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Björn Schmidt | 16.01.2018 | 1323 Aufrufe | 2 | Interviews

"Wechselwirkungen zwischen Judesein und Mannsein"

Interview mit Kristoff Kerl über Antisemitismus und Geschlechterkonstruktionen in den USA


Im Jahr 1915 wird im US-Bundesstaat Georgia ein Fabrikbesitzer von einem Lynchmob ermordet. Und auch wenn das Lynchen zu dieser Zeit zum rassistischen Alltag des US-Südens gehörte, stellt dieser Mord eine Besonderheit dar: Denn das Opfer war nicht afroamerikanischer Herkunft, sondern Jude. Kristoff Kerl hat sich in seiner Dissertation mit der Vorgeschichte des Mordes beschäftigt und untersucht die Verschränkungen von Antisemitismus und Geschlecht. Im Interview haben wir nach Konzepten der Männlichkeit, vor allem der Krise der sogenannten Farmermännlichkeit gefragt. Außerdem spricht Kerl über die Rolle des wiedergegründeten Ku Klux Klans und die Unterschiede des Rassismus gegen Juden und Afroamerikaner.

"Bedeutung von Geschlechterkonstruktionen für antisemitische Diskurse"

L.I.S.A.: Herr Dr. Kerl, in ihrer jüngst erschienenen Dissertation widmen Sie sich dem Themenfeld Männlichkeit und moderner Antisemitismus in den Südstaaten der USA. Sie verknüpfen also Gender-Theorie mit Antisemitismusforschung. Bevor wir inhaltlich einsteigen, wie wichtig ist die Kategorie Geschlecht für historische Analysen des Antisemitismus?

Dr. Kerl: Das ist eine Frage, die sich pauschal schwer beantworten lässt. Die Bedeutung von Geschlechterkonstruktionen für antisemitische Diskurse variiert mit dem Zeitraum und der Region, die in den Blick genommen werden und damit mit den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen und den hegemonialen Geschlechterkonfigurationen. Dennoch lässt sich generell festhalten, dass antisemitische Diskurse häufig mit Wahrnehmungen und Vorstellungen von einer Krise des dominanten Geschlechterverhältnisses im Allgemeinen und einer Krise hegemonialer Männlichkeit im Besonderen verflochten waren und sind. Juden wurden in antisemitischen Diskursen als Triebkräfte des Aufstiegs und der Durchsetzung einer kapitalistischen Moderne konstruiert. Damit wurden sie mit diversen Aspekten einer industriell-kapitalistischen Gesellschaftsformation in Verbindung gesetzt, die als fundamentale Gefahr für den Erhalt der gesellschaftlichen Moral sowie der vermeintlich ‚natürlichen‘ Geschlechterordnung galten. Sehr deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang zwischen der Kategorie Geschlecht und Antisemitismus zum Beispiel in der antisemitischen Figur des „jüdischen Perversen“ oder auch in der Figur der schönen und verführerischen Jüdin.

Um den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Antisemitismus theoretisch zu durchdringen, habe ich auf das in den 1980er Jahren von der afroamerikanischen Juristin Kimberlé Crenshaw entwickelte Konzept der Intersektionalität zurückgegriffen. Die Grundannahme dieses Konzeptes besagt, dass unterschiedliche gesellschaftliche Machtachsen wie Geschlecht, Klasse, Race, Sexualität, (Dis-)Ability, usw. miteinander verwoben sind. Kategorien wie Geschlecht entwickeln also keine separat, sondern immer nur in Interaktion mit anderen Machtachsen zu analysierenden Effekte.

So brachten die Wechselwirkungen zwischen Judesein und Mannsein im antisemitischen Diskurs der westlichen Gesellschaften eine ganz spezifische Subjektkonfiguration hervor, die auch während des in meiner Arbeit zentralen Leo-Frank-Case eine immense Wirkmacht entfaltete. Das Attribut Judesein modifizierte dabei das Mannsein und es entstand die Vorstellung vom effeminierten jüdischen Mann. Allerdings waren innerhalb des antisemitischen Diskurses nicht nur Geschlecht und Race, sondern auch Kategorien wie Sexualität und Klasse im jüdischen Subjekttypus miteinander verwoben.

"Der Leo-Frank-Case ist von großer Bedeutung"

Foto von Leo Frank

L.I.S.A.: Den Ausgangspunkt – oder Fixpunkt – ihrer Arbeit bildet der sogenannte Leo-Frank-Case. Der jüdische Fabrikbesitzer Leo Frank wurde 1913 im Staat Georgia für den Mord an einer 13-jährigen Arbeiterin verurteilt und zwei Jahre später von einem Lynchmob ermordet. Was macht diesen Fall so besonders? Oder ist es gerade seine Alltäglichkeit, die ihn auszeichnet?

