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Georgios Chatzoudis | 06.05.2014 | 4153 Aufrufe | 2 | Interviews

Kleine Fächer - nutzlos oder wertvoll?

Interview mit der "Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer" über Orchideenfächer

In Zeiten der Angleichung beziehungsweise "Harmonisierung" von Hochschulstrukturen scheint es einen großen Verlierer zu geben - die "Kleinen Fächer", auch Orchideenfächer genannt. Die Wikipedia zählt folgende Disziplinen als aktuelle Beispiele auf: Sprechwissenschaft, Sprecherziehung, Sorabistik, Onomastik, Afrikanistik, Christliche Archäologie, Keltologie, Tibetologie, Kristallographie und Diakoniewissenschaften. Sie werden aufgrund ihrer geringen Studierendenzahl als Fächer bezeichnet, die sich Universitäten als Luxus leisten und worauf man angesichts angespannter Haushalte auch gerne verzichten könne. Aber ist das wirklich so? Sind solche Spezialfächer ohne messbaren Nutzen? An der Universität Mainz gehen in der Arbeitsstelle Kleine Fächer Prof. Dr. Mechthild Dreyer, Dr. Uwe SchmidtKathrina Bahlmann und Anna Cramme diesen und ähnlichen Fragen nach. Wir haben sie dazu interviewt.

Prof. Dr. Mechthild Dreyer; Katharina Bahlmann, M.A.; Dr. Uwe Schmidt; Anna Cramme, M.A. (v.l.n.r.)

"Eine verlässliche Informationsbasis bieten"

L.I.S.A.: Die Universität Mainz hat eine gesonderte Arbeitsstelle, die sich mit den sogenannten "Kleinen Fächern" befasst. Worum geht es dabei genau?

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer: Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat mit Unterstützung des rheinland-pfälzischen Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur eine Arbeitsstelle Kleine Fächer eingerichtet, die sich mit einer Bestandsaufnahme der kleinen Universitätsfächer und deren Perspektiven befasst.

Die Mainzer Arbeitsstelle knüpft an die Ergebnisse der Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer an. Zum einen setzt sie die Kartierung der kleinen Fächer fort, um eine verlässliche Informationsbasis für weitere hochschulpolitische Entscheidungen zu bieten. Zum anderen wird sich die Mainzer Arbeitsstelle den Hintergründen und Ursachen für die Entstehung sowie die Situation der kleinen Fächer in Deutschland zuwenden. Der internationale Vergleich verdeutlicht, dass die Einteilung in große und kleine Fächer keinesfalls statisch ist, sondern in Abhängigkeit von wissenschaftsorganisatorischen und -kulturellen Gegebenheiten erfolgt. Ziel ist es, diese Entwicklung der Ausdifferenzierung von universitären Fächern in wissenschaftshistorischer Perspektive zu untersuchen, spezifische Handlungsmuster herauszuarbeiten und damit einen Beitrag zum Verstehen der deutschen Wissenschaftskultur zu leisten.

"Kleinen Fächern Sichtbarkeit verschaffen"

L.I.S.A.: Warum so eine Arbeitsstelle?

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer: Mit der Kartierung der kleinen Fächer und der diese begleitenden Untersuchung wurde und wird zum einen ein Überblick über den Bestand sowie die Entwicklungen der kleinen Fächer gegeben und zum anderen ein umfassenderes Profil dieser Fächer gewonnen, das keinesfalls nur Einblicke in die Problemlage der betroffenen Disziplinen, sondern auch in ihre besonderen Potentiale gibt.

Die Fortführung der Kartierung ermöglicht eine verlässliche Informationsbasis für weitere hochschulpolitische Entscheidungen und steuert dem beklagten Verlust an Sichtbarkeit kleiner Fächer im Zuge der Umstrukturierung der Hochschulen entgegen.
Die begleitenden Untersuchungen zielen darauf, disziplinäre Wandlungsprozesse zu beschreiben und Entwicklungstendenzen der kleinen Fächer aufzuzeigen. In diesem Sinne leisten sie einen Beitrag zum Verstehen der deutschen Wissenschaftskultur.

KleineFächerCloud der Mainzer Arbeitsstelle

"Ein oder zwei, maximal drei Professuren"

L.I.S.A.: Ab wann gilt ein Fach als "klein" beziehungsweise als "Orchideenfach"?

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer: Die Potsdamer Arbeitsstelle Kleine Fächer hat in zwei Projektphasen zwischen 2007 und 2012 eine Arbeitsdefinition des Begriffs ‚Kleines Fach‘ erarbeitet und auf dieser Grundlage eine vollständige Kartierung der kleinen Fächer an deutschen Universitäten für den Zeitraum zwischen 1987 und 2011 vorgenommen.

