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Georgios Chatzoudis | 08.10.2015 | 1768 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die Deutschen gegen verhängnisvolle Eigenschaften immunisieren"

Interview mit Werner Renz über Fritz Bauer und die Frankfurter Auschwitz-Prozesse

Seit einer Woche läuft in den Kinos der Spielfilm "Der Staat gegen Fritz Bauer". Konzipiert als Politthriller und weniger als Dokumentation setzt er Fritz Bauers Wirken als hessischer Generalstaatsanwalt während der Auschwitz-Prozesse der 1960er Jahre in Szene. Im Plot sind historische Rekonstruktion und fiktive Elemente miteinander verwoben. Wird das der historischen Persönlichkeit Fritz Bauers gerecht? Und darüber hinaus stellen sich Fragen nach Fritz Bauers Rolle vor, während und nach den Prozessen gegen die NS-Täter. Werner Renz vom Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main erforscht die Geschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse sowie die Geschichte des Konzentraktionslagers Auschwitz-Birkenau und hat bereits mehrfach dazu publiziert - zuletzt das Buch "Fritz Bauer und das Versagen der Justiz". Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

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"Aus dramaturgischen Gründen Beschränkung auf ein Tätigkeitsfeld Bauers"

L.I.S.A.: Herr Renz, Sie forschen zu Fritz Bauer und haben sich in diesem Zusammenhang intensiv mit der Geschichte der Frankfurter Auschwitz-Prozesse beschäftigt. Fritz Bauer ist zuletzt wieder ins öffentliche Interesse geraten – nun als Protagonist im neuen Kinofilm „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Wird der Film der historischen Figur Fritz Bauer gerecht?   

Renz: Der Spielfilm Der Staat gegen Fritz Bauer kann der überaus komplexen historischen Figur Fritz Bauer in ihrer Ganzheit natürlich nicht vollständig gerecht werden. Der Spielfilm konturiert und konzentriert aus nachvollziehbaren Gründen Fritz Bauer auf ein bestimmtes Feld seines Wirkens: die Verfolgung von NS-Verbrechern, die justizielle Aufarbeitung der NS-Vergangenheit. Bauer war als Justizjurist vor allem ein Streiter für die Reform des Strafrechts und des Strafvollzugs. Er war ein progressiver Kriminalpolitiker, der an die Stelle des überkommenen Schuldstrafrechts ein Behandlungsrecht setzen wollte.

Der politische Aufklärer Bauer, der durch Vorträge, durch Radiosendungen, durch Auftritte im Fernsehen, durch Teilnahme an Tagungen und Konferenzen etc. öffentlich wirken, einen Beitrag zur Bewusstseinsbildung und politischen Erziehung leisten wollte, kommt gleichfalls in dem Spielfilm nicht vor. Diese "Defizite" sind dem Spielfilm selbstverständlich nicht zum Vorwurf zu machen, der sich aus dramaturgischen Gründen auf ein interessantes und inszenierbares Tätigkeitsfeld Bauers beschränken musste.     

"Bauer spielte beim Auschwitz-Prozess eine eminent wichtige Hintergrundrolle"

L.I.S.A.: Fritz Bauer wird nicht zum ersten Mal in einem Spielfilm thematisiert. Vor einem Jahr erschien er auch im Spielfilm „Labyrinth des Schweigens“. Wie stand es darin um die historische Wirklichkeit?

Renz: Als Generalstaatsanwalt von Hessen führte Bauer vor allem seine eigene, bei dem Oberlandesgericht Frankfurt am Main angesiedelte Behörde (Generalstaatsanwaltschaft). Ihm unterstanden auch als nachgeordnete Behörden die neun landgerichtlichen Staatsanwaltschaften und die Strafvollzugsanstalten. Kraft seiner Fach- und Dienstaufsicht konnte Bauer sich über anhängige Ermittlungsverfahren gegen NS-Täter durch die Staatsanwaltschaften bzw. persönlich durch die jeweilige Sachbearbeiter informieren lassen.

