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Georgios Chatzoudis | 24.01.2017 | 423 Aufrufe | Interviews

"Das vieldimensionale Verständnis von Erkenntnis"

Interview mit Kirsten Voigt über die Nietzsche-Rezeption bei Joseph Beuys

Der Künstler Joseph Beuys und der Philosoph Friedrich Nietzsche gehören zu den prägendsten Figuren nicht nur ihrer Disziplinen, sondern ihrer Zeit insgesamt. Auf den ersten Blick scheinen sowohl die Tätigkeitsbereiche als auch das jeweilige historische Umfeld beide Biographien stark voneinander zu trennen. Die Kunsthistorikerin Dr. Kirsten Voigt von der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe zeigt indes, dass weder der historische noch der thematische Abstand zwischen Nietzsche und Beuys besonders groß ist. Im Gegenteil: Beuys kam nur knapp zwanzig Jahre nach Nietzsches Tod auf die Welt und wurde zu einem intensiven Nietzsche-Leser. Die Lektüre des Philosophen hat den Künstler mit Blick auf dessen Œuvre entscheidend geprägt. So jedenfalls die These in Kirsten Voigts Forschungsprojekt über die Nietzsche-Rezeption bei Beuys, das von der Gerda Henkel Stiftung gefördert wurde und dessen Ergebnisse inzwischen in Buchform vorliegen. Wir haben ihr unsere Fragen gestellt.

"Der historische Abstand zwischen Nietzsche und Beuys ist nicht so groß gewesen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Voigt, Sie haben sich mit Joseph Beuys‘ Nietzsche-Rezeption beschäftigt. Die Ergebnisse Ihrer Forschung sind jüngst in dem Band „Joseph Beuys liest Friedrich Nietzsche. Das autopoietische Subjekt“ erschienen. Bevor wir uns inhaltlich in Ihre Arbeit vertiefen – was hat Sie zu diesem Forschungsprojekt bewogen?  

 

Dr. Voigt: Schon vor rund 20 Jahren habe ich im Werk von Joseph Beuys eindeutige Spuren dafür entdeckt, dass Beuys sich intensiv mit Friedrich Nietzsche auseinandergesetzt haben muss. Beuys ist ein Künstler, der sich von Beginn an auch um eine theoretische Fundierung seines bildnerischen, performativen und sozial relevanten Handelns bemüht hat. Dass er sich mit Philosophie und Philosophen auseinandergesetzt hat, geht allein aus vielen Zitaten in seinen Zeichnungen, Diagrammen, Vorträgen und Reden hervor. Beuys selbst erwähnte anlässlich seiner ersten Museumsausstellung 1961 in Kleve in einem biographischen Notizzettel, der im Katalog publiziert wurde, dass Nietzsche und Goethe für ihn die einzigen, erwähnenswerten „literarischen Einflüsse“ während der Kriegszeit gewesen seien. Es gibt von Joseph Beuys eine prominente Arbeit aus dem Jahr 1978, in der er das berühmte Porträt des geistig schon umnachteten Nietzsche von Hans Olde zitiert („Sonnenfinsternis und Corona“ betitelt). Und es existiert eine Zeichnung aus dem Jahr 1954 mit dem Titel „Zarathustra“. Außerdem hat sich Beuys in einer Vielzahl von Interviews zu Nietzsche geäußert – manchem zustimmend, manches klar ablehnend. Von den Interviewpartnern wurde Beuys häufig auf Gedanken dieses Philosophen angesprochen – auch weil man im Ausland ihm gegenüber zu jener Zeit viel weniger Berührungsängste hatte als hierzulande. Bataille, Foucault, Barthes und Deleuze haben sich emphatisch zu Nietzsche bekannt. Er gilt auch als Vater der Performativität und war insofern für die Entwicklung der Performance- oder Aktionskunst insgesamt von Belang. Beuys‘ Äußerungen verraten eine differenzierte Kenntnis verschiedener Aspekte von Nietzsches Denken – fern von Klischees, ohne Berührungsängste, ohne Idealisierungen. Ein bildender Künstler, der sich im 20. Jahrhundert auch mit Philosophie, mit Fragen einer Erneuerung der Kunst oder der Idee des Gesamtkunstwerks und der Rolle des Individuums in der Moderne befasst, kommt an Nietzsche nicht vorbei. Beuys wird 21 Jahre nach dem Tod von Friedrich Nietzsche geboren – das muss man sich vor Augen halten. Der historische Abstand ist nicht so groß gewesen, wie er von heute aus erscheinen mag. Weitere 20 Jahre später – im Jahr 1941 – besucht Beuys das Nietzsche-Archiv in Weimar und dort entsteht ein Frühlingsgedicht, in dem er, sehr vorläufig, fragmentarisch und suchend, aber doch auch in einer sehr eigenständigen Synthese Gedanken Nietzsches und Goethes zusammenführt. Das Apollinische, das Dionysische und das Faustische tauchen in diesem Gedicht direkt nebeneinander auf. Viele Spuren waren also früh evident, die ich endlich verfolgen wollte. Erst das Forschungsstipendium der Gerda-Henkel-Stiftung – das möchte ich hier noch einmal in wirklich großer Dankbarkeit betonen – und natürlich der Joseph Beuys Estate Düsseldorf, der mir Einblick in Beuys‘ Nietzsche-Schriften gewährte, haben es möglich gemacht, nun zu zeigen, was genau Beuys gelesen hat, also mögliche weitere Quellen für Werke, für theoretische Äußerungen zu finden.

