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Georgios Chatzoudis | 17.07.2018 | 951 Aufrufe | Interviews

"Die Geschichte eines Objekts"

Interview mit Larissa Förster über Provenienzforschung und Kolonialismus

Die Frage nach der Rückgabe von Kulturgütern an das jeweilige Herkunftsland ist für viele Museen und Sammlungen derzeit ein zentrales Thema. Die gesetzlichen Bestimmungen in Deutschland und in der Europäischen Union sind für die Gegenwart eindeutig: Illegal erworbenes Kulturgut muss zurückgegeben werden. Und hier fängt das Problem erst richtig an: Welcher Erwerb war illegal, welcher fand im Rahmen des damals gültigen Rechts statt? Doch bevor man sich sowohl juristisch als auch moralisch über die Rechtmäßigkeit bzw. die Nicht-Rechtmäßigkeit eines im eigenen Bestand befindlichen Objekts auseinandersetzen und verständigen kann, gilt es zu klären, woher es genau stammt. Wem gehörte es ursprünglich? Gerade für Kulturgüter aus kolonialen Räumen und Zeiten ist die Erforschung der Provenienz eines Objektes alles andere als einfach. Die Ethnologin Dr. Larissa Förster vom Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin befasst sich mit diesen Fragen und hat zuletzt mit Iris Edenheiser, Sarah Fründt und Heike Hartmann einen Band zu dieser aktuellen Debatte herausgegeben. Wir haben ihr unsere Fragen gestellt.

Das Buch "Provenienzforschung" als PDF (8.94 MB)

"Durch welche Hände ist das Objekt seit seiner Entstehung gegangen?"

L.I.S.A.: Frau Dr. Förster, gemeinsam mit Iris Edenheiser, Sarah Fründt und Heike Hartmann haben Sie einen Band zum Thema Provenienzforschung herausgegeben. Dabei stehen ethnographische Sammlungen der Kolonialzeit im Mittelpunkt. Bevor wir ins Detail gehen, was ist Provenienzforschung und warum ist sie wichtig?

Dr. Förster: Provenienzforschung ist Forschung zur Geschichte eines Objekts, und zwar von seiner Herstellung über die Stationen seiner Nutzung und seines Gebrauchs, seiner Weitergabe an oder Aneignung durch Wissenschaftler, Sammler und Museumsleute bis hin zu seinem aktuellen Verwahrungsort, also etwa einer deutschen oder europäischen öffentlichen oder privaten Sammlung. Kurz gesagt bzw. gefragt: Durch welche Hände ist das Objekt seit seiner Entstehung gegangen und wie ist es in die Sammlung gekommen? Man hat das manchmal als eine Geschichte der Besitzerwechsel beschrieben, und für den Kunstmarkt oder für Museumsjustiziare ist die Frage des Besitzes natürlich auch zentral. Aus Sicht der Forschung, gerade der Ethnologie, kommen noch sehr viele andere wichtige Aspekte in solch einer „Objektbiographie“ zum Tragen.

"Debatte um die Dekolonisierung von Museen und Sammlungen"

L.I.S.A.: Wenn wir von ethnographischen Sammlungen aus der Kolonialzeit sprechen, von was für einem Gegenstand sprechen wir dabei genau? Welches Material umfassen solche Sammlungen und in welchem Umfang?

Dr. Förster: Mit ethnographischen Sammlungen sind zunächst diejenigen Sammlungen gemeint, die wir aus ethnologischen Museen bzw. aus Museen „für Völkerkunde“ - wie sie glücklicherweise nur noch selten heißen - kennen. Diese Museen entstanden zu einem großen Teil um die vorletzte Jahrhundertwende (1900), mit Wurzeln in den Jahrhunderten davor, als man Kunst- und Wunderkammern anlegte. Das späte 19. und frühe 20. Jahrhundert war vom Hochimperialismus geprägt, und in Deutschland war dies die Zeit der formellen Kolonisierung. In genau dieser Phase bildete sich die Wissenschaft der Ethnologie heraus – und so ist ihre Geschichte eng mit der kolonialen Erschließung und Eroberung verbunden. Manche ethnographische Sammlungen wurden zu eigenständigen Museen ausgebaut - wie etwa in Berlin -, andere wurden Teil von Vielspartenmuseen, wie etwa im Übersee-Museum Bremen oder im Landesmuseum Hannover.

Aber es wurde nicht nur von Ethnologen ethnographisch gesammelt – auch Anthropologen, Anatomen, Geographen und viele andere Disziplinen sammelten Objekte, wie auch Proben und Belegstücke, in den deutschen wie auch in anderen europäischen Kolonien. Diese Sammlungen konnten wir in unserem Buch nur in Ausschnitten berücksichtigen, denn wir wollten uns zunächst auf diejenigen Sammlungen konzentrieren, die konstitutiv für die Geschichte unserer eigenen Disziplin, der Ethnologie, sind. Der Band ist ja das Ergebnis einer gleichnamigen Tagung, die von der Arbeitsgruppe Museum der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie ausgerichtet wurde. Aber der nächste Schritt in der Debatte um die Dekolonisierung von Museen und Sammlungen wird sein, neben ethnographischen Sammlungen sowie Sammlungen, die menschliche Überreste aus einem kolonialen Kontext beherbergen, auch kunsthistorische, kunstgewerbliche, (stadt)historische, naturkundliche und Technikmuseen stärker in den Fokus zu nehmen. Der Deutsche Museumsbund hat soeben einen ersten Entwurf für einen „Leitfaden zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten“ herausgegeben: Hier spielen all diese Sammlungen ebenfalls eine Rolle.

