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Thomas Podranski | 24.04.2015 | 707 Aufrufe | Interviews

"Den Opfern ihre Würde zurückgegeben"

Interview mit Mihran Dabag zur Debatte zum Völkermord an den Armeniern

Heute jährt sich der 24. April 1915 zum einhundertsten Mal – jener Tag, an dem im osmanischen Konstantinopel hunderte führende Mitglieder der armenischen Gemeinden verhaftet und später ermordet wurden. Dieser Tag steht heute symbolisch für die Vernichtungspolitik des Osmanischen Reichs, der in den Jahren 1915 bis 1917 bis zu 1.5 Millionen armenische Bürger zum Opfer fielen. Obwohl die wissenschaftliche Kategorisierung als Völkermord unumstritten ist, verweigern die deutsche Bundesregierung und der Deutsche Bundestag eine klare Benennung der Politik als Genozid. Professor Mihran Dabag, Direktor des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung (Ruhr-Universität Bochum), hat zusammen mit 150 deutschen Wissenschaftlern einen offenen Brief an den Bundestag verfasst, in dem zu einer klaren Stellungnahme und Benennung der Tat aufgerufen wird. Wir haben mit ihm über den Brief und das Vorgehen der deutschen Politik gesprochen.

Prof. Dr. Mihran Dabag, Direktor des Instituts für Diaspora- und Genozidforschung (Ruhr-Universität Bochum)

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"Einige Wissenschaftler gehen heute von einer deutschen Mittäterschaft aus"

L.I.S.A.: Herr Professor Dabag, Sie haben einen offenen Brief an den Deutschen Bundestag initiiert, in dem die Abgeordneten dazu aufgefordert werden, den Genozid an den Armeniern vor 100 Jahren anzuerkennen. Darüber hinaus ist zu lesen, dass der 100. Jahrestag des 24. April 1915 ein angemessener Anlass für den Deutschen Bundestag sei, sich vor den Opfern zu verneigen und bei den Nachfahren der Überlebenden um Entschuldigung zu bitten. Warum? Müsste der Brief nicht an das türkische Parlament adressiert sein?

Prof. Dabag: Der primäre Adressat der Forderung nach Anerkennung ist in der Tat die türkische Regierung respektive das türkische Parlament. Allerdings hat sich die Regierung Erdogan, wie im Übrigen alle Vorgängerregierungen, hier als vollkommen unbeweglich gezeigt. Erdogan hat sich zwar dazu durchringen können die „Ereignisse von 1915/16“ zu bedauern, eine Bewertung dieser Ereignisse als Genozid wird aber weiterhin von ihm als Beleidigung der nationalen Ehre empfunden und dementsprechend aggressiv abgelehnt. Die Worte, die er an den Papst gerichtet hat, sind ja ein sprechendes Beispiel.

Der Deutsche Bundestag ist aber aus gleich mehreren Gründen der richtige Adressat unserer Forderung. Ein Völkermord betrifft als universelles Menschheitsverbrechen eben nicht nur die beteiligte Nation oder die beteiligten Nationen, sondern als fundamentaler Angriff auf das friedliche Zusammenleben der Völker, eben alle Menschen. Das internationale Strafrecht hat aus dieser Einsicht die Norm der „Schutzverantwortung“ (Responsibility to Protect) entwickelt.

Hinzu kommt, dass die Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgerin des Deutschen Reiches auch eine ganz besondere Verantwortung trägt. Das Deutsche Reich war der wichtigste Verbündete des Osmanischen Reiches im ersten Weltkrieg. Es gab eine umfangreiche militärische Kooperation zwischen den beiden Staaten, deutsche Offiziere dienten in der osmanischen Armee. Die deutsche Diplomatie war zu allen Zeiten gut über die Vernichtungspolitik der Jungtürken unterrichtet und hat sich dezidiert dagegen entschieden, Druck auf den Verbündeten auszuüben und ihn so zu einer Änderung seiner Politik zu bewegen. Das Deutsche Reich hätte diese Möglichkeit gehabt. Das ist übrigens seinerzeit auch im Reichstag diskutiert worden. Es gab also zumindest eine Art Mitwisserschaft, einige Wissenschaftler gehen heute gar so weit von einer Mittäterschaft zu sprechen. Wir sprechen in dem offenen Brief ja von „unerträglicher Ignoranz“ mit der man die Ereignisse geschehen ließ. Ich denke das trifft den Sachverhalt sehr gut.

