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Georgios Chatzoudis | 08.10.2013 | 5565 Aufrufe | Interviews

"Wir sinnieren immer noch darüber, ob Forschung online überhaupt darstellbar ist"

Interview mit Annette Schuhmann über Perspektiven der Digital Humanities

Die Auftaktveranstaltung der AG "Digitale Geschichtswissenschaft" Anfang September in Braunschweig endete mit einer Podiumsdiskussion, an der sich unterschiedliche Wissenschaftsförderer, darunter der Bund, die DFG und der Wissenschaftsrat, beteiligten. Geleitetet wurde die Diskussion von der Historikerin Dr. Annette Schuhmann. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam und dort seit 2008 verantwortliche Redakteurin für Zeitgeschichte-online (ZOL). In ihrem Eingangsstatement berichtete sie unter anderem von einer Umfrage, die sie unter ihren Kolleginnen und Kollegen gemacht hat - mit interessanten Ergebnissen. Wir haben sie dazu befragt.

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Dr. Annette Schuhmann, Redakteurin Zeitgeschichte online am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam

"Interesse richtete sich auf digitales Publizieren, Recherchieren und Forschen"

L.I.S.A.: Frau Dr. Schuhmann, Sie haben bei der Eröffnungstagung der AG „Digitale Geschichtswissenschaft“ in Braunschweig die Podiumsdiskussion geleitet. Welchen Eindruck nehmen Sie von der Tagung mit? Geht es voran mit dem Anliegen „Digitale Geschichtswissenschaft“?

 

Dr. Schuhmann: Die Tagung war exzellent organisiert und hatte über hundert Teilnehmer/innen, darunter sehr viele Nachwuchswissenschaftler/innen. Das Interesse am Thema ist also zweifellos groß.


Ob, in welchem Tempo und auf welchen Ebenen es dagegen vorangeht in der Praxis der digitalen Geschichtswissenschaft, wird sich erst noch zeigen. Ich hatte den Eindruck, dass die Tagung eine gewisse Polarisierung verschiedener Interessengruppen im Umgang mit dem Thema deutlich machte. Das zeigte sich zunächst in der begrifflichen Unklarheit, mit der das Thema, angefangen von der Auftaktrede, diskutiert wurde. So sprachen etwa die Podiumsgäste der fördernden Institutionen weniger von Digitaler Geschichtswissenschaft als vielmehr von den Digital Humanities und von Big Data-Projekten. Das Interesse des Publikums richtete sich indessen auf konkrete Probleme, die das digitale Publizieren, Recherchieren und Forschen betreffen.


Sicher, man kann beide Projekte nicht voneinander trennen. Die Bedürfnisse der einzelnen Forscher/innen unterscheiden sich jedoch von den Anforderungen der derzeit hochsubventionierten Projekte wie beispielsweise CLARIN oder Europeana.
Vielleicht wären Tagungen grundsätzlich produktiver für alle Beteiligten, wenn die Trennung zwischen jenen, die fördern, und jenen, die anwenden, zumindest organisatorisch aufgehoben würde. Eine Mischung des Podiums etwa wäre da hilfreich. Am Ende könnte man das, was dann auf dem Podium stattfindet, in der Tat auch Podiumsdiskussion nennen.

"Wichtig war allen ein freier Zugang zu Materialien und Inhalten"

L.I.S.A.: Stichwort: Digitale Geschichtswissenschaft. Sie haben bei der Podiumsdiskussion von einer Umfrage berichtet, die Sie im Vorfeld der Tagung durchgeführt haben. Was genau war Ihre Frage und welche Antworten haben Sie erhalten?

 

Dr. Schuhmann: Zu den Aufgaben, die sich die AG „Digitale Geschichtswissenschaft“ selbst stellt, gehören u.a. der fachliche Austausch und die Förderung universitärer Lehrangebote. Daneben, und das erscheint mir besonders wichtig, will sie als Interessenvertretung der „Wissenschaft“ gegenüber der Politik und der Öffentlichkeit agieren. Da liegt es nahe zu fragen, wen und was genau die AG vertreten will.


