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Georgios Chatzoudis | 17.11.2015 | 3359 Aufrufe | 4 | Interviews

"Wer den Wind sät..."

Interview mit Michael Lüders über westliche Politik im Nahen und Mittleren Osten

Das Interview mit Michael Lüders haben wir vor den aktuellen Anschlägen von Paris geführt. Anlass dafür war für uns sein bereits im März erschienenes Buch "Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet". Interessiert hat uns dabei die schon im Titel des Buches unverblümt behauptete Kausalität zwischen westlicher Politik im sogenannten Orient und den neuen Formen von Terrorismus, die jetzt jüngst in Paris ein neues erschreckendes Ausmaß angenommen haben. Wir wollten von ihm wissen, warum er dieses Buch geschrieben hat, welche Kernfrage ihn leitete und auf welche Resonanz das Buch bisher gestoßen ist.

"Selbstkritik ist dringend erforderlich"

L.I.S.A.: Herr Lüders, Sie haben das Buch „Wer den Wind sät. Was westliche Politik im Orient anrichtet“ geschrieben. Wie würden Sie in wenigen Sätzen die Hauptthese Ihres Buch zusammenfassen? Was möchten Sie nachweisen?

Lüders: Es geht mir darum, die große Kluft aufzuzeigen zwischen dem Freiheitsversprechens des Westens einerseits und der Realität seiner Machtpolitik andererseits. Wir mögen uns für die "Guten" halten, weil westliche Politik vermeintlich für Demokratie und Gerechtigkeit steht. In Wirklichkeit aber haben die Militärinterventionen namentlich der USA und Großbritanniens seit dem 2. Weltkrieg und deren Politik des "regime change" Diktatoren hofiert oder an die Macht verholfen - mit verheerenden Folgen für die Menschen (nicht nur)  im Nahen und Mittleren Osten. Diesen Zusammenhang ins Bewusstsein zu rufen sind wir ihnen und uns schuldig.  

L.I.S.A.: Was hat Sie zu diesem Buch veranlasst? Wie ist dabei das Zitat, das Sie dem Buch voranstellen: „Wenn alle dasselbe denken, werde ich misstrauisch“, zu verstehen? Was denken oder dachten alle, was Sie hat misstrauisch werden lassen? 

Lüders: Ich misstraue grundsätzlich dem politischen Mainstream-Denken, das die Welt in "gut" und "böse" unterteilt, wobei wir im Westen uns, wie erwähnt, zu den Guten rechnen. Selbstkritik ist dringend erforderlich, weil wir in einer zunehmend komplexeren Welt im dauerhaften Krisenmodus leben und dieses Denken in Sackgassen führt. Gerade weil ich das Freiheitsversprechen des Westens ernst nehme, erscheint es mir dringend erforderlich, es tatsächlich auch einzulösen - jenseits von bloßer Rhetorik.  

"Dinge auszusprechen, die normalerweise ungesagt bleiben"

L.I.S.A.: Die Kritiken über Ihr Buch sind voll des Lobes, bezeichnenderweise auch aus den Reihen denjenigen, die Sie möglicherweise in dem vorangestellten Zitat meinen. Haben Sie den Eindruck, dass Sie mit Ihrem Buch Denkgewohnheiten, Interpretationsschablonen, Freund-Feind-Schemata verändern können?

Lüders: Ich erfahre viel Dankbarkeit dafür, dass ich, wie es heißt, "den Mut" habe, Dinge auszusprechen, die normalerweise ungesagt bleiben. Das wiederum hat mich sehr erstaunt: Für mich ist das, was ich geschrieben habe, dermaßen offenkundig und selbstverständlich, dass ich nicht nachvollziehen kann, damit gewissermaßen allein auf weiter Flur dazustehen…. Ich glaube, dass viele Leser den Eindruck haben, von den Medien nicht umfassend informiert zu werden und dieses Buch mit Gewinn lesen, gerade weil es sich nicht selbst zensiert. Was aber sagt es über unsere Gesellschaft aus, namentlich die Printmedien, wenn ein konsequentes Denken bereits als mutig gilt?  

L.I.S.A.: Es gab allerdings auch Kritik an Ihrer Darstellung. Ihnen wird vorgeworfen, sich mit den USA und vor allem Israel die üblichen Verdächtigen herausgepickt zu haben. Ist eine Fokussierung auf die Vereinigten Staaten und Israel nicht Wasser auf den Mühlen derjenigen, die schon immer die beiden Staaten als Tandem betrachten und für alles Übel in der Region verantwortlich machen wollen?

