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Björn Schmidt | 21.04.2015 | 2126 Aufrufe | Interviews

"Kein Headhunter klingelt an der Tür von Geisteswissenschaftlern"

Interview mit Anke Bohne, Katharina Chrubasik und Michael Rathmann

Nach der Promotion stellt sich für viele die Frage: was nun? Alles auf die Wissenschaftskarte setzen oder doch lieber in ein anderes Berufsfeld wechseln? Die wenigen vorhandenen Chancen und die oft prekären Arbeitsverhältnisse in der Wissenschaft lassen viele nach alternativen Beschäftigungen suchen. Aber was bringt die Promotion? Welche Tätigkeitsfelder eröffnen sich für promovierte Geisteswissenschaftler? Derartige Fragen plagen derzeit viele Promovierte, wie jüngst die Besucherzahlen der Veranstaltung "Doktorhut - alles gut?!" am 12.03.2015 an der Universität Bonn verdeutlichten. In den angebotenen Workshops konnten sich Promovierende mit Alumni und Experten über Berufsperspektiven informieren. Initiiert wurde die bereits zum zweiten Mal stattfindende Veranstaltung vom Career Center der Universität Bonn. Wir haben Dr. Anke Bohne vom Career Center sowie den Referenten Dr. Katharina Chrubasik und Prof. Dr. Michael Rathmann zu dem Thema befragt.

V.l.n.r.: Dr. Katharina Chrubasik, Prof. Dr. Michael Rathmann und Dr. Anke Bohne

"Das Thema brennt vielen Promovierenden unter den Nägeln"

L.I.S.A.: In Bonn fand zuletzt zum zweiten Mal die Veranstaltung „Doktorhut – alles gut?“ statt, in der sich Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler über Berufsperspektiven informieren können. Hat sich eine zweite Ausgabe der Veranstaltung gelohnt? Gab es Interesse?  

Dr. Bohne: Die zweite Ausgabe der Veranstaltung „Doktorhut – alles gut?!“ hat sich mehr als gelohnt. Wir hatten angesichts des hohen Interesses im letzten Jahr die Zahl der Teilnehmerplätze stark erhöht. Dennoch überstieg die Zahl der Anmeldungen wieder die Zahl der zur Verfügung stehenden Plätze.  

Ich denke, es gab wieder ein hohes Interesses, da zum einen das Thema „Berufsperspektiven für promovierte Geisteswissenschaftler“ weiterhin aktuell ist und vielen Promovierenden in den Geisteswissenschaften unter den Nägeln brennt. Zum anderen haben wir das Programm erweitert. So hatten wir erstmals die Bereiche Journalismus und Öffentlichkeitarbeit als Berufsfelder dabei. Dies bedeutet: Eine Teilnahme lohnte sich auch für Promovierende, die bereits einmal an der Veranstaltung teilgenommen hatten, um sich einen Überblick über bisher noch nicht bekannte Berufsfelder zu verschaffen. Und natürlich waren viele Promovierende dabei, die wir 2014 nur mit einem Platz auf der Warteliste vertrösten konnten.

"Zum Nachdenken anregen"

L.I.S.A.: Worauf lagen die Schwerpunkte der Veranstaltung? Was möchten Sie vor allem vermitteln?  

Dr. Bohne: Der Schwerpunkt der Veranstaltung liegt auf der Vermittlung praxisnaher Tipps für den Berufseinstieg – von promovierten Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen an momentan promovierende Geisteswissenschaftler. Als Organisatoren wollen wir die Promovierenden frühzeitig darauf hinweisen, auch über den Tellerrand ihres eigenen Faches hinauszuschauen, um Ideen zu entwickeln, was sie beruflich in ihrem Leben nach der Promotion gerne machen wollen, was sie mit ihren Qualifikationen machen können, wo sie aber vielleicht auch nachbessern sollten. Gerahmt wurde das Programm von einem Einführungsvortrag von Andreas Pallenberg vom Wissenschaftsladen Bonn zum Arbeitsmarkt für promovierte Geisteswissenschaftler und Geisteswissenschaftlerinnen und der Vorstellung verschiedener Einrichtungen der Universität Bonn und der Region, die Promovierenden Beratung und Unterstützung auf ihrem Weg in den Beruf bieten.

Mir persönlich ist es wichtig, dass die Teilnehmer zum Nachdenken angeregt werden und sich bewusst machen: Bei vielen Berufswegen hat der Zufall, das Glück oder das „Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort sein“ einen entscheidenden Einfluss. Aber ich selbst bin derjenige, der die Weichen für diesen Zufall zu einem gewissen Grad aktiv selbst stellen kann – eben durch frühzeitiges Informieren, sich Klar-Werden über berufliche Wünsche und Alternativen sowie Sammeln von Berufserfahrung - auch und gerade neben der Arbeit an der Dissertation.

