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Georgios Chatzoudis | 20.06.2013 | 2218 Aufrufe | Interviews

Zwischen staatskirchlich-protestantischem Staat und katholischer Kirche

Interview mit Jürgen Herres über die Preußen in Köln

Heute vor 198 Jahren, am 20. Juni 1815, beschloss der Kölner Gemeinderat, "eine Deputation nach Paris zu senden, um dem preußischen König die Treue und Ergebenheit der Stadt zu versichern". So schreibt es Dr. Jürgen Herres, Historiker und Mitarbeiter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, in seiner neuesten Publikation "Köln in preußischer Zeit, 1815-1871". Als im Rheinland verankerte und in Düsseldorf ansässige Redaktion hat uns das Buch natürlich sehr interessiert. Wir haben darüber mit dem Autor ein Interview geführt.

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Feier der Grundsteinlegung für den Weiterbau des Kölner Doms am 4.
September 1842. Die Bauarbeiten am Dom waren im 14. Jahrhundert eingestellt worden, so sieht man auf der Lithographie rechts das bereits im Mittelalter fertig gestellte Chor und links den Stumpf des Südturms mit dem langarmigen Baukran, jahrhundertelang Wahrzeichen der Stadt Köln. Der Weiterbau war ein gemeinsames Projekt von preußischem Staat, katholischer Kirche und Zivilgesellschaft, die mit dem hier illustrierten Fest in Szene gesetzt wurde.

"Klischee des ausgelassenen und aufmüpfigen Rheinländers"

L.I.S.A.: Herr Dr. Herres, zuletzt ist Ihr Buch „Köln in preußischer Zeit“ in der Reihe „Geschichte der Stadt Köln“ erschienen. Auf fast 500 Seiten schildern Sie die Zeit von 1815-1871. Das Kölner Stadtbild weist noch Spuren der preußischen Zeit auf, allein die Kölner scheinen sich an diese Zeit nicht so gern zu erinnern. Oder täuscht dieser Eindruck?

Dr. Herres: Nun, immerhin lebt diese Zeit nicht zuletzt in Klischees weiter, insbesondere in dem Klischee des ausgelassenen und aufmüpfigen Rheinländers, der sich gegen preußische Strenge zur Wehr setzte. Insgesamt geht es den Kölnern aber nicht anders als uns allen. Das 19. Jahrhundert war als Jahrhundert der industriellen Revolution und der Nationalstaatsbildung in weite Ferne gerückt, lange vor dem Fall der Berliner Mauer. Durch die Globalisierung und die europäische Einigung beginnt sich unser Blick auf diese Zeit wieder zu verändern. Wir sehen nun, wie sich über eine politische und wirtschaftliche Doppelrevolution hinaus eine erste moderne Globalisierungswelle vollzogen hat. So steht uns heute diese Epoche raschen Wandels und damit einhergehend großer Umbrüche und Widersprüchlichkeiten in vieler Hinsicht näher als das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert der Extreme.

Die Dom- und Rheinstadt, drittgrößte preußische Stadt nach Berlin und Breslau, stieg zwischen Biedermeier und Reichseinigung wieder zu einer Westdeutschland prägenden Metropole auf. Aus der flächenmäßig kleinsten deutschen Großstadt wurde die flächenmäßig größte. Ein wichtiger Finanzplatz und Verkehrsknotenpunkt, eine wichtige Dienstleistungs- und Handelsstadt, eine wichtige Presse- und Gerichtsstadt, aber auch ein wichtiger Industriestandort mit einem breitgefächerten produzierenden Gewerbe. Als Mittelpunkt eines den größten Teil der nördlichen Rheinprovinz umfassenden katholischen Erzbistums stellte Köln seit 1825 ein Zentrum des deutschen Katholizismus dar. Kölner Ereignisse – wie insbesondere die zum Begriff gewordene Verhaftung des Kölner Erzbischofs Droste zu Vischering am 20. November 1837, der erste preußische Kulturkampf, – erschütterten Deutschland.

Und diese Entwicklung war überhaupt nicht vorhersehbar gewesen. Denn als 1794 die französischen Revolutionstruppen in die katholische Reichsstadt einrückten, galt Köln als Musterbeispiel selbstverschuldeter Rückständigkeit. Reiseschriftsteller beschrieben sie als eine Stadt voller „unverschämter Bettler, scheinheiliger Pfaffen und gieriger Huren“, als „häßlichste Reliquie des Mittelalters“.

Dr. Jürgen Herres, Historiker und Mitarbeiter der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften

"Napoleon hatte Köln in die Moderne katapultiert"

L.I.S.A.: Den Preußen dankt man in Köln allenthalben die Vollendung des Doms. Haben die Kölner aber insgesamt den Preußen noch für ganz andere Errungenschaften zu verdanken?

Dr. Herres: Das Spannende ist, wie in Auseinandersetzung mit dem agrarisch geprägten, protestantischen Preußen eine Selbstfindung stattfand. Die französischen Revolutionstruppen und Napoleon hatten Köln zwischen 1794 und 1814 in die Moderne katapultiert. Gewerbefreiheit eingeführt und den Adel abgeschafft, die katholische Kirche säkularisiert. Gesellschaften können sich blockieren, selbst demokratische. Aber nach dem erneuten System- und Herrschaftswechsel von 1815 akzeptierten die Rheinländer das Erbe der französischen Zeit als Errungenschaften. Eisern hielten sie an der staatsbürgerlichen Rechtsgleichheit vor dem Gesetz, am französischen Gerichtswesen (vor allem an den öffentlichen Geschworenengerichten) und selbst an der Gewerbefreiheit fest. Wir können eine Selbstfindung beobachten, eine nachholende Identitätsbildung. Es entwickelte sich ein Rechts- und Verfassungsliberalismus. Aus der rechtlichen Gleichheit wurden politische und selbst soziale Sicherungsrechte abgeleitet. Aus Sicht der Kölner Handelskammer konnte es wirtschaftliche Entwicklung nicht ohne Freiheit geben. Noch in hohem Alter erinnerte sich Bismarck, wie »widerlich« er als junger adeliger Reaktionär das Auftreten des »rheinisch-französischen Liberalismus« empfunden habe.