Sieht man sich die Großprojekte der „Digital Humanities“ an, zeichnet sich die Vorstellung von staatenübergreifenden Forscherkollektiven, einem freien Zugang zu den Quellen, zu Forschungsprojekten und deren Ergebnissen ab. Die Lösung dieser digitalen Großarchitektur liegt in der Standardisierung. Schaut man genauer hin, ist für diesen Prozess ein ungeheurer Aufwand an Koordinations- und Organisationsarbeit nötig, zudem müssen große Summen für die technischen Infrastrukturen dieser Zentralisierungsprojekte aufgewendet werden.

 

Wie jedoch stellen sich die Produzenten die digitale Zukunft der weltweit vernetzten Forschungsergebnisse vor? Und wie, so lässt sich die Frage herunterbrechen, stellen sich Historiker/innen einen effizienten Gebrauch der jeweils aktuellen elektronischen Möglichkeiten vor. Aus den Antworten auf diese Frage ließe sich eventuell eine Prioritätenliste der Aufgaben der AG erstellen.

 

Ich habe einige Wissenschaftler/innen am Zentrum für Zeithistorische Forschung konkret danach gefragt, was sie unter dem Begriff der „Digital History“ verstehen und wie ihre derzeitige digitale Arbeitsumgebung aussieht. Außerdem wollte ich wissen, was sie sich für die Zukunft wünschen, wie sie sich konkret eine effiziente Arbeitsweise „Digitaler Geschichtswissenschaft“ vorstellen und was ihrer Meinung nach nötig ist, damit die digitale Euphorie in einen Mehrwert an Erkenntnis mündet.

 

Zu den Antworten der Wissenschaftler/innen:
Zunächst war von der Euphorie, mit der die Zukunft der Geisteswissenschaften als „Digital Humanities“ gefeiert wird, an der Forschungsbasis wenig zu spüren. Befragt nach Großprojekten wie CLARIN oder Europeana musste die Mehrzahl der Befragten eingestehen, davon zwar gehört zu haben, kaum jemand hatte jedoch konkrete Vorstellungen von den Zielen und Inhalten der Projekte.

 

Einig war man sich im Wunsch nach digitalisierten Quellen und Portalen mit verständlichen Suchfunktionen. Extrem wichtig war allen Befragten ein freier Zugang zu Materialien und Inhalten über den Verweis hinaus.

 

Geradezu schmerzlich vermisst wurden Recherchemöglichkeiten audiovisueller Quellen und zu Quellen materieller Kultur im Netz. Als problematisch wurde der extrem eingeschränkte Zugang zu audiovisuellen Quellen empfunden.

 

Die Vielfalt der aktuellen digitalen Angebote wurde positiv hervorgehoben. Dementsprechend attraktiv erschienen den meisten kleinere und mittlere Projekte, wie etwa Docupedia-Zeitgeschichte oder H-Soz-u-Kult. Abgelehnt wurden anonyme Netzstrukturen ohne analogen Ansprechpartner. Die Bedeutung der Archivare etwa, die als Lotsen durch die ungeheuren Materialmengen navigieren sollten, wurde auch in der digitalen Zukunft besonders hervorgehoben.

 

Bezweifelt wurde, dass Partizipation in jedem Fall einen Mehrwert bilde. Open Access-Projekte, so die Forderung, sollten grundsätzlich redaktionell geprüft werden.

 

Vollkommen einig war man sich darüber, dass es an Anerkennung und Reputation des digitalen Engagements der Wissenschaftler/innen fehle. Mit dem Einsatz in digitalen Projekten, so die Mehrzahl der Befragten, sei kein Blumentopf zu gewinnen. Infrastrukturelle Arbeit, so die Forderung, sollte künftig ähnlich bewertet werden wie wissenschaftliche Publikationen.