Dr. Kerl: Der Leo-Frank-Case ist in mannigfaltiger Hinsicht von großer Bedeutung für die Geschichte des Antisemitismus in den USA. Der Mord an der dreizehnjährigen angloamerikanischen Arbeiterin Mary Phagan, deren Leiche am Morgen des 26. April 1913 auf dem Gelände einer von Leo Frank geleiteten Fabrik in Atlanta, Georgia, aufgefunden wurde, sowie der sich anschließende Prozess gegen den jüdischen Fabrikleiter hielt die USA über zwei Jahre in Atem und fand eine immense mediale Aufmerksamkeit. Auch die Verurteilung Leo Franks zum Tode setzte den Auseinandersetzungen zwischen dem Pro-Frank und dem Anti-Frank-Lager kein Ende. Nachdem der damalige Gouverneur von Georgia, John M. Slaton, wegen großer Zweifel an der Rechtmäßigkeit des Prozesses die gegen Frank verhängte Todesstrafe in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt hatte, eskalierte die Situation vollends. Ein Mob wütender BürgerInnen denunzierte Slaton als „King of the Jews”, versuchte seiner mit Gewalt habhaft zu werden, hängte eine Puppe von ihm an einem Laternenmast auf und rief zu Aktionen gegen Juden und Jüdinnen auf. Um das vermeintlich durch Slatons Entscheidung außer Kraft gesetzte Recht wiederherzustellen, formierte sich eine Gruppe weißer Männer mit dem Namen The Knights of Mary Phagan. Diese entführten Leo Frank aus dem Gefängnis und erhängten ihn am 17. August 1915.

„Note the Horrible Lips, the Nose and the Averted Eyes of Leo Frank – A Typical Pervert”

Während Lynchmorde im US-Süden zu diesem Zeitpunkt mehr oder weniger zum rassistischen Alltag gehörten, – zwischen 1880 und 1930 wurden im Süden über 3.300 Lynchmorde an afroamerikanischen Menschen verübt – stellte der Leo-Frank-Case in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit dar. Während den Aussagen von afroamerikanischen Menschen gegen weiße Menschen vor Gericht im Süden generell keinerlei Beweiskraft zugebilligt wurde, geriet der anfänglich selbst unter Mordverdacht stehende James Conley, ein in der National Pencil Company als Reinigungskraft beschäftigter Afroamerikaner, in dem Prozess zum Hauptbelastungszeugen gegen Leo Frank. Diese an sich schon außergewöhnliche Konstellation erscheint noch überraschender, wenn man sich vor Augen führt, dass im Zentrum des Leo-Frank-Case die Annahme stand, dass der Mörder Mary Phagans zunächst versucht habe, diese zu vergewaltigen. Spätestens seit dem Bürgerkrieg war die sich in der Figur des Black Beast Rapist manifestierende Vorstellung, dass afroamerikanische Männer ein ungeheures Begehren nach weißen Frauen verspüren und deshalb häufig sexuelle Übergriffe verüben würden, integraler Bestandteil des im US-Süden allgegenwärtigen und brutalen Rassismus gegen African Americans.

In den Auseinandersetzungen zwischen dem Pro-Frank- und dem Anti-Frank-Lager nahmen diese Vorstellungen rassifizierter Sexualitäten eine herausragende Rolle ein. Sowohl die Sichtweisen des Pro-Frank- wie auch des Anti-Frank-Lagers waren von rassistischen Vorstellungen von männlich-afroamerikanischer Sexualität durchzogen. Dabei entwickelte dieses rassistische Wissen in den beiden Lagern jedoch völlig divergierende Effekte. Während James Conley vom Pro-Frank-Lager unter Rückgriff auf die Figur des Black Beast Rapist als (gescheiterter) Vergewaltiger und Mörder von Mary Phagan identifiziert wurde, diente das gleiche rassistische Wissen über afroamerikanisch-männliche Sexualität dem Anti-Frank-Lager als Beweis dafür, dass nicht James Conley, sondern vielmehr Leo Frank der Mörder gewesen sei. Da Afroamerikaner weiße Frauen auf ‚natürliche‘ Weise vergewaltigen würden, aber kein Sperma im Genitalbereich der jungen Frau gefunden worden sei, so lautete die Argumentation, sei ein Afroamerikaner als Täter auszuschließen. Stattdessen verweise das fehlende Sperma auf einen ‚perversen‘ Täter, und damit, so das Anti-Frank-Lager, auf einen Juden.