Der Deutsche Bundestag hat aber auch einfach eine Verantwortung der in Deutschland lebenden armenischen Diaspora gegenüber, die als mehrheitlich deutsche Staatsbürger natürlich ein Recht dazu haben, dass man sich auch ihrer Geschichte, ihrer Traumata annimmt.

"Da geht es auch um außenpolitische Rücksichtnahmen"

L.I.S.A.: Andere Parlamente in Europa sowie das Europäische Parlament haben den Genozid bereits anerkannt. Warum tut sich die deutsche Politik so schwer damit?

Prof. Dabag: Das hat unterschiedliche Gründe, innen- und außenpolitische: Zum einen ist die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland mit ca. drei Millionen Personen die mit Abstand größte Einwanderergruppe und wird daher mit ihren Interessen und Positionen besonders stark wahrgenommen. Und zu diesen Positionen gehört nun einmal auch das offizielle Geschichtsbild der Türkei und damit die Leugnung des Genozids. Die türkeistämmige Bevölkerung in Deutschland unterscheidet sich da meines Wissens kaum von der Bevölkerung in der Türkei – eher im Gegenteil, in der Türkei hat sich in der Zivilgesellschaft innerhalb der letzten Jahre einiges getan, hier sind, spätestens nach der Ermordung Hrant Dinks, Stimmen zu vernehmen, die offen von Völkermord sprechen. Für die türkische Community in Deutschland sind solche Entwicklungen erst in einzelnen Ansätzen festzustellen. Die großen türkischen Verbände in Deutschland, DITIB etwa, betätigen sich aber nach wie vor als Sprachrohr der offiziellen türkischen Regierungspolitik.

Ein anderer Grund ist natürlich, dass die Türkei als wichtiger Verbündeter wahrgenommen wird. Die europäischen Regierungen sehen in der Türkei derzeit einen unverzichtbaren Partner für die geostrategische Ausrichtung der europäischen Außenpolitik. Außerdem ist die Türkei auch ein wichtiger Wirtschaftspartner Deutschlands. Da geht es also um außenpolitische Rücksichtnahmen.

Es kommt in Deutschland aber noch etwas hinzu, was es sehr stark von seinen europäischen Partnern unterscheidet – auch in dem Resolutionstext den der Deutsche Bundestag am 24.04.2015 verabschiedet, wird dies sehr deutlich zum Ausdruck gebracht: Es gibt in Deutschland die Angst, dass mit der Anerkennung eines Völkermords und seiner eindeutigen Benennung, die Einzigartigkeit der Shoah relativiert werden könnte. Ich halte das für eine aus der Geschichte sicherlich verständliche, aber falsche Vorsichtigkeit. Die Anerkennung eines anderen Genozids, so die Anerkennung des Völkermords an den Armeniern, vermindert ja in keiner Weise die deutsche Schuld an der Auslöschung der europäischen Juden. Und es vermindert auch nicht das Bekenntnis zu dieser Schuld. Aber es gibt diese Angst. Zudem besteht auch die Befürchtung, dass der Verweis auf die Geschichte anderer Nationen zum Vorwand genommen werden könnte, die deutsche Schuld an der Shoah kleinzureden, sie als ein Ereignis unter vielen hinzustellen. Die Anerkennung eines Ereignisses als Genozid bedeutet aber keineswegs Relativierung eines anderen. Es gibt zudem auch einen fundamentalen Unterschied zwischen Relativierung und Vergleich. So ist beispielsweise eine Genozidforschung, die die ideologischen Grundlagen, die Strukturen und Prozesse von Völkermorden zu ergründen sucht, auf den Vergleich angewiesen. Denn erst vor dem Hintergrund eines Vergleichs können Gemeinsamkeiten, aber eben auch die Unterschiede und Besonderheiten der jeweiligen Genozide benannt werden. Auch die Feststellung der Einzigartigkeit der Shoah kann ja nur aus dem Vergleich mit anderen historischen Ereignissen resultieren.