 

Unklar waren den Befragten die Förderkriterien für die aktuellen Großprojekte, hier wurde ein Mangel an Transparenz beklagt. Auf der anderen Seite, so wurde bemerkt, kranken kleinere Projekte an chronischen Verstetigungsproblemen nach Ende der Förderung.

 

Insgesamt wurden die Großprojekte mit Skepsis beobachtet. Es scheint nicht selten so zu sein, so einer der Befragten in diesem Zusammenhang, als würden zunächst ungeheure Mittel zur Verfügung gestellt und danach erst der Zweck für den Einsatz der Big Data-Projekte gesucht.

 

Als problematisch galt zudem die Tatsache, dass die digitale Geschichtswissenschaft neben der allgemeinen Geschichtswissenschaft existiert, ausgelagert in Facharbeitsgruppen, Arbeitsgemeinschaften, extra Panels auf Tagungen etc. Hier wäre eine selbstverständliche Integration wünschenswert.

 

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die befragten Historiker/innen sich ein relativ überschaubares digitales Grundset wünschen.

 

Dazu gehören:
- stabile, zentral gepflegte interoperable Datenbanksysteme
- das Einfließen der digitalen Hilfswissenschaften in die universitären Curricula
- die Vielfalt und damit die Förderung mittlerer und kleiner digitaler Projekte
- ein handhabbares Set an Tools

 

Projektergebnisse sollten zudem im digitalen Kontext dokumentiert und für andere Wissenschaftler/innen zur Verfügung gestellt werden – und zwar über niedrigschwellige Angebote, die die Community wirklich erreichen. Und schließlich wurde eine größere Entspanntheit der akademischen Community gewünscht, wenn es um die Kommunikation in sozialen Netzwerken und Blogs geht.

"Das muss den Studierenden völlig wirklichkeitsfremd vorkommen"

L.I.S.A.: Das deckt sich mit vielen Erfahrungen, die wir auch machen. Auch Studierende können mit Begriff und Konzept „Digitale Geschichtswissenschaft“ nicht viel anfangen. Manche sind sogar äußerst skeptisch. Haben Sie dafür eine Erklärung?

 

Dr. Schuhmann: Welches Konzept meinen Sie? Ansonsten sollten die Studierenden befragt und in die Diskussionen eingebunden werden.

Ich selbst habe nur eine vage Idee, worauf sich die Skepsis der Studierenden beziehen könnte. In meinen Seminaren zur „Geschichte im Internet“ im Rahmen des Public History-Masterstudiengangs haben wir einige aktuelle Angebote an Websites und Portalen mit geschichtswissenschaftlichen Inhalten diskutiert.


Dabei waren die Studierenden immer wieder irritiert angesichts der Textformate im Netz. So unterschieden sich in ihren Augen die Texte bzw. deren Format kaum oder gar nicht von dem, was sie aus dem Printbereich kannten. Das, was sie im Netz sahen, waren „Textwürste“, nicht selten verbunden mit einem umfangreichen Anmerkungsapparat. Was ihnen fehlte, war nicht nur eine andere Form der Sprache, sondern ebenso Bilder, Töne, Filme. Also all das, was das Netz möglich macht, was es anbietet und womit die Studierenden jeden Tag umgehen.


Manchmal, so schien es mir, empfanden die Digital Natives den Umgang mit Fragen des digitalen Wandels innerhalb der Geschichtswissenschaften als angespannt, vielleicht sogar als absurd.


In einer Welt, die in der Hauptsache digital kommuniziert, noch über Sinn und Unsinn der „Digitalen Geschichtswissenschaften“ zu diskutieren oder gar in der Bewertung der Ergebnisse je nach Medium zu unterscheiden, muss den Studierenden völlig wirklichkeitsfremd und abgehoben vorkommen.


