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Lena Reuter | 31.05.2020 | 464 Aufrufe | Interviews

"Jede Fotografie ist fragmentarische Wirklichkeit"

Interview mit Ralf Bohn zur Bildschriftlichkeit der Fotografie

Die Fotografie ist das bedeutendste Massenmedium unserer Zeit - jede und jeder ist dank Smartphone mit (relativ) guten Kameras ausgestattet, insbesondere die sozialen Medien kommen ohne täglich gepostete Bilder nicht aus. Welchen Wert aber hat die Fotografie als Allegorie der Gleichzeitigkeit, zwischen Rettung des Augenblicks und Einsicht in die Vergänglichkeit, heute?
In seinem jüngst erschienenen Band arbeitet Prof. Dr. Ralf Bohn den Diskurs über das Fotografische anhand von kommentierten Zitaten von Derrida über Bourdieu bis hin zu Sontag auf. Im L.I.S.A.Interview fragten wir ihn nach dem Moment des Fotografierens als Geste und der Bildbetrachtung als Schriftlichkeit, Verräumlichung und Inszenierung.

"Fotografie ist das dramatischste und existenziellste Massenmedium"

L.I.S.A: Herr Professor Bohn, mit Ihrem jüngsten Werk „Camera Scriptura“ haben Sie einen originellen Band zur Bildschriftlichkeit der Fotografie veröffentlicht. Was reizt Sie an diesem Thema?

Prof. Bohn: Die Publikation fasst erste Ergebnisse einer Forschungsarbeit zusammen, in der es um den aktuell diskutierten Gegensatz von Schrift und Bild geht. Bilder werden spontan erfasst, Schrift in der Regel linear gelesen. Bilder sind konkret, Schrift abstrakt, ihre Formen sind zufällig. Diese Gegensätze sind jedoch Kulturkonventionen. Wenig relevant sind sie, wenn man sie von der medialen Grundformation aus betrachtet. Medien sind Systeme, die aufzeichnen, speichern und abspielen. Erfasst man die Gegensätzlichkeit von Buchstabenschrift und Fotografie mit Friedrich Kittler als Pole einer Ökonomie technischer „Aufzeichnungssysteme“, so wird offensichtlich, dass diese Ökonomie vornehmlich mit der Geschwindigkeit der Aufzeichnungsbewegung zu tun hat: Das Foto entsteht in einer hundertstel Sekunde und wird ebenso schnell identifizierend erfasst. Das Foto fixiert einen Augenblick der Stillstellung für die Ewigkeit. Genau diese einzigartige Möglichkeit, mit Augenblick und Dauer zu spielen, hat mich interessiert. Die Fotografie ist für mich das dramatischste, existenziellste und artifiziellste Massenmedium. Natürlich gibt es in der Dynamik der Aufschreibesysteme auch moderate Systeme: Architektur, Malerei, Zeichnung, Skizze, Hieroglyphe, Typografie etc. Es ist wichtig, dass man zwischen den bloßen Formen, den Repräsentationsfunktionen und den Techniken der Ökonomisierung unterscheidet und das man fragt, was denn eigentlich Ökonomisierung und Technisierung bedeuten? Doch wohl Entkörperlichung, Aufhalten der Sterblichkeit, Fixierung der Zeit.

"Fotografieren beinhaltet eine unendliche Menge medialer Transformationen"

L.I.S.A: Bildschriftlichkeit der Fotografie bedeutet nicht, so schreiben Sie, Schriftlichkeit oder die Schrift im Bild. Was aber bedeutet sie? Inwiefern kann ein Bild ohne Text, ohne Kommentar auskommen? Und kann dementsprechend jedes Medium beliebig in jedes andere übersetzt werden?

Prof. Bohn: Medien sind Systeme von Einschnitten, so wie jeder Buchstabe, jedes Wort, jeder Satz einen spezifischen rhythmischen Einschnitt darstellt. Man muss immer von einem Medium ins andere springen können. Sprung und Einschnitt sind die notwendigen Bedingungen für die Konstitution des Sinns. Sinn ist nichts anderes als die Vermeidung, im Sprung sozusagen ins Bodenlose zu fallen. Damit Sinn sinnfällig bleibt, braucht es Systeme der Versinnlichung. Papier und Bildschirm machen unsinnliche Technik sinnlich nachvollziehbar, auch wenn die Apparatur selbst „obscur“ bleibt. Die Apparatur automatisiert die Choreografie der Einheiten und Differenzen. Die Schriftlichkeit der Fotografie hat leider mit dem Umstand zu kämpfen, dass man das, was man auf einem Foto sieht, immer sofort identifizieren kann. Die Technik löst sich in der Magie der Camera obscura völlig auf. Das hat immer etwas Beängstigendes. Die Abwehr dieses Vorteils der allzu schnellen Identifizierung findet dann naturgemäß in einem langsameren Medium statt, der Schrift, dem Kommentar oder Bildtitel. In unserer Gesellschaft der Hochgeschwindigkeit muss man lesen nicht nur lernen, sondern aushalten können. Auch das beiläufigste Fotografieren beinhaltet eine unendliche Menge medialer Transformationen, die jedoch alle medial substituiert und in Designverhüllungen versteckt sind. Insbesondere in der professionellen oder künstlerischen Fotografie wird der unsinnliche Moment des Auslösens in einer Kette von Inszenierungen und eine Pluralität von medialen Eingriffen vor, während und nach der Aufnahme emotional aufgeladen. Das „Schreiben mit Licht“, dieser „Todesmoment“, löst sich in eine umfangreiche Kette von funktionellen und inszenatorischen Handlungen, die den toten Augenblick animieren. Der Gewinn der Fotografie, der ohne Bewegung auskommt, soll also in eine e-motion übersetzt werden. Erst dann ergibt sich ein funktionierender Produktions-Konsumationskreislauf und somit die Kontinuität und Akzeptanz eines Massenmediums.

"Die Zitatmontage ist der Versuch, Fotografie zu buchstabieren"

L.I.S.A: In Ihrem Buch zitieren Sie verschiedene Philosophinnen und Philosophen, Fotografinnen und Fotografen, von Derrida bis Sontag. Wer steht Ihnen da am nächsten und warum?

Prof. Bohn: Das Buch widmet sich nur marginal den Fotografien. In erster Linie widmet es sich den Diskursen über Fotografie. Die Zitatmontage ist der Versuch, wie im Elementarunterricht das Lesen und Schreiben von Fotografie zu buchstabieren. Meine Sichtweise ist die des Phänomenologen. Was passiert zum Beispiel, wenn die Kamera ein „stehendes Bild“ erschafft und es dann erst um 1840 zum ersten Mal die Möglichkeit gab, einen speziellen Augenblick in aller Ruhe tatsächlich zu lesen? Haben wir es hier nicht plötzlich damit zu tun, eine konkrete Zeit und einen konkreten Raum zu erfassen, der vorher nicht existierte? Derrida führt deswegen alle Schrift auf einen Akt der Verräumlichung zurück. Es gibt nun einen Raum, der mich vom Fluss der Wahrnehmungen unabhängig macht. Es gibt mit der Schrift etwas, was unabhängig vom Hier und Jetzt meines Körpers für andere existiert. Denn Schrift ist nicht bloß das Aufbewahrungsmittel der Stimme. Die Schrift ist die Erlösung des Menschen von seiner zufälligen Existenz. Ein provisorischer Tod und zugleich dessen Aufschub für eine Zukunft. Bei Derrida hat mir imponiert, wie er sich von diesem existenziellen Urschriftphänomen ausgehend allmählich in den 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts der Malerei und der Fotografie zuwendet. Derrida entdeckt das allen Medien Gemeinsame.
Ich unterrichte in Dortmund auch Filmemacher und Fotografen. Der Anspruch dieser medialen Systeme ist technisch und ästhetisch ausdifferenzierter als der von Romanen. Mir hat es gefallen, aus dem Diskurs der Technikphilosophie und dem des „Fotografischen“ – ein Begriff, den Rosalind Krauss und Susan Sontag verwenden – abzuleiten, was es heißt, mit Licht zu schreiben.

"Wirklichkeit, die ihrer Dynamik beraubt ist, nennt man realistisch"

L.I.S.A: Was bewog Sie zu der außergewöhnlichen Form Ihres Buches, in dem Sie überwiegend mit Zitaten arbeiten?

Prof. Bohn: Jede Fotografie ist fragmentarische Wirklichkeit. Wirklichkeit, die ihrer Dynamik beraubt ist, nennt man realistisch. Der Diskurs der Fotografie hat – anders als die Fotografiegeschichte – keine Zielkonzeption. Ein Diskurs ist sozusagen der Opfer- und Gabenaltar der medialen Erscheinungen zu einem gegebenen Gegenstand. Entsprechend hatte ich mir vorgenommen, diesen Diskurs selbst in seiner fragmentarischen und durchaus widersprüchlichen Ausbildung darzustellen und nur mit einigen Kommentaren zu versehen. Wenn man will, handelt es sich also um Archivarbeit, der ich ein Vorwort hinzugefügt habe, um meine übrigens sehr beschränkte Auswahl zu erläutern. In einem nachgestellten Essay, der dann fast bruchlos daherkommt, habe ich versucht, einer Spur nachzugehen, die mir persönlich in diesen Fragmenten auffallend erschien. Es handelt sich also bei "Camera Scriptura" um einen Ordnungsversuch. Das Forschungsprojekt läuft weiter. Jetzt gilt es zu fragen, wie man die Ökonomie zwischen dem Wunsch nach einem toten Bild und dem der Verlebendigung seiner Dauerspur phasenweise rekonstruiert. Das zielt nicht auf den Film, sondern auf die psychologischen Abwehrvorgänge, die mit der suspendierten Zeit zu tun haben. Solche Abwehr- und Ersatzhandlungen machen wir ständig, wenn wir bemerken, dass wir fotografiert werden oder wenn uns der Fotograf zur Inszenierung einer bestimmten Bildaussage zwingt. Unter allen Umständen ist zu vermeiden, dass wir dem bloßen „Schuss“ einer Kamera ausgesetzt sind, dass wir selbst zum Ding gemacht werden. Also werden bei jeder Aufnahme allerlei groteske Faxen gemacht. Die im Foto intendierte Bewegungslosigkeit und die Entbindung von emotionaler Bewegung scheinen tatsächlich der eigentliche Tauschort der Fotografie zu sein. Und Bewegung wird ja in Zeiteinheiten gemessen.

"Lebenseinschnitte werden als Teil eines Konsumangebotes bereitgestellt"

L.I.S.A: In dem Kapitel „Fotografieren als soziale Geste“ lassen Sie unter anderem den Soziologen Pierre Bourdieu sprechen, der der Fotografie die Rolle eines Festes beimisst. Was bedeutet das für unsere heutige Zeit, in der jede und jeder Bilder schießen und veröffentlichen kann? Hat die Fotografie ihre besondere Bedeutung da verloren, wo in den sozialen Medien banalste Dinge wie das Frühstück fotografiert und gepostet werden?

Prof. Bohn: Offensichtlich ist die automatische Sofortfotografie tatsächlich zu einer reinen Geste verkommen, eine Art „Autograph“. Das Fotografieren wird hier – analog der Schrift – zum Kopiervorgang. Andererseits wird die künstlerische Art, mit fotografischem Material zu arbeiten, immer sensibler und raffinierter. Bourdieu interessiert sich noch im klassischen Sinn für die Einschnitte des Lebens, die in der französischen Provinz fotografiert werden: Taufe, Hochzeit, Fest, Tod. Diese Einschnitte sind heute viel differenzierter und nicht mehr familial gebunden. Im Gegenteil, sie werden als Teil eines Konsumangebotes bereitgestellt. Etwas fotografieren heißt, es kostenlos in Besitz zu nehmen. Die Inbesitznahme ist aber an ein Opfer gebunden: Ich werde gezwungen, meine Aufmerksamkeit für die Inszenierung eines anderen aufzuwenden, so klein eben dieser Augenblick auch sein mag. Der Gewinn ist quasi ein Stück körperlose Ewigkeit, ein fotografisches Bild. Diese Gewinnrechnung greift sogar in der Vergänglichkeit eines Frühstücks, das man verzehrt, also dem Körper auf andere Weise einverleibt. Äußerung, Zerstückelung und Einverleibung, das ist die Schrift. Nichts an dieser Geste ist verwerflich, außer die Missachtung der Verdauung, also die Zirkularität dieser Ökonomie, die alsbald ins Leere einer inflationären „Fotobulimie“ führt: Die hochbezahlten, beinahe körperlosen Fotomodelle machen es symptomatisch vor. Im Übrigen sind ja auch die Kameras schon fast körperlos geworden. Und das Schreiben mit der Tastatur? Nehmen wir das in seiner technischen Differenzierung wahr?

"Inszenieren heißt nichts weiter, als Lesevorgaben anzubieten"

L.I.S.A: Werden sich die Ergebnisse der Fotografie in unübersichtliche Datenspeicher auflösen? Was wird den Wert eines Einzelbildes bestimmen?

Prof. Bohn: Ich denke, wir müssen zwischen der winzigen Geste des Auslösens eines Fotos und der großen Geste des fotografischen Festes, der universellen Inszenierung eines Augenblicks, unterscheiden. Es gilt, einerseits die Zeit im Foto anzuhalten und sie für eine Lektüre zu fixieren, d.h. den Tod für einen Moment aushalten zu können. Andererseits ist diesem toten Augenblick sein Ereigniswert durch extensive mediale Inszenierung zurückzugeben. Der Lese- und Narrationszwang ist der Moment des Nicht-Aushalten-Könnens des unbewegten Augenblicks. Inszenieren heißt nichts weiter, als solche Lesevorgaben anzubieten. Ich habe "Camera Scriptura" nicht unabsichtlich in der Reihe „Szenografie & Szenologie“, die ich mit Heiner Wilharm betreue, herausgegeben. Das Beispiel der Stadt Paris, das ich in Anlehnung an Walter Benjamin beschreibe, verdeutlicht vielleicht die zukünftige Korrespondenz von Wirklichkeit und Wirklichkeitsrepräsentation. Die Stadt ist von Haussmann so konzipiert, dass an den Blickachsen monumentale öffentliche Gebäude stehen. Wenn man also einen der Boulevards entlang geht, empfängt uns am Ende immer ein architektonisches Bild, das von jedem Touristen fotografiert wird: die Oper, die Madeleine, der Triumphbogen, der Eiffelturm. Wenn wir das Bild erreichen, eröffnen sich vor dem Monument jedoch sofort mehrere andere Blickachsen, die uns zu weiterem Flanieren anregen. Diese Inszenierung von Bild zu Bild, das Flanieren, kann aber nicht fotografiert werden. Es wird erlebt als urbane Inszenierung. Flanieren ist quasi ein „Protomedium“, indem es um die Fortbewegung als Körpertechnik geht. Meine weitere Forschung wird sich der Frage dieser Choreografie zwischen Stillstand und Bewegung, Körper und Motorik widmen. Benjamin sprach von einer Dialektik im Stillstand. Ich spreche lieber von einer Ökologie des Blicks. Bei der Fotografie heißt es auch hier, die Extreme zwischen Ohnmacht und Schwindel in den Blick zu nehmen.

Prof. Dr. Ralf Bohn hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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