"In der Türkei gab es nie einen Bruch im nationalen Geschichtsnarrativ"

L.I.S.A.: In dem offenen Brief, der inzwischen von 150 deutschen Wissenschaftlern unterzeichnet wurde, wird die Leugnung des Genozids als politische Strategie bezeichnet. Was bedeutet das? Welches Ziel verfolgt eine solche Strategie?

Prof. Dabag: Die Strategie der Leugnung ist Teil der türkischen Identitätspolitik. Das für diese Identitätspolitik fundamentale, heroische Narrativ über die Geschichte der türkischen Nation besagt, dass die Gründungsväter der heutigen Türkei ehrbare Männer waren, nach denen man Schulen, Straßen und Plätze benennt. Und nicht, dass einige von ihnen die politischen Hauptverantwortlichen für einen Genozid gewesen sind, bei dem 1,5 Millionen Menschen auf grausamste Weise ermordet wurden. Historische Vergleiche hinken meistens. Dennoch möchte ich einen solchen Vergleich wagen: Stellen Sie sich vor, die BRD hätte nach ihrer Gründung nicht nur all die großen und kleinen Mitläufer und Mitläuferinnen in den neuen Staat integriert, sondern auch die Haupttäter der Shoah. Sie würden etwa am Adolf-Hitler-Platz wohnen, ihr Kind würde zur Heinrich-Himmler-Realschule gehen. Den Deutschen läuft es bei dieser Vorstellung kalt den Rücken runter, weil es im deutschen Geschichtsnarrativ einen Bruch gibt, der als solcher klar benannt wird. Weil die Shoah der negative Gründungsmythos der Bundesrepublik ist – das deutsche Grundgesetz ist in seiner Form nur vor diesem Hintergrund zu verstehen. In der Türkei gab es einen solchen Bruch nie. Die nationalistische Grundierung der Genozid-Leugnung wurde auch von linker Seite in der Türkei niemals thematisiert. Es gab dort keine „68er“.

"Historiker müssen wissenschaftlich Erkenntnis in die Gesellschaft hineintragen"

L.I.S.A.: Was bedeutet der Hinweis auf nationalistische Weltanschauungen und Geschichtsentwürfe, die in der deutschen Migrationsgesellschaft keimen würden? Wird damit die türkischstämmige Gemeinschaft in Deutschland angesprochen? 

Prof. Dabag: Ja. Wie ich schon sagte, der Nationalismus innerhalb der türkeistämmigen Gemeinschaft in Deutschland unterscheidet sich nur insofern von dem Nationalismus in der Türkei, dass sich dort zumindest in Intellektuellenkreisen, aber auch etwa innerhalb der kurdischen Bevölkerung, einiges getan hat. Die türkeistämmige Gemeinschaft in Deutschland ist da leider konservativer, und zwar in einem schlechten Sinne. Hier sind erst zaghafte Ansätze des langsamen Aufbrechens dieses gesellschaftlichen Tabus zu erkennen. Das hat auch mit der Sozialstruktur und der Bildungsgeschichte der türkischen Migranten in Deutschland zu tun.

L.I.S.A.: In welchen gesellschaftlichen Bereichen ist der Genozid an den Armeniern auch in Deutschland längst anerkannt? Welche Rolle kommt dabei der Wissenschaft zu?