"Wir haben für die Kolonialzeit eine ganz komplizierte Quellenlage"

L.I.S.A.: Provenienzforschung war für lange Zeit mit Raubgütern aus der Zeit des Nationalsozialismus sowie deren Rückgabe verbunden. Spätestens seit vergangenem Sommer ist dieser Begriff im Zusammenhang mit dem entstehenden Humboldt-Forum und den bestehenden ethnologischen Sammlungen einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich geworden. Wo sehen Sie die zentralen Unterschiede zwischen der damaligen und der heutigen Provenienzforschung? Was hat sich da verschoben?

Dr. Förster: Wir sprechen in unserem Band von „postkolonialer Provenienzforschung“, weil sich diese Forschung auf die Kolonialzeit bezieht. Postkoloniale Provenienzforschung muss mit einigen besonderen methodischen Herausforderungen umgehen. Wir haben etwa für die Kolonialzeit eine ganz komplizierte Quellenlage: viele Dinge sind zu dieser Zeit nicht verschriftlicht worden, vor allem die Perspektive der Akteure aus den (damals kolonisierten) Herkunftsländern der Objekte. Wir müssen hier ganz zentral auch heutige mündliche Überlieferungen miteinbeziehen. Wenn schriftliche Quellen überliefert sind, dann spiegeln sie jedoch oft die koloniale Perspektive wieder. Und schließlich wurden Unterlagen in den Weltkriegen zerstört oder gingen verloren. Dies alles führt dazu, dass wir bei postkolonialer Provenienzforschung eng mit Individuen, Initiativen und Institutionen zusammenzuarbeiten wollen und müssen. Und das ist auch das Programmatische an „postkolonialer Provenienzforschung“: Idealerweise ist sie von vornherein ein gemeinsames, kollaboratives und transkulturelles Unterfangen aller genannten AkteurInnen.

"Die Pflicht, uns heute politisch-moralisch zu vergangenem Unrecht zu verhalten"

L.I.S.A.: Ein zentraler Konflikt in der Frage des Umgangs mit dem kolonialen Erbe, gerade auch in der Frage der Restitution, scheint der zwischen Moral auf der einen und Recht auf der anderen Seite zu sein. Schlägt am Ende Moral früheres und sogar auch geltendes Recht?

Dr. Förster: In der Welt der Jurisprudenz ist es ja so, dass Gesetze nicht rückwirkend gelten, dass Dinge verjähren und ähnliches. Das heißt, es ist schwierig – nicht unmöglich – Recht zu sprechen in Bezug auf Transaktionen während der Kolonialzeit. Auch bei NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut stützt man sich heute auf ein „soft law“, die sogenannte Washingtoner Erklärung von 1998, in der auf eine „gerechte und faire Lösung“ in Fragen der Eigentümerschaft an NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut gedrungen wird. Für Transaktionen in der Kolonialzeit haben wir aber nicht einmal so ein Instrument wie die Washingtoner Erklärung – und so sind tatsächlich politische, ethisch-moralische Entscheidungen notwendig, um Rückgaben in Gang zu setzen. Wir haben meines Erachtens das Recht - wenn auch nicht die Rechtsgrundlage - und die Pflicht, uns heute politisch-moralisch zu vergangenem Unrecht zu verhalten. Und manchmal lässt sich das am Ende sogar juristisch argumentieren, wie ich bei einer Rückgabe von sterblichen Überresten durch das Völkerkundemuseum Dresden nach Hawai’i gelernt habe.

"Hier müssen neue Forschungsprojekte entstehen"

L.I.S.A.: Was muss heute geschehen, um die unterschiedlichen Interessen mit Blick auf ethnographische Sammlungen der Kolonialzeit miteinander in Einklang zu bringen? Welche Akteure sind hier gefragt? Was können die sammelnden Institutionen leisten, was erwarten Sie von den Herkunftsländern, den ehemaligen Kolonien?

Dr. Förster: Hier wird meines Erachtens in den nächsten Jahren sehr viel Beziehungs-, Vertrauens- und Vernetzungsarbeit nötig sein zwischen allen beteiligten AkteurInnen, hier wie in den Herkunftsländern, und in beiden Kontexten auch auf unterschiedlichen Ebenen, national und genauso lokal, staatlicherseits wie von privater Seite, und letztendlich auch zwischen den europäischen Ländern, deren Sammlungen historisch eng miteinander verbunden sind.

Vor allem ist in den Herkunftsländern der Objekte oftmals nichts über ihren Verbleib in diesem oder jenem deutschen oder europäischen oder Museum bekannt. Die Digitalisierung von Museumssammlungen hierzulande wird daher ein zentrales Thema der nächsten Jahre sein. Auch ist mit den personellen Resourcen der Museen alleine eine systematische, das heißt langfristig durchdachte und gut abgestimmte postkoloniale Provenienzforschung gar nicht zu erreichen – hier müssen neue Forschungsprojekte entstehen, dafür braucht es Förderung durch die Träger der Museen, Bund, Länder, aber auch Drittmittelgeber. Wichtig scheint mir, dass die Museen den Austausch und das Gespräch mit Individuen, Initiativen und Institutionen der Herkunftsländer aktiv suchen.

Dr. Larissa Förster hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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