Im Falle des seit Mitte 1959 in Frankfurt am Main bei der landgerichtlichen Staatsanwaltschaft anhängigen Auschwitz-Verfahrens wissen wir nach Auskünften der beauftragten Strafverfolger, dass sich Bauer fortwährend ausführlich und umfassend informieren ließ, dass er aber keinen direkten Einfluss auf das Ermittlungsverfahren nahm. Wir können also sagen, dass Bauer eine eminent wichtige Hintergrundrolle spielte und dass er den Ermittlern verschiedentlich konzeptionelle Überlegungen darlegte. Die konkrete Ermittlungsarbeit leisteten Staatsanwälte und zum Teil Kriminalbeamte des hessischen Landeskriminalamts, die im Auftrag der Staatsanwaltschaft zum Beispiel Vernehmungen durchführten.

Der dem Spielfilm Im Labyrinth des Schweigens (D 2014) gemachte Vorwurf, er minimiere Bauers Rolle in der Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses, zeugt von Unkenntnis der Akten und stellte eine Verkennung der Funktion und Rolle eines Generalstaatsanwalts dar.

"Bauer hat von der 'Atomisierung' des Geschehens in Auschwitz gesprochen"

L.I.S.A.: Sie haben zu Fritz Bauer mehrfach publiziert, insbesondere zu seiner Rolle als Generalbundesanwalt in den Frankfurter Auschwitz-Prozessen. Sowohl mit Blick auf Fritz Bauers Wirken als auch auf den Verlauf der Prozesse sprechen Sie von einer „Tragödie“. Warum?

Renz: In einem Brief Fritz Bauers an Thomas Harlan vom März 1966 (Bauers Briefe an Harlan sind soeben vom Fritz Bauer Institut publiziert worden, Campus Verlag 2015) schreibt Bauer von den "Nazi-Prozessen" und ihrer "Tragödie". Bauers Kritik an den bundesdeutschen NS-Prozessen lässt sich in zwei Punkten zusammenfassen:

  1. Die Gerichte waren nahezu durchweg der Auffassung, dass Angeklagte, die am Holocaust beteiligt waren und ausschließlich auf Befehl gehandelt hatten, als Gehilfen und nicht als Mittäter zu qualifizieren sind. Wer ausschließlich auf Befehl an den Verbrechen mitgewirkt hatte und sich die befohlene Tat nicht aus Überzeugung, nicht aus ideologischem Konsens mit der verbrecherischen Staatsführung zu eigen gemacht hatte, handelte nach Ansicht der Gerichte als Gehilfe. Er förderte und unterstützte lediglich eine fremde Tat. Diese Qualifizierung der Angeklagten in Prozessen gegen Personal der Vernichtungslager als Gehilfen führte dazu, dass meist milde Freiheitsstrafen verhängt wurden. Diese Gehilfenrechtsprechung hat Bauer heftig kritisiert.
  2. Die Gerichte haben im Fall Auschwitz das Vernichtungsgeschehen in Episoden, in einzelne selbstständige Handlungen aufgeteilt, zum Beispiel in die "Abwicklung" eines "Sonderzugs" mit deportierten Juden. Bauer hat von der "Atomisierung" des Geschehens in Auschwitz gesprochen und war der Auffassung, dass die in Auschwitz tätigen SS-Angehörigen mitverantwortlich sind für das gesamte, in ihrer Dienstzeit erfolgte Verbrechen, das nach Bauer als Einheit, als eine Tat im Rechtssinne zu betrachten ist.

"NS-Prozesse sollten den Deutschen 'Lehre' und 'Unterricht' sein"

L.I.S.A.: Fritz Bauer hat sich für die Abrechnung mit den NS-Kriegsverbrechern eine „antinazistische Revolution“ bzw. „revolutionäres Recht“ gewünscht. Was genau meint das? 

Renz: Bauer hat in den Jahren 1944/1945 über die Frage der Ahndung der NS-Verbrechen ein Buch und mehrere Artikel veröffentlicht. Er war der Auffassung, dass antinazistische Deutsche und nicht die siegreichen Alliierten die Aufgabe hätten, die sogenannten Kriegsverbrecher zur Rechenschaft zu ziehen. Deutsche sollten über deutsche Verbrecher zu Gericht sitzen und im Namen von Recht und Gerechtigkeit urteilen.