Prof. Dabag: Innerhalb der wissenschaftlichen Debatte ist der Genozid sowohl international, als auch in Deutschland längst anerkannt. Insbesondere den Historikern kommt die Aufgabe zu, diese wissenschaftlich fundierte Erkenntnis auch in die Gesellschaft hineinzutragen. Dieser Verantwortung ist man sich sehr wohl bewusst. Dies zeigt auch der offene Brief, denke ich. Der Genozid ist bei all jenen Bevölkerungsgruppen längst anerkannt, die eine ähnliche Verfolgungsgeschichte haben: etwa bei Aramäern, Pontosgriechen und Assyrern, aber auch bei den Kurden, die – obwohl ursprünglich Mittäter im Genozid – viele Jahre vom türkischen Staat unterdrückt und verfolgt wurden. Erwähnt werden müssen in diesem Zusammenhang natürlich auch die Aleviten. Auch sie wurden im Osmanischen Reich stark verfolgt. Aber auch die jüdische Gemeinschaft in Deutschland hat viel Verständnis für die Forderung nach Anerkennung, wie die jüngste Stellungnahme des Zentralrats der Juden deutlich zeigt. Außerdem hatte man auf Seiten der Kirchen seit langem ein offenes Ohr für die Anliegen der armenischen Diaspora. In weiten Teilen der Gesellschaft ist der Genozid aber schlichtweg unbekannt. Das verändert sich erst seit kurzem, etwa seit dem Dokumentarfilm „Aghet“ (2010) oder Fatih Akins Film „The Cut“ (2014).

"Nicht-Anerkennung bedeutet eine ständige Herabwürdigung der Opfer"

L.I.S.A: Warum ist die Anerkennung eines Völkermords so wichtig?

Prof. Dabag: Die Anerkennung eines solchen Verbrechens ist deshalb von so großer Bedeutung, weil mit der Anerkennung den Opfern etwas von ihrer Würde zurückgegeben wird. Wer Bilder des Genozids sieht, erkennt schnell, dass es nicht zuletzt die Würde der verfolgten und ermordeten Menschen ist, die zum Ziel der Vernichtungspolitik wird. Die Nicht-Anerkennung des Ausmaßes des Verbrechens bedeutet eine ständige Wiederholung der Herabwürdigung der Opfer. Egal in welchen Schattierungen dies geschieht: ob als radikale Täter-Opfer-Umkehr – die Opfer sind als „Volksverräter selbst schuld an ihrer Vernichtung“; ob als Rechtfertigung – die Opfer wurden „Kollateralschäden einer ansonsten nötigen Umsiedlungspolitik“; oder als Aufrechnung – „wir betrauern die armenischen Opfer, aber wir Türken hatten auch viel zu leiden, es war eben eine schreckliche Zeit damals“. 

Die Anerkennung des Verbrechens durch die Tätergesellschaft ist die erste und wichtigste Vorrausetzung dafür, dass eine Verständigung zwischen der Tätergesellschaft und den Nachfahren der Überlebenden des Völkermordes ermöglicht wird. „Versöhnung“, die ja von vielen Politikern immer wieder gefordert wird, ist ohne Anerkennung schlichtweg undenkbar. Ohne die Anerkennung der Shoah durch Deutschland gäbe es mit Sicherheit auch keine deutsch-israelischen Beziehungen.

Die Anerkennung des Völkermordes ist aber auch für die wissenschaftliche Forschung von großer Relevanz, sie ist die Vorrausetzung dafür, das Forschung überhaupt neutral sein kann. Ohne die Anerkennung dreht sich alles um die Frage der Faktizität der Fakten. Genozidforscher werden so immer wieder in die Rolle der Beweiserbringer gedrängt. Jede Forschung ist dann grundsätzlich dazu verdammt, sich in einem solchen Feld, das durch das Verdikt der Parteilichkeit strukturiert ist, zu positionieren. Das betrifft in besonderer Weise auch den Umgang mit den Quellen der Opfer – die, solange keine Anerkennung da ist, stets als radikal subjektiv und politisch motiviert betrachtet werden. Und eine Anerkennung ist auch Voraussetzung dafür, dass Forschungen zu eine solchen Thema auch politisch unbelastet in der Förderlandschaft aufgenommen werden können – eben ohne, dass die möglichen Förderinstitutionen befürchten müssen, politische Empfindlichkeiten zu treffen.

Prof. Dr. Mihran Dabag hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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