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Prof. Dr. Manfred Clemenz | 17.12.2015 | 526 Aufrufe | Artikel

Feuer und Schwert um der Gerechtigkeit willen

Besprechung von Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ im Schauspielhaus Frankfurt

Mit der impliziten Frage, ob Michael Kohlhaas einer der „rechtschaffendsten und zugleich entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ gewesen sei, führt Kleist den Leser – und Zuschauer - in die Irre. Kohlhaas ist zunächst einer der rechtschaffendsten, dann aber schrecklichsten Menschen seiner Zeit. Kleist zeigt einen Entwicklungsprozess, der durch den schwachen, weil versöhnlichen Schluss des Stückes – ähnlich wie im Prinz von Homburg – entschärft wird: Kohlhaas bekommt in seiner Sache recht, wird aber wegen Aufruhr und Mordbrennerei zum Tode verurteilt, ein Urteil, das er ergebenst annimmt. Als Racheengel in eigener Sache hatte längst alle Grenzen der Rechtschaffenheit überschritten.

Isaak Dentler als Michael Kohlhaas

Der Pferdehändler Kohlhaas wird durch den Junker von Tronka, der Kohlhaas einen betrügerischen Passierschein abfordert und seine Pferde zugrunde richtet, in seiner Rechtschaffenheit und Ehre gekränkt. Sein Knecht wird fast zum Krüppel geschlagen, seine Frau, die eine Petition beim Kurfürsten von Brandenburg einreichen möchte, „von dem bloßen rohen Eifer einer Wache“ tödlich verletzt. Dass letzterer Hinweis - erneut erfährt Kohlhaas obrigkeitliche Willkür - fehlt, ist ein Regie-Mangel der ansonsten klugen und stringenten Kürzung des Kleistschen Schauerstücks. Kohlhaas hat alles verloren: seine Pferde, seine Ehre, seine Frau.  

Kohlhaas nimmt den Kampf um die Gerechtigkeit in die eigene Hand, nachdem seine Petition abgewiesen wird. Er brennt das Schloss des Junkers nieder, Tronka entkommt, seine Vasallen werden ermordet. Wittenberg, in dem sich der Junker verborgen hat, wird von den Kohlhaas’schen Mordgesellen niedergebrannt, Dresden belagert. Hunderte Unschuldiger fallen den Marodeuren zum Opfer, dennoch steht die Bevölkerung teilweise auf seiner Seite, selbst Luther, der einen Volksaufstand befürchtet, greift vermittelnd ein. Kohlhaas kämpft mittlerweile nicht nur im eigenen, sondern im göttlichen Namen. In einem „Mandat“ nennt er sich einen „Reichs- und Weltfreien, Gott allein unterworfen“, ein selbsternannter Erzengel Gabriel, der mit Feuer und Schwert für Gerechtigkeit kämpft.  

Kleist hat ein zeitloses, darum aber wiederum aktuelles Modell des Terrorismus entworfen. Die Erfahrung von Ungerechtigkeit führt über den erfolglosen Wunsch nach Wiedergutmachung zum Gefühl von Demütigung und zum Wunsch nach Rache. Der Rachefeldzug wird mit einer metaphysischen Weihe versehen: der Rächer ist im göttlichen Auftrag unterwegs, auch das Opfer von Unschuldigen wird damit gerechtfertigt. Das kommt uns aus aktuellem Anlass hinlänglich bekannt vor. Für wirkliche oder selbsternannte Terrorismus-Experten könnte es ein Lehrstück sein. Die Mordbrennerei ist nicht zu entschuldigen, wohl aber könnte man dem brandenburgischen Kurfürsten folgen, der Kohlhaas zum Tode verurteilt, sich aber für die an Kohlhaas begangene Ungerechtigkeit entschuldigt, und den Junker Tronka zwingt, den Schaden zu kompensieren.  

Isaac Dentler rezitiert und agiert fulminant, fast hat man den Eindruck, die Kleistsche Novelle würde als Mehrpersonen-Stück gegeben, als würden neben Kohlhaas noch seine Frau, Luther oder der Kurfürst von Brandenburg auf der Bühne stehen. Dentler spricht über eine Stunde lang präzise und artikuliert, eine Ernsthaftigkeit des Sprechens, die man angesichts der lieblos heruntergeleierten und -genuschelten Telenovelas und Tatorte dankbar zur Kenntnis nimmt. Die minimalistische Regie des Stückes überzeugt, der Zuschauer wird nicht mit beliebigen Regie-Einfällen traktiert, die Einblendung des Schubertschen Klaviertrios bleibt dezent im Hintergrund. Die wenigen Knall-Effekte des Stückes sind wohlkalkuliert: so etwa wenn Dentler sich zwei Flaschen Theaterblut über den Kopf schüttet: es versinnbildlicht den blutbefleckten Mordbrenner, der Kohlhaas im Verlauf des Stückes geworden ist. Ob Kohlhaas tatsächlich ein Mensch ist, dem, wie Kleist postuliert, auf Erden nicht zu helfen ist, bleibt freilich offen.        

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