Doktorhut – alles gut?! – Auch 2015 wieder sehr gut besucht (©Universität Bonn / Frommann)

"Viele Promovierte sind verunsichert"

L.I.S.A.: Wie schätzen Sie die Stimmung unter frisch Promovierten ein? Was herrscht vor? Optimismus oder eher Skepsis mit Blick auf Karrierechancen?

Dr. Chrubasik: Es herrscht eher Skepsis mit Blick auf Karrierechancen. Viele lassen sich schnell verunsichern durch Absagen oder sehen keine Möglichkeit, neben der Promotion, weitere Standbeine aufzubauen. Dabei steht der Berufswunsch „Nachwuchswissenschaftler“ so stark im Vordergrund, dass die anderen Berufsfelder wie Notlösungen verstanden werden: „Ich könnte mir auch vorstellen, etwas mit Ausstellungen zu machen“. Trotz der vielen Informationsmöglichkeiten, die heute angeboten werden, ist es für mich jedes Mal erstaunlich, wie wenig die Promovierten im Laufe Ihres Studiums mit der Praxis, d.h. den realen Gegebenheiten in Berührung kamen und wie überrascht sie sind, dass es u.U. schwierig werden könnten, erst nach der Promotion umzudenken und neue Wege einzuschlagen. 

Dr. Rathmann: Gerade bei den frisch Promovierten war das Interesse am Thema mit einer latenten Skepsis vor dem ‚endgültigen‘ Schritt in die Wissenschaftslaufbahn unterlegt. Ich hatte bei den Fragen stets den Eindruck, dass sie nach einem sicheren Anker für ihre Zukunft suchten. Offenbar waren sie durch zahlreiche Gespräche und die mediale Berichterstattung verunsichert. Hier schien es mir wichtig, Vertrauen aufzubauen und nochmals die Bewertungskriterien für den beruflichen Werdegang zu schärfen. Wichtigste Entscheidungsmomente sind die Einschätzung der eigenen Fähigkeiten sowie der Wille, diesen Weg auch wirklich einschlagen zu wollen. Letztlich ist es trivial: Nur wenn man das macht, von dem man persönlich überzeugt ist und von dem man glaubt, es auch gut zu beherrschen, nur dann wird man Erfolg haben. Aber dies gilt für jede Karriere – ob innerhalb oder außerhalb der universitären Wissenschaft. Denn es ist ein großer Irrtum unserer Tage, dass vermeintlich gute Berufsaussichten das Kriterium schlechthin wäre. Auch als Anwalt oder Ingenieur kann man kolossal scheitern, wenn man diesen Weg  ohne das notwendige Geschick oder die innere Überzeugung, sondern aus rein wirtschaftlichen Erwägungen einzuschlagen.

Die Teilnehmer nutzten die Gelegenheit für Nachfragen (©Universität Bonn / Frommann)

"Es reicht nicht aus, erst nach der Abgabe der Doktorarbeit darüber nachzudenken"

L.I.S.A.: Welche Berufsperspektiven konnten den Teilnehmenden eröffnet werden? Welche Berufsfelder wurden vorgestellt?  

Dr. Bohne: Unsere Expertinnen und Experten haben die Berufsfelder Ausstellungsmanagement, Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit, Wissenschaft, Wissenschaftsmanagement und den Bereich der Unternehmensberatungen vorgestellt. Wie wir der Evaluierung der Veranstaltung entnehmen konnten, fühlten sich die Teilnehmer gut über die möglichen Berufsperspektiven informiert. Gerade die persönlichen Tipps der Referenten kommen sehr gut an.  

Wobei immer wieder auffällt, wie überrascht einige Doktoranden sind, dass Berufs- und Praxiserfahrung in dem von ihnen anvisierten Berufsfeld für ihre Berufsperspektive von zentraler Bedeutung sind. Es reicht eben nicht aus, erst nach der Abgabe der Doktorarbeit darüber nachzudenken, was ich beruflich machen will – dies gilt für den Bereich der Wissenschaft, aber eben noch viel mehr für die Bereiche außerhalb der universitären Wissenschaft. Hier ist die Konkurrenz aufgrund der vielen Quereinstiege und der unterschiedlichen Anforderungen eine ganz andere als auf dem vielen bereits besser bekannten Gebiet der Wissenschaft.

Prof. Dr. Michael Rathmann, Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt, führte aus, warum der Weg zur Professur nicht immer gerade sein muss (©Universität Bonn / Frommann)

"Es muss immer eine Selbstvermarktung geben"

L.I.S.A.: Im Tagungsbericht von Sandra Alica Müller wird deutlich, dass sich Geisteswissenschaftler stärker selbstvermarkten müssen, um bessere Jobchancen zu haben. Was bedeutet das genau? Wie weit geht Selbstvermarktung?