Zu den sogenannten kleinen Fächern, die umgangssprachlich auch als „Orchideenfächer“ bezeichnet werden, zählt ein Fach dann, wenn es an einer Universität in der Regel mit nur ein oder zwei, maximal drei Professuren vertreten ist. Neben dieser Abgrenzung kleiner Fächer zu mittleren und großen Fächern ist ebenso eine Abgrenzung zu Spezialgebieten und Teildisziplinen erforderlich. Hierbei geht es vor allem um die Frage der ‚Eigenständigkeit‘ als Fach. Von Bedeutung sind dabei Aspekte wie:

  • das Vorhandensein eigener Professuren
  • das Selbstverständnis als Fach
  • das Vorhandensein eines eigenen Qualifikationsprofils
  • die Existenz einer Fachgesellschaft
  • die Publikation von Fachzeitschrift(en)
  • und schließlich das Vorhandensein eines eigenen Studiengangs im alten Studiensystem bzw. im B.A.-/M.A.-System zumindest noch das Vorhandensein eigener Module sowie die Möglichkeit zur Abschlussarbeit

L.I.S.A.: Haben Sie einige Beispiele für besonders kleine oder exotisch anmutende Fächer?

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer: Es gibt einige kleine Fächer, die deutschlandweit aktuell nur einen Fachstandort besitzen, hierunter u.a. die Bibliothekswissenschaft, die Mongolistik oder die Niederlande-Studien und die Kanadistik. Diese allerdings als „exotisch anmutende Fächer“ zu bezeichnen, ist aus unserer Sicht nicht zutreffend. Die wissenschaftlichen Gegenstände der Fächer sind in der Regel nicht weniger umfassend und von Interesse als jene anderer Fächer.

"Besondere Kompetenzen in der interdisziplinären Zusammenarbeit"

L.I.S.A.: Den "Kleinen Fächern" wird oft keine Zukunft mehr eingeräumt? Ist das wirklich so? Sterben diese Fächer allmählich aus?

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer: Diese Frage kann pauschal nicht beantwortet werden. Es gibt bei den kleinen Fächern unterschiedliche Entwicklungstendenzen, die nicht nur von der gesellschaftlichen Relevanz und thematischen Aktualität abhängen, sondern auch wissenschaftsimmanente Gründe haben. Aktuell sind einige der kleinen Fächer, wie bspw. das Fach Christlicher Orient, in ihrem Bestand bedroht. Allerdings ist es unseres Erachtens wichtig, sich nicht nur mit der Frage des Bestands oder der Bedrohung kleiner Fächer zu beschäftigen, sondern auch deren Potenziale zu sehen. So können gerade kleine Fächer in einem hohen Maße zur Profilbildung der Universitäten beitragen. Sie besitzen besondere Kompetenzen in der interdisziplinären Zusammenarbeit und fördern die internationale Vernetzung der deutschen Hochschulen.

"Anzahl der aufgeführten kleinen Fächer hat sich nahezu verdoppelt"

L.I.S.A.: Woran liegt es, dass Fächer an Bedeutung verlieren und andere aber neu hinzukommen?

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer: Da uns zu dieser Frage keine fundierten empirischen Ergebnisse vorliegen, können wir hier nur Vermutungen anstellen. Unseres Erachtens gilt es zur Beantwortung dieser Frage jedoch u.a. die folgenden Aspekte zu beachten, die das Thema der Bedeutung von Fächern aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten:

Zunächst ist ganz generell festzuhalten, dass sich Wissenschaft stets in einem Wandel befindet und sich nicht nur ihre Gegenstände und Methoden, sondern auch die Relevanz ihrer Fragestellungen für die Gesellschaft verändert. Am Beispiel der Islamwissenschaft lässt sich dies sehr gut nachvollziehen. In der Folge der Anschläge vom 11. September 2001 ist das Interesse an der Expertise von IslamwissenschaftlerInnen in besonderem Maße gestiegen und das Fach hat an den deutschen Universitäten einen Ausbau erfahren. Zugleich bedeutet ein gesteigertes gesellschaftliches Interesse an bestimmten Fächern jedoch noch nicht, dass es automatisch auch zu einer höheren Nachfrage seitens der Studierenden kommt. D.h. die gesellschaftliche Relevanz ist ein möglicher Grund, aber keinesfalls ein Garant für die gesteigerte Bedeutung eines Faches.

Neben diesem Aspekt der öffentlichen Aufmerksamkeit ist darauf hinzuweisen, dass sich die Bedeutung von Fächern im Zuge der Bologna-Reform dahingehend verändert hat, dass nun eher (anwendungsbezogene) Studiengänge als Fächer in den Blick geraten. D.h. die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge orientieren sich nicht zwingend an disziplinären Grenzen. Gerade auf Bachelor-Ebene werden nicht selten (kleine) Fächer zu Verbundstudiengängen zusammengefasst, während auf Ebene der Masterstudiengänge Spezialisierungen zu beobachten sind, die oft nur Teilbereiche von Fächern abbilden. Welche Folgen aus dieser Entwicklung für die einzelnen Fächer sowie für deren Zusammenspiel erwachsen, wird wohl erst in einigen Jahren ersichtlich sein.

Last but not least erfordern der Wandel der Bedeutung von Fächern und insbesondere die Frage der Entstehung neuer Fächer, den Blick auf unsere Wissenschaftskultur historisch zu weiten. Vergleicht man die aktuelle Kartierung der kleinen Fächer mit der ersten Kartierung, die zu Beginn der 1970er Jahre vom deutschen Hochschulverband durchgeführt wurde, so hat sich die Anzahl der aufgeführten kleinen Fächer bis heute nahezu verdoppelt. Ein Grund dafür ist vor allem in der fortschreitenden Ausdifferenzierung der Disziplinen sowie in der Bildung von problembezogenen Hybrid-Wissenschaften zu sehen. So sind beispielsweise die Fächer Dänisch oder Friesisch hinzugekommen, die vorher als Teilbereiche zur Germanistik gehörten, und zugleich hat sich an der Schnittstelle von Fächern wie Biologie und Informatik die Bioinformatik gebildet.

"Neues Wissen stets in bestehende Zusammenhänge reintegrieren"

L.I.S.A.: In einem L.I.S.A.Interview hat zuletzt der Osteuropahistoriker Prof. Dr. Jan Kusber von der Universität Mainz beklagt, dass es zu wenig Spezialfächer gibt. Eine zunehmend komplexer werdende Welt brauche Experten - auch in Nischenbereichen. Sehen Sie da auch Handlungsbedarf? Was muss getan werden, um Spezialwissen vorrätig zu halten?

Mainzer Arbeitsstelle Kleine Fächer: Die Diagnose von Professor Kusber ist zweifelsohne richtig. Wir erachten es aus einer – wenn man so will – wissenschaftssoziologischen Perspektive aber auch als wichtig zu berücksichtigen, dass Spezialisierungsprozesse in der Wissenschaft nicht für sich stehen, sondern dass neues Wissen stets auch in bestehende Zusammenhänge reintegriert werden muss, um unter anderem den Austausch zwischen den Disziplinen aufrechtzuerhalten.

Die Herausforderung für kleine Fächer besteht somit darin, dass ihnen beides gelingt: zum einen neues Wissen zu generieren, zum anderen diese Erkenntnisse wieder in größere Fachkontexte zu reintegrieren. Diese Kompetenz muss auch den Studierenden als den ‚Experten von morgen‘ vermittelt werden. Für die Gestaltung von Studiengängen bedeutet dies konkret, den Spagat zwischen Spezialisierung und Generalisierung zu meistern.

Die Arbeitsstelle Kleine Fächer hat die Fragen der L.I.S.A. Redaktion schriftlich beantwortet.

Weitere Informationen zu der Arbeitsstelle Kleine Fächer gibt es auf der Homepage des Projektes www.kleinefaecher.de. Dort finden Sie auch die Kartierung, welche für die jeweiligen Universitätsstandorte der kleinen Fächer Professuren, Standortmerkmale, Studiengänge sowie die Sprachen der kleinen Fächer verzeichnet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 06.05.2014 | 18:30 Uhr
Kleine Anmerkung, weil man das falsch verstehen könnte: nicht Wikipedia sagt, daß die Orchideenfächer als sich geleisteter Luxus der Universitäten gesehen werden. Das steht weder im Artikel, noch wäre es eine Urteil, daß sich ein Autor in der Wikipedia anmaßen würde.

Im Jahr 2007 waren die "Geisteswissenschaften" Mittelpunkt des Wissenschaftsjahres (was schon zeigt, daß mittlerweile eigentlich alle geisteswissenschaftlichen Fächer auf dem Weg zu "Orchideenfächern" sind, wenn nicht einmal mehr Fächer wie Germanistik oder wenigstens die Philologien allgemein oder die Geschichtswissenschaften eigenständig geführt werden. Sei es drum, im Rahmen des Wissenschaftsjahres ging es auch um die Stellung der kleinen Fächer, die auf der Webseite ein paar ihrer Vertreter durch Videos präsentieren konnte. Es ist zum Teil irritierend, wenn man sehen muß, daß für einen selbst sehr wichtige und präsente Fächer nur noch als Randerscheinung und Luxusgut gelten, weil sich mit ihnen letztlich kein Geld machen lässt und heutzutage fast nur noch das von Wert ist, was Gel bringt, statt es nur zu kosten.

http://www.zak.kit.edu/1750.php

Kommentar

von Marcus Cyron | 06.05.2014 | 18:33 Uhr
Hier der Link zu den "Orchideen des Monats", den ich oben vergaß http://www.abc-der-menschheit.de/coremedia/generator/wj/de/07__Aktuell/Orchidee/Orchidee.html

Und der Nachtrag: es ist schon bezeichnend, daß die früheren Säulen der akademischen Bildung, die Latinistik und die Gräzistik nur noch Orchideen sind. Ja selbst die Astronomie, die doch eigentlich eine Fortschrittswissenschaft wäre.

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