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Georgios Chatzoudis | 07.01.2020 | 1085 Aufrufe | Interviews

"Die Leute wollen es nicht mehr aushalten"

Interview mit Fabiola Arellano Cruz über politischen Unruhen in Lateinamerika

Die gesellschaftlichen Unruhen in Lateinamerika, die noch vor einigen Wochen die Berichterstattung prägten, sind nicht verschwunden, nur weil sie hier keine mediale mehr Aufmerksamkeit erhalten. Im Gegenteil. Die bestehenden Konflikte sind nach wie vor akut und stehen in den lateinamerikanischen Gesellschaften ungebrochen auf der Agenda. Wir nehmen dies zum Anlass, unsere kleine Reihe mit Einschätzungen von Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftlern zur gegenwärtigen Lage in Lateinamerika fortzusetzen. Dieses Mal haben wir die Kulturhistorikerin Dr. Fabiola Arellano Cruz gefragt, die in Peru weilte, als sie unsere Fragen beantwortete. Bereits 2018 hatte sie uns ein Interview zu ihrer publizierten Dissertationsarbeit über die Darstellung politischer Gewalt in Peru und Chile gegeben.

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"Die politische Lage in Peru ist alles anders als stabil"

L.I.S.A.: Frau Dr. Arellano Cruz, Sie forschen als Kulturhistorikerin zu nationalen Erinnerungskulturen in Lateinamerika, insbesondere in Chile und Peru. Zurzeit befinden Sie sich in Peru. In Europa hat man zuletzt viel über die Unruhen in Lateinamerika berichtet, vor allem in Chile und Bolivien, davor in Venezuela. Die Lage in Peru scheint gemessen an der hiesigen Berichterstattung ruhig und stabil zu sein. Können Sie diesen flüchtigen Eindruck bestätigen?

Dr. Arellano Cruz: Die soziale Lage in Peru, zumindest auf den Straßen und im Vergleich zu den Nachbarländern Chile, Bolivien und Kolumbien, ist tatsächlich einigermaßen ruhig. Ein Grund dafür könnte sein, dass die peruanische Staatsanwaltschaft in den letzten Jahren einen frontalen Kampf gegen die Korruption auf höchster politischer Ebene begonnen hat, die einige Erfolge mit sich gebracht hat. Diese Tatsache fungiert als Ventil für die Unzufriedenheit der Menschen hierzulande.

Nichtsdestotrotz ist die politische Lage alles anders als stabil. Am 30. September löste der Präsident Vizcarra das Parlament auf; eine drastische Maßnahme, die in der Verfassung unter bestimmten Umständen möglich ist. Auch wenn die Mehrheit der Peruaner und Peruanerinnen seine Entscheidung begrüßte, gab es auch oppositionelle Stimmen, die diese Maßnahme als „golpe de estado“ (Putsch) kritisierten und mit dem damaligen „Autoputsch“ unter Fujimori verglichen. Die Diskordanzen zwischen Legislative und Exekutive führten dazu, dass eine Mehrheit der Kongressabgeordneten die Parlamentsauflösung nicht akzeptieren wollte und eine eigene Präsidentin ernannte. Wir hatten also zeitgleich zwei Präsidenten. Kurz danach trat sie allerdings zurück. Neue Parlamentswahlen finden in diesem Januar statt.

"Vor allem junge Menschen, die auf die Straßen gehen"

L.I.S.A.: In vorherigen Interviews haben wir vor allem nach der auffälligen Gleichzeitigkeit der nationalen Krisen in Lateinamerika gefragt. Haben Sie dafür eine Erklärung? Gibt es eine Ursache oder einige Gründe für die gegenwärtigen Unruhen, die für den gesamten Kontinent gelten?

Dr. Arellano Cruz: Es ist definitiv auffällig, dass diese Welle an Demonstrationen fast gleichzeitig aufgekommen ist. Es ist ebenso bekannt, dass die Initialzündungen ganz unterschiedlicher Herkunft sind. Jedes Land hat seine ganz spezifischen historischen Besonderheiten. Aber möglicherweise ist der gemeinsame Nenner eine Politikverdrossenheit und eine starke Skepsis gegenüber den politischen Eliten. Verschiedene Korruptionsskandale (Stichwort "Odebrecht" z.B.), eine andauernde ökonomische Stagnation und ungleiche Verteilung des Wohlstands (wachsende Kritik an einem aggressiven Neoliberalismus, aber auch Frustration über sozialistische Experimente) sowie eine erhöhte Unsicherheit auf den Straßen führen dazu, dass die Bürger und Bürgerinnen sich sehr misstrauisch gegenüber dem Staat und seinen Institutionen zeigen. Diese Probleme sind eigentlich altbekannt. Neu ist vielleicht, dass die Leute es nicht mehr aushalten wollen und bereit sind, aktiv was dagegen zu tun.