Es ist eben längst nicht egal, ob wir unsere Forschungsergebnisse auf „Ziegenleder“, online oder zwischen zwei Buchdeckeln veröffentlichen, wie dies einer der Podiumsgäste behauptete. Und das erfahren die Studierenden spätestens im Verlauf ihrer Promotion. Die Bewertung folgt in der Geschichtswissenschaft in der Regel der Form und dem Ort ihrer Veröffentlichung und nicht bzw. nicht nur den Ergebnissen.


Den Studierenden, so glaube ich es zumindest, geht es schon längst um den effizientesten Gebrauch der elektronischen Möglichkeiten, während wir noch darüber sinnieren, ob der wissenschaftliche Ertrag einer Forschungsleistung online überhaupt darstellbar ist.

"Die Gefahr einer Nivellierung der Forschung"

L.I.S.A.: Was muss aus Ihrer Sicht geschehen, damit digitale Geschichtswissenschaft eine Selbstverständlichkeit wird?

 

Dr. Schuhmann: Die zentralen Projekte, die sich derzeit im Fokus der Förderer befinden, bergen die Gefahr einer Nivellierung der Forschung und einer hegemonialen Anspruchshaltungen der Zentren: Wer bestimmt, welche Textkorpora relevant sind? Wer bestimmt, was veröffentlicht wird, nach welchen Kriterien und nach wessen Bedürfnissen gefördert wird?

 

Schaut man sich die digitale Landschaft allein für die Zeitgeschichte der letzten Jahre an, so sollten wir zudem anerkennen, dass Projekte der digitalen Geschichtswissenschaft evolutionär sind und es in der Folge Möglichkeiten, Zeit und Geld für Experimente geben muss – vielleicht wird es die Mehrzahl der derzeit aktuellen Portale in fünf Jahren gar nicht mehr geben, auch damit sollte man rechnen.


Anders als etwa im Fachbereich der Antike sind Zeithistoriker/innen gar nicht einig darüber, welche Quellen die jeweils forschungsrelevante Datenbasis bilden, geschweige denn, dass es gemeinsame Organisationsprinzipien für diese Daten gäbe.

 

Die unterschiedliche Bewertung der wissenschaftlichen Gewichtsklassen, je nach Online- oder Print-Veröffentlichung, sollte mit sofortiger Wirkung aufgehoben werden.


Den Goldstandard setzt noch immer die Arbeit, die zwischen zwei Buchdeckeln publiziert wird. Das heißt nicht, dass sich das Verhältnis von nun an zuungunsten der Print-Veröffentlichungen verschieben soll. Und selbstverständlich unterscheiden sich die digitale Arbeitsweise, die Form der Recherche und die Sprache von jenen Produktionsweisen, mit denen Geisteswissenschaft in den letzten 150 Jahren produziert wurde. Aber welche Konsequenzen das letzten Endes haben wird, werden wir erst noch herausfinden müssen. Im Moment versuchen viele Online-Projekte noch immer, das Buch ins Netz zu übertragen.

 

Wer wissen will, wie sich der wissenschaftliche Nachwuchs der Digital Humanities die Forschungsarbeit der Zukunft vorstellt, sollte sich das Manifest der jungen Forscher/innen vom Juni 2013 anschauen. Auch wenn einige der dort aufgeführten Forderungen wenig mit den Bedingungen der Digital Humanities, aber viel mit den allgemeinen Problemen junger Geisteswissenschaftler/innen zu tun haben, finden sich hier wichtige Anregungen für einen Wandel innerhalb der Geisteswissenschaften.

 

Ganz oben auf der Agenda des Manifestes stehen die Forderungen nach Fortbildungs- und Förderstrukturen, die der digitalen Praxis angepasst sind, nach neuen Bewertungskriterien, Auswahlprozessen und möglichen Karrierewegen innerhalb der Geisteswissenschaft.

 

Damit hätten wir dann erst einmal genug zu tun.

Dr. Annette Schuhmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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