Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 15.01.2019 | 344 Aufrufe | Interviews

"Wildnis als Gegenwelt zum Technisierten und Rationalisierten"

Interview mit Gisela Kangler über den Wildnis-Diskurs in Geschichte und Gegenwart

Je urbaner, technisierter und regulierter die Welt, umso größer erscheint der Wunsch nach freier Natur und unberührter Wildnis. Die Reisebranche hat daraus einen ganzen Geschäftszweig entwickelt, dem das Paradox aus organisiertem Abenteuerurlaub und angeblich ursprünglichen und unkontrollierten Naturräumen nichts anzuhaben scheint. Das Gefühl, Wildnis erlebt zu haben, scheint die Bedürfnisse zu stillen. Doch es gibt auch andere Bereiche, in denen Konzepte von und Diskurse über Wildnis zu Fragen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz werden. Welche Rolle spielen solche Konzepte und Diskurse beispielsweise bei der Einrichtung von Nationalparks, der Gestaltung von Städten und Landschaften oder beim Schutz von Naturräumen? Dr. Gisela Kangler hat im Fachbereich "Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung" über diese und anschließende Fragen geforscht, ihre Dissertation ist inzwischen erschienen. Wir haben ihr unsere Fragen gestellt.

"Missverständnisse, die mit der Vieldeutigkeit von ‚Wildnis‘ zu erklären sind"

L.I.S.A.: Frau Dr. Kangler, Sie haben im Fachbereich „Architektur, Stadtplanung und Landschaftsplanung“ promoviert und zuletzt Ihre Dissertation unter dem Titel „Der Diskurs der ‚Wildnis‘“ veröffentlicht. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was hat Sie zu diesem wissenschaftlichen Projekt bewogen? Welche Vorüberlegungen gingen ihm voraus?

Dr. Kangler: Da haben mehrere Aspekte zusammengespielt: Zum einen habe ich mich schon in meinem Studium der Landschaftsarchitektur und Landschaftsplanung an der TU München und der BOKU Wien (Universität für Bodenkultur) wissenschaftlich mit Landschaft und Kulturlandschaft befasst – gesellschaftliche Auffassungen davon und Theorien dazu aktuell und in der Kulturgeschichte.

Zum anderen habe ich praktische Erfahrungen in und mit Naturschutz und Landschaftsplanung in meiner Tätigkeit als wissenschaftliche Angestellte in der bayerischen Umweltverwaltung gesammelt. Da ging es nicht nur um das Umsetzen eines Artenschutzgesetzes oder die Entwicklung eines Gewässers nach bestimmten wasserwirtschaftlichen Erfordernissen, sondern oft um die Leidenschaft für die konkrete Natur und Landschaft in ihrem Erscheinungsbild, ihrer Erlebnisqualität und ihrer Faszination. Bei Naturschutzplanungen kommen zu naturwissenschaftliche Beschreibungen immer Wertsetzungen für oder gegen etwas, z.B. den Wolf, hinzu. Mit Planungsideen, die konkrete Handlungen – zur Förderung oder Bekämpfung des Wolfes – leiten, kann nur dann angemessen auf gesellschaftliche Vorstellungen reagiert und Akzeptanz erlangt werden, wenn sie transparent beschrieben werden.

Dabei ist mir immer aufgefallen, dass Wildnis ein aktuelles Thema – ob nun im Kontext von Nationalparks oder Stadtgestaltung etc. – ist, das oft intensiv und divergent in der Gesellschaft verhandelt wird. Den Grund für Konflikte vermutete ich in Missverständnissen, die mit der Vieldeutigkeit von ‚Wildnis‘ zu erklären sind.

"Sehnsucht nach der unkontrollierten, freien, ursprünglichen und unberührten Natur"

L.I.S.A.: Ihre Arbeit ist in erster Linie eine Auseinandersetzung mit dem Begriff „Wildnis“ bzw. mit dem Diskurs um „Wildnis“. In Diskursen der Aufklärung bzw. der Moderne bildete sich eine Dichotomie zwischen „Wildnis“ und „Zivilisation“ heraus, bei der ersteres pejorativ aufgeladen war. Heute ist das nicht mehr so eindeutig. Im Gegenteil: „Wildnis“ ist oft positiv konnotiert und beispielsweise mit dem Ausbruch aus einer dekadenten Zivilisation verbunden. Zahlreiche Reiseunternehmen werben mit Ferien in der „Wildnis“, John Krakauers Reportage und der darauf basierende Film „Into the Wild“ waren Kassenschlager. Wie erklären Sie sich diesen Bedeutungswandel?

