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Georgios Chatzoudis | 17.05.2018 | 620 Aufrufe | 1 | Interviews

"Wut ist das Antriebsmittel"

Interview mit Julia Ebner über Strategien von Islamisten und Rechtsextremen

Die Extremismusforscherin Julia Ebner hat im Laufe ihrer Recherchen für sich festgestellt, dass Islamisten und Rechtsextreme, die sich ideologisch spinnefeind sind, mit ähnlichen Strategien und Methoden arbeiten. Im Zuge ihres Projekts schleuste sie sich in unterschiedliche Netzwerke beider politischer Mileus ein und gewann dabei Einblicke in deren Binnenstrukur und Binnenkommunikation. Über ihre Erkenntnisse hat sie zuletzt ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Wir haben sie um ein Interview gebeten.

"Verblüffende Ähnlichkeiten und Wechselwirkungen zwischen beiden Extremismusausprägungen"

L.I.S.A.: Frau Ebner, Sie haben jüngst ein Buch mit dem Titel „Wut. Was Islamisten und Rechtsextreme mit uns machen“ veröffentlicht. Der Titel deutet an, worum es geht. Bevor wir auf Einzelheiten zu sprechen kommen -  welche Beobachtungen und Vorüberlegungen gingen dem Buch voraus?

Ebner: Als Forscherin bei der Extremismusbekämpfungsorganisation Quilliam, die von ehemaligen Islamisten gegründet wurde, beschäftigte ich mich zunächst vor allem mit islamistischem Extremismus. Vor allem versuchte ich zu verstehen, wie Radikalisierungsprozesse funktionieren, welche Motivationsfaktoren dabei mitspielen, welche Strategien und Taktiken islamistische Anwerber verwenden und natürlich wie wir diese Erkenntnisse für die Präventions- und Interventionsarbeit verwenden können. Als die britische Abgeordnete Jo Cox, die sich stark für Flüchtlinge eingesetzt hatte, kurz vor dem Brexit-Referendum von einem Rechtsextremisten Tommy Mair ermordet wurde, begann ich einen großen Teil meiner Freizeit in die Erforschung von Rechtsextremismus zu investieren. Dabei stellte ich viele verblüffende Ähnlichkeiten und Wechselwirkungen zwischen den beiden Extremismusausprägungen fest. Ich begann, diese Parallelen in den Narrativen, Weltbildern, Strategien und Zielsetzungen und die daraus resultierenden wechselseitigen Verstärkungs- und Abhängigkeitseffekte systematischer mit Datenanalsen, Feldstudien und Interviews zu untersuchen.

"Interviews mit Aussteigern aus beiden extremistischen Strömungen"

L.I.S.A.: Sie sind bei Ihrer Recherche in die Welt von Islamisten und Rechtsextremen eingetaucht, wie Sie schreiben. Wie genau ist das zu verstehen? Wie und wo haben Sie Ihre Zielgruppen gesucht und gefunden?

Ebner: Ich wollte tiefe Einblicke in unterschiedliche extremistische – metapolitische wie militante – Netzwerke in Europa erhalten, um die Dynamik der reziproken Radikalisierung zwischen Islamisten und Rechtsextremen besser zu verstehen. Dabei war mir klar, dass direkte Gespräche – online und offline - und der Besuch extremistischer Veranstaltungen Teil der Recherche sein müssten, denn es gab kaum Forschung zu dem Thema. Zum einen begab ich mich in amerikanische und europäische pro-IS Chatgruppen, neo-Nazi und alt-Right-Foren und führte Interviews mit Aussteigern aus beiden extremistischen Strömungen durch.

Zum anderen unterwanderte ich auch extremistische Organisationen wie die britische Grupppe English Defense League, die in Deutschland verbotene islamistische Organisation Hizb ut-Tahrir und die Identitäre Bewegung.

"Bestehende Ängste und Frustrationen wandeln sie in Wut um"

L.I.S.A.: Der Titel des Buches weist auf das Motiv hin, dass nach Ihrer Studie Islamisten und Rechtsextreme miteinander teilen: Wut. Wut auf was genau? Und wie begründet sich diese Wut? Woher kommt sie? 

