Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 05.04.2020 | 1168 Aufrufe | Interviews

"Hektischer und irrationaler Aktivismus bei diffuser Furcht und geringem Kenntnisstand"

Interview mit Thomas Gartmann über Seuchen in der Antike

Wir wissen, dass Unglücke und Schicksalsschläge, wie beispielsweise das Wüten von Seuchen, die Geschichte der Menschheit durchziehen. Wir wissen darüber allerdings nur das, was uns überliefert wurde. Für die Moderne mit ihren vielen politischen Veränderungen sowie technischen Neuerungen mangelt es nicht an Zeitzeugenschaft über Ausbruch, Verlauf und Folgen von größeren Katastrophen. Für die Zeiten davor sieht das schon anders aus, vor allem für die Antike, über die uns nur verhältnismäßig wenige Zeitgenossen über das Geschehene berichten. Der Historiker Thomas Gartmann untersucht im Rahmen seines von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Dissertationsprojekts, welche Historiographen im alten Rom was und wie über Unglücke wie Seuchen oder Stürme sowie über die Nutznießer von Katastrophen wie beispielsweise Spekulanten überliefert haben und stößt dabei auf interessante Parallelen zur akuellen Coronakrise. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

Bild rechts: Die Attische Seuche (Gemälde von Michiel Sweerts, um 1653)

"Bei den großen Sinnfragen hat sich in den letzten zwei Jahrtausenden nicht allzu viel verändert"

L.I.S.A.: Herr Gartmann, Sie forschen zurzeit im Rahmen Ihres Dissertationsprojekts zu Stürmen, Seuchen und Spekulanten in der Antike. Genauer: Sie untersuchen, wie antike Autoren die Ursachen von Versorgungsengpässen in Rom beurteilt haben. Bevor wir zu Ihrem Projekt kommen – wie ist das eigentlich, wenn sich die Gegenwart plötzlich zu einer Reihe von historischen Analogiebildungen aufdrängt? Oder sind Analogien zwischen antiken Seuchen und Versorgungsengpässen und ähnlichen Zusammenhängen heute unsinnig?

Gartmann: Lassen Sie mich mit der zweiten Frage beginnen: Eine Gegenüberstellung von antiken und modernen Verhältnissen finde ich eigentlich immer gewinnbringend – solange man sich bewusst ist, dass sich gewisse Dinge eher vergleichen lassen als andere.

Einerseits findet sich meiner Meinung nach bei den antiken Autoren - von den griechischen Epikern, Philosophen und Komödiendichtern bis zu den römischen Historiographen und Satirikern - bereits praktisch die gesamte Bandbreite an denkbarem menschlichem Verhalten. Sowohl bei den großen Sinnfragen als auch bei den kleinlichen Alltagsquerelen hat sich da in den letzten zwei Jahrtausenden nicht allzu viel verändert – und das menschliche Verhalten in Krisenzeiten bildet da mit Sicherheit keine Ausnahme. Antworten auf die Frage, was die Ursachen für eine bestimmte Hungersnot gewesen seien, sagen zudem nicht selten mehr über den politischen Standpunkt der antwortenden Personen aus, als über die tatsächlichen Probleme – in der Antike wie heute. Wenn es unter ‘schlechten’ Kaisern (wie Caligula oder Nero) zu Versorgungsproblemen kam, waren die Herrscher aus Sicht der überlieferten Quellen typischerweise persönlich und vorsätzlich dafür verantwortlich. ‘Gute’ Kaiser (wie Augustus oder Trajan) hatten dagegen denselben Autoren zufolge einfach häufig Pech mit dem Wetter. Nach Parallelen für derartige Verzerrungen muss man in der Gegenwart nicht lange suchen.

