Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 13.01.2015 | 5060 Aufrufe | Interviews

"Nichts verstehen, unzufrieden sein, sich unendlich dumm vorkommen"

Photograph taken in April 1964 by Jeremy J. Shapiro at the Max Weber-Soziologentag. Horkheimer is front left, Adorno front right, and Habermas is in the background, right, running his hand through his hair.

Interview mit Dirk Braunstein über Protokolle aus Theodor W. Adornos Seminaren

Ein Seminar bei Theodor W. Adorno zu besuchen war an verschiedene Herausforderungen geknüpft: Interesse an seinen Themen, ein Vorverständnis für seine Philosophie und Ästhetik sowie nicht zuletzt die Erstellung von Sitzungsprotokollen. Aus 56 Seminaren haben sich 480 Protokolle erhalten, und die Namen der Protokollanten lesen sich wie ein Who is Who bundesrepublikanischer Intellektueller. Dr. Dirk Braunstein vom Institut für Sozialforschung in Frankfurt a. M. hat sich dieser historischen Dokumente angenommen und arbeitet in einem von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Forschungsprojekt an einer Edition der Protokolle. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

"Inhomogenität der Seminare - in Inhalt und Form"

Zoom

Seminarprotokolle der Sitzungsteilnehmer Hermann Schweppenhäuser und Hans-Jürgen Krahl.
Die Dokumente finden sich zum Nachlesen im PDF-Format am Ende des Interviews.

L.I.S.A.: Herr Dr. Braunstein, Sie arbeiten zurzeit an einer Edition der Sitzungsprotokolle aus den Seminaren von Theodor W. Adorno. Bevor wir zu den Protokollen kommen: Wie kann man sich ein Seminar bei Adorno vorstellen? Weiß man etwas über Verlauf und Atmosphäre der Seminare?

Dr. Braunstein: Es gibt bereits etwas Literatur zu dem Thema, d.h. zur Frage, wie die Seminare bei Adorno verliefen, zumeist handelt es sich um Erinnerungen ehemaliger Teilnehmerinnen und Teilnehmer; ich nenne hier nur das Bändchen Geist gegen den Zeitgeist. Erinnern an Adorno, das Josef Früchtl und Maria Calloni 1991 bei Suhrkamp herausgegeben haben. Es gibt auch ein, zwei andere ähnliche Titel. Da findet man hier und dort schon den Versuch, etwas von der Atmosphäre von damals zu vermitteln.

Daneben gibt es ansatzweise Versuche, die Lehre bei Adorno weitergehend zu erforschen, etwa im Band Der nonkonformistische Intellektuelle von 1999, in dem Alex Demirović der Lehrpraxis der Frankfurter Schule ein eigenes Kapitel gewidmet hat, in dem er auch auf die Sitzungsprotokolle zurückgreift und aus einigen zitiert, um nachzuzeichnen, wie die Seminare verlaufen sein mögen. Das gibt es also durchaus.

Interessanterweise zeichnet sich mit all diesem Material und mit den erwähnten Perspektiven kein besonders homogenes Bild ab. Ich vermute, das ist auch ganz schlicht der Inhomogenität der Seminare selbst geschuldet, nämlich sowohl was ihren Inhalt betrifft als auch ihre Form. Es ist an dieser Stelle vielleicht hilfreich, sich zu vergegenwärtigen, daß Adorno Ende 1949 aus dem Exil in den USA zurück nach Frankfurt kam, um sogleich mit dem Lehrbetrieb zu beginnen: Er hielt Vorlesungen Seminare in Philosophie ab und bekam 1953 zunächst eine außerordentliche Professur für Philosophie und Soziologie. Im Wintersemester 1954/55 gab Adorno dann zwei Übungen in Soziologie, das waren seine ersten soziologischen Lehrveranstaltungen überhaupt, und da war er bereits über 50. Von da an gab es also einerseits philosophische, andererseits soziologische Veranstaltungen, und die Seminare untergliederten sich wiederum in Proseminare, Hauptseminare und Oberseminare. Je nachdem, welche Veranstaltung nun besucht wurde, so ist jedenfalls mein Eindruck, ändert sich auch die Erzählung darüber, wie "streng" das Seminar war, wie hierarchisch es mit einer gewissen Schülerschaft bestellt war und dergleichen.

