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Judith Wonke | 07.08.2018 | 523 Aufrufe | Interviews

"Erinnerungspolitische Themen dominieren nicht den Alltag"

Interview mit Fabiola Arellano Cruz zur Darstellung politischer Gewalt in Peru und Chile

Am 11. September 1973 putschte das Militär in Chile - bis zum 11. März 1990 sollte die daraufhin errichtete Militärdiktatur anhalten. In Peru wiederum begann ein zwanzig Jahre andauernder, bewaffneter Konflikt am 17. Mai 1980. Beide Ereignisse stehen gewissermaßen zu Beginn der Forschungen von Fabiola Arellano Cruz. Denn die Peruanerin beschäftigte sich in ihrer Promotion mit den Musealisierungsprozessen und der Aufarbeitung der jüngeren Geschichte Südamerikas. Wie steht die Aufarbeitung mit der jeweiligen Erinnerungspolitik und -kultur in Verbindung? Wie lassen sich die Aufarbeitungen der beiden Länder vergleichen? Im Interview haben wir die museale Kunstvermittlerin und Kunsthistorikerin außerdem nach der Darstellung von Gewalt, der Rolle von Emotionalisierungen sowie dem Quellenmaterial ihrer Untersuchungen gefragt. 

"Persönliche Erfahrungen und Motivationen"

L.I.S.A.: Dr. Arellano Cruz, Sie sind Autorin des Buches „Politische Gewalt ausstellen“, das auf Ihrer Promotion zu nationalen Erinnerungsmuseen in Chile und Peru basiert. Woher rührt Ihr Interesse an dieser speziellen Thematik?

Dr. Arellano Cruz: Mein Interesse rührt aus persönlichen Erfahrungen und Motivationen her. Als Peruanerin und Teil der sogenannten „Transitionsgeneration“ war meine Kindheit von einer unsicheren Lage aufgrund der politischen Gewalt geprägt. Später erlebte ich die repressive und korrupte Regierung Alberto Fujimoris und meine Familie und ich gingen damals auf die Straßen, um seinen Rücktritt zu fordern. 2003 besuchte ich mit meiner Mutter die Fotoausstellung Para Recordar, die ich auch in meinem Buch erwähne. Diese Ausstellung, die von der Wahrheitskommission organisiert wurde, war meine erste visuelle Konfrontation mit den dramatischen Dimensionen des Konflikts und machte einen großen und nachhaltigen Eindruck auf mich. Für mein Studium bin ich nach Deutschland gekommen und interessierte mich sehr für Visual und Public History. Als ich erfuhr, dass die genannte Ausstellung in Lima Teil eines musealen Projekts wird, wollte ich mich weiter damit auseinandersetzen. Da ich die Möglichkeit hatte, im Rahmen eines Praktikums im Museo de la Memoria in Santiago, mehrere Erinnerungsorte in Chile zu besuchen, und mich mit der Thematik praktisch und theoretisch zu beschäftigen, entschied ich mich anhand beider Länder die museal vermittelter Erinnerungspolitik in der Region zu untersuchen.

"Die erinnerungspolitische Lage beider Länder darf nicht außer Acht gelassen werden"

L.I.S.A.: Welche wissenschaftliche Methode liegt Ihren Forschungen zu Grunde? Und auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich?