Andererseits kam es aber insbesondere im Zuge der industriellen Revolution, und noch einmal verstärkt im 20. Jahrhundert, zu so grundlegenden technologischen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, dass beim Vergleich mit den antiken Verhältnissen vor allem deutlich wird, wie unterschiedlich die Lebenswelten waren. Besonders eindrücklich treten diese Veränderungen etwa bei den landwirtschaftlichen Erträgen, den Transportmöglichkeiten und der Medizin zu Tage: Die Erträge pro Aussaatmenge oder Fläche erreichten in römischer Zeit nur unter günstigen Bedingungen etwa einen Zehntel dessen, was heute dank Kunstdünger und wissenschaftliche Züchtungen üblich ist. Zudem absorbierte die Landwirtschaft etwa 80 Prozent aller verfügbaren Arbeitskräfte, da alle Arbeiten von Hand oder mit Hilfe von Zugtieren erledigt werden mussten. Die Transporte von Lebensmitteln über das Meer und über Flüsse waren stark saisonal geprägt und wetterabhängig. Und über Land ließen sich schwere Güter wie Getreide üblicherweise nur beschränkt transportieren, sodass Strecken über etwa 100 Kilometer nicht mehr rentabel, solche über 1.000 Kilometer sogar praktisch unmöglich zu bewältigen waren. Im medizinischen Bereich hat man zudem den Eindruck, dass in der Antike die Chancen auf Heilung für diejenigen, die sich den Göttern zuwandten, und für diejenigen, die einen Arzt aufsuchten, im Schnitt ähnlich ‘gut’ waren. Solche Einschränkungen müssen die Gesellschaft in einer Weise geprägt haben, die wir nicht mehr ohne weiteres nachvollziehen können.

Nun komme ich aber doch noch kurz auf die erste Frage zurück: Um den Fragen im Mittelpunkt meines Dissertationsprojekts nachgehen zu können, muss ich mich mit einer breiten Palette von interessanten Aspekten auseinandersetzen, welche für die Versorgung einer antiken Metropole relevant sind – von der Demografie über Landwirtschaft und Logistik bis zu Ernährung und politischen Institutionen. Wenn sich also im Zuge meiner Arbeit keine Gelegenheit geboten hätte, den Bezug zur Gegenwart herzustellen, wäre dies erstaunlich dumm gelaufen…

"Seuchen waren insofern ‘demokratischer’, als dass Reichtum dagegen kaum Schutz bot"

L.I.S.A.: Was fehlte den Menschen im antiken Rom, wenn sie von Stürmen und Seuchen heimgesucht wurden? Heute mangelt es an Klopapier, um was rissen sich die Leute damals? Und machte es einen Unterschied, um welche Heimsuchung es sich handelte – Sturm oder Seuche oder gar die Krisengewinnler?

Gartmann: Was den Bewohnerinnen und Bewohnern Roms während einer Hungerkrise fehlte, ist relativ eindeutig: Die normale Bevölkerung deckte wohl bis zu etwa 75 Prozent ihres täglichen Energiebedarfs mit Getreide und insbesondere Weizen - übrigens nicht in Form der heute bei Hamstern ebenfalls beliebten Pasta, sondern idealerweise als Brot oder zur Not als Getreidebrei. Dies hat vor allem damit zu tun, dass unter den antiken Transportbedingungen nur gut haltbare und relativ kompakte Lebensmittel sinnvoll über weitere Strecken transportiert werden konnten. Auch Olivenöl, Wein und Hülsenfrüchte gehörten nicht zuletzt deshalb zu den Grundnahrungsmitteln im antiken Mittelmeerraum. Eine große Vielfalt von anderen Lebensmitteln machten das Leben angenehmer – sofern man sie sich leisten konnte –, doch Hunger war praktisch gleichbedeutend mit Getreidemangel und wird von den antiken Autoren auch fast synonym damit verwendet.

Was die verschiedenen Probleme betrifft, konnten Stürme einerseits die Ernten ruinieren. Dies war aber in der Regel eher ein regionales Problem und zumindest in seiner Blütezeit konnte dies von Rom, das im 1. Jahrhundert n. Chr. wohl etwa eine Million Einwohner hatte, dank seines sehr großen Einzugsgebietes in der Regel aufgefangen werden. (Für isolierte Regionen im Landesinneren sah dies natürlich anders aus.) Andererseits konnten Unwetter aber auch die auf günstige Winde angewiesene Schifffahrt massiv beeinträchtigen. Ein Getreidefrachter aus Ägypten, woher in der frühen Kaiserzeit etwa ein Drittel des Getreides für die Metropole kam, benötigte schon unter günstigen Bedingungen etwa zwei Monate für die Fahrt nach Rom. Zudem waren im Winter während etwa vier bis fünf Monaten die Sicht und die Windverhältnisse dermassen ungünstig, dass sich antike Seeleute während dieser Zeit nur im Notfall auf das Meer wagten. Wenn nun die Transporte während der ohnehin schon kurzen Schifffahrtssaison auch noch durch Schlechtwetterperioden aufgehalten wurden, konnte dies rasch zu Engpässen führen.