L.I.S.A.: Musste man für eine Adorno-Veranstaltung nicht schon einiges mitbringen, um dort überhaupt teilnehmen geschweige denn mithalten zu können? 

Dr. Braunstein: Was die Frage des Vorwissens und des Mithalten-Könnens betrifft: Ich greife ein wenig vor, um zu erzählen, wie ich neulich, im Zuge unserer Rechteeinholung, ein Telephonat mit einer ehemaligen Studentin Adornos führte, Ellen Schölch, nachmals die Gattin Ludwig von Friedeburgs. Frau von Friedeburg also erzählte mir, wie sie im Wintersemester 1957/58 im soziologischen Hauptseminar über Wirtschaft und Gesellschaft bei Adorno saß, praktisch nichts verstand, ganz unzufrieden war und sich unendlich dumm vorkam. Irgendwann bemerkte er dies, fragte seine Studentin, was denn los sei, sie mache ihm stets einen unglücklichen Eindruck, woraufhin sie ihm antwortete, sie verstehe einfach vieles von dem, was im Seminar verhandelt würde, nicht. Adorno erwiderte, das gehe ihm im Ernst ganz genauso, auch er verstehe nicht immer alles, was diskutiert würde, aber dafür seien sie doch schließlich hier, um zu lernen.

"480 Protokolle aus 56 Seminaren"

L.I.S.A.: Was muss man sich unter einem Sitzungsprotokoll aus einem Seminar vorstellen? Wer hat die Protokolle angefertigt? Wie viele gibt es? Wieso gibt es sie überhaupt noch und wo?  

Dr. Braunstein: Zu Beginn jeder einzelnen Seminarsitzung wurde eine Studentin bzw. ein Student gebeten, die kommende Sitzung zu protokollieren; eine Praxis, wie sie damals durchaus üblich war, auch von den Seminaren Horkheimers und Habermas' etwa finden sich solche Protokolle, mittlerweile habe ich von mehreren Seiten gehört, dass diese Vorgehensweise bekannt ist, nicht nur für Frankfurt.

Die Protokolle hatten in der Hauptsache die Funktion, einen roten Faden durch die Veranstaltungen zu spinnen, indem zu Beginn jeder Sitzung das Protokoll der vorangegangenen verlesen wurde, um daran anzuschließen. Mehrere ehemalige Teilnehmer an Adornos Seminaren, ich nenne nur Iring Fetscher und Alfred Schmidt, entsinnen sich der Tatsache, dass die anschließende Besprechung der Protokolle selbst wieder soviel Zeit in Anspruch nahmen, soviel Diskussionsstoff lieferten, dass für das eigentlich geplante Referat der Stunde kaum noch Zeit blieb.

Es haben sich 480 Protokolle aus 56 Seminaren erhalten. Die Trennung zwischen Philosophie und Soziologie ist zwar von Adorno zu Recht theoretisch nicht als verbindlich akzeptiert worden, spiegelt sich aber im Verbleib der Protokolle. Die teilen sich ungefähr jeweils zur Hälfte in solche aus den philosophischen und solche aus den soziologischen Seminaren und befinden sich innerhalb dieser Trennung in zwei verschiedenen Archiven. Die philosophischen Seminare, die Adorno abhielt, wurden fast ausschließlich gemeinsam mit Max Horkheimer abgehalten, wenngleich diese Gemeinsamkeit zumal später, als Horkheimer nach seiner Emeritierung einen großen Teil der Zeit in der Schweiz verbrachte, nur mehr formal bestand: faktisch war letzterer nur noch alle paar Wochen zum Seminar zugegen. Jedenfalls ist ein Resultat jener Zusammenarbeit die Tatsache, dass sich die Protokolle aus Adornos philosophischen Seminaren im Nachlass Horkheimers wiederfinden, der im Archivzentrum der Universitätsbibliothek J.C. Senckenberg hier in Frankfurt aufbewahrt wird.