"Beuys hat ausdrücklich seine Sympathien für das Nomadische bei Nietzsche"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrem Buch beide Protagonisten als die zwei herausragenden Persönlichkeiten Ihres Fachs und Ihrer Zeit dar – Nietzsche als den bedeutendsten Denker des 19. Jahrhunderts und Beuys als den einflussreichsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Inwieweit lässt sich in den Werken von Beuys dessen Nietzsche-Rezeption nachweisen? Haben Sie einige Beispiele, die Sie uns nennen könnten?

 

Dr. Voigt: Einige Werke habe ich schon genannt, aber Anklänge an Denkfiguren und lyrische Bilder von Nietzsche finden sich in einer erstaunlichen Reihe von Werken – man darf das nie illustrativ oder eindimensional verstehen, aber natürlich ist ein Multiple wie „Gib mir Honig“ besser verständlich in seiner möglichen Bedeutsamkeit und Bedeutungsfülle, wenn man das „Honigopfer“ aus dem „Zarathustra“ kennt oder mit in Betracht zieht beim Blick auf dieses Werk oder weiß, dass Beuys es kannte. Ich gebe Ihnen ein anderes humorvolles, aber nicht unwesentliches Beispiel: Beuys hat 1977 eine Postkarte ediert, die ihn zeigt, wie er denkend auf einer Tischkante sitzt und sich mit der einen Hand auf sein eines Knie und mit dem Ellenbogen auf seinen anderen Oberschenkel stützt. Die Postkarte trägt den Schriftzug „Ich denke sowieso mit dem Knie“. Diese Bemerkung ist sehr komisch und auch ein klein wenig unverständlich im landläufigen Sinne oder man kann sie als humorvolle Auseinandersetzung natürlich mit Rodins „Denker“ sehen, was alles auch zutrifft. Halten Sie dagegen aber eine Äußerung von Friedrich Nietzsche, die Beuys in seiner Ausgabe unterstrichen hat: Es geht an dieser Stelle um Flaubert, den Nietzsche kritisiert, weil er behauptet, er könne nur im Sitzen denken und schreiben. Nietzsche ruft dazu aus: „On ne peut penser et écrire qu’assis (G. Flaubert). – Damit habe ich dich, Nihilist! Das Sitzfleisch ist gerade die  S ü n d e  wider den heiligen Geist. Nur die  e r g a n g e n e n  Gedanken haben Wert.“  Im 52. Absatz von Die fröhliche Wissenschaft (1882/87) schreibt Nietzsche unter der Überschrift „Mit dem Fusse schreiben“: „Ich schreib nicht mit der Hand allein: / Der Fuss will stets mit Schreiber sein. / Fest, frei und tapfer läuft er mir / Bald durch das Feld, bald durchs Papier.“ Sie sehen hier eine tiefe Verwandtschaft – viel wichtiger als einzelne Motive: Beuys und Nietzsche plädieren für ein verleiblichtes Denken in Bewegung – für das die Körperteile Knie und Fuß Metaphern sind. Wir nennen das heute „embodied intelligence“ oder „embodied mind“. Es geht um ein dynamisches Wechselspiel zwischen Körperlichkeit und Kognition. Nietzsche war ein begeisterter Wanderer, ständig zu Fuß unterwegs auf weiten Strecken. Beuys hat ausdrücklich seine Sympathien für das Nomadische bei Nietzsche bekundet. Sie sehen, wie ähnlich humorvoll beide diesen Gedanken formulieren – auch um übliche Denkgewohnheiten zu durchbrechen und den Leser oder Betrachter aktiviert zum Denken anzuregen.