Dr. Arellano Cruz: Meine Dissertation ist eine Museumsanalyse, die zwei nationale Museen sowie ihre Entstehungsgeschichte miteinander vergleicht. Die wichtigsten Quellen waren die Ausstellungen an sich, die ich hermeneutisch untersucht habe. Dabei durfte ich die erinnerungspolitische Lage beider Länder nicht außer Acht lassen. Da die Museen relativ jung sind, gab es (vor allem in dem peruanischen Fall) sehr wenig wissenschaftliche Studien. Um mehr über die Entstehungsprozesse zu erfahren, waren daher Experteninterviews (nicht standardisierte Leitfadeninterviews) unabdingbar. So habe ich die Direktorin und den Direktor beider Institutionen sowie Kuratoren und andere Mitarbeiter*innen interviewt. Diese qualitativen Interviews dienten der Datenerhebung und gaben mir einen Eindruck von den Motivationen und den Schwierigkeiten aus der Sicht der Verantwortlichen. Zu meinen Quellen gehörten zudem die institutionellen Stellungnahmen in Form von Reden, in Ausstellungskatalogen und offiziellen Äußerungen in den Medien. Wichtig für mich war zudem einen Blick in der Presserezeption zu werfen, um beide Ansichten zu kontrastieren. Dafür besuchte ich Zeitungsarchive in Lima und in Santiago und machte eine qualitative Inhaltsanalyse als Auswertungsmethode dieses Quellenmaterials.

"Eine „neutrale“ Geschichtsschreibung über den Konflikt gibt es nicht"

L.I.S.A.: Auf Grundlage Ihrer Untersuchungen schlussfolgern Sie, dass beide Museen versuchen, Empathie mit den Opfern durch Individualisierung und Identifizierung zu evozieren. Wie wird mit der Problematik umgegangen, dass es sich bei biografischen Quellen auch immer um subjektive Eindrücke und Ansichten handelt?

Dr. Arellano Cruz: In dem LUM (Lugar de la Memoria, Lima) wird sehr offen damit umgegangen. In den Interviews mit den Kuratoren wird klar, dass sie genau diese persönliche Ebene gesucht haben. Und der Grund ist eigentlich meines Erachtens ganz einfach: Eine „neutrale“ Geschichtsschreibung über den Konflikt gibt es nicht. Es ist sehr schwierig, bei diesen Themen nur auf historische Objektivität zu achten, da es keinen historischen, sozialen und politischen Konsens gibt. An dieser Stelle ist wichtig zu betonen, dass es sich um „Museos de la Memoria“ handelt und nicht nur um konventionelle historische Museen. Es sind die Erinnerungen an die Vergangenheit, die hier – zum Teil – dargestellt werden, und die sind immer subjektiv, werden aber in einem historischen Hintergrund gesetzt. Da es sich aber um sehr konfliktreiche Vergangenheiten handelt, die unterschiedlichen Deutungen unterliegen, versucht man mehrere Perspektiven zu präsentieren und das funktioniert, meiner Einschätzung nach, am besten mit einem biografischen Ansatz. Der biografische Ansatz wird intensiver in dem peruanischen Museum benutzt als in dem chilenischen, bei dem die „Guten“ und „Bösen“ etwas leichter zu identifizieren sind, zumindest aus der Sicht der Initiator*innen. In beiden Ländern gab es Wahrheitskommissionen und in beiden Ländern spielten die testimonios der Opfer (Zeugenberichte) in diesem Rahmen eine zentrale Rolle. So bilden zum Beispiel die Berichte (in Chile gab es zwei Wahrheitskommissionen) die Grundlage der Narrative des Museo de la Memoria in Santiago. Problematisch bleibt allerdings die Tatsache, dass in den Ausstellungen selbst, sowohl in Lima als in Santiago, wenige bzw. keine konkrete Hinweise auf die Verwendung dieses Ansatzes gibt. Und so werden persönliche Erfahrungen möglicherweise als historische Fakten von den Besucher*innen wahrgenommen.

"Museumsdiskurse [...] gehen nicht notwendigerweise auf die Bedürfnisse der Opfer ein"

L.I.S.A.: In Museumsdiskursen wird längst diskutiert, inwieweit Gewalt in Museen überhaupt darstellbar ist. Vor allem eine Emotionalisierung der Besucher wird gemeinhin kritisch betrachtet. Wie gehen die Museen in Peru und Chile mit dieser Herausforderung um?