Ebner: Die Wut ist das, was Islamisten und Rechtsextremen gleichermaßen als Antriebsmittel dient. Sie beide versuchen gezielt mit Provokationen – von Hass- und Einschüchterungskampagnen bis hin zu Terroranschlägen – auf gesellschaftlicher und politischer Ebene Wut zu erzeugen, zu schüren und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Oft wandeln sie bestehende Ängste und Frustrationen in Wut um, indem sie klare Feindbilder schaffen, die für die Missstände verantwortlich gemacht werden. Während Islamisten antimuslimische Gruppen als repräsentativ für den gesamten „bösen“ Westen darstellen, verwenden Rechtsextreme die Dschihadisten für ihr Feindbild, den Islam. Ihre Wut richtet sich aber nicht nur gegen die jeweilige Fremdgruppe, sondern auch gegen das Establishment – also die "politischen Eliten" und die "Mainstream-Medien", die als Komplizen des Feindes dargestellt werden. Es geht letzten Endes beiden Extremen darum, die Menschen aus der Mitte auf die eine oder andere Seite zu bringen, um alle Grauzonen auslöschen und ihre Schwarz-Weiß-Weltbildern verwirklichen können.

"Beide Ideologien sind von stark frauenfeindlichen Elementen geprägt"

L.I.S.A.: Denkt man an Islamisten und Rechtsextreme, fällt es auf den ersten Blick schwer, in politischer, gesellschaftlicher und kultureller Hinsicht Gemeinsamkeiten zwischen beiden Gruppen auszumachen. Wo sehen Sie diese? Ist es nur die Wut?

Ebner: Beide wollen natürlich radikale politische, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen bewirken – dabei verwenden sie sowohl ähnliche Visionen als auch ähnliche Strategien. Ihnen gemein ist vor allem die utopische Vision einer ethnokulturell oder religiös homogenen Gesellschaft, die von allen „fremden“ Einflüssen „gereinigt“ ist. Bei den Islamisten nimmt das die Form eines von westlichen Einflüssen befreiten Kalifats an, bei den Rechtsextremisten manifestiert sich das in der Idee eines weißen Europas, das von islamischen und ausländischen Einflüssen „gesäubert“ ist. Dabei spielt auch die Idee eines unvermeidbaren Konfliktes zwischen Rassen, Kulturen und/oder Religionen eine wichtige Rolle. Um die Eskalation dieses Konflikts zu beschleunigen, verwenden beide gezielte Provokationen und Medienstunts, um Politiker unter Druck zu setzten und Opponenten einzuschüchtern. Beide wissen auch, wie sie die Medien und neue Medien instrumentalisieren und manipulieren, um ihre Randideologien in den Mainstream zu befördern. Obwohl Islamisten wie Rechtsextreme Übergriffe gegen "ihre Frauen" durch die Fremdgruppe in den Vordergrund ihrer Opfernarrative stellen, sind beide Ideologien von stark frauenfeindlichen Elementen und rückgängigen Geschlechterrollen geprägt.

"Anspruch auf die Alleinherrschaft über Europa"

L.I.S.A.: Sie zeichnen das Bild von einer Welt, in der sich Islamisten und Rechtsextreme gegen eine demokratische Mitte stellen, um die Demokratie aus den Angeln zu heben. Welche Welt meinen Sie dabei genau? Nur die westliche?

Ebner: Ich habe mich vor allem mit den Dynamiken in Europa und den USA beschäftigt, also vorrangig mit der westlichen Welt. Auffällig war, dass sowohl Mitglieder islamistischer Gruppen als auch Rechtsextremisten die westlichen, demokratischen Strukturen destabilisieren und die gesellschaftliche Solidarität zwischen Einheimischen und Immigranten, Muslimen und nicht-Muslimen ausrotten wollten. Beide glauben, Anspruch auf die Alleinherrschaft über Europa zu haben, versuchen aber zunächst Chaos und Konflikt zu stiften, um ihre Zukunftsvisionen durchzubringen. 

Julia Ebner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Oliver Zauzig | 18.05.2018 | 13:28 Uhr
Ich finde die Thematik sehr spannend. Doch was fulminant Neues sind doch die Erkenntnisse von Frau Ebner nicht, zumindest nicht, wenn man sich mit extremistischen Bewegungen (auch historisch) näher geschäftig hat. Gemeinsamkeiten antagonistischer Bewegungen finden sich meist in Methoden sowie in Art und Weisen der praktischen Umsetzung. Hervorzuheben ist, dass diese Erkenntnisse durch die Publikation eine zitierfähige Basis bekommen. Darin sehe ich das Verdienst von Frau Ebner.

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