESCO Weltkulturerbe, shared heritage, und genau darin liegt das Problem. Eben weil dies der Fall ist, bleiben Objekte und Orte wie Palmyra Zielscheibe des Ikonoklasmus von Daesch. Indes speisen sich westliche Museen durch die Bilder mit Argumenten, die eine Rückführung der Objekte in die Museen der Herkunftsländer verantwortungslos erscheinen lassen. Kurz gesagt sind die Bilder selbst dem westlichen Betrachter nützlich, ungeachtet der Tatsache, dass einige Ausgrabungsstätten, man denke an Nimrud, vielleicht heute nicht zerstört wären, hätten europäische Archäologen sie im 19. Jahrhundert nicht ausgegraben. Die Assyriologin Eleanor Robson argumentierte in einem Essay im Times Literary Supplement, dass die sichersten Objekte vielleicht die Löwen- und Stierskulpturen sind, die sich noch in mehreren Schichten in der Erde befinden.   

"Es gibt Bilder der Zerstörung, die werden wir niemals sehen"

L.I.S.A.: Palmyra ist für uns heute vor allem mit den mutwilligen Zerstörungen durch den IS verbunden. Frühere Bilder dokumentieren eher eine antike, romantische Idylle, so dass der Gegensatz kaum größer sein könnte. Welches Bildmotiv ist mächtiger und dauerhafter? Welche Rolle spielen dabei die Narrative, die in Bildern dieser Art tradiert werden?  

Dr. Brusius: Vignes oben angesprochene Bilder dokumentieren tatsächlich ein idyllisches, menschenleeres Palmyra und es sind diese Bilder, die eine starke Faszination auf den westlichen Betrachter ausüben, da sie im westlichen Kanon der Reiseliteratur ihre Entsprechung finden. Das fotografische Archiv Palmyras ist jedoch wesentlich vielfältiger. Die Kunsthistorikerin Wendy Shah zeigte anhand fast vergessener Fotografien aus dem frühen 20. Jahrhundert, dass sich das Dorf Tadmor einst in den Ruinen Palmyras befand, wo alteingesessene Dorfbewohner dem Tourismus im Rahmen einer Umsiedlung weichen mussten. Den wenigsten ist bekannt, dass dies eine beispiellose Zerstörung von urbanen Strukturen mit sich brachte, die vonstatten ging, als zeitgleich Palmyras Ruinen für die Touristen wieder aufgebaut wurden. Es wäre daher zu einfach, Bewahren und Zerstörung als bloße Antipoden zu bezeichnen. Vielmehr sind sie zwei Seiten derselben Medaille. So wie diese historischen Dokumente anders als die Vignes in den Archiven ihr Dasein fristen, so ist es eher unwahrscheinlich, dass das restliche Ausmaß der Zerstörungen von Daesch jemals in den Medien so stark rezipiert wird wie Nimrud und Palmyra, da es sich hierbei nicht um westlich beanspruchtes Kulturerbe handelt. Bilder der Schändung von Gräbern und islamischen Schreinen in Tadmor, dem Dorf, das sich unmittelbar bei Palmyra befindet, sind nur in speziellen Internetforen zu finden. Es gibt Bilder der Zerstörung, die werden wir niemals sehen.

"Archäologiegeschichte ist auch Kolonialgeschichte"

L.I.S.A.: Die Sorge um das Erbe von Palmyra ist international. Zahlreiche karitative und kulturelle Einrichtungen sowie öffentliche Institutionen haben sich bereiterklärt, Restaurierungsarbeiten nach den Kriegshandlungen finanziell zu unterstützen. Die UNESCO hat Palmyra zum Weltkulturerbe erklärt. In einem Beitrag des Online-Magazins „The Conversation“ haben Sie in den Initiativen um den Kulturerhalt in Palmyra eine koloniale bzw. neokoloniale Tendenzen ausgemacht. Inwiefern?  

Dr. Brusius: Wichtig ist, zu erkennen und nicht zu ignorieren, dass es sich nicht nur um Kulturerbe und Touristenziele handelt, sondern um real bestehende von Menschen bewohnte urbane Strukturen, wie etwa das Dorf Tadmor, das ich oben ansprach. Die BBC veröffentlichte neulich einen eindrücklichen Augenzeugenbericht einer syrischen Archäologin, deren Mutter in Palmyras Bel-Tempel geboren wurde, als sich dort noch ein Dorf innerhalb der Ruinen befand. Auch diese lebendigen Geschichten, die sich mit Architekturen verbinden, sind Kulturerbe. Das Dorf wurde, wie Shaw zeigte, im Zuge der Öffnung für den Tourismus zerstört. Wenn Boris Johnson in einem imperialen Kontext wie dem Londoner Trafalgar Square vor der National Gallery ein Replika des Triumphbogens aus Palmyra aufstellen lässt, wird nicht nur ausgeblendet, dass Archäologiegeschichte auch Kolonialgeschichte ist, sondern auch suggeriert, dass die Institution des westlichen Museums das non plus ultra des Bewahrens ist; ohne Rücksicht auf lokale Bedürfnisse und Expertise, die es in Syrien und im Irak selbstverständlich gibt. Sie sind es, die finanzielle und moralische Unterstütung verdienen.

Dr. Mirjam Brusius hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Zum Thema erschien von ihr zuletzt:

  • Towards a History of Preservation Practices: Archaeology, Heritage and the History of Science, Roundtable ‘Science Studies’, International Journal of Middle East Studies 47, 3, 2015, 574-579  

Ein von ihr mitherausgegebener Band über das Museumsdepot (Museum Storage and Meaning. Tales from the Crypt, darin auch der Essay über Palmyra von Wendy Shaw) wird demnächst bei Routledge erscheinen.

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