Dr. Arellano Cruz: Diese Frage hat mehrere Elemente, die ich sehr interessant finde: Museumsdiskurse, Darstellbarkeit von Gewalt und die Kritik an der Emotionalisierung. Ich versuche auf alle drei einzugehen. Zunächst müsste man sich diese Frage in Bezug auf den Zweck der Museen stellen. Welche Funktion haben sie? Was ist die Zielgruppe? Wessen Geschichte wird da erzählt? Sind die Museen als Reparationsmaßnahme konzipiert? Oder verfolgen sie eher ein historisch-pädagogisches Ziel? Oder beides?

Museumsdiskurse werden von Fachleuten gepflegt und gehen nicht notwendigerweise auf die Bedürfnisse der Opfer ein. Wenn man sich kleinere lokale Museen in Lateinamerika anschaut, die von privaten Initiativen gestaltet und finanziert werden, sieht man, dass die Dauerausstellungen ganz persönliche (ästhetische) Kanonen verfolgen. Für manche „Museumsleute“ in Europa können diese Form der Präsentationen durchaus erschreckend sein, aber sie sind nun mal zusammen mit den Opfern konstruiert worden und stellen insofern deren Geschichte dar und zwar auf die Art und Weise, wie sie diese erzählen wollen und eben nicht anders.

Wenn Museumsdiskurse sich an die Besucher richten und ein pädagogisches Ziel verfolgen, müssen oft andere Strategien entwickelt werden. Hier ist zudem die jeweilige erinnerungspolitische Konjunktur des Landes zu berücksichtigen. Ist dieses Land willens seine Geschichte aufzuarbeiten? Und wenn ja, wie?

Nun zu dem zweiten Teil Ihrer Frage, die meiner Meinung nach, die vorherige Frage gut ergänzt. Beide Museen sehen als eine ihrer wichtigsten Aufgaben, den Imperativ Nunca Más zu fördern. Nie wieder sollen sich diese Ereignisse wiederholen; die Museen sollen durch Aufklärung dazu beitragen. Diese Aufgabe ist sehr schwierig, weil es sich um gespaltene Gesellschaften handelt. Dafür haben beide Institutionen es für richtig gehalten, die Besucher für die Thematik zu sensibilisieren, indem sie persönliche Erfahrungen von Betroffenen einen Raum geben. Dass diese Präsentationsstrategie emotional geladen ist und den Besuchern auf diese Ebene treffen soll, ist den Kuratoren bewusst und ich würde sogar behaupten, dass es beabsichtigt ist.

Zu Beginn meiner Forschung sah ich diese Strategie auch kritisch, jedoch hat sich meine Haltung durch die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik stark verändert. Heute, vor allem für den peruanischen Fall, sehe ich fast keine andere Alternative als einen Ansatz, der durch Empathie auf das Leiden einer Bevölkerungsgruppe (meistens Kleinbauern in den Anden) während des Konflikts aufmerksam macht. Die Indifferenz der (politischen) Eliten und eines großen Teils der Bevölkerung ist sehr markant. „Der Blick in die Zukunft“ (oft als neoliberales Instrument) verdrängt die schwierige Vergangenheit, weil diese im Grunde eine Schande darstellt und aus Sicht vieler Leute ein Hindernis für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes ist. Einerseits verschwindet dadurch das Interesse an die jüngste Geschichte. Andererseits sind die Probleme und Strapazen der Opfer gegenwärtig und verdienen unsere Aufmerksamkeit und vor allem verdienen sie Gerechtigkeit.

Die Folgen des Konflikts und der Militärdiktatur sind heute noch spürbar. Deswegen versuchen die Museen die Besucher zunächst zu sensibilisieren, indem sie mit den Lebensgeschichten von Individuen konfrontieren, mit denen sie sich möglicherweise identifizieren können.

"Offizielle erinnerungspolitische Maßnahmen"

L.I.S.A.: Gibt es eine offizielle Erinnerungspolitik der Ereignisse und wenn ja, inwieweit sind die Gründungen der Museen in diese einzuordnen?

