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Lena Reuter | 16.06.2020 | 621 Aufrufe | Interviews

„Der blutigste Monat in der jüngsten Geschichte Mexikos"

Interview mit Lizette Jacinto zum Umgang der mexikanischen Regierung mit der Corona-Krise

Nordamerika verzeichnet nach Europa die meisten Opfer von COVID-19. Doch neben dem traurigen Rekordhalter des Kontinents, den USA, ist auch der Nachbar im Süden betroffen, von dem man jedoch selten hört: Mexiko. Mit mittlerweile 16.000 Todesfällen und beinahe 140.000 Infizierten (Stand 13.06.)[1] traf das Virus auch die mexikanische Regierung unvorbereitet. Mexiko ging dabei einen Sonderweg. Kontaktsperren wurden nicht verhängt, die Grenzen blieben offen, Touristen waren willkommen - denn der ohnehin abgeschlagenen Wirtschaft sollte nicht noch mehr geschadet werden. Diese Entscheidung begründet die Regierung mit der Situation der vielen informellen Händlerinnen und Händler, Arbeiterinnen und Arbeiter. Denn viele Menschen leben von der Hand in den Mund und haben kein Einkommen, wenn sie nicht verkaufen. Doch in einer globalisierten Welt kann kein Land im Vakuum agieren - und die mexikanische Wirtschaft wird von den Entscheidungen anderer Länder ebenfalls betroffen, beispielsweise in der Tourismusbranche, im informellen Sektor oder beim Export. Seit Mitte März verloren insgesamt fast 350.000 Mexikanerinnen und Mexikaner ihre Arbeit. Wie sieht der Kurs der Regierung aus? Was macht das Virus mit einer Gesellschaft, in der das Vermögen sehr ungleich verteilt ist? Welche Versuche unternimmt die Regierung, um Zusammenhalt und Solidarität in der Gesellschaft zu fördern? Professor Dr. Lizette Jacinto vom Institut für Sozial- und Geisteswissenschaften Alfonso Vélez Pliego in der Stadt Puebla, Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates in Zentralmexiko, beantwortete uns diese und weitere Fragen im L.I.S.A.Interview.

Prof. Dr. Lizette Jacinto

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"Keine autoritäre Politik bezüglich der Bekämpfung von COVID-19 in Mexiko"

L.I.S.A.: Professor Jacinto, Mexiko geht einen Sonderweg bei der Corona-Bekämpfung. Präsident Andres Manuel Lopez Obrador möchte keine radikalen Kontakt- und Ausgangssperren verhängen, um der ohnehin angeschlagenen Wirtschaft nicht noch mehr zu schaden. Doch wie sieht der Plan aus? Wie ist die Lage im Land und was sehen Sie als größte Herausforderung?

Prof. Jacinto: Die Politik der Regierung von Andrés Manuel López Obrador, die sich in ihrem zweiten Regierungsjahr befindet, konzentriert sich auf die Unterstützung der sozial Schwachen, der Verwundbarsten. In Mexiko gibt es laut INEGI[2] (2018) 52,4 Millionen Menschen, die in Armut leben. Das sind 41,9 Prozent der Bevölkerung. Hinzu kommen weitere 7,4 Millionen Mexikaner, die in extremer Armut leben. Dieser Umstand war es vermutlich, der López Obrador dazu bewog, keine autoritäre Politik bezüglich der Bekämpfung von COVID-19 in Mexiko zu verfolgen, also Maßnahmen wie Ausgangssperre etc. gesetzlich vorzugeben, anders als in anderen lateinamerikanischen Ländern. So ist es beispielsweise Peru mit all den Restriktionen und staatlicher Gewalt nicht gelungen, den negativen Auswirkungen der Pandemie entgegenzuwirken. Zwar setzte sich die Regierung von López Obrador für einige Einschränkungen ein, um die Infektionskurve abzuflachen, doch blieben die meisten Geschäfte und Betriebe, vor allem die systemrelevanten, offen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen, die diese Gesundheitskrise mit sich bringt, sind unüberschaubar. Die mexikanische Regierung versucht, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Bekämpfung der Pandemie auf der einen Seite und den Versuchen, die unvermeidlichen wirtschaftlichen Schäden klein zu halten und frühzeitig zu begrenzen auf der anderen Seite. Schon jetzt gibt es Bestrebungen, die Wirtschaft im Lande wieder zu aktivieren. Trotz allem: Jüngsten Schätzungen zufolge wird es anderthalb Millionen mehr Arbeitslose nach der Pandemie in Mexiko geben.