Spekulanten hatten in der Regel nicht genügend Einfluss auf den römischen Getreidemarkt, um tatsächlich eine Krise auslösen zu können. Wenn sich aber aus anderen Gründen bereits Probleme abzeichneten, konnten sie diese durch ihr Profitstreben verschärfen – hier besteht also durchaus eine gewisse Parallele zu Hamstern jüngerer Zeit. Daneben gab es aber in der römischen Gesellschaft auch einfach große Ungleichheiten. Die Reichen waren in der Regel nicht diejenigen, die verhungerten, sondern diejenigen, die es sich leisten konnten die Produkte ihrer Landgüter erst zu einem günstigen Zeitpunkt zu verkaufen. Sie waren auch diejenigen, die während einer Krise Geld oder Saatgut verleihen oder aus Not veräußerte Produktionsmittel kaufen konnten. Bisweilen zogen sich die Politiker und Großgrundbesitzer in einer Krisensituation aber auch den (mehr oder weniger berechtigten) Volkszorn zu, sodass die hungernde Bevölkerung dort nach Lebensmitteln zu suchen begann, wo aller Wahrscheinlichkeit welche zu holen waren – oder auch damit drohte, das Senatsgebäude während einer Sitzung niederzubrennen.

Die Seuchen waren insofern ‘demokratischer’, als dass Reichtum dagegen kaum Schutz bot. Aus Sicht der antiken Medizin waren Seuchen quasi per Definition nicht behandelbar. Das Verhältnis zwischen Hunger und Seuchen, die oft zusammen auftraten, ist aber kompliziert. In manchen Fällen überliefern die antiken Autoren, dass aufgrund einer Seuche die Felder nicht bestellt werden konnten und deshalb eine Hungersnot ausbrach. (Das Ausbleiben der ohnehin schon prekären Einkünfte ist derzeit auch eine der großen Sorgen, welche unter anderem die Bevölkerung Indiens gerade besonders umtreibt.) Häufiger wurden aber umgekehrt die Leute während einer Hungerkrise krank, weil sie zu wenig, beziehungsweise schlechte Lebensmittel zu sich nahmen. Weil sie bereits geschwächt waren, wurden sie auch anfälliger für ansteckende Krankheiten. Und dass sie auf der Suche nach Essen häufig vom Land in die Städte zogen, wo die Mächtigen und ihre Vorräte sich befanden, führte einerseits zur zusätzlichen Verbreitung von Krankheiten und andererseits zu noch überfüllteren und unhygienischeren Zuständen als sonst schon. In noch einmal gesteigerter Form bestanden diese Probleme übrigens in Belagerungskontexten, welchen die antiken Historiographen besonders viel Aufmerksamkeit schenkten: Zu einer ‘ordentlichen’ Belagerung gehörten Hunger und Seuchen gewissermassen fix dazu.

L.I.S:A.: Warum wissen wir heute eigentlich noch etwas über Versorgungsengpässe im antiken Rom? Wer berichtete davon und zu welchem Zweck? Reine Chronistenpflicht?

Gartmann: Das ist eine der Kernfragen meiner Arbeit. Im Mittelpunkt meiner Untersuchungen stehen die Berichte der antiken Historiographen. Diese erwähnen Versorgungsprobleme mit einer gewissen Regelmäßigkeit, doch ihre Schilderungen sind mit zahlreichen Problemen behaftet. Ein erstes Problem besteht darin, dass Autoren wie Livius oder Cassius Dio zum Teil über Zeiten berichten, die bereits für sie mehrere Jahrhunderte zurücklagen – und für die sie selbst realistischerweise keine vernünftigen Quellen haben konnten. Letzteres ist aber in der Forschung umstritten. Ein zweites Problem ergibt sich aus der Perspektive der antiken Autoren: Sie alle waren reich genug, um es sich leisten zu können, Geschichte zu schreiben. Die meisten römischen Historiographen gehörten auch selbst zur politischen Elite und hatten zeitweilig die höchsten Staatsämter inne. Zu den selbst von Hunger Betroffenen gehörten sie also in aller Regel nicht. Meine These ist, dass sie sich grundsätzlich gar nicht für Hungersnöte interessierten, sondern nur dann darüber berichteten, wenn diese interessante politische Folgen hatten oder moralische Überlegungen untermauern konnten. Zum Teil lässt sich auch beobachten, wie sich die ‘Beschreibung’ der gleichen Episode von einem Autor zum anderen ganz erheblich verändert. Die ‘reine Chronistenpflicht’ gibt es folglich wohl nur in der Wahrnehmung moderner Autoren. Aber dies sind Fragen und Probleme, an denen ich noch arbeite.

"Bei Seuchen oder Erdbeben wurden eher religiöse Erklärungen bemüht"

L.I.S.A.: Welches Verständnis lag den antiken Autoren zwischen der Abfolge von Naturkatastrophen und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Veränderungen zugrunde? Gab es damals auch die Vorstellung, dass die Welt nach der Katastrophe eine andere sein würde? Anders gefragt: Wie rationalisierte man Katastrophe und Folgen?

Gartmann: Das ist eine schwierige Frage. Wie heute muss es auch in der Antike eine Fülle von Deutungsversuchen gegeben haben. Viele davon können wir nicht mehr fassen, aber die Bandbreite der erhaltenen Interpretationen ist ganz erheblich – und gewisse Muster sind durchaus erkennbar. Insbesondere wurde bei Hungerkrisen eher menschliches Versagen in den Mittelpunkt gerückt als bei Seuchen oder Erdbeben, während bei den letzteren beiden eher religiöse Erklärungen – und folglich auch entsprechende Gegenmaßnahmen – bemüht wurden.

Ein wesentliches Problem mit dieser Frage ist aber, dass die Kausalitäten nicht immer klar sind: Hat zum Beispiel Livius in einem bestimmten Fall eine Hungersnot oder eine Seuche im 5. Jahrhundert v. Chr. beschrieben und dabei selbstverständlich auch die gesellschaftlichen Folgen getreu überliefert? Oder hat er vielleicht umgekehrt für eine bestimmte politische Neuerung eine plausible Erklärung gesucht, welche der eigentlich konservativen Grundhaltung der Römer gerecht wurde, und dazu dann die passende Krise (re)konstruiert?

Wenn es zu grundlegenden Veränderungen kam, haben wir häufig das Problem, dass uns die antiken Autoren keine plausible Beschreibung der vorherigen Zustände oder der zeitgenössischen Wahrnehmung der Veränderungen liefern. Und wenn eine große, aber etwas weiter zurückliegende Katastrophe beschrieben wird, wie etwa die Eroberung Roms durch die Kelten im frühen 4. Jahrhundert v. Chr., dann birgt dies die Gefahr, dass nachträglich alle möglichen späteren Besonderheiten bedenkenlos darauf zurückgeführt wurden. In diesem Fall insbesondere das chaotische römische Stadtbild und das Fehlen von älteren Archivunterlagen, die beide mit dem Niederbrennen Roms (und dem hastigen Wiederaufbau) erklärt werden, obwohl inzwischen archäologisch nachgewiesen ist, dass Rom zu diesem Zeitpunkt nicht großflächig zerstört worden ist.

Selbst für Krisen, zu denen wir zeitnahe Quellen haben, ist bisweilen schwer zu sagen, wie sie in der breiten Bevölkerung bewertet wurden. Die eindrückliche Beschreibung des Vesuv-Ausbruchs von 79 n. Chr. durch Plinius den Jüngeren ist fast so berühmt wie das dabei verschüttete Pompei, aber trotzdem wissen wir erstaunlich wenig über die Bewertung dieser Katastrophe und insbesondere ihrer längerfristigen Folgen. Und die sogenannte Antoninische Pest in der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. scheint zwar sehr viele (vielleicht 10-20 Prozent?) Menschen im Römischen Imperium das Leben gekostet zu haben, doch ihre gesellschaftlichen Nachwirkungen sind in der Forschung außerordentlich umstritten. Zudem haben wir hier das Problem, dass unsere besten Informationsquellen zur Abschätzung der längerfristigen Auswirkungen nicht konzise antike Beschreibungen sind, sondern weit verstreute indirekte Daten, die sich etwa aus grönländischen Eisbohrkernen (zur Abnahme der Luftverschmutzung), ägyptischen Papyri (zu Preisschwankungen) und so weiter herausdestillieren lassen. Solche Daten sind wertvoll, aber immer auch interpretationsbedürftig.

