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Nach Ägypten!

Von Max Slevogt bis Paul Klee. Ägyptenrezeption in der deutschen Malerei der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

EPISODE 1 | Faszination Ägypten

Freiheit, Sinnlichkeit und Phantasie - das waren im 19. Jahrhundert gängige abendländische Vorstellungen vom Orient. Neben Archäologen und Historikern strahlte die Faszination des Morgenlandes und insbesondere Ägyptens vor allem auf Künstler ab. Maler wie Wilhelm Gentz sowie Max Slevogt und Paul Klee machten sich auf nach Ägypten, um dort das besondere Licht und die einzigartigen Farben des Landes in ihren Werken einzufangen. Experten der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben in einem von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt die Ägyptenrezeption in den Arbeiten von Max Slevogt und Paul Klee untersucht und stellen von heute an ihre Ergebnisse in einer gesonderten Ausstellung vor.

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Max Slevogt und Paul Klee auf dem Weg nach Ägypten

Das Forschungsprojekt
Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts faszinierte der Orient das gebildete europäische Bürgertum, und es bestand ein großes Interesse an spektakulären Ereignissen, Entdeckungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen. Als wichtiges auslösendes Moment gilt dabei die Ägypten-Expedition Napoleons 1798, der sich sowohl von Gelehrten und Geschichtsschreibern als auch von Künstlern begleiten ließ. In der Hochphase des Kolonialismus wurden bestimmte Weltbilder vom Orient zu Gemeinplätzen: Während man im 18. Jahrhundert den arabischen Kontinent als magischen Ort voller Geheimnisse einordnete, fand im 19. Jahrhundert die Faszination für fremde Menschen und Landschaften, für die arabische Architektur und Ornamentik vor allem Niederschlag in Literatur und Malerei. In zunehmendem Maße bereiste auch ein breites bürgerliches Publikum den Orient, und neben Forschern und Wissenschaftlern setzten sich die Künstler an die Spitze dieser Bewegung. Für die Maler hatten die allgemeine Beschäftigung mit dem Orient und die daraus erwachsenden Kenntnisse die Folge, dass die Ansprüche der Betrachter im Hinblick auf eine genaue Schilderung von Bauwerken, Kostümen und Örtlichkeiten stiegen. Spätestens um 1900 wurde jedoch deutlich, dass der mystisch verklärte Orient ein Produkt der Phantasie der Kolonisatoren war und dass die Bilder der Orientmaler trotz ihrer Naturtreue im Detail meist der Vorstellungskraft entsprangen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderte sich die künstlerische Annäherung an den Orient, indem die Malerei auf das narrative Element verzichtete und stattdessen im orientalischen Süden nach Lösungen formaler und malerischer Probleme suchte. Die modernen Künstler verabschiedeten sich weitgehend vom traditionellen Orientalismus und seiner akademisch-illusionistischen Malweise und erhofften sich unbekannte Sinneseindrücke und neuartige Inspirationsquellen für das eigene Schaffen.

Im Mittelpunkt eines an der Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden angesiedelten Forschungsprojekts stehen die Ägyptenreisen zweier bedeutender deutscher Künstler des beginnenden 20. Jahrhunderts: des Impressionisten Max Slevogt (1868–1932) und des Bauhauskünstlers Paul Klee (1879–1940). Max Slevogt hatte sich bereits 1903 als Illustrator in phantasievoll-märchenhaften Bildfolgen zu »Ali Baba und die 40 Räuber« mit dem Orient beschäftigt. Während seiner akribisch vorbereiteten Reise durch Ägypten im Frühjahr 1914, die ihn von Kairo über Luxor bis nach Assuan führte, begegnete er den Bewohnern Ägyptens und ihrer Kultur mit dem Blick des Freilichtmalers, der seine optischen Eindrücke spontan und unbefangen wiedergibt. Slevogt konzentrierte sich vor allem auf die atmosphärischen Farbwirkungen unter dem Einfluss des hellen Sonnenlichts, und es gelang ihm, eine Serie von Reisebildern von herausragender bildnerischer Einheit, Dichte und Authentizität zu schaffen. In der engen Verknüpfung von Malerei und Zeichnung erfasste Max Slevogt schnell und mit bemerkenswerter Sicherheit atmosphärische Eindrücke und Szenen des orientalischen Alltags von hoher Eindringlichkeit. Die während dieser Zeit entstandenen Ölbilder wurden kurze Zeit später fast ausnahmslos von der Dresdner Gemäldegalerie erworben.

Auch Paul Klees Interesse an Ägypten fußte in der Orientalismus-Bewegung des 19. Jahrhunderts und war eingebettet in die Suche nach Zeugnissen eines mystischen Ursprungs des Menschen. Bereits 1914 hatte er auf einer Reise nach Tunesien den Orient für sich entdeckt und besuchte 1928 / 29 Ägypten. Von besonderem Interesse für Klee, der seit 1920 am Bauhaus lehrte, waren neben der mythologischen Ikonographie der altägyptischen Religion die Proportions- und Konstruktionsgesetze von Tempelanlagen und Grabstätten. Aber auch der Eindruck von Licht und Farbe bewegte ihn nachhaltig und führte zu einer Zäsur in seinem späten künstlerischen Schaffen. Gemäß seiner Kunsttheorie, nach der die Natureindrücke durch die Seele des Malers vermittelt werden müssten, entstanden Paul Klees ägyptische Werke bis auf einzelne Skizzen erst nach seiner Rückkehr. In seinen mathematisch konstruierten Lagenbildern setzte der Künstler die Eindrücke der ägyptischen Landschaft um, und auch später in den 1930er Jahren bezog sich Klee in seinen Balkenbildern nochmals auf die Reise.

Ausgehend von dem Ägypten-Zyklus, Max Slevogts einzigartiger »Apotheose des Lichts«, werden im Rahmen des Forschungsprojekts die etwa 70 Bilder umfassende künstlerische Produktion seiner Reise sowie Dokumente wie Tagebücher, Briefe und Photographien aufgearbeitet und erstmals in Bezug zur Bilderwelt Paul Klees gesetzt. Klees facettenreiche Transformationen der Reiseerlebnisse in über hundert Arbeiten stehen dabei im Dialog mit bzw. im Kontrast zu den unmittelbar auf Leinwand, Holz und Pappe gebrachten Wahrnehmungen des Impressionisten Slevogt. Ziel ist es, einen Beitrag sowohl zur umfassenden Dokumentation beider Künstlerreisen als auch zur Erforschung der Ägyptenrezeption in der deutschen Malerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu leisten und dabei insbesondere den Aspekt der Veränderung der künstlerischen Sehgewohnheiten zu berücksichtigen.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts werden sowohl in eine Publikation als auch in eine gemeinsam mit der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen vorbereitete Ausstellung eingehen, die am 30. April 2014 in Dresden eröffnet wurde und im Anschluss daran in Düsseldorf zu sehen sein wird.

Projektleitung:

Dr. Hartwig Fischer
Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Ort:

Dresden

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