Dr. Arellano Cruz: In beiden Ländern gab es nach der Rückkehr zur Demokratie verschiedene offizielle erinnerungspolitische Maßnahmen, wie ich im Kapitel 4 des Buches schildere. In beiden Ländern gab es Wahrheitskommissionen. Ihre Schlussfolgerungen waren allerdings in beiden Fällen kontrovers. In Chile sprachen sich einige Mitglieder des Militärs dagegen aus. In diesem Zusammenhang muss man erwähnen, dass Pinochet, trotz Demokratie, lange Zeit eine sehr einflussreiche Figur blieb und dass die Verfassung der Diktatur, mit manchen Veränderungen, immer noch aktuell ist. Nichtsdestotrotz gab in Chile eine umfassende Reparationspolitik und unter der Präsidentin Bachelet eine Reihe von (symbolischen) Maßnahmen. In Peru wurde der Bericht der Wahrheitskommission von den nationalen Sicherheitskräften und von rechtskonservativen Kreisen scharf kritisiert. Besonders die Tatsache, dass die WK den Staat für knapp ein Drittel der Todesopfer verantwortlich macht. Der gegenwärtige politische Diskurs lautet, es seien Exzesse in einem kriegsähnlichen Kontext, jedoch nicht Menschenrechtsverletzungen gewesen und insofern hat der peruanische Staat diese nicht offiziell anerkannt. Allerdings gab es in Peru auch Reparationen, vor allem aber kollektive. Nationale Erinnerungsmuseen sind als eine Art symbolische Reparation für die Opfer politischer Gewalt zu sehen.

"Erinnerungspolitische Themen dominieren nicht den Alltag"

L.I.S.A.: Seit den 1980 lässt sich – zumindest in der westlichen Welt – ein sogenannter Memory Boom festmachen. Ist eine ähnliche Entwicklung auch in Südamerika zu beobachten? Und wie sind die Museen Ihrer Fallstudie in diesem Kontext zu verstehen?

Dr. Arellano Cruz: Um diese Frage beantworten zu können, müssten wir uns fragen, was wir unter „Memory Boom“ verstehen. Sind es konkrete erinnerungspolitische Mechanismen? Geht es um die vermehrte Thematisierung durch die Medien, die Literatur, die Filmindustrie und die bildende Kunst? Ist die Eroberung des öffentlichen Raums in Form von Denkmälern oder Museen gemeint? Handelt es sich um die wissenschaftliche Beschäftigung mit Themen der jüngsten Vergangenheit? Und: Welche Themen dominieren diesen Boom? In Lateinamerika gab es seitens der Angehörigen schon immer, auch während der Diktaturen und Konflikten, Erinnerungsarbeit. Mit den Demokratisierungswellen in dem Kontinent wurde auch die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Thematik, insbesondere in dem Cono Sur, vorangetrieben. Ein besonderes Merkmal der Erinnerungsforschung in Lateinamerika ist, dass die Grenzen zwischen Aktivismus und Theorieproduktion fließend sind. Doch dieser „Boom“ wird nicht von der ganzen Bevölkerung wahrgenommen, sondern nur von einem Bruchteil. Erinnerungspolitische Themen dominieren nicht den Alltag und sind auch nicht immer (mit einigen Ausnahmen) in der politischen Agenda präsent. Natürlich spielen hierzu internationale Tendenzen auch eine wichtige Rolle. Es kann schon sein, dass die Beschäftigung mit der Vergangenheit präsenter als früher ist, und die Opfer ihre Forderungen über mehrere Kanäle artikulieren können. Und trotzdem bleibt das Thema marginal. Insofern frage ich mich, ob tatsächlich von einem „Boom“, besonders in Lateinamerika, die Rede sein kann.

Die Museen sind das Ergebnis langjähriger Verhandlungen zwischen mehrere Akteure. Sie sind auch ein Versuch die Erinnerung an die Vergangenheit lebend zu halten, da sie (zumindest theoretisch) beabsichtigen, ein dauerhafter Erinnerungsort zu werden.

Dr. Arellano Cruz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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