"Von der selbstlosen Aufopferung bis zur egoistischen Niederträchtigkeit"

L.I.S.A.: Wenn Sie das Bild einer von Seuchen geplagten Stadt wie das antike Rom vor Augen haben, den Umgang damit und das Reden darüber und dieses dann mit der gegenwärtigen Coronakrise vergleichen, kommt man dann möglicherweise zu dem Schluss, dass es eine Art anthropologische Konstante gibt, wie Menschen sich in solchen Situationen verhalten?

Gartmann: Diese Vermutung drängt sich durchaus auf, ja. Hektischer und bisweilen irrationaler Aktivismus bei diffuser Furcht und geringem Kenntnisstand dürfte man wohl beispielsweise dazu zählen. Zudem wurden bereits für antike Krisen ganz unterschiedliche individuelle Reaktionen beschrieben – von der selbstlosen Aufopferung bis zur egoistischen Niederträchtigkeit. Schon damals konnten Krisen das Beste und das Schlimmste in den Menschen zum Vorschein bringen.

Auch hier machen aber die wissenschaftlichen und technologischen Entwicklungen einen erheblichen Unterschied: Zumindest die Experten (und diejenigen, die sich um die entsprechenden Informationen bemühen), habe heute eine relativ klare Vorstellung davon, wie eine Infektionskrankheit und eine Ansteckung funktionieren. Entsprechend sind viel gezieltere und wirksamere Gegenmaßnahmen möglich, als wenn man auf der Grundlage der Miasmentheorie und der Viersäftelehre argumentiert. Durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten müsste man zudem gewisse Fehler - eigentlich - nicht in jeder Stadt oder jedem Land wiederholen. Umgekehrt begünstigt die heutige Vernetzung natürlich auch die rasante Verbreitung einer Krankheit über die ganze Welt.

Ein weiterer ganz wesentlicher Unterschied ist aber auch, dass wir heute – zumindest in wohlhabenden Gesellschaften – normalerweise mit einem langen und nicht allzu sehr von Krankheit belasteten Leben rechnen dürfen. In der Antike dagegen betrug die mittlere Lebenserwartung bei Geburt ungefähr 25, bestenfalls vielleicht 30 Jahre – und wer zwei Drittel seines Lebens bei einigermassen guter Gesundheit verbringen konnte, musste sich wohl bereits glücklich schätzen. Die Gründe dafür waren vor allem mangelnde Ernährung, harte Arbeit, niedrige Hygienestandards, fehlendes medizinisches Wissen und zum Teil auch Gewalt. Wenn bisweilen trotzdem jemand ein Alter von etwa 90 Jahren erreichte, das nur noch knapp über unserer mittleren Lebenserwartung liegt, erschien dies den antiken Historiographen bisweilen berichtenswert, weil es so außergewöhnlich war. Dass unter diesen Umständen Tod und Krankheit in den antiken Gesellschaften einen anderen Platz im Alltag hatten als bei uns, kann wohl niemanden überraschen.

Die Nachbearbeitung der Coronakrise und die fundierte Beurteilung der ergriffenen Gegenmaßnahmen, aber auch der direkten und indirekten Folgen der Krise, stehen uns erst noch bevor. In China lässt sich jedoch bereits beobachten, wie die maßgebenden politischen Kreise versuchen, ihr eigenes Narrativ und ihre eigenen Deutungen der Krise zu etablieren. Für die Antike lassen sich diese Prozesse häufig lediglich erahnen – denn was wir haben, sind in der Regel -von ein paar flüchtigen Informationsschnipseln aus dem antiken Alltag abgesehen - lediglich die Narrative, die sich längerfristig durchgesetzt haben.

Thomas Gartmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

F8052Z