In Mexiko haben wir seit Jahrzehnten Probleme mit dem Gesundheitszustand der Bevölkerung, ein Problem, das nun in Verbindung mit COVID-19 besonders deutlich wird: Diabetes, Bluthochdruck und Fettleibigkeit, also die Ko-Morbidität. Die Ernährung der Mexikaner hat sich seit dem NAFTA-Abkommen, das Mexiko mit den USA und Kanada in den 1990er Jahren unterschrieben hat, stark verschlechtert. Wir importieren seitdem viele Nahrungsmittel aus den USA, und diese sind reich an Zucker und ungesättigten Fettsäuren. Leider haben diese Produkte unsere Ernährungsweise verändert, was bis dahin nicht Teil der Lebensmittelzufuhr der Mexikaner war, wird nun auf täglicher Basis verzehrt und trägt dazu bei, die Anzahl der an Diabetes, Bluthochdruck und Übergewicht leidenden Menschen dramatisch zu erhöhen. Die negativen Folgen liegen auf der Hand, insbesondere jetzt in der Corona-Krise, in der eine gesunde Lebensweise und ein intaktes Immunsystem helfen. Aber es muss auch gesagt werden, dass keine Nation für so eine Pandemie wie die jetzige bereit sein kann.

So wie Sie in Deutschland den Virologen Dr. Christian Drosten haben, der Sie über die Pandemie auf dem Laufenden hält, spielt in Mexiko Dr. Hugo López-Gatell, der Unterstaatssekretär für Prävention und Gesundheitsförderung der mexikanischen Bundesregierung, eine führende Rolle. Er und sein Team starteten am 23. März die Kampagnen „Bleibt zu Hause!“ und „Susana Distancia“, ein Wortspiel, entstanden aus „Sana Distancia“ , „Gesunder Abstand“. „Susana“ ist hierbei ein weiblicher Charakter, der die Menschen dazu erzieht, Abstand zu halten. Dies hat Dr. López-Gattel einen gewissen Ruhm, aber auch viel Kritik gebracht. Denn in einem Land mit so ungleicher Verteilung des Vermögens ist es offensichtlich, dass es nur einer kleinen Oberschicht gestattet ist, „zu Hause zu bleiben“: Es gibt in Mexiko Millionen Menschen, die von Tag zu Tag leben, die keine Ersparnisse haben und dementsprechend nicht einen einzigen Tag ihre Arbeit unterlassen können.

Täglich stellt Dr. López-Gatell die Statistiken der 32 Bundesstaaten Mexikos vor. Auf diese Weise haben wir Daten über die Anzahl der Infektionen, Genesungen und auch über die Todesfälle, die sich derzeit leider auf über 10.000 belaufen. Kürzlich hatten wir den traurigen Rekord von 3.400 Neuinfizierten innerhalb von 24 Stunden. Allerdings werden sehr wenige Tests durchgeführt, weshalb keiner wirklich sicher sein kann, ob diese Zahlen stimmen oder nicht. Ab dem 1. Juni startet die Regierung eine neue Phase, die sogenannte „Neue Normalität“, die mittels eines Ampelplans eine gestaffelte Rücknahme der Einschränkungen plant, natürlich abhängig von den Umständen des jeweiligen Staates oder der jeweiligen Gemeinde.[3]

"Kein Chaos, keine Hamsterkäufe"

L.I.S.A.: Der Präsident steht wegen seines Krisenmanagements in der Kritik, Wirtschaftsverbände halten ihm vor, zu wenig finanzielle Hilfe für angeschlagene Unternehmen bereitzustelle und sie zu stigmatisieren, indem er ihnen allein die Schuld an den Entlassungen gäbe. López Obrador erklärt seinen Ansatz so, dass er den Menschen helfen wolle, die von der Krise am härtesten betroffen sind: den sozial Schwachen, Arbeiterinnen und Arbeitern des informellen Sektors, die aufgrund der Corona-Pandemie ihre Lebensgrundlage größtenteils verloren haben. Wie bewerten Sie diese Positionen, und wie würden Sie die Stimmung der Menschen diesbezüglich beschreiben?

Prof. Jacinto: Tatsächlich stehen, wie ich bereits erwähnt habe, die von López Obrador ergriffenen Maßnahmen nicht im Widerspruch zu seiner bisherigen Wirtschaftspolitik. Seit Beginn seines Mandats unterstützt die Regierung Studierende und ältere Menschen mit Sozialprogrammen. Leider ist dennoch zu erwarten, dass viele kleinere und mittlere Unternehmen in Mexiko Bankrott gehen werden. Die Regierung erstellte zur Unterstützung Programme (auch von Seite der Industrie) wie zinslose Bankdarlehen, die erst in fünf Jahren zurückgezahlt werden müssen. Wie gesagt, ist es vor allem für informelle Händler sehr schwierig, sich über Wasser zu halten, man ging das Risiko ein, sich zu infizieren, weil man es sich schlicht nicht leisten konnte, nicht zu arbeiten.

López Obrador pflegt sehr gute Beziehungen zu einflussreichen Geschäftsleuten in Mexiko, wie Carlos Slim. Slim ist der reichste Mensch in Mexiko und wurde zum Beispiel mit einem der wichtigsten Projekte der jetzigen Regierung beauftragt: dem Bau des neuen „Maya-Zuges“. Es besteht eine enge Beziehung zu denen, die das Land vorwärts bringen wollen, aber nicht zu denen, die auf Kosten der Armut und Ausgrenzung von Millionen von Menschen profitiert haben. Die Regierung betont immer wieder, dass die sogenannte „neoliberale Politik“ der verschiedenen mexikanischen Regierungen seit den 1980er Jahren und bis 2018 in Mexiko gescheitert ist. Darum will sie einen ganz neuen Kurs einschlagen, auch wenn es manchmal nicht so scheint.

Jetzt während der Krise gibt der Präsident jeden Morgen um sieben Uhr der Presse in den so genannten "Mañaneras" seinen Bericht. Bisher sind die großen Projekte, wie der bereits erwähnte „Maya-Zug“, die „Dos Bocas“-Ölraffinerie und der neue Flughafen Santa Lucia in Mexikostadt, nicht gestoppt worden. Das bewahrt Arbeitsplätze und motiviert die Bevölkerung, trotz der gesundheitlichen Gefahren. Angesichts der Pandemie hat der Präsident die großen Konsortien und Geschäftsleute, die normalerweise keine Steuern zahlen, zur Zahlungen gezwungen. Es war zu erwarten, dass dies auf Gegenwehr stößt, und die Opposition zu unterschiedlichen Aktionen bewegt, die von gefälschten Nachrichten, über Demos, bis hin zu Cyber-Angriffen reichen. Lopez Obrador hat jedoch das, was kein anderer Präsident in den letzten Jahren in Mexiko hatte, nämlich eine Zustimmungsrate von fast 55 Prozent, und er setzt auf das Gesetz, nicht auf Gewalt, um eine ausgehandelte und vereinbarte Lösung zur wirtschaftlichen Reaktivierung des Landes zu finden.

Ich denke, die Stimmung der Menschen ist so vielfältig wie das Land selbst. Im Allgemeinen ist kein Chaos ausgebrochen und wir sind ruhig geblieben. Es gab zum Beispiel keine Hamsterkäufe, die Supermarktregale waren immer voll. Jetzt ist es auch wieder viel einfacher, Masken, antibakterielles Gel oder Thermometer zu bekommen, die waren tatsächlich wochenlang ausverkauft. Laut offizieller Zahlen wurden die Kapazitäten der Krankenhäuser noch immer nicht überschritten. Einer der wichtigsten Kritikpunkte ist das Fehlen von Tests zur Früherkennung von COVID-19. Aber es gibt einfach keine Möglichkeit, sie millionenfach durchzuführen, und so werden sie nur bei Menschen mit Symptomen eingesetzt.

"Die Migranten sind jetzt viel sichtbarer"

L.I.S.A.: Die Beziehungen zwischen Mexiko und den USA sind nicht die besten. Nun schließen die USA ihre Grenzen im Süden komplett, nicht einmal Pendlerinnen und Pendler kommen noch durch. Wie spürt man diese Veränderungen im Alltag und was bedeuten sie auch für Migrierende auf dem Weg durch Mexiko oder von Mexiko in die USA?

Prof. Jacinto: In den letzten Tagen haben die mexikanischen Medien und Behörden das Gegenteil berichtet, nämlich dass Trump die Einwanderungspolitik von López Obrador gelobt habe. Außerdem kauft Mexiko derzeit durch die Vermittlung der US-Regierung mehr als 200 Ventilatoren für die Notaufnahmen in mexikanischen Krankenhäusern.

Migration ist ein Phänomen, das nicht komplett durch weitere Grenz- und Straßensperren gebremst wird. Die Vereinigten Staaten brauchen die billige Arbeitskraft, die zentralamerikanische und mexikanische Migranten bieten. Der Transitprozess verläuft jedoch viel langsamer und die Migranten fallen mehr auf, da viele Leute zu Hause bleiben und nicht auf den Straßen zu sehen sind. Die Migranten sind deswegen jetzt viel sichtbarer - und daher viel anfälliger sowohl dafür, vom Nationalen Institut für Migration gefangen genommen zu werden als auch von kriminellen Gruppen angegriffen oder entführt zu werden[4] Es gibt viele Migranten, die in Guatemala an der Grenze in speziellen Sammelunterkünften auf ihre Einreise nach Mexiko warten - Orte, die im Moment nicht die geeignetsten sind. Die mexikanische Nationalgarde (Bundespolizei, Marine und Armee) bewacht nun die Grenzen verstärkt und kontrolliert den Eingang von Migranten. Dies ist ein Ergebnis von Verhandlungen mit der Trump-Regierung über die bevorstehende Steuererhöhung für mexikanische Produkte, mit der sie drohte, die Südgrenze nicht zu schließen. Die Situation besteht nun seit beinahe einem Jahr. Verbessert hat sie sich nicht, (irreguläre) Migration wird kriminalisiert, hinzu kommt nun die Stigmatisierung von Migranten als Infektionsquelle und Verbreiter des Virus. Die zentralamerikanischen Migranten befinden sich in einer schwierigen Lage. Unter López Obrador wurde den zentralamerikanischen Migranten ermöglicht, in Mexiko zu bleiben, aber die meisten wollten das nicht. Sie träumen davon, in die Vereinigten Staaten zu kommen, um Dollars zu verdienen, aber derzeit ist nicht klar, wie sich die Lage entwickeln wird, nach all den wichtigen antirassistischen Demonstrationen, die wir in der vergangenen Woche gesehen haben. Vermutlich werden sich Kontrollen und Polizeieinsätze verschärfen und die Situation für irreguläre Migranten schwieriger.

"Im Durchschnitt zehn Mordfälle pro Tag"

L.I.S.A.: Sie sind Professorin für Historiografie und mexikanische Geschichte am Institut für Sozial- und Geisteswissenschaften "Alfonso Vélez Pliego" in Puebla, Mexiko, und arbeiten schwerpunktmäßig zu Genderthemen und Migration. Wie wirkt sich die Corona-Krise diesbezüglich aus?

Prof. Jacinto: April 2020 wird als der blutigste Monat der letzten Jahre in Mexiko in die Geschichte eingehen. Es scheint mir, dass es Teil eines Prozesses ist, in dem verschiedene kriminelle Gruppen versuchen, sich die durch das Coronavirus verursachte Krise zunutze zu machen. Nicht einmal die Gesundheitskrise hat es geschafft, die Kriminalität in bestimmten Gebieten Mexikos zu stoppen, in denen nach wie vor Krieg zwischen verschiedenen kriminellen Gruppen herrscht, die versuchen, die Kontrolle über bestimmte Regionen, Städte und Gemeinden für den Verkauf illegaler Waren (Drogen und Waffen) zu erlangen. Meiner Meinung nach ist der Sicherheitssektor der wichtigste Bereich, den die mexikanische Regierung derzeit hat, vielleicht wichtiger als COVID-19 und alle wirtschaftlichen und politischen Konsequenzen, die dies mit sich bringen wird.

In ähnlicher Weise wurde die Frage der geschlechtsspezifischen Gewalt aufgeworfen, und zwar aufgrund der unglücklichen Äußerungen von Präsident Lopez Obrador, der in den letzten Tagen erklärte, dass 90 Prozent der Hilferufe misshandelter Frauen erfunden seien. Dies hat zu einer Empörung, aber auch Wiederbelebung verschiedener Vereinigungen und Gruppen von Feministinnen in den sozialen Netzwerken geführt, die das Gegenteil bewiesen, wobei sie sich unter anderem auf die Zahlen der Nationalen Menschenrechtskommission stützten. Sie stellten sogar eine Zunahme der Femizide, der geschlechtsspezifischen Morde an Frauen, fest, die für April 2020 im Durchschnitt bei zehn Fällen pro Tag lägen.[5] Außerdem betrafen die staatlichen finanziellen Kürzungen auch provisorische Unterkünfte für misshandelte Frauen. Daraus folgt vermutlich, dass Frauen, die zu Hause misshandelt werden, in dieser Zeit der Sperrung des öffentlichen Lebens sowie der Frauenhäuser bei den Tätern bleiben müssen. Die Regierung macht wieder einmal Angriffe auf Frauen unsichtbar, ihre Klagen werden zum Schweigen gebracht und diskreditiert.

Dabei hat in den letzten Jahrzehnten die Migration von Frauen und unbegleiteten Jugendlichen und Kindern Richtung USA zugenommen. Wir sprechen also nicht mehr von Migration junger Männer. Dies zeigt, dass Verarmung und Kriminalität in einem Maße zugenommen haben, dass die vulnerabelsten Gruppen (Frauen und Kinder) zur Flucht gezwungen werden.

"Die Solidarität der Mexikaner untereinander ist sehr groß, besonders in Krisenzeiten"

L.I.S.A.: Ausgewanderte Angehörige überweisen etwa 34 Milliarden Dollar im Jahr nach Mexiko. Gleichzeitig sind sie gerade jetzt besonders gefährdet, ihre Jobs zu verlieren. Manuel Orozco, Analyst und Experte für Migration vom Inter-American Dialogue in Washington, errechnete einen möglichen Einbruch des Dollartransfers von bis 18 Prozent in Folge der Corona-Krise. Was würde das für die Menschen in Mexiko bedeuten?

Prof. Jacinto: Laut der Zeitschrift Forbes (Mai 2020) sind die Überweisungen der Mexikaner in die Vereinigten Staaten keineswegs rückläufig, sondern um bis zu 35 Prozent gestiegen, was einmal mehr zeigt, dass die Familienverbindungen und die Solidarität der Mexikaner mit ihren Lieben sehr tief sind, besonders in Krisenzeiten. Diese Zahlen werden als Rekord für die maximale historische Versendung von Überweisungen genannt, da nicht nur die Anzahl, sondern auch die Menge der Überweisungen deutlich zunahm. Die massive Entsendung entsprach der sozialen Reaktion auf die Krise und der Unterstützung für die Familien der mexikanischen Migranten in den USA.

Dennoch ist es sehr wahrscheinlich, dass wir in den kommenden Monaten einen beträchtlichen Rückgang der Zahl der Überweisungen erleben werden, zum einen, weil viele Migranten in den USA im gastronomischen Sektor arbeiten und dementsprechend als erste gekündigt werden. Zum anderen wissen wir auch, dass viele Migranten aus Puebla unter den Opfern der Coronavirus-Pandemie in New York waren. Der Rückgang der Überweisungen wird vermutlich zu einem Rückgang der Ausgaben in den ärmsten und schwächsten Sektoren führen, von denen viele bereits arbeitslos sind. Auch Ehefrauen, Kinder und Eltern der Ausgewanderten, die direkt von dem betreffenden Migranten abhängig sind, werden starke finanzielle Einbuße davontragen. Die Folgen der durch das Coronavirus ausgelösten Krise lassen sich wirtschaftlich zwar vage vorhersagen, aber niemand kann wissen, wie weit oder wie tiefgreifend sie sein werden.

"Extreme wirtschaftliche Kürzungen in den öffentlichen Bildungs- und Forschungszentren"

L.I.S.A.: Möchten Sie noch etwas hinzufügen?