Der andere, soziologische Teil hat eine andere Überlieferungsgeschichte: Da jene Lehre innerhalb des neugeschaffenen Diplomstudiengangs Soziologie, welche die Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung betrieben, auch tatsächlich hier im Haus abgehalten wurde (damals gab es noch Lehre am Institut), verblieben die Referate und Protokolle auch hier, genauer in der Bibliothek, wo sie zu jeweils einem Seminar oder zu zwei Seminaren, je nach Umfang, zu Büchern gebunden wurden. Diese Bücher (also im Grunde geheftete Ordner mit Buchrücken und -einband) wurden, sehr vermutlich im Zuge der Auflösung der Fakultäten in Hessen nach der Universitätsreform 1970ff., in die Bibliothek des neugeschaffenen Fachbereichs 03 ("Gesellschaftswissenschaften") der Frankfurter Uni verbracht. Dort habe ich sie, 2008, auch im Zuge der Recherchen für meine Dissertation zum ersten Mal gesehen. Da es kein regelrechtes Archiv in der Fachbereichsbibliothek gibt, konnte man sich dieses Material einfach in den Lesesaal bestellen, so als ob es sich um eine Publikation handelte. Kurz darauf, wohl etwa zwei Jahre später, wurden diese Bücher auf Anregung von Herrn Prof. Klaus Lichtblau, der ebenfalls mit dem Material arbeitete, ins hiesige Universitätsarchiv eingelagert, wo sie sich heute noch befinden.

Eine Handvoll Protokolle, sämtlich aus philosophischen Seminaren, die Adorno in der unmittelbaren Nachkriegszeit abhielt, befinden sich als Teil seines Nachlasses im Theodor W. Adorno Archiv, ein weiteres Protokoll konnte ich, neben einigen Doubletten, im Archiv des Instituts für Sozialforschung, also hier im Haus finden.

Dr. Dirk Braunstein, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in Frankfurt a. M.

L.I.S.A.: Welchen Quellenwert können solche Protokolle für das Gesamtwerk Adornos haben? Immerhin sind es ja „nur“ die Zusammenfassungen seiner Schüler und nicht seine eigenen.  

Dr. Braunstein: Sie haben völlig recht, und das kann man kaum deutlich genug herausstellen. Die Protokolle sind keinesfalls mit dem Werk Adornos zu verwechseln, auch nicht mit dessen nachgelassenen Schriften im weiteren Sinne, also etwa den Transkriptionen der Vorlesungen oder Notizen zu unpubliziert gebliebenen Schriften oder dergleichen. Aus diesem Grund werden sie auch nicht im Rahmen der Nachgelassenen Schriften Adornos erscheinen, die ja genau dieses Material bieten.

Dies vorausgesetzt, gibt es in der Hauptsache zwei Bereiche, auf denen sich der Unterschied von Werk bzw. Nachlass einerseits und Seminarprotokolle andererseits auswirkt: Da ist zum einen die simple Tatsache, dass die Texte sämtlich nicht von Adorno autorisiert sind - Autorisierung hier verstanden als philologische Kategorie. Das heißt, die entstehende Publikation ist das Werk von etwa 330 Autoren sowie einem Herausgeber, von denen keiner Adorno ist oder war. Das sollte einen Einfluss auf die Rezeptionshaltung der Leserinnen und Leser haben. Es wird sich um ein Werk nicht von, sondern über Adorno handeln, genauer über die Lehr- und Lernsituation in dessen Seminaren.

Zum anderen bedeutet die Tatsache, dass es sich nicht um Texte von Adorno handelt, sondern einerseits um solche von Studierenden, andererseits um Texte, die nicht zuletzt bestimmte Funktionen für den Seminarablauf erfüllten, eine Herausforderung für die Kommentierung jener Texte. Den Studentinnen und Studenten wird seinerzeit klargewesen sein, worauf sich viele Bemerkungen in den Protokollen bezogen, einfach, weil sie dem Seminar beiwohnten. Der heutige Leser hat etwa schon Mühe zu erkennen, auf welche Ausgabe sich die Teilnehmer beziehen, wenn sie beispielsweise ein Hegelseminar besuchen. Noch schwieriger wird es, wenn das Protokoll etwa zusammenfassend erzählt, wie die Diskussion im Seminar verlief: Was ist Paraphrase der Textlektüre, was sind die eigentlichen Diskussionsanteile? Bei einigen Protokollen ist das sofort evident, bei anderen ist leider sehr viel Arbeit nötig, um anhand der entsprechenden Textnachweise Paraphrase von Seminardiskussion zu trennen.

"Den Nachweis zum Hegelseminar würde ich schon gerne liefern"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung maß Adorno den Protokollen bei? Haben sie irgendeinen Einfluss auf sein Denken und Schreiben gehabt?  

Dr. Braunstein: Allerdings! Das bislang bemerkenswerteste Zeugnis dieses Einflusses lässt sich an einem Seminar über Hegels Logik studieren, das Adorno im Wintersemester 1959/60 hielt. Von den erhaltenen Protokollen finden sich im Adorno-Archiv Abschriften, die Adorno anfertigen ließ, das heißt mit genau dem selben Wortlaut, inklusive aller Verlaufsschilderungen – "Herr Prof. Adorno sagte …", "Kommilitone Soundso entgegnete …" –, nur eben von der Sekretärin abgetippt. Diese Abschriften sind, völlig zu Recht, einem Konvolut mit Vorarbeiten zu Skoteinos oder Wie zu lesen sei zugeordnet, einem Text, der später in die Drei Studien zu Hegel einging.

Nun läßt sich verfolgen, dass Adorno mit den Protokollen verfuhr, wie mit anderen Notizen und Gedächtnisstützen, die er benutzte: Er nahm Teile aus dem Anfangstext, formulierte und stellte sie um – zum Teil natürlich sehr stark –, erweiterte und verfertigte einen neuen Text. Mit dem verfuhr er dann wieder nach diesem Schema, bis er seinen fertigen Text hatte. Diese Arbeitsschritte, diese Überarbeitungen konnten sich mehrmals wiederholen. Ja, und bei jenem Seminar ist es also ganz offensichtlich, dass Adorno dessen Protokolle als Vorlage für einen Text benutzte – ähnlich verfuhr er zuweilen mit seinen Vorlesungen, die er auf Tonband aufnehmen und transkribieren lies.

Inwiefern protokolliertes Material anderer Seminare ins Werk eingegangen sind (und wenn ja, welches und wie), muß sich zeigen. Den Nachweis zum Hegelseminar würde ich schon gerne liefern und bei Gelegenheit publizieren, aber generell ist es schon so, dass die Edition, die ich hier verfolge, nicht zugleich ihre eigene Sekundärliteratur sein soll, das heißt, ich will zunächst einmal das Material zur Verfügung stellen, an das sich dann, so hoffe ich, weitere Forschung ankristallisiert.

"Weil es stets ums Ganze ging"

L.I.S.A.: Gibt es eine inhaltliche Kluft zwischen dem, was Adorno geschrieben und dem, was Adorno gesagt hat?  

Dr. Braunstein: Naja, einerseits gibt es natürlich keinen Adorno zu entdecken, der sich im Seminar hingestellt hat und das Hohelied auf den Jazz gesungen hat – wenngleich er im Seminar des Wintersemesters 1961/62, es ging um Musiksoziologie, immerhin zugestanden hat, hier solle niemandem der Spaß am Jazz sowie an den Erzeugnissen der Unterhaltungsindustrie überhaupt genommen werden, es komme halt darauf an, diesen Spaß noch zu reflektieren.

Andererseits hat sich Adorno in den Seminaren auch Themen zugewandt, die in seinem Werk kaum eine Rolle spielen. Auf Max Weber, der in Adornos Texten – wie man so schön sagt – unterbelichtet bleibt, hat er vier Seminare verwandt, eines über die Wissenschaftslehre Fichtes, ein weiteres über Schellings Schrift Die Weltalter. Und eben, siehe oben, die soziologischen Seminare, die sich zum Teil auch mit Problemen der empirischen Sozialforschung befaßten: Die Protokolle legen dar, dass sich die Teilnehmer tatsächlich mit der Formulierung von Fragen herumschlugen, mit denen die Autoritätsgebundenheit im neuen demokratischen Deutschland erfasst werden sollte. Teilweise zum Unwillen der Studierenden übrigens, die etwa im Wintersemester 1967/68 die fehlende Diskussion über anstehende gesellschaftliche Probleme bemängeln: Die hatten keine große Lust, die Authoritarian Personality durchzugehen, sondern wollten deren Ergebnisse lieber unmittelbar auf die gegenwärtige Gesellschaft anwenden. Generell würde ich mich eher schwer tun, von einer Kluft zu sprechen.

Ludwig von Friedeburg schrieb einmal, Adorno "hielt keine Vorlesungen oder Übungen zur Einführung ab, gewissermaßen zu verminderten intellektuellen Bedingungen", und das zeichnet sich auch deutlich in den Protokollen ab. Adorno erwartete wirklich von den Teilnehmern, sich der Arbeit des Begriffs zu stellen, ob die nun stets zum Erfolg geführt hat oder nicht, ist ja erst mal dahingestellt. Vielleicht kann ich das anders wenden: Man merkt, finde ich, einen Anstieg des Niveaus sowohl der Protokolle als auch dessen, wovon sie berichten, bereits recht früh. Sind die ersten Protokolle noch irgendwie unsicher, vielleicht auch tastend, strotzen die deutlich späteren teilweise von Selbstsicherheit und Kenntnisreichtum, dass man sich heute nur wundern kann. Das trifft sich mit den Berichten, die Adorno brieflich an Horkheimer in die USA geschickt hat: Die Studenten seien sehr klug, sehr interessiert, aber man bemerke natürlich, wie sehr das Geschehene den Geist habe verkümmern lassen. Und ich glaube, genau darum ging es Adorno stets: Das, was der Nationalsozialismus trotz aller Anstrengung am Geist nicht hat zerstören können, den Deutschen zu retten, damit es sich nicht wiederhole. Deshalb gab es auch keine Kluft in dem Sinne zwischen Werk und Lehre, kein Nachlassen der theoretischen Kraft: Weil es stets ums Ganze ging, und weil Adorno immer mit Menschen rechnete, die versuchen, sich ihrer Vernunft bestmöglich zu bedienen.

"330 Verfasser, also 330 Rechtseinholungen notwendig"

L.I.S.A.: Wie gehen Sie bei der Edition der Protokolle vor? Wo greifen Sie kommentierend bzw. editorisch ein? Und wie steht es um die Rechte an den Protokollen? Gibt es einen Austausch mit den Protokollanten?  

Dr. Braunstein: Abgesehen von dem, was ich oben bereits zur Kommentierung gesagt habe, geht es mir neben den sozusagen üblichen Funktionen einer Textkommentierung – Zitatnachweis, Personenaufklärung, Nachweise von editorischen Eingriffen – darum, dass sich die Protokolle rezipieren lassen, ohne dass der Leser bzw. die Leserin die besprochene Literatur zu Rate ziehen muss, um überhaupt verstehen zu können, wovon das jeweilige Seminar eigentlich genau handelt. Wenn die Rezipienten das dennoch tun, wäre mir das natürlich sehr recht. Aber der Anspruch ist schon, jenen Kontext mitzuliefern, in dem sich die Protokolle ohne weiteres rezipieren lassen.

Andererseits will sich die Edition sowohl an Leser wenden, die von Adorno noch wenig kennen und wissen, andererseits selbstverständlich auch an Expertinnen und Experten. Das heißt, dass sich neben Informationen, die manchen altbekannt sein mögen, auch Verweise finden lassen werden, die auf den Zusammenhang zwischen den Seminaren einerseits und dem Werk, den Vorlesungen, den Briefen etc. andererseits aufmerksam machen. Wenn sich auf diese Weise gewissermaßen neue Interessenten fänden, die sich nun weiter mit der Kritischen Theorie oder mit einem der behandelten Themen befassen wollten, wäre das natürlich sehr schön.

Die editorischen Prinzipien sind so eingerichtet, dass möglichst wenig vereinheitlicht wird, ohne die Lesbarkeit einzuschränken. Kurz gesagt, es werden orthographische und grammatikalische Fehler beseitigt, ungebräuchliche Abkürzungen aufgelöst, fehlerhafte Zitate korrigiert und dergleichen. Alles, was darüber hinausgeht und wirklich Zutat des Herausgebers ist, ist Teil des Anmerkungsapparats.

Sämtliche Rechte an den Protokollen liegen bei deren Verfasserinnen und Verfassern bzw. bei deren Erben. Da es sich um 330 Verfasser handelt, sind also 330 Rechtseinholungen notwendig. Die größte Schwierigkeit hierbei ist es, die heute gültigen Anschriften zu finden. Sofern es die oder der Anzusprechende nicht zu einer gewissen Bekanntheit gebracht hat und daher sehr einfach ausfindig zu machen ist, arbeiten wir mit den Meldeämtern zusammen. Das sieht dann so aus, dass wir erst einmal sämtliche Namen ans Meldeamt der Stadt Frankfurt a.M. geschickt haben mit der Bitte um Meldeauskunft – die Möglichkeit der Meldeauskunft ist das A und O der ganzen Unternehmung. Ein großer Teil hat irgendwann mal in Frankfurt gewohnt, war also auch gemeldet, und das Meldeamt konnte uns dann mitteilen, wohin die entsprechenden Personen wann gezogen sind. Mit diesen Informationen wenden wir uns dann an das Meldeamt der Gemeinde, in die eine bestimmte Person verzogen ist, die wiederum informieren uns über den weiteren Umzug - und so geht das jeweils weiter, bis wir die aktuelle Adresse haben. Wenn es soweit ist, schicken wir einen Standard-Briefvertrag, in dem wir um die entsprechenden Rechte bitten. Auf diese Weise haben wir bislang etwa ein Viertel der notwendigen Rechte eingeholt, und abgesagt hat noch niemand, was natürlich eine sehr erfreuliche Tendenz signalisiert. Dieses, notwendige, Verfahren bedeutet natürlich einen sehr großen logistischen Aufwand, dessen Bewältigung ich nur schaffe, weil ich z.Zt. vier Praktikantinnen und Praktikanten beschäftige, die mir und dem Projekt wirklich sehr helfen.

"Das Material wird über lange Zeiträume gut erreichbar bleiben"

L.I.S.A.: Was sind jetzt die nächsten Schritte, die in Ihrem Projekt anstehen?

Dr. Braunstein: Die Protokolltexte sowie die Anmerkungen plus Herausgebertexte werden, so gut es eben zum jetzigen Zeitpunkt möglich ist, mindestens sieben Millionen Zeichen ergeben, womöglich gar neun Millionen oder mehr (vieles hängt einfach wirklich von den Anmerkungen ab). Das ist mehr Material, als in einen Band passt, deshalb sind vier großformatige Bände geplant.

Für die Publikation sind wir mit einem großen und internationalen Wissenschaftsverlag im Gespräch, der ohne weiteres in der Lage ist, erstens, die anfallenden Massen im Sinne einer Gesamtausgabe publizistisch zu bewältigen, andererseits sehr viel Erfahrung mit Print, E-Book und Open Access hat: Das Material wird also auch über lange Zeiträume gut erreichbar bleiben, was uns natürlich sehr wichtig ist; wichtiger auch, einen preisgünstigen Gesamttextkorpus anbieten zu können. Von dieser Vorstellung, so sehr sie mir wirklich sympathisch ist, musste ich mich im Laufe der Vorbereitungen verabschieden, das Material ist einfach viel zu umfangreich, und eine Auswahlausgabe wäre aus fachwissenschaftlichen und editorischen Erwägungen nicht zu legitimieren.

Zurzeit arbeiten wir daran, den ersten Band einzurichten, d.h. in den vollständig transkribierten, nach unseren Editionsprinzipien eingerichteten und korrigierten Text zunächst einmal sämtliche notwendigen Anmerkungen zu machen. Das geschieht in mehreren Arbeitsschritten: Als erstes werden leicht auffindbare Zitate belegt oder dargeboten, bekannte Personen identifiziert usw. Im nächsten Schritt folgen die etwas kniffligeren Hinweise. Hier müssen wir mittels einschlägiger Literatur häufig erst einmal feststellen, welche Literatur in den Protokollen gemeint ist; d.h. als Herausgeber arbeitet man sehr häufig mit Sekundärliteratur, die dann in den Anmerkungen gar nicht mehr auftaucht, weil natürlich gleich auf die Primärtexte verwiesen wird. Besonders schwierig wird es eigentlich immer dann, wenn Bemerkungen in den Protokollen allzu kryptisch oder ungenau sind; von Adorno ist man dergleichen durchaus gewohnt, es gibt eine Handvoll indirekter Zitate, die er etwa Hegel zuschreibt, die aber so schlicht nicht bei diesem vorkommen. Man muss dann eben darlegen, ausgehend von welchen Aussagen bei Hegel Adorno zu seiner Meinung, Hegel habe dergleichen wenngleich implizit gesagt bzw. geschrieben. Was bei Adorno nun die, womöglich kuriose, Ausnahme ist, kommt bei Sitzungsprotokollen naturgemäß schon mal häufiger vor. Wenn man dann nicht weiter weiß, z.B., weil man sich vielleicht bei Hegel, aber nicht gleichermaßen bei Thorstein Veblen und schon gar nicht in der sowjetischen Astrophysik – auf die ein Protokoll leider ausgiebig Bezug nimmt – auskennt, muß man sich an Fachleute wenden, die es entweder selbst wissen, oder aber immerhin jemanden wissen, der es weiß. Kurzum, die Verfahren sind, nachdem sämtliche Texte gesammelt und eingerichtet sind und die Rechteeinholung separat läuft, für jeden der vier zu publizierenden Bände stets schrittweise dieselben. Und es ist, ehrlich gesagt, ziemlich befriedigend, wenn man, wie wir mittlerweile, sieht, wie aus einer reichlich amorphen Textmasse, verteilt in mehreren Archiven, ein organisches Buch entsteht, in dem die Texte durch unsere Verweise und Kontextualisierungen eine Struktur und eine Art von Folgerichtigkeit bekommen, die man – wir selbst auch kaum – dem Material an sich einfach nicht ansehen kann. Interessanterweise kommt ihm nun nämlich eine Bedeutung nicht bloß für die Philosophiegeschichte zu (bzw. für die Soziologiegeschichte, die sich zurzeit mehr und mehr dahin entwickelt, eine vergleichbare Eigenständigkeit für die Disziplin zu erlangen), sondern auch für anderen disziplinäre Bereiche.

In dem Zusammenhang möchte ich gerne noch diejenigen Texte und Veranstaltungen erwähnen, die sich aus der Arbeit an und im zunehmenden Maße eben auch mit der Edition ergeben. Im neuen Jahrbuch für Theorie und Geschichte der Soziologie: »Zyklos« konnte ich das Projekt vorstellen, auch auf Umfang, Inhalt der Protokolle eingehen sowie auf Seminarprotokolle als editionsphilologische Gattung. Für das kommende Jahrbuch werde ich einen Beitrag zum Thema Rechteeinholung bei umfangreichen Editionen beisteuern. Im laufenden Jahr werde ich des Weiteren in den »Working Papers« des Instituts für Sozialforschung eine kommentierte Übersicht sämtlicher Lehrveranstaltungen Adornos publizieren, in einer pädagogischen Fachzeitschrift einen Aufsatz über Adornos Seminar »Probleme der Bildungssoziologie« beisteuern und in einer Zeitschrift für Ideologiekritik einen über das Seminar zur autoritätsgebundenen Persönlichkeit.