Lüders: Die üblichen Verdächtigen scheinen mir eher diejenigen zu sein, die dem Mainstream und den Mächtigen nach dem Mund reden und es als Provokation empfinden, wenn ihnen jemand den Spiegel vorhält.   

L.I.S.A.: Das Buch erscheint nun bereits in der 12. Auflage. Wie erklären Sie sich die große Nachfrage nach Ihrem Buch? Geht es um die Sehnsucht nach Übersichtlichkeit, nach klaren Fronten, nach einem Schuldigen? Oder geht es eher um die Auflösung manichäischen Gut-Böse-Denkens? Welche Reaktionen haben Sie persönlich erhalten?

Lüders: Ich habe auf das Buch fast ausschließlich positive Reaktionen erfahren. Häufig erhielt ich E-Mails des Inhalts: Vielen Dank, dass Sie in klaren Worten und gut verständlich historische Zusammenhänge nachvollziehbar dargestellt haben, ohne in Polemik oder Ideologie zu verfallen. Und genau das war auch mein Anliegen. 

Michael Lüders hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Dr.med Bernd Niedernhöfer | 18.11.2015 | 22:00 Uhr
Sehr geehrter Lüders,Ihre Aussagen in dem LISA Interview sind mir aus dem Herzen geschrieben.Peter Scholl-Latour liegt ja auch auf Ihrer und meiner Länge,so ganz einsam stehen Sie nicht da! Aber Sie wissen ja auch Wissen macht einsam! Seit 5 Jahren beschäftige ich mich mit Arabisch und dem Islam,höre seit 2 Monaten Frau Schöck mit viel Freude.

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von Bernd Scherf | 26.11.2015 | 15:32 Uhr
Ich habe den Eindruck, dass Michael Lüders kein Gespür für die offene Gesellschaft hat. Er sollte wissen, dass Europa eine Sonderentwicklung durchmachte, die zur Zähmung von politischer und religiöser Macht führte. Von der Zähmung durch die Aufklärung ist der Islam noch nicht ernsthaft berührt. Vgl. Hans Albert, Europa und die Zähmung der Herrschaft. Der europäische Sonderweg zu einer offenen Gesellschaft, in: Hans Albert, Freiheit und Ordnung. Zwei Abhandlungen zum Problem einer offenen Gesellschaft, 1985, Walter Eucken Institut.

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von Thomas Kleinbub | 02.03.2016 | 12:16 Uhr
Was die "üblichen Verdächtigen" angeht: Das sollte man die Scheuklappen der "political correctness" ablegen. Die Zerstörung des Nahen Ostens ist zu großen Teilen ein westliches Werk, daran kommt kein Historiker vorbei. Und dass unsere Freunde jenseits des Atlantiks keine Hemmungen hatten, auch Diktaturen in ihr Interessenkalkül einzubeziehen, ist doch längst kein Geheimnis mehr. Nur versäumen es unsere Leitmedien regelmäßig, diesen Aspekt in ihrer Berichterstattung gebührend zu betonen. Da wird nachgebetet und propagiert, was das Zeug hält - als ob man beispielsweise die Irak-Lüge der USA vergessen hätte, als ob diese heute keine Rolle spielte. Drängt sich da nicht der Verdacht auf, dass unserer Medien damals schon fast wie gleichgeschaltet waren und es heute noch sind? Großen Dank an Herrn Lüders!

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von Axel Graefe | 16.08.2016 | 19:55 Uhr
Dass dießes Buch eine Lücke füllt, dürfte unumstritten sein. Es ist überfällig, nur wird es denn auch von unseren Politikern gelesen oder tut der Inhalt einfach nur weh, weil er aufzeigt, wie kurzsichtig westliche und damit auch die deutsche Politik gehandelt hat und Writer handelt. Gibt es übrigens eine englische Übersetzung von diesem Buch? Irgendjemanden wird es doch in Großbritannien und in den USA geben, den dieser Ingalt nachdenklich macht. Aber was rede ich.Nach Brexit und aktuell mit Trump sind wir doch auf dem Weg weiterer Eskalationen mit unsicherem Ausgang. Auch ich hoffe, dass die Verantwortlichen noch in der mir verbleibenden Zeit in Den Haag zur Verantwortung gezogen werden. Es gibt ein Regulativ, irgendwann und durch eine Kraft, die wir nicht wirklich kennen. Daran glaube ich zumindest.

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