Und warum alles jetzt? Dass die Menschen in Lateinamerika auf die Straßen gehen, um ihre sozialen und politischen Forderungen kund zu tun, ist schon immer eine populäre Praxis gewesen. Auffällig ist, dass nicht die traditionellen Organisationen, wie Gewerkschaften oder politische Gruppierungen, die aktuellen Demonstrationen anführen. Es sind in den letzten Jahren vor allem junge Menschen gewesen, die auf die Straßen gegangen sind.

2011 fanden in Chile massive Demonstrationen organisiert von SchülerInnen und StudentenInnen statt, die gegen das Bildungssystem protestierten. Auch die aktuellen Demonstrationen wurden durch Schüler initiiert. 2014 marschierten in Peru junge Menschen gegen ein Gesetz, das angeblich die hohe Jugendarbeitslosigkeit verbessern sollte, aber de facto ihre Arbeitsrechte limitierte. Das Gesetz musste ein paar Wochen danach außer Kraft ausgesetzt werden.

Ich denke, die Effektivität dieser Aufrufe hat mit einem Generationswechsel und ,mit den gegenwärtigen technologischen Möglichkeiten zu tun. Nachrichten können jetzt sehr schnell viele Menschen erreichen und sich sehr rasant verbreiten. Nicht nur diejenigen Personen, die regelmäßig die Tageszeitungen lesen oder die TV-Nachrichten sehen, sondern jeder kann Informationen schnell und quasi nebenbei aufnehmen. Das erleichtert die Organisation einer Demonstration und erhöht möglicherweise die Resonanz. Dieses Phänomen ist in Europa nicht neu; in Peru dagegen hatten 2016 gerade 25 Prozent der Bevölkerung ein Smartphone, heute liegt der Anteil bei fast 80 Prozent der städtischen Bevölkerung.

"Die Frauenbewegung hat in Lateinamerika sehr stark an Präsenz gewonnen"

L.I.S.A.: Bei den vielen Demonstrationen in Lateinamerika ist auffällig, dass Frauen dort sehr präsent sind. Messen Sie dem eine besondere Bedeutung zu? Anders gefragt: Gibt es im Zusammenhang mit den Protesten einen signifikanten Gender-Aspekt?

Dr. Arellano Cruz: In jeder Analyse der politischen Situation eines lateinamerikanischen Landes, darf, denke ich, der Gender-Aspekt nicht außer Acht gelassen werden, denn jede Krisensituation, sowohl mit Blick auf die Ursachen als auch auf den Krisenablauf selbst, beeinträchtigen Frauen auf differenzierte Art.

Warum erwähne ich es in Zusammenhang mit den gegenwärtigen Unruhen? In Chile gibt es nicht „die eine“ Forderung. Der sogenannte „estallido social“ (sozialer Ausbruch) trägt mit sich ganz unterschiedliche Forderungen, die von heterogenen Interessensgruppen repräsentiert werden.

In diesem Rahmen hat eine Gruppe von Feministen die aktuelle Konjunktur als Bühne benutzt, um die Performance „Un violador en tu camino“ (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) zu präsentieren, welche die Gewalt gegen Frauen sowie ihre sozialen, politischen und juristischen Dimensionen anprangert. In wenigen Tagen wurde diese Performance weltweit repliziert.

Die Frauenbewegung hat in den letzten Jahren in Lateinamerika sehr stark an Präsenz gewonnen. 2015 formierte sich in Argentinien die Bewegung „Ni una menos“ (Nicht eine weniger), die zu mehreren Demonstrationen aufrief, um auf die systematische Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Heute gibt es „Ni una menos“ in fast aller Länder Lateinamerikas. Diese Bewegung hat zu mehr Bewusstsein beigetragen, für ein Phänomen, das sehr stark in der Gesellschaft verankert ist, und vor allem dabei geholfen hat, dass heutzutage mehr Fälle als kriminell anerkannt und verurteilt werden. Auch die Behörden mussten auf diese Forderungen reagieren, aber es gibt noch sehr viel zu tun.