Bauer war davon überzeugt, dass das zur Tatzeit geltende Recht, das heißt: das NS-Recht, kein taugliches Instrumentarium ist, die Verbrechen zu judizieren. Er vertrat mit Vehemenz die Ansicht, ein rückwirkend zu schaffendes, neues, ein "revolutionäres" Recht sei erforderlich und allein geeignet, die präzedenzlosen NS-Verbrechen zu judizieren. Dabei ging es Bauer weniger um die Aburteilung der Verbrecher. Wert legte er darauf, dass das Tatgeschehen aufgeklärt, dass die individuelle Verantwortung der Beteiligten tatangemessen aufgezeigt werden.

Wir können deshalb sagen, dass Bauer die justizielle Aufarbeitung der NS-Vergangenheit betrieb, um politische Aufklärung zu leisten, um die Deutschen, konfrontiert mit den Verbrechen, zur Ein- und Umkehr zu bewegen. NS-Prozesse sollten den Deutschen "Lehre" und "Unterricht" sein, sie sollten ihnen aufzeigen, dass man sich einem Unrechtsstaat und einer verbrecherischen Politik verweigern muss.

"Die Gerichte konzedierten den Angeklagten zum Teil ein irrendes Gewissen"

L.I.S.A.: Ein Knackpunkt der Prozesse war die „Konzession des irrenden Gewissens“, wie Bauer es nannte. Was bedeutet das? Könnten Sie das an einem Beispiel festmachen? 

Renz: Die Problematik der "Konzession des irrenden Gewissens" ist von Bauer thematisiert worden, weil bundesdeutsche Gerichte oftmals mit der Feststellung von einer Verurteilung von Angeklagten absahen, sie hätten nicht gewusst, dass die befohlenen Taten rechtswidrig sind. In einem Strafprozess kann nur bestraft werden, wer wusste, wer erkannte, dass er Unrecht tut. Das Unrechtsbewusstsein ist Bedingung der Strafbarkeit.

Im Falle von NS-Tätern gingen die Gerichte oftmals davon aus, dass die Beteiligten an den befohlenen Taten davon ausgingen, dass sogenannte "Führerbefehle" verbindlich seien, dass Hitler als oberster Kriegsherr und Gesetzgeber Befehle mit gesetzgeberischer Kraft erteilt habe. Im Fall der Ärzte, die Insassen von Heil- und Pflegeanstalten ("Euthanasie"-Verbrechen) ermordet hatten, konzedierten die Gerichte den Angeklagten zum Teil ein irrendes Gewissen. Im Fall der Verbrechen in Vernichtungslager und im Fall der Massenerschießungen von Juden (Kindern, Frauen, Männern) in der besetzten Sowjetunion und im Baltikum gingen jedoch die Gerichte meist davon aus, dass die Täter ein Unrechtsbewusstsein hatten, um den verbrecherischen Zweck der gegebenen Befehle wussten.

"Die Angeklagten als Mittäter und nicht als Gehilfen betrachten"

L.I.S.A.: Wenn wir von Fritz Bauers Idealvorstellung ausgehen – wie wären die Auschwitz-Prozesse verlaufen? Wie hätten die Urteile ausgesehen? Welche Rolle spielt dabei Bauers Patriotismus? 

Renz: Bauers Erwartung mit Blick auf die NS-Prozesse war vorrangig darauf gerichtet, dass die Verfahren eine umfassende Sachaufklärung leisten, dass das Verbrechensgeschehen durch die in der Hauptverhandlung zu leistende Beweisaufnahme rekonstruiert wird. Gründliche und tatangemessene Sachverhaltsaufklärung war für Bauer die Voraussetzung für die von ihm angestrebte politische Aufklärung, für die "Unterrichtsstunde", die NS-Prozesse den Deutschen sein sollten.