L.I.S.A.: Was man in Köln mit den Preußen auch in Zusammenhang bringt ist der Karneval. In Ihrem Buch nennen Sie es die „Erfindung“ des Karnevals. Warum? Und: War der Karneval subversiv?

Dr. Herres: Der rheinische Karneval ist alt. Bereits im 14. und 15. Jahrhundert wurde das Fest schon seit längerem gefeiert. Vor 190 Jahren, am 10. Februar 1823, zog jedoch zum ersten Mal ein Rosenmontagzug durch die Kölner Straßen. Damals bildeten sich die Grundstrukturen des organisierten Karnevals heraus, die rasch von anderen rheinischen Städten übernommen wurden und die ihn bis heute prägen: die Karnevalssitzungen, der Maskenzug am Rosenmontag sowie der große Maskenball im Gürzenich. Frauen waren jedoch weitgehend ausgeschlossen. Diese Karnevalsreform ging auf die Initiative junger Männer aus der Oberschicht sowie junger Schriftsteller zurück, denen es um Feierlust aber auch um gesellschaftliche Kritik ging. Sie haben sich nicht zur politischen Opposition erklärt, aber plädierten für die „Idee einer urmenschlichen Gleichheit“ und Kreativität. Und wenn es Probleme und Konflikte mit dem preußischen Staat gab, dann wurden diese auch immer im Karneval thematisiert. In einem autoritären Staat wie Preußen, wo die Öffentlichkeit durch Zensur und nach dem Scheitern der Revolution von 1848 durch Polizeiwillkür reglementiert wurde, wurde deshalb der Karneval immer wieder zu einem Politikum.

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Erschienen in der Reihe "Geschichte der Stadt Köln. Band 9"

"Preußen war zu einem Staat in zwei Hälften geworden"

L.I.S.A.: Das erzkatholische Köln unter preußisch-protestantischem Zepter: Setzte der spätere sogenannte Kulturkampf in Köln schon früher ein?

Dr. Herres: Das 19. Jahrhundert gilt als ein säkularisiertes Zeitalter, das durch Entkirchlichung und Glaubensschwund geprägt war. Aber schon in den zwanziger Jahren setzte eine Festigung und Erneuerung religiöser Überzeugungen, konfessioneller Identitäten und kirchlicher Bindungen ein. Das Verhältnis von staatskirchlich-protestantischem Staat und katholischer Kirche war am Rhein von Anfang an schwierig. Es spitzte sich zu, nachdem Belgien 1830 seine Unabhängigkeit proklamiert hatte und als streng katholischer und zugleich liberaler Staat zu einer dauernden politischen Herausforderung an der Westgrenze Preußens geworden war. Die volksreligiöse und kirchliche Erneuerung des rheinischen Katholizismus wurde nun von Berlin als politisch gefährlich wahrgenommen. 1837 glaubte die preußische Staatsspitze einem Autoritätsverlust nur durch die Verhaftung des Kölner Erzbischofs vorbeugen zu können. Die Entscheidung war auf einer gemeinsamen Beratung des Königs mit seinen Ministern gefallen; es war erst das zweite Mal, dass König Friedrich Wilhelm III. persönlich mit seinem gesamten Staatsministerium zusammenkam.

L.I.S.A.: Das Rheinland ist mit dem Regierungssitzwechsel von Bonn nach Berlin in preußisches Stammland mitgewechselt. Sie als Rheinländer arbeiten auch in Berlin. Ein Akt von historisch-ausgleichender Gerechtigkeit?

Dr. Herres: So weit würde ich nicht gehen. Aber die Geschichte hält schon interessante Überraschungen bereit. Immerhin ediere ich jetzt als Trierer die Handschriften und Drucke des Trierers Karl Marx. Und es lassen sich durchaus einige interessante Parallelen zwischen 1815 und 1990 beobachten. Eine der Hauptbeschwerden der Rheinländer war nach 1815 die Bevorzugung der Beamten aus den östlichen Provinzen. Es verbreitete sich eine Beamten- und Behördenkritik, die, indem sie sich gegen als landfremd und als ortsunkundig identifizierte Staatsbeamte richtete, zugleich Mitsprache- und Beteiligungsforderungen legitimieren sollte.

Ich plädiere jedoch dafür das rheinisch-preußische Verhältnis jenseits aller Klischees in seinen wechselseitigen Bedingtheiten als Beziehungsgeschichte zu sehen. Nach dem Wiener Kongress war Preußen zu einem Staat in zwei Hälften geworden – und zwar auch im wörtlichen Sinne. Die Westhälfte mit Rheinland und Westfalen war ohne direkte Landverbindung mit der Osthälfte. So trafen am Rhein – um es auf einen Nenner zu bringen – Bürgersinn und Unternehmergeist auf autoritäre Staatlichkeit. Im Zeitalter der europäischen Einigung in jedem Fall ein höchst spannender Vorgang.

Dr. Jürgen Herres hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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