Dr. Rathmann: Hier kann ich natürlich nur für den universitären Bereich sprechen. Der Aspekt ‚Netzwerken‘ war eine ganz wesentlicher Punkt im Gespräch mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern. Mit den modernen Kommunikationswegen und Internetforen haben sich hier in den letzten zehn Jahren wunderbare Möglichkeiten eröffnet, speziell für Nachwuchswissenschaftlerinnen und –wissenschaftler. Sie können frühzeitig und vor allem selber den Weg in die akademische Community beschreiten. Workshops, Sommerakademien oder spezielle Tagungen für den akademischen Nachwuchs sind zahlreicher geworden, die Teilnahmemöglichkeiten spürbar verbessert worden. Ich kann nur jedem raten, dies als Chance zu verstehen und auch zu nutzen.

Dr. Chrubasik: Es muss immer eine Selbstvermarktung geben – leider klingelt kein Headhunter an der Tür eines Geisteswissenschaftlers. Die rechtzeitige Aktivierung von Netzwerken, die für das jeweilige Berufsfeld wichtig sind, das permanente Knüpfen von Kontakten und das berühmte „einen Fuß in der Tür haben“ spielen eine große Rolle. Auch die Erwerbung neuer Kompetenzen ist sinnvoll.

Dr. Katharina Chrubasik von der Bundeskunsthalle

"In sich selbst hineinhören"

L.I.S.A.: Was empfehlen Sie, wenn Geisteswissenschaftler in jeweils Ihren Berufsfeldern Fuß fassen möchten, also im Museumsbetrieb oder an den Hochschulen?

Dr. Chrubasik: Rechtzeitig die Frage stellen „Wo will ich hin?“ und die Weichen stellen! Nicht erst nach der Promotion überlegen, ob es noch Alternativen gibt. Das Sammeln von Erfahrungen – Praktika, Mitarbeit an kleinen Projekten - während der Promotion ist machbar und notwendig, denn die Promotion ist nicht das einzige Kriterium für die Arbeit im Museumsbetrieb, die Praxis spielt eine größere Rolle.

Dr. Rathmann: Nun, zunächst sollte man einmal in sich selbst hineinhören und eine Art Anamnese betreiben. Losgelöst von der Außenwelt und den unvermeintlich guten Ratschlägen muss sich ein jeder klar werden, was er will und wo die individuellen Stärken liegen. Und man sollte sich hier durchaus auch etwas Zeit nehmen und gegebenenfalls Gespräche mit den jeweiligen Fachvertreten suchen, auch mal eine zweite Meinung einholen. Vor allem aber ist es kein Drama, wenn man nach einem Jahr in der Postdoc-Phase festgestellt hat, dass die Unilaufbahn doch nicht das Wahre ist. Wer sich aber für die akademische Arbeitswelt entschieden hat, sollte rasch seinen Lebenstraum umsetzen, um sich den einmal gefassten Elan zu bewahren.

"Nicht nur ein Thema für Geisteswissenschaftler"

L.I.S.A.: Wie geht es weiter? Sind aufgrund der großen Nachfrage weitere Veranstaltungen dieser Art gewünscht bzw. geplant?  

Dr. Bohne: Wir sind bereits in den Planungen für die nächste Doktorhut-Veranstaltung für Promovierende der Geisteswissenschaften. Sie wird voraussichtlich im Februar 2016 wieder im Hauptgebäude der Universität Bonn stattfinden. Wie auch 2014 und 2015 versuchen Dr. Kai Sicks vom Graduiertenzentrum, Miriam Dierker von der Förderberatung der Universität Bonn und ich, ein abwechslungsreiches und spannendes Programm zusammenzustellen. Dabei werden wir auch dem Wunsch nach mehr Austausch und Vernetzung entgegen zu kommen. Grundsätzlich bleiben Ausrichtung, Ablauf, Umfang und Ort der Veranstaltung aber erhalten. Was 2016 neu sein wird: Es wird im Mai 2016 auch eine Doktorhut-Veranstaltung für Promovierende der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Bonn geben. Es wird sich um eine Pilot-Veranstaltung in kleinem Format handeln. Wir schauen, wie das Thema bei den Naturwissenschaftlern ankommt. Aber klar scheint: Wie bei den Geisteswissenschaftlern besteht auch hier der Wunsch, Beruf- und Karriereperspektiven neben den bekannten Wegen kennenzulernen.

Dr. Anke Bohne, Dr. Katharina Chrubasik und Dr. Michael Rathmann haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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