Dem Anti-Frank-Lager diente also die im US-Süden vor dem Fall bedeutungslose Figur des Jew Pervert, in der die Kategorien Klasse, Geschlecht, Race und Sexualität miteinander verflochten waren, als Beweis für die Schuld Leo Franks.

In dieser besonderen Konstellation, in der die für afroamerikanische Männer sonst so tödliche Vorstellung vom Black Beast Rapist zur Entlastung James Conleys geriet, kommt auch der enorme Bedeutungsgewinn des antisemitischen Wissens zum Ausdruck, der sich in der Affäre vollzog. Allerdings kam es im Verlauf des Leo-Frank-Case nicht bloß zur Verdichtung und Ausbreitung antisemitischen Wissens. Vielmehr ereignete sich während der Affäre neben der quantitativen auch eine qualitative Modifikation der Judenfeinschaft. Während im US-Süden bereits in den Dekaden nach dem Bürgerkrieg antisemitisches Wissen zirkulierte, wurden diese zuvor unverbunden nebeneinander bestehenden Elemente im Verlauf des Leo Frank Case befeuert und zu einer kohärenten antisemitischen Weltsicht verbunden.

"Vorstellung der Unterwerfung und Ausbeutung des Südens durch den Norden"

L.I.S.A.: In antisemitistischen Diskursen wird das Judentum mit der Finanzwelt assoziiert, klassischerweise also eher den Nordstaaten und Finanzzentren wie New York. Wie äußert sich diese Assoziation im Süden der USA, der geographisch, gesellschaftlich und industriell eher weit von den „Yankees“ entfernt ist?

Dr. Kerl: Generell funktionieren Verschwörungstheorien, ob nun antisemitische oder andere wie z.B. die der Reptiloiden, generell über die Annahme, dass die vermeintlich verschwörerisch agierenden Menschen/Kreaturen als machtvolle ‚Drahtzieher‘ im Verborgenen und damit unsichtbar handeln. Dem entsprechend bedürfen Verschwörungstheorien auch nicht der Existenz der vermeintlich verschwörerischen Akteure vor Ort. Sie setzen lediglich die (bewusste oder unbewusste) Vermittlung und Durchsetzung der Verschwörung durch ‚Marionetten‘ und ‚Handlanger‘ voraus. So sahen viele angloamerikanische SüdstaatlerInnen in den politischen, sozialen, kulturellen und ökonomischen Umformungen, die sich im Süden während der Reconstruction Era (zumindest partiell) vollzogen, das Resultat des konspirativen Handelns des ‚Yankee‘-Nordens.

Eine wichtige Figur in diesen Verschwörungsdiskursen bildete die Figur des Carpetbagger. Mit diesem politischen Kampfbegriff wurden NordstaatlerInnen belegt, die sich nach dem Bürgerkrieg aus ökonomischen, politischen, sozialen oder privaten Gründen im Süden niederließen und vermeintlich oder tatsächlich in das republikanische Projekt der gesellschaftlichen Neuordnung der Südstaaten involviert waren. Viele SüdstaatlerInnen sahen in ihnen wahlweise die HandlangerInnen und Ausführenden einer ‚Yankee‘-Verschwörung oder aber häufig gar die Triebkräfte einer gegen den Süden gerichteten Konspiration. Als zentrales Instrument der Verschwörung identifizierten weiße SüdstaatlerInnen dabei die Verleihung staatsbürgerlicher Rechte an afroamerikanische Männer. Da nach Ansicht vieler AngloamerikanerInnen afroamerikanische Menschen auf Grund ihrer angeblichen kognitiven Inferiorität nicht zu Selbstbestimmung und politischer Partizipation fähig waren, hätten die Carpetbagger mittels der manipulierbaren AfroamerikanerInnen die politische Macht im Süden erringen und sich dessen ökonomischer Reichtümer bemächtigen können.

Weiße SüdstaatlerInnen verstanden sich während der Jahre der Reconstruction Era also als Opfer einer gegen sie gerichteten Verschwörung der Yankees bzw. der Carpetbagger. In diesen äußerst dichten und wirkmächtigen Konspirationsnarrativen wurden Yankees/Carpetbagger häufig mit Attributen versehen, die während des Leo-Frank-Case auch Juden zugeschrieben wurden: beide wurden mit Aspekten des Niedergangs der agrarischen Gesellschaftsformation im Süden verknüpft beziehungsweise mit Facetten des Aufstiegs einer kapitalistischen Moderne, beide wurden als parasitäre Subjekte beschrieben, beide galten als Triebkräfte einer Verschwörung gegen den Süden, beiden wurde ein skrupelloses und allein an der Maximierung ihres Profits ausgerichtetes ökonomisches Handeln zugeschrieben sowie ihre Whiteness in Zweifel gezogen oder gar negiert.