 

Ein anderes Beispiel: Beuys ironisiert den Gedanken der Ewigen Wiederkunft, den Nietzsche als einen Kerngedanken seines Lebenswerks sah, wenn er auf eine Apotheken-Tüte aus der DDR mit dem Bild eines Pillen schluckenden Mannes die Worte „Die Ewige Wiederkehr des Gleichen“ notiert. Beuys hat diesen Gedanken von Nietzsche explizit als Denkmodell für sich abgelehnt, weil er die Idee der Ewigen Wiederkunft als „Zwangssystem“ interpretierte, als ein Konzept, das die menschliche Freiheit beschneidet – was man übrigens keineswegs so interpretieren muss, aber das ist ein anderes Thema. Nietzsche ist ein Denker, dessen Stil, dessen Radikalität, dessen kämpferische Haltung, dessen Parteinahme für die Zerstörung von einengenden Systemen, dessen Einzelgängertum, dessen Kompromisslosigkeit so befruchtend sind, dass die Auseinandersetzung mit ihm nicht eindimensionale, sondern multiperspektivische Auswirkungen hat – für ein derart vieldimensionales Verständnis von Erkenntnis hat auch Beuys mit seinem Werk vehement Partei ergriffen.

"Ich habe versucht, Beuys bei der Nietzsche-Lektüre zu belauschen"

L.I.S.A.: Sie haben eine besondere Quelle untersucht: Die Lesepraxis Beuys‘ bei der Lektüre von Nietzsches Werk. Dabei beziehen Sie sich auf Beuys‘ Anmerkungen am Rand der Bücher sowie auf Unterstreichungen und andere Kennzeichnungen. Was lässt sich daraus an Erkenntnis gewinnen? Was sagen diese Formen der Rezeption über Beuys‘ Nietzsche-Kenntnis und -Verständnis aus? Wie kontingent sind diese Kommentierungen bzw. wie viel Ambivalenz steckt darin?

 

Dr. Voigt: Zunächst sieht man natürlich deutlich, was Beuys gelesen hat. Es ist außerordentlich wichtig für einen Kunsthistoriker, verbürgt zu wissen, was ein Künstler rezipiert hat, wo Inspirationsquellen für Werke liegen könnten. Beuys hat die Wagner-Schriften Nietzsches akribisch durchgearbeitet – und, wie ich vermute, auch wiederholt gelesen. Er hat Ecce Homo und den Anti-Christ und die Götzen-Dämmerung und Nietzsches Gedichte auf jeden Fall gelesen. Diese Texte sind überaus reiche Quellen in ästhetischer, philosophischer, kunst-, kulturkritischer und nicht zuletzt ikonographischer Hinsicht. Man erkennt aus seinen Annotationen prinzipiell, welche Gedanken Beuys in diesen Texten besonders wesentlich schienen, welche ihn bewegt haben, welche er herausgehoben hat, welchen Äußerungen er Beifall spendet, welche er negiert. Manchmal stimmt er begeistert mit einem „Bravo!“ am Rand zu, manchmal notiert er ein klares „Nein“. Meine hermeneutischen Bemühungen bei dieser Arbeit am Text waren gewissermaßen verdoppelt und ineinander geschachtelt. Ich habe versucht, Beuys bei der Nietzsche-Lektüre zu belauschen, nachzuforschen, wie er Nietzsche gelesen, interpretiert und später vielleicht in seinem Werk und seinen Äußerungen paraphrasiert oder umgedeutet haben könnte. Dabei ist die Kenntnis von Beuys‘ eigenen Äußerungen zu Nietzsche oder den jeweils in Rede stehenden Problemen natürlich außerordentlich wichtig und war bei mir sozusagen als eine Art „Hintergrundstrahlung“ präsent, da ich mich schon seit rund 25 Jahren mit Beuys‘ Werk befasst habe. Verstehen, das immer ein Interpretieren ist – auch das begreift man mit Nietzsche wie mit kaum einem anderen Philosophen –, ergibt sich aus Kontextualisierungen. Ich glaube nicht, dass Kommentierungen kontingent sein können, vieldeutig natürlich allemal. Und wenn Sie mit „ambivalent“ meinen, ob Beuys Nietzsche als schwierige Figur voller Widersprüche gesehen hat: Ja, natürlich, als einen anarchischen Denker, der auch viele Fehlleistungen hinterlassen hat, aber doch – und dafür hat er ihn geschätzt – als einen leidenschaftlichen „Kämpfer gegen seine Zeit“, wie es Rudolf Steiner im Titel seines 1885 erschienenen Buches über Nietzsche formuliert hat. Auch dieses Buch hat Beuys übrigens besessen.

"Beuys und Nietzsche versuchen, eine Ethik ohne metaphysische Begründung zu denken"

L.I.S.A.: Sie schreiben in Ihrer Arbeit, dass Nietzsches Anspruch „Die Umwertung alle Werte“ Beuys verinnerlicht und in seinem Verständnis von Kunst ausgelebt habe. Wo genau sehen Sie da die Brücke?  

 

Dr. Voigt: Was ich in meiner Arbeit schreibe, ist: Nietzsches Kritik am Christentum, seine Skepsis der bürgerlichen Moral gegenüber führt ihn zum Großprojekt einer „Umwertung aller Werte“, in dem er prospektiv versuchen will, das Verhältnis von Kunst, Ethik und Lebenspraxis neu zu bestimmen. Dies hat eine Modifikation des Menschenbildes zur Folge, das ja vielfach missverstanden worden ist. Nietzsche entwickelt die „Arbeitshypothese“ des „Übermenschen“ als Postulat einer selbstbestimmten Weiterentwicklung der humanen  Möglichkeiten, einer fortgesetzten Selbstüberwindung der ‚menschlichen‘ Schwächen – und dieser Begriff stammt, wie wir wissen, nicht originär von Nietzsche, sondern aus Goethes „Faust II“. In Nietzsches Also sprach Zarathustra heißt es im Angesicht des Metaphysik-Verlustes folgerichtig: „Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der Erde! Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von überirdischen Hoffnungen reden!“ Beuys hat mit seinem ganzen Werk dafür plädiert, die Erde, die diesseitigen Verhältnisse zum Ziel unserer Bemühungen zu machen, uns der Öko-Sphäre anzunehmen, der Gestaltung menschenwürdiger Lebensverhältnisse. Er hat sich für eine ökologische Verantwortungs- oder Natur-Ethik engagiert, in einer Welt, in der der Mensch nicht mehr von metaphysischen Annahmen ausgehen kann, sondern ethische Letztbegründung anders argumentieren muss, ihm die Rolle des verantwortlichen Sinngebers zukommt. Beuys’ Projekte der Bepflanzung der Spülfelder in Hamburg Altenwerder (das nicht realisiert werden konnte), Difesa della Natura in Bolognano, 7000 Eichen und sein Engagement in der ökologischen Bewegung versuchen, diese Vorstellungen sinnbildlich zu konkretisieren. Das ist vermutlich die fundamentale Umwertung, die Nietzsche vollzieht: Nicht Gott oder die Götter stiften uns den Sinn, sondern wir müssen ihn selbst setzen. Beuys und Nietzsche versuchen, eine Ethik ohne metaphysische Begründung zu denken. Die Äußerungen von Beuys, die zu einem derartigen radikalen Umdenken auffordern, sind Legion. Wenn Sie nur die plakativsten und am weitesten verbreiteten nehmen: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, „Jeder Mensch ist ein Sonnenkönig“ oder „Kunst = Kapital“.