Dr. Kangler: Wildnis wird nicht erst heute auch positiv verstanden. Vor allem in romantischen Auffassungen spielt Natur –  insbesondere Wälder und Wildnis – als Gegenpol zur klassischen Ordnung seit ca. 1800 eine ganz wichtige Rolle. Den geistigen Zugang zu einer freien, nicht zivilisatorisch verschütteten Natur hofft man in mythischer oder ästhetischer Form zu finden. Der Zauber, das Geheimnisvolle, das Unbekannte, das Wunderbare und Wundersame wird hochgeschätzt. Die romantische Ästhetik hat Wildnis insbesondere mit ihrem Erhabenheitsbegriff positiv und vielfältig thematisiert und wird sehr geschätzt. Wilde, von zivilisatorischen Einschränkungen freie Gegenden, findet man beispielsweise in Caspar David Friedrichs Gemälden. Das zieht sich weiter durch die mitteleuropäische Kulturgeschichte mit Geistesströmungen, wie die Lebensphilosophie und die Lebensreformbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts.

John Krakauers Buch ist wohl auch aus der US-amerikanischen ‚wilderness‘-Idee heraus zu verstehen, die sich dort in der Nationalparkbewegung Ende des 19. Jahrhunderts zeigt und im ‚Wilderness Act‘ von 1964 festgehalten ist. Diese Wildnisschutz ist aus der Kulturgeschichte des Landes zu verstehen; es besteht insbesondere der Mythos des Pioniers besteht, der in Wildnis erfahren und erhalten werden kann.

Soweit nur ein paar stichpunktartige Gedanken – das ist alles eigentlich vielschichtiger und komplexer.

Dass Wildnis heute in Fachkreisen des Naturschutzes und in der Gesellschaft allgemein ein Thema ist und auch positiv besetzt ist, darin stimme ich Ihnen zu. Vielleicht ist es so, dass Wildnis momentan als Gegenwelt zum Technisierten und Rationalisierten gesehen wird. Je stärker wir durchgetaktet und organisiert sind, desto mehr haben wir Sehnsucht nach der unkontrollierten, eigenständigen, unbeherrschten, freien vielleicht sogar ursprünglichen und unberührten Natur – der Wildnis.

"Raumbegriffe des Kulturphilosophen Ernst Cassirer als heuristisches Instrumentarium"

L.I.S.A.: Sie analysieren den Diskurs um „Wildnis“ anhand von drei zentralen Kategorien Ernst Cassirers zum Raum. Warum bieten sich diese in Ihrer Arbeit an?

Dr. Kangler: Ausgangsthese war eine Pluralität der Auffassung ‚Wildnis‘. Die Frage war dann, welche Vorstellungen den Diskurs um Wildnis prägen. Es war also Aufgabe, die gesellschaftlich-kulturellen Deutungsmuster, die Formen und Sinnbedeutungen, in deren Kontext unterschiedliche Wildnisvorstellungen stehen, zu analysieren. Dazu habe ich zum einen umfangreiches Material an Texten und Bildern zum aktuellen Diskurs um die heutige Naturschutzidee ‚Wildnis‘ untersucht und geordnet. Zum anderen dienten mir drei Raumbegriffe des Kulturphilosophen Ernst Cassirer als heuristisches Instrumentarium. Beschrieben hat er einen mythischen, einen ästhetischen und einen theoretischen Raum. Er nimmt dabei explizit die Verschiedenartigkeit unserer kulturbezogenen Raumvorstellungen in den Fokus. Auf der Grundlage von Cassirers Raumtheorie wird es möglich, nicht nur eine Pluralität an Wildnisbedeutungen (das ‚Was-gedacht-wird‘) festzustellen, sondern Deutungskontexte der Diskursstränge, also die jeweiligen Bedingungen der Möglichkeiten der Raumauffassungen, zu rekonstruieren und damit zu verstehen, wie gedacht wird. Mit den drei Cassirer´schen Raumauffassungen entwickle und verdichte ich dann folgende drei Wildnisbegriffe: ‚unbekannte Wildnis‘ als das nicht genauer bestimmbare Draußen, ‚bestimmte Wildnis‘ als individuell wahrgenommene wilde Landschaft und ‚Ökosystem-Wildnis‘ als naturkundlich begriffene Einheit von Lebensgemeinschaften und ihrer Umwelt, die als sich dynamisch veränderndes Funktionssystem betrachtet wird.

"Von Nutzen für die Landschafts- und Naturschutzplanung"

L.I.S.A.: Welche praktischen Schlussfolgerungen lassen sich aus Ihrer Analyse für eine aktive Naturschutzpolitik ziehen?

Dr. Kangler: Die gesellschaftliche Pluralität an Wildnisvorstellungen wird in ihrer Mannigfaltigkeit in die Analyse einbezogen. Weder werden bestimmte Bedeutungen von Wildnis als systematisch unzulässige Vermischungen beurteilt (und daher nicht näher beachtet), noch wird Wildnis reduziert auf eine eindimensionale Definition. Der Ansatz der Arbeit ist vielmehr ein für die aktuellen mitteleuropäischen Diskurse um die Naturschutzidee ‚Wildnis‘ umfassender Ansatz. Daher werden mit den drei Wildnisbegriffen sehr unterschiedliche gesellschaftliche Deutungsmuster charakterisiert, wobei vor allem folgende Aspekte zentral sind: Im Begriff ‚unbekannte Wildnis‘ werden unmittelbare emotionale Auffassungen von Raum als Wildnis, mythisch auf transzendentale Sinngehalte verweisend, als typische, moderne Formungen verständlich gemacht. In ‚Ökosystem-Wildnis‘ werden das alltagsweltliche Verständnis naturwissenschaftlich-theoretischer Erklärungen und ihre Verknüpfung mit emotionalen Raumauffassungen dargelegt. Die Wahrnehmung ‚bestimmter Wildnis‘ individuell ästhetisch als Landschaft – als Entdeckung einer bestimmten visuellen Gestalt und Struktur – wird als eine weitere wesentliche Vorstellung im aktuellen Diskurs um die Naturschutzidee ‚Wildnis‘ identifiziert.