Während die Wirkmacht dieser Verknüpfung zwischen Yankees/Carpetbaggern und Juden während der Reconstruction relativ gering war, verdichteten sich diese hergestellten Verbindungen während des Leo-Frank-Case massiv. Bereits in den Jahren vor der Affäre war unter angloamerikanischen SüdstaatlerInnen die Vorstellung der erneuten Unterdrückung des Südens durch den Norden verbreitet. Während des Leo-Frank-Case wurde diese Imagination aufs engste mit Juden verflochten. Die Figuration des Jew Carpetbagger entstand. In ihr verband sich der Hass auf den Norden, beziehungsweise auf die Yankees oder Carpetbaggern zugeschriebene Unterminierung der gesellschaftlichen Ordnung des Südens, mit dem während der Affäre rabiaten Antisemitismus. Der im Lynching des jüdischen Fabrikleiters mündende Antisemitismus speiste sich somit auch aus der zu diesem Zeitpunkt im Süden seit Dekaden verbreiteten Vorstellung der Unterwerfung und Ausbeutung des Südens durch den Norden.

"Aufstieg einer kapitalistischen Moderne"

Zoom

Watson Heston, „History Repeats Itself.”

L.I.S.A.: Sie gehen auf die Krise der Farmermännlichkeit, also dem südstaatlichen Ideal der Yeomen, ein und verweisen auf die damalige Angst vor der Industrialisierung. Welche Funktion haben derartige Konzepte von Männlichkeit für den von ihnen beschriebenen Antisemitismus? Lassen sich hier vielleicht generelle Rückschlüsse auf die Kategorie Männlichkeit im Antisemitismus ziehen, beispielsweise im europäischen Kontext?

Dr. Kerl: In den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts setzte im US-Süden der Niedergang der agrarischen Ordnung ein und es vollzogen sich, wenn auch deutlich langsamer als im Norden der USA, Industrialisierungs- und Urbanisierungsprozesse. Sowohl der Niedergang des Agrarsektors als auch der Aufstieg einer kapitalistischen Moderne wurde von vielen weißen SüdstaatlerInnen als eine fundamentale Bedrohung für ein als positiv und tugendhaft verstandenes patriarchales Geschlechterverhältnis und darüber vermittelt für die republikanische Ordnung verstanden wurden.

Im Zentrum dieser Krisendiskurse, deren wohl wichtigster politischer Repräsentant Ende des 19. Jahrhunderts die populistische Bewegung war, stand die Figur des Yeoman, die während meines Untersuchungszeitraumes im US-Süden das Männlichkeitsideal bildete. Ausgehend von der Vorstellung, dass die (zumindest partiell) selbstbestimmte Bearbeitung des eigenen Bodens die Ausbildung einer tugendhaften und virilen Männlichkeit bedinge, wurde der Yeoman sowohl als idealer Familienpatriarch als auch als Fundament der republikanischen Gesellschaftsordnung verstanden. Die fortschreitende Erosion der Yeomanry galt somit vielen weißen SüdstaatlerInnen zum einen als existenzielle Bedrohung für die Prosperität, aber auch für die Moral der vom Yeoman abhängigen Familienmitglieder. Zum anderen wurde sie aber vermittelt über die Idee, dass die Familie die Keimzelle der republikanischen Ordnung bilde, auch als ein grundlegender Angriff auf die Republik verstanden. Viele Farmer identifizierten Shylocks und „die Rothschilds“ als Hauptverantwortliche für die Agrarkrise und bezichtigten diese, die Hauptakteure einer vermeintlichen Verschwörung gegen Farmer und Arbeiter zu sein.

Ebenso wurden Juden mit Prozessen der Industrialisierung und der Urbanisierung verknüpft. Auch diese Entwicklungen wurden von einer großen Zahl angloamerikanischer SüdstaatlerInnen wegen ihrer Auswirkungen auf das Geschlechterverhältnis vehement bekämpft. Sie sahen in urbanem Lebensumständen sowie in (industrialisierten) Lohnarbeitsverhältnissen eine fundamentale Bedrohung für den Erhalt eines vermeintlich geordneten, tugendhaften und patriarchalen Geschlechterverhältnisses. Tatsächlich boten urbane Räume (weißen) Frauen im Vergleich zu den ländlichen Lebensumfeldern einen zumindest partiell gesteigerten Handlungsspielraum, zum Beispiel in ökonomischer oder auch sexueller Hinsicht. Viele weiße SüdstaatlerInnen – vornehmlich Männer, aber auch Frauen – begriffen diese gesteigerte weibliche Autonomie jedoch nicht als eine positive Entwicklung. Nach ihrer Ansicht lauerten an urbanen Orten zahlreiche fundamentale Gefahren für vermeintlich ‚reine‘ und tugendsame Frauen, die insbesondere von, häufig rassifizierten, unmoralischen Männern ausgingen und die einer Restabilisierung männlicher Kontrolle und Verfügungsgewalt über Frauen bedurften.

Indem man Juden also für die beiden aufs Engste miteinander verwobenen Prozesse des Niedergangs des Agrarsektors sowie des Aufstiegs einer kapitalistischen Moderne verantwortlich machte, zielte der Antisemitismus im US-Süden u.a. also auf die Wiederherstellung einer patriarchal strukturierten sozialen Ordnung mit weißen Männern an der Spitze.

Diese Verbindung zwischen Antisemitismus und Wandel in der Geschlechterordnung ist natürlich beileibe keine Besonderheit des US-Südens, sondern kann auch für Antisemitismus in europäischen Ländern festgestellt werden. Dennoch lassen sich Spezifika in diesem Zusammenhang für den Süden der USA beobachten. Das wäre zuvörderst die enorme Bedeutung, die die Aufrechterhaltung der White Supremacy einnahm. So wurden Juden im antisemitischen Diskurs als Menschen konstruiert, die durch ihr Handeln eine besondere Bedrohung für den Erhalt der Color Line darstellen würden. Zum Beispiel wurde ihnen vorgeworfen afroamerikanischen Männern (sexuellen) Zugang zu weißen Frauen zu gewähren.

"Der bisher einzige bekannte antisemitische Lynchmord dieses Zeitraums"

L.I.S.A.: In den Südstaaten ist in erster Linie der Rassismus gegen African Americans von großer Bedeutung. Sie arbeiten die Rolle des zeitlich nach dem Leo-Frank-Case wiedergegründeten Ku Klux Klans heraus. In welchem Verhältnis standen beide Formen des Rassismus?

Dr. Kerl: Der Rassismus gegen afroamerikanische Menschen hat im US-Süden eine weitaus längere und gewalttätigere Geschichte als der Antisemitismus. Wie bereits erwähnt, wurden im Süden zwischen 1880 und 1930 über 3.300 Lynchmorde an afroamerikanischen Menschen verübt. Dem gegenüber ist der Mord an Leo Frank der bisher einzige bekannte antisemitische Lynchmord dieses Zeitraums. Trotz dieser also deutlich differierenden Dimensionen der Gewalt lässt sich für den 1915 neugegründeten Ku Klux Klan (KKK) zumindest auf ideologisch-programmatischer Ebene ein deutlicher Bedeutungsgewinn antisemitischer Weltsichten feststellen. Während der erste Ku Klux Klan, der den Süden während der Reconstruction Era mit einer primär gegen African Americans gerichteten Terrorwelle überzogen hatte, keine antisemitische Stoßrichtung aufwies, sollte sich das in dem 1915 wiedergegründeten KKK fundamental ändern.

Die Ursachen für diese Entwicklung sind ganz wesentlich darin zu sehen, dass die Neugründung des KKK aufs Engste mit dem Leo Frank Case verknüpft war. So kam es, dass es mit dem Klan in der ersten Hälfte der 1920er Jahre zum Aufstieg der ersten antisemitischen Massenorganisation in der Geschichte der USA kam. Übrigens war die Weltsicht des Klans des frühen 20. Jahrhunderts beileibe nicht nur vom Rassismus gegen afroamerikanische Menschen sowie von Antisemitismus strukturiert. Vielmehr war sie auch von einem rabiaten Antikatholizismus durchzogen. Während auf den ersten Blick also diese drei Gruppen als Kräfte, die auf die Zerstörung der USA zielen würden, homogenisiert wurden, lassen sich jedoch fundamentale Differenzen in den Funktionsweisen dieser Gruppenfeindlichkeiten feststellen: Während afroamerikanische Menschen als faul, kognitiv unterlegen und zu keiner Kulturleistung fähig beschrieben wurden, galten Juden als schlau, hinterlistig und enorm einflussreich. Dies hatte Auswirkungen darauf, mit welchen imaginierten oder auch realen sozialen und kulturellen Verwerfungen die beiden Gruppen verknüpft wurden. Während afroamerikanischen Menschen eher Gefahren zugeschrieben wurden, die aus deren angeblicