Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 05.06.2018 | 869 Aufrufe | Interviews

"Abbild der geschichtskulturellen Verfasstheit einer Gesellschaft"

Interview mit Stefanie von Rüden über das Genre "Historischer Roman"

Der Historische Roman gehört zu den beliebtesten Genres auf dem Buchmarkt. Titel wie Die Säulen der Erde, Die Päpstin oder Der Name der Rose gehören zu den Bestsellern der Belletristik. Dass diese Popularität kein neues Phänomen ist, zeigt die Historikerin Dr. Stefanie von Rüden in ihrem Dissertationsprojekt, innerhalb dessen sie das beliebte Genre und seinen Markterfolg in Deutschland für die Jahre 1913 bis 1933 untersucht hat. Zentral ist in diesem Zusammenhang die Frage, welche Geschichtsbilder über Historische Romane transportiert werden. Dieser Ansatz korrespondiert auch mit unserer nächsten Ausgabe von Der Geschichtstalk im Super7000 am kommenden Donnerstag, in der wir danach fragen werden, ob uns Historische Romane letztlich nicht mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit sagen. Diese und anschließende Fragen haben wir vorab Dr. Stefanie von Rüden gestellt.

"Das Potenzial haben zu polarisieren und Emotionen zu wecken"

L.I.S.A.: Frau Dr. von Rüden, Sie haben sich in Ihrem Dissertationsprojekt, das jetzt als Buch vorliegt, mit dem Genre des Historischen Romans beschäftigt. Bevor wir zu Einzelheiten kommen – wie kamen Sie zu diesem Thema? Sind Sie eine leidenschaftliche Leserin von Historischen Romanen? Hat Sie einer dabei besonders inspiriert?

Dr. von Rüden: Bevor ich begann, mich im Rahmen meines Dissertationsprojekt intensiv mit historischer Belletristik zu beschäftigen, machte ich die Erfahrung, dass historische Romane das Potenzial haben zu polarisieren und Emotionen zu wecken – und das nicht nur beim Lesen, sondern auch in der anschließenden feuilletonistischen Diskussion und darüber hinaus. Ein Beispiel: Ich besuchte gerade ein Germanistik-Seminar zur Kinder- und Jugendliteratur, in dem wir Studierenden von unserem Dozenten aufgefordert wurden, über eigene prägende Leseerfahrungen zu berichten, und eine junge Kommilitonin nannte Die Säulen der Erde von Ken Follett. Es folgte ein spontaner, überraschend emotional gehaltener Vortrag unseres Dozenten über verzerrte Geschichtsbilder, literarische Sprachstile und eine seiner Meinung nach fragwürdige Bestseller-Platzierung.

Damals als Lehramtsstudentin mit der Fächerkombination Deutsch/Geschichte habe ich natürlich (auch historische) Romane gelesen. Und natürlich waren einige dabei, die mich fasziniert und vermutlich sogar geprägt haben. Wenn ich dabei an Titel wie Flughunde, Die Päpstin, Roman eines Schicksallosen oder Der Name der Rose denke, dann nicht, weil ich hier einen bestimmten Kanon vertrete oder meine private Lektüre nach zuvor gründlich durchdachten Kriterien auswähle. Ich lese Texte, die mich neugierig machen. Das Genre ist für mich eher zweitrangig.

Auch HistorikerInnen blicken zumindest mit gemischten Gefühlen auf das Genre. Vermutlich die wenigsten outen sich als euphorische Fans – trotz des offenkundigen Erfolgs in den Buchläden. Als ich dann von Prof. Dr. Marko Demantowskys geplanten Bochumer Projekt erfuhr, mit einer Doktorandengruppe die Dynamiken der Geschichtskultur zu untersuchen, war für mich schnell klar, welches Medium ich unter den zur Auswahl stehenden wählen würde.

"Moderne Schriftsteller traten in Konkurrenz zur wissenschaftlichen Historie"

L.I.S.A.: In Ihrer Studie haben Sie sich die Zeit von 1913 bis 1933 als Untersuchungszeitraum ausgesucht. Warum ausgerechnet diese?