"Selbstorganisation im Sinne einer Fähigkeit zur Selbstbestimmung"

L.I.S.A.: Anschließend an die vorangegangene Frage bedeutet die „Umwertung aller Werte“ die Voraussetzung für die Befreiung des Subjekts, für einen zukünftigen Menschen in Selbstverantwortung. Mit dieser Vision konnten sich beide Protagonisten Ihres Buchs identifizieren. Sie nennen diese Vision das „autopoietische Subjekt“. Was genau meint das? Und: Ist gerade diese Vorstellung von einem selbstverantwortlichen Subjekt nicht genau das, was wir gegenwärtig erleben – das Individuum als selbstunternehmerisches Subjekt, das zwar viele Freiheiten genießt, dafür aber ein Leben in permanenter Prekarität leben muss?

 

Dr. Voigt: Ja, ich glaube, dass die Einsichten von Nietzsche und Beuys derzeit so akut bedeutsam sind wie schon lange nicht mehr. Die Bestimmung des modernen Subjekts scheint mir sowohl im Werk von Nietzsche als auch in dem von Beuys der Fluchtpunkt ihrer großen Entwürfe – deshalb sind sie beide – nicht nur aus meiner Sicht – Aufklärer. Aufklärer, die mit Methoden operieren, die das autonome Denken besonders stark herausfordern. Ein Denken, dass sich von metaphysischen Spekulationen frei machen muss, um wirklich human zu sein. Wer ihren Werken begegnet, kann nicht anders als begreifen, dass wir immer Lesarten produzieren, dass unsere Wahrnehmung, unsere Modelle eben prinzipiell perspektivisch veranlagt sind. Richard Rorty hat Nietzsche den „Propheten einer kreativen Selbstbestimmung“ genannt und ich finde, dass man diesen Ehrentitel sehr gut auch Beuys verleihen könnte, der seine Kunst auch als „Freiheitswissenschaft“ verstand. Der Begriff der „Autopoiesis“ besagt für mich zunächst nur ganz nah an den etymologischen Wurzeln, dass etwas selbst schafft, natürlich sich selbst schafft, sich selbst entwirft, erhält, fortentwickelt. Lebende Systeme sind autopoietisch, sie arbeiten der Entropiezunahme entgegen. Die Begriffsfügungen „selbstunternehmerisches Subjekt“ und „permanente Prekarität“ klingen in meinen Ohren etwas zu ökonomisch. Es geht hier nicht primär um Fragen der Ökonomie, sondern um die Begründung einer metaphysikfreien Ethik, die untrennbar mit Ästhetik verbunden ist, der Sinnstiftung und eines Kunstbegriffs, der sich ausweitet, programmatisch auch auf gesellschaftliche (schließlich auch ökonomische) Zusammenhänge. Mit dem Autopoietik-Begriff spiele ich hier auf die Selbstorganisation im Sinne einer Fähigkeit zur Selbstbestimmung an – wenn wir deren Idee aufgeben, wäre das mehr als prekär. Für Beuys und Nietzsche ging es stets buchstäblich ums Ganze.

Dr. Kirsten Voigt hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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