"Generell wird der Inhalt der Proteste für berechtigt gehalten"

L.I.S.A.: Wenn Sie die mediale Berichterstattung und Erklärungsversuche in Europa mit der beispielsweise in Peru vergleichen, decken sich da die Einschätzungen oder gibt es signifikante Unterschiede? Während beispielsweise hierzulande der Protest in Chile als überzogen gilt, wird der Sturz der Regierung in Bolivien für genauso legitim gehalten wie die Selbsternennung eines Oppositionellen in Venezuela zum Staatspräsidenten. Wie werden diese Vorgänge in Peru eingeordnet?

Dr. Arellano Cruz: Soweit ich die deutsche bzw. europäische Berichterstattung verfolgen konnte, gibt es tatsächlich eine Gemeinsamkeit: „Linke“ und „konservative“ Erklärungsversuche. Das ist vor allem für Bolivien sehr eindeutig. Hier (wie auch in linksorientierten Online-Magazinen in Deutschland) bezeichnen die linken Sektoren die Ereignisse in Bolivien ganz klar als Putsch, während die konservativen sie begrüßen und in einen konstitutionellen Rahmen einordnen. Etwas beunruhigend ist - meiner Meinung nach -, dass wir nicht in der Lage sind, die Erfolge von Morales zu benennen und gleichzeitig zu erkennen, dass es Wahlbetrug gab, der das Ziel verfolgte, Morales weitere fünf Jahren die Macht zu sichern.

Bezüglich Chile, habe ich den Eindruck, dass die Proteste nicht unbedingt als überzogen wahrgenommen werden. Die Gewalttaten und die Plünderungen wurden von allen politischen Spektren kritisch gesehen und es gab natürlich auch Versuche, diese zu instrumentalisieren, um die Legitimität der Proteste zu diskreditieren. Doch generell wird der Inhalt der Proteste für berechtigt gehalten.

"Hierarchien, Alltagsrassismus und Dependenzen sind in Lateinamerika sehr präsent"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung haben die kolonialen und postkolonialen politischen Erfahrungen und Erinnerungen der Menschen in Lateinamerika für die Wahrnehmung der gegenwärtigen Ereignisse? Welche historischen Parallelen bzw. Analogien werden gezogen?

Dr. Arellano Cruz: Die rigide soziale Mobilität, die nach Herkunft und Hautfarbe die Menschen klassifiziert, sowie die soziale Ungleichheit, wie wir sie heute kennen, ist ein Problem, das sicherlich aus der Kolonialzeit stammt. Zweifelsohne sind postkolonialen Praktiken und Denkweisen, wie Hierarchien, Alltagsrassismus und Dependenzen, sehr präsent in Lateinamerika. Aber diese Termini werden eher in akademischen Kreisen und nicht auf der Straße reflektiert. Die Menschen haben meistens sehr akute Forderungen, die sehr dringend eine Lösung benötigen. Das Erbe des Kolonialismus wird, zumindest in Peru, nicht unbedingt als Konsequenz für die gegenwärtigen Ereignisse wahrgenommen. Wenn überhaupt ein historisches Ereignis als Referenz für die peruanische Gegenwart gilt, dann ist es die Agrarreform.

Die globale Hierarchisierung, der Eurozentrismus und die geltenden Machtstrukturen – welche die Welt in Nord und Süd bzw. in “entwickelt” und “unterentwickelt” teilen –, die ganz klar ihren Ursprung in der Kolonialzeit haben, werden in den ehemaligen südamerikanischen Kolonien nicht unbedingt als Link zu den Ungleichheiten heute erkannt. Genau das ist auch ein Problem der Postkolonialität.

"Man hat inzwischen ein anderes souveränes Selbstbewusstsein"

L.I.S.A.: Welchen Einfluss hat Ihrer Meinung nach Washington, das traditionell Lateinamerika zu seiner Einflusssphäre zählt, auf die aktuellen Geschehnisse? Wie wird das in Lateinamerika eingeschätzt?

Dr. Arellano Cruz: Die traditionelle Einflussnahme durch Washington wurde meiner Einschätzung nach von dem Zeitpunkt an geschwächt, als in mehreren lateinamerikanischen Ländern Regierungen an die Macht kamen, die nicht unbedingt „amerikanische Interessen“ verfolgten, z.B. ab 2003 mit Lula in Brasilien und Kirchner in Argentinien. Natürlich haben sie immer wieder Einfluss genommen, aber ich denke, man hat seitdem ein anderes souveränes Selbstbewusstsein. Und Trump hat dieses Gefühl noch verstärkt. Ich habe in den Tageszeitungen hierzulande zu den aktuellen Ereignissen keine Kommentare darüber gelesen.

Dr. Fabiola Arellano Cruz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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