Für die Praxis von Landschaftsplanung und Naturschutz ist diese theoretische Strukturierung relevant, weil erst nach dieser Explikation grundlegender Sinngebungen in ihrer Unterschiedlichkeit das missverständliche Konglomerat an Wildnisvorstellungen und die Konfliktpositionen um bestimmte Gebiete in Mitteleuropa als Wildnis plausibel und verhandelbar werden. Damit wird es möglich, im aktuellen Naturschutzdiskurs bei einem wichtigen Thema weniger ‚aneinander vorbei zu reden‘. Die vorliegende Arbeit nimmt bewusst keine Bewertung verschiedener Vorstellungen von Wildnis – oder der Gegenden, denen man eine Bedeutung als Wildnis zuschreibt – vor, sondern möchte Grundlagen zur Verbesserung solcher Beurteilungen liefern. Dies ist von Nutzen für die Landschafts- und Naturschutzplanung, die sich auf Wildnis bezieht, denn diese muss, um nicht an den Bedürfnissen der Menschen vorbeizuplanen, zunächst die Bedürfnisse und Sinnzuweisungen begreifen, die sich im gesellschaftlichen Diskurs am konkreten Gebiet zeigen. Zudem müssen in einer Demokratie Leitideen und Maßnahmen derartiger Planung dem Anspruch intersubjektiver Nachvollziehbarkeit genügen, weil sie die Öffentlichkeit betreffen – im Gegensatz etwa zum öffentlichen Kunstwerk, das subjektive Empfindungen zur Diskussion stellt.

"Eine alltagsweltliche, populär-naturwissenschaftliche Naturauffassung"

L.I.S.A.: Im Rheinischen Braunkohlerevier hat sich zuletzt ein schlagzeilenträchtiger Konflikt zwischen dem Energiekonzern RWE und Waldschützern im Hambacher Forst ereignet. Das zu schützende Waldstück wird vor allem dadurch als solches legitimiert, dass es als Urwald betrachtet wird, als ein Stück menschlich unberührtes Stück „Wildnis“. Teilen Sie unter Berücksichtigung Ihrer wissenschaftlichen Arbeit diese Perspektive?

Dr. Kangler: Ob eine Gegend „Wildnis“ ist oder nicht, liegt immer im Betrachtenden – mit jeweiligem Erfahrungshintergrund, Interessen und aktueller Stimmung. Ob die Auffassung eines Waldes als Wildnis „richtig“ ist, will und kann ich nicht beurteilen.

Dass der Hambacher Forst als „Wildnis“ bezeichnet wird, ist mir allerdings noch nicht untergekommen. Das Gebiet wird von Gegnern der Rodung als „einzigartiges Ökosystem" mit "einzigartiger Vielfalt an Flora und Fauna“ beschrieben (https://hambacherforst.org/hintergruende/der-wald/). Von „Urwald“ ist vorsichtig zum Teil die Rede. Dabei klingt eine alltagsweltliche, populär-naturwissenschaftliche Naturauffassung, wie ich sie in meiner Arbeit beschrieben habe, an. Von Seiten der Betreiber wird mit der Möglichkeit der Renaturierung und Wiederherstellbarkeit eines Waldes geworben (https://www.hambacherforst.com/), was zur Idee des Urwaldes konträr ist. Möglicherweise nimmt der eine oder die andere den Hambacher Forst im Sinne einer mythischen, ‚unbekannten Wildnis‘ oder ästhetischen ‚bestimmten Wildnis‘ oder als ‚Ökosystem-Wildnis‘ wahr.

Vor allem fokussiert sich meiner Beobachtung nach an diesem Wald eine andere gesellschaftliche Kontroverse: Es wird darum gerungen, was die richtige Energiepolitik der Zukunft ist. Und es zeigt sich die Vielfalt an kulturell-gesellschaftlichen Auffassungen, die in politischen Meinungen und Bewegungen zum Ausdruck kommen. Gut, dass wir in einer stabilen Demokratie leben, in der diese Diskurse um Wertsetzungen für Natur, Landschaft und Ressourcen offen geführt werden können.

Gespannt bin ich, wie sich die Diskussionen um den Hambacher Forst und ähnliche Projekte weiterentwickelt.

Dr. Gisela Kangler hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

N9536K