Prof. Jacinto: Zusammenfassend kann man sagen, dass die Pandemie in Mexiko, einem Land mit einer Ausdehnung von fast zwei Millionen Quadratkilometern, nicht so überschaubar ist wie es in kleineren Ländern vielleicht der Fall sein kann. Aus diesem Grund wurde die Gesundheitspolitik entsprechend den Besonderheiten des Landes gestaltet. Sogenannte republikanische Sparmaßnahmen oder ‚Kürzungen‘ sind in Mexiko von breiten gesellschaftlichen Teilen kritisiert worden, da selbst Regierungsbehörden nicht in der Lage sein werden, zuvor erworbene Rechnungen, z.B. mit Lieferanten und anderem Personal, noch zu bezahlen. Die Regierung Lopez Obrador hat um jeden Preis versucht, den "einfachen" und konventionellen Ausweg, nämlich Kredite beim Internationalen Währungsfonds oder bei der Interamerikanischen Entwicklungsbank in Washington aufzunehmen, zu vermeiden, sondern stattdessen Sparmaßnahmen zu ergreifen.
Die größte Herausforderung besteht darin, die Meinungen aller Schichten in Einklang zu bringen und die Zustimmung zu den extremen wirtschaftlichen Kürzungen zu erhalten, die in allen Bundesbehörden, leider auch in den öffentlichen Bildungs- und Forschungszentren, vorgenommen werden.
Doch Mexiko hat auch weiterhin mit extremer Gewalt zu kämpfen, und zwar aufgrund der verschiedenen Drogenkartelle sowie Straflosigkeit und Korruption, die in allen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere in der politischen Klasse, vorherrschen. Die strukturelle Gewalt hat während der Pandemie nicht aufgehört – im Gegenteil ist z.B. die häusliche Gewalt und Gewalt gegen Frauen sogar deutlich gestiegen. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, dass die Verzweiflung des Volkes vor allem in den ärmeren Vierteln in Gewalt eskaliert.

Diese Krise hat uns auf globaler Ebene eine Lehre erteilt, nämlich, worauf es wirklich ankommt: die Selbstversorgung mit lokalen landwirtschaftlichen Produkten, die Stärkung des Gesundheitssystems, eine Umstellung im Bildungssystem auf digitale Komponenten und die Sorge um die Umwelt auf lokaler und globaler Ebene.

Prof. Dr. Lizette Jacinto hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Nachweise

[1] Quelle: https://www.coronavirus.gob.mx
[2] Das Instituto Nacional de Estadística y Geografía (INEGI) ist eine staatliche Einrichtung Mexikos für die wirtschaftliche und geographische Datensammlung bzw. die Entwicklung im Bereich der Informatik. Das INEGI wurde am 25. Januar 1983 gegründet. Quelle: https://www.inegi.org.mx
[3] Mexiko hat den zuletzt geltenden Gesundheitsnotstand formal beendet. Seit 1. Juni 2020 ist ein vierstufiges Ampelsystem in Kraft. Darüber soll die Situation in jedem einzelnen Bundesstaat beurteilt und Entscheidungen hin zu einer Normalisierung des öffentlichen Lebens getroffen werden. Es kommt daher schrittweise zur Wiederaufnahme des Betriebs einzelner Firmen, Geschäfte, Hotels und eingeschränkt auch von Restaurants. Fahrverbote, Abstandsregeln und die Tragepflicht für einen Mund-Nasen-Schutz gelten fort. Die Regelungen variieren von Bundesstaat zu Bundesstaat. Quelle: Auswärtiges Amt, Stand 03.06.2020
[4] Die verschiedenen Drogenkartelle in Mexiko fanden in der Halbsklavenarbeiterschaft der Migranten, die ohne offizielle Papiere reisen, den Weg zur Bewältigung des so genannten "Krieges gegen die Drogenbosse", der 2006 mit dem ehemaligen Präsidenten Felipe Calderon begonnen wurde. Zu den wichtigsten Kartellen, die sich systematisch die Vulnerabilität von Migranten zunutze gemacht haben, gehören: ‚Los Zetas‘, ‚Das Golf von Mexiko-Kartell‘, ‚Das Sinaloa-Kartell‘.
[5] 337 Frauen wurden im April 2020 Opfer eines Femizids, Quelle: https://drive.google.com/file/d/1yVfgnItDgQC88zr2fnHW4lE8MwmzuPi0/view

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