Dr. von Rüden: Dafür gab es mehrere Gründe. Im frühen 20. Jahrhundert, das von vielschichtigen Umbrüchen und den widersprüchlichen Herausforderungen der Moderne geprägt ist, gewann die relativ junge Gattung des Historischen Romans immer mehr an Bedeutung. Moderne Schriftsteller traten in Konkurrenz zur wissenschaftlichen Historie, die steigende Alphabetisierung der Bevölkerung führte zur Ausbildung eines Massenlesepublikums, während gleichzeitig Radio und Film als neue Popularisierungsmedien hinzukamen, und die Herausbildung von Großverlagen und das stete Wachsen der Unterhaltungsindustrie übten einen gewaltigen Anpassungsdruck auf Schriftsteller und kleinere Buchhändler aus.

Das Jahr 1913 als Ausgangspunkt des Untersuchungszeitraums ist zum einen der Organisationsstruktur der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig geschuldet. Deren Katalog erfasst alle deutschen und deutschsprachigen Publikationen ab 1913. Er bildet die Quellengrundlage der für meine Studie zentralen Datenerhebung. Zum anderen repräsentiert das letzte Friedensjahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges zugleich die Endphase des Kaiserreichs, bevor mit der Weimarer Republik eine neue Staatsform auf deutschem Boden etabliert wurde.

Von diesem Jahr ausgehend habe ich in Fünf-Jahres-Schritten eine bibliographische Vollerhebung durchgeführt, das heißt das gesamte Genre unabhängig von der literarischen oder historischen Qualität in den Blick genommen. Die weiteren Stichprobenjahre (1918, 1923, 1928 und 1933) fallen günstigerweise mit politischen Umbrüchen und Schlüsselereignissen der deutschen Geschichte zusammen.

"Markterfolg, wenn kollektive Geschichtsbilder 'getroffen' werden"

L.I.S.A.: Anders als andere Forschungsprojekte setzen Sie sich nicht eine Rezeptionsanalyse zum Ziel Ihrer Arbeit, sondern eine Produktanalyse, innerhalb der der Buchmarkt eine entscheidende Rolle spielt. Wie aber können Sie aus dem Ansatz Rückschlüsse auf die Vermittlung von Geschichtsbildern ziehen?

Dr. von Rüden: Der historische Roman bildet durch seine relativ kurze Produktionsfrequenz und starke Nachfrageorientierung ein gutes Abbild der geschichtskulturellen Verfasstheit einer Gesellschaft. Von besonderer Bedeutung ist dabei, nicht nur Werke der einschlägigen Kanonlisten und die sogenannte Hochliteratur zu berücksichtigen, sondern auch die massenhaft produzierte triviale Unterhaltungsliteratur. Denn gerade in diesem Bereich muss, damit sich solche Romane verkaufen, den Erwartungen der Leserinnen und Leser entsprochen werden. Die Grundüberlegung ist dabei, dass Verlage nur dann das finanzielle Risiko eines Drucks auf sich nahmen, wenn von einem entsprechenden Verkaufserfolg ausgegangen werden konnte. Und Markterfolg stellt sich in der Regel dann ein, wenn kollektive Geschichtsbilder „getroffen“ werden. Der Vorteil bei dieser Vorgehensweise liegt darin, dass nicht auf Rezensionen – die im Bereich der trivialen Unterhaltungsliteratur eher selten vorkommen – oder Ausleihzahlen von Leihbibliotheken zurückgegriffen werden muss. Vielmehr wird das gesamte Genre durch die Produktionskalkulation und -tätigkeit der Verlage, also sozusagen an der Wurzel, erfasst.

Entscheidend für diesen Ansatz ist die gezielte und intersubjektiv überprüfbare Auswahl zeittypischer Werke. Durch meinen methodischen Zugriff ist eine fast 600 Titel umfassende Literaturdatenbank entstanden, in der alle Neuproduktionen an historischen Romanen (inkl. produzierte Wiederauflagen) der genannten fünf Stichprobenjahre erfasst sind.

Nur aufgrund solch einer Datengrundlage und einem übertragbaren und stabilen Kriterienraster konnten einzelne Romane für eine literaturwissenschaftliche Einzel-Romananalyse valide und nicht impressionistisch ausgewählt und anschließend allgemeine Hypothesen zum Untersuchungszeitraum aufgestellt werden. In diesem Zusammenhang zeigt sich mein Dissertationsprojekt als geschichtsdidaktische Grundlagenforschung.

"Bilder, die die Gefühlslagen der Leserschaft zu beeinflussen vermochten"

L.I.S.A.: Können Sie anhand von einem oder zwei exemplarischen Romanen der Zeit kurz demonstrieren, welche Geschichtsbilder über die jeweiligen Narrative vermittelt werden?

Dr. von Rüden: Nehmen wir doch direkt die ersten beiden Romane, die ich für das Stichprobenjahr 1913 ausgewählt und analysiert habe:

Flammensturm. Roman aus den Tagen des Sturzes und der Erhebung Preußens von August Friedrich Krause handelt von fünf sehr unterschiedlichen Familien, die in Breslau die Zeit der Napoleonischen Kriege erleben. Während die Stadt dem Belagerungs- und späteren Besatzungszustand überlassen wird, raufen sich die Bürger Breslaus eigenmächtig zusammen und führen die Befreiung von der französischen Übermacht selbst herbei.

Gräfin Potocka. Der Roman einer schönen Frau von Willy Norbert beschreibt das tragische Leben der polnischen Adligen Anna Potocka zur Zeit der Napoleonischen Herrschaft. Ihre vom Patriotismus angetriebenen Versuche, politisch Einfluss zu nehmen und damit ihr Vaterland Polen wiederherzustellen, bilden den Kern der Erzählung.

Diese Romane wurden von zwei Berliner Verlagen, die sich im Jahr 1913 als überaus engagiert im Bereich historischer Belletristik zeigten, produziert und widmen sich dem in diesem Stichprobenjahr besonders beliebten Themenkomplex um „Napoleon und die Befreiungskriege“.

Krauses Flammensturm ist von einer frankreichfeindlichen Sprache geprägt. Es überwiegt eine direkte, unverhohlene Kritik an den als rücksichtslosen Eroberer dargestellten Franzosen. Die antagonistische Romanfigur Jérôme Napoleon wird als besonders moralisch verwerflicher Charakter präsentiert, dessen Verhalten primär von Trieben gesteuert ist.

Norberts Gräfin Potocka präsentiert ein noch viel deutlicheres Negativbild von den Franzosen, was vor allem deshalb überrascht, weil der Verlag auf den ersten Blick den Eindruck kultureller Vielfalt erweckte. Napoleon Bonaparte, eine zentrale Figur des Romans, wird im Verlauf der Handlung als machtsüchtiger Despot und Vergewaltiger entlarvt.

Die augenfälligen Parallelen in der Darstellung des „Erzfeinds“ und die Erkenntnis, dass gerade Napoleon bzw. seine Familienangehörigen als Beweis für den schlechten Charakter der Franzosen im Allgemeinen benutzt werden, lassen vermuten, dass das „Feindbild Frankreich“ im Jahr 1913 fest in der geschichtskulturellen Landschaft verankert war und nur noch geringen Deutungsspielraum – wenn überhaupt – zuließ. Im Gegensatz dazu steht die künstlerische Umsetzung in der sogenannten Hochliteratur, in der ein positiver Napoleon-Mythos seit den 1850er Jahren festgestellt werden kann. Hier gibt es einen Unterschied zwischen dem allgemeinen „Feindbild Frankreich“ und der positiv besetzten, idealisierten und mythologisch stilisierten Figur Napoleons.

Diese Differenzierung kann für das Genre des historischen Romans unter Einbezug trivialer, belletristischer Massenware nicht bestätigt werden. Der thematisierte Stoff ist zwar in den verschiedenen literarischen Darstellungen derselbe, aber die heraufbeschworenen Bilder, die die Gefühlslagen der Leserschaft zu beeinflussen vermochten, bilden eine sehr große Spannbreite ab.

"Entscheidend ist, wie mit den Inhalten dann umgegangen wird"

L.I.S.A.: Zum Abschluss eine Frage zum Genre „Historischer Roman“ insgesamt:  Was macht aus Ihrer Sicht einen guten Historischen Roman aus? Und: Kann man aus Historischen Romanen Geschichte lernen?

Dr. von Rüden: Diese Frage lässt sich genauso schwer beantworten wie die Frage nach guter Literatur allgemein. Ich persönlich mag historische Romane, die eine ungewöhnliche Perspektive auf ein Thema einnehmen oder mein Interesse für einen bestimmten thematischen Aspekt wecken, der mir zuvor nicht präsent war. Wenn ich bei der Lektüre gut unterhalten werde und im Anschluss daran Lust habe, mich (auch fachwissenschaftlich) weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen, ist das schon mal eine gute Grundlage.

Kann man aus historischen Romanen Geschichte lernen? Das kommt ganz auf den Leser und die Leserin an. Der Roman ist ja nur das Medium. Entscheidend ist, wie mit den Inhalten dann umgegangen wird.

Dr. Stefanie von Rüden hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

V88ZAO