Mit Blick auf den einzelnen, für sein Tun und Lassen verantwortlichen Angeklagten sollten die Prozesse aufzeigen, dass ein Nein zu befohlenen Unrechtstaten, dass ein Widerstand gegenüber verbrecherischen Befehlen moralische Verpflichtung eines jeden Menschen ist. Mangelnde Zivilcourage und fehlende Widerständigkeit gegen Unrecht hatten nach Bauer so viele befehlsergebene und gehorsame Deutsche zu Mitschuldigen gemacht. Ein Abbau der Neigung der Deutschen zu Gesetzesfrömmigkeit, Obrigkeitsdenken, Untertanengesinnung und Jasagertum wollte Bauer mit Hilfe der NS-Prozesse herbeiführen, genauer: er hoffte, die Deutschen gegen diese verhängnisvollen Eigenschaften immunisieren zu können.

Was die Qualifizierung der Angeklagten anlangt, war Bauer der Auffassung, dass die Angeklagten als Mittäter und nicht als Gehilfen zu betrachten sind. Für Bauer hatten die Täter in den Vernichtungslagern allesamt Überzeugungen, die sie mit der verbrecherischen Staatsführung, juristisch gesprochen: mit den Haupttätern, teilten. Wegen ihres konsensualen Handelns waren sie als Mittäter zur Verantwortung zu ziehen.

"Kunst als Mittel, Menschen zum Guten, zum richtigen Handeln zu erziehen"

L.I.S.A.: Resigniert vom Ausgang der Auschwitz-Prozesse hat Fritz Bauer andere Formen der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit gesucht. Eine Möglichkeit sah er in der Kunst. Wie das?

Renz: Wie gesehen, waren NS-Prozesse für Bauer vorrangig ein Mittel zur politischen Aufklärung. Aufklärung war aber auf allen gesellschaftlichen Ebenen und in allen kulturellen Bereichen zu leisten. Die Darstellung vorbildhaften Verhaltens in der Kunst war Bauer ein wichtiges Anliegen. Da er als Humanist und Aufklärer sich in der Tradition von Lessing und Schiller begriff, hielt er trotz aller gegenläufigen Ereignisse in der jüngsten deutschen Geschichte an seinem Glauben an die Erziehbarkeit des Menschen fest. Kunst war nach Bauers Verständnis, das man in diesem Falle durchaus traditionell nennen kann, ein Mittel, Menschen zum Guten, zum richtigen Handeln zu erziehen.

"Bauer hätte diese Entwicklung bestimmt begrüßt"

L.I.S.A.: Fritz Bauer ist bereits 1968 gestorben, also in einer Zeit, als die Auseinandersetzung der jungen Generation mit der NS-Verstrickung der Väter gerade erst im Gange war. Hat Fritz Bauer das noch wahrgenommen? Und wie würde er den heutigen Umgang mit dem historischen NS-Erbe möglicherweise beurteilen? 

Renz: Die Auseinandersetzung der jungen Generation mit ihren Vätern und Müttern hat Bauer begrüßt. Die Konfrontation der Väter und Mütter mit der Vergangenheit und die Frage nach ihrer Mitverantwortung für das Geschehen in der NS-Zeit war für Bauer ein notwendiger Weg, sich von autoritären Verhaltensweisen zu befreien. In den 68ern, in der Außerparlamentarischen Opposition sah Bauer jedoch auch Anzeichen von Verhalten, das mit rechtstaatlichen Prinzipien nicht mehr vereinbar war. Spätestens ab den 1980er Jahren intensivierte sich in der Bundesrepublik die Beschäftigung mit der NS-Vergangenheit. Bauer hätte diese Entwicklung bestimmt begrüßt. Die heute zurecht positiv eingeschätzte bundesdeutsche Erinnerungskultur ist sicherlich auch auf die frühen, in den 1950er/1960er Jahren von Bauer und anderen in Gang gesetzten "Bewältigungsversuche" zurückzuführen.

Werner Renz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr. Oda Cordes | 12.10.2015 | 21:42 Uhr
Endlich ein konstruktiv kritisches Interview zu Fritz Bauers Beitrag für einen Rechtsstaat im Deutschland der Nachkriegszeit.

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