Ich erwähne diese Publikationen, um womöglich zu verdeutlichen, wie breitgefächert das Interesse ist, das die Seminarprotokolle beanspruchen können. Diese Breite drückt sich auch in den Veranstaltungen aus, in denen ich das Projekt vorstelle, zuletzt letzten Dezember in Graz beim Kolloquium der deutschsprachigen Soziologie. In diesem Jahr werde ich selbst zwei Kolloquien durchführen: zunächst eines in Marburg, mit Herrn Thomas Noetzel, der eine Professur für Politische Theorie und Ideengeschichte innehat, und der mich im letzten Herbst ebenfalls eingeladen hatte, einen Vortrag über die Protokolle und deren theoriegeschichtlichen Wert zu referieren. Wir haben den Titel »Archiv und Abfall« ins Auge gefaßt, wir wollen also Archivtheoretisches behandeln. Zum zweiten will ich das kommende Kolloquium zur Geschichte der deutschsprachigen Soziologie Ende des Jahres am Institut für Sozialforschung veranstalten. Also auch hier bietet die Edition und die Herausgabe vielerlei Anknüpfungspunkte in Richtung Philosophie und Soziologie, was ja naheliegt, aber auch in Hinblick auf Politik, Pädagogik, Ideen- und Theoriegeschichte, Ideologiekritik, Archivtheorie, Editionswissenschaft.

Ich bin wirklich sehr positiv überrascht, einerseits, wie viele Menschen sich für das Projekt interessieren (offenbar alle über die Homepage des IfS) und sich bei mir melden; andererseits, aus welch unterschiedlichen Fachrichtungen mir Interesse bekundet wird – die Musikwissenschaften wären noch zu erwähnen, im letzten Jahr hat sich eine spanische Studentin viele Protokolle aus einem musiksoziologischen Seminar für ihre Dissertation angeschaut.

Andererseits melden sich Leute aus den USA, die Fragen bezüglich der Protokolle haben, sowie ein junger amerikanischer Student, der sich allen Ernstes um ein Praktikum bei mir beworben hat, das er dieses Jahr hier beginnen will. Überhaupt, die Praktikanten: Das Vorhaben wird sehr gut wahrgenommen, und ich habe zurzeit bereits vier Praktikantinnen und Praktikanten, die mir sehr helfen und mit Freude und Intelligenz bei der Sache sind. Ich bin mir sicher, daß wir eine sowohl wichtige als auch interessante große Publikation zustande bringen werden, die noch einige positive Überraschungen für alle Interessierten bereithält, und an die sich eine Fülle an Folgestudien anschließen wird – aus, s.o., vielerlei Forschungsfeldern.

Dr. Dirk Braunstein hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.


________________________________________________________________

Protokoll der Seminarsitzung vom 21.11.49, H. Schweppenhäuser

Hermann Schweppenhäuser (* 12. März 1928 in Frankfurt am Main) ist ein deutscher Philosoph und Publizist .Er studierte an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main Philosophie, zunächst bei Hans-Georg Gadamer, dann bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. In den 1950er-Jahren arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent am neu gegründeten Frankfurter Institut für Sozialforschung und als Assistent von Adorno am Philosophischen Seminar. (aus: Wikipedia)

PDF-Datei downloaden (3.58 MB)

Protokoll der Sitzung des Philosophischen Hauptseminars (Prof. Adorno) vom 3. Februar 1966
Protokollant: Hans-Jürgen Krahl

Hans-Jürgen Krahl (* 17. Januar 1943 in Sarstedt; † 13. Februar 1970 bei Wrexen) war ein bekannter Studentenaktivist der 68er-Bewegung, bekanntes Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS) und Schüler von Theodor W. Adorno. (aus: Wikipedia)

PDF-Datei downloaden (2.62 MB)

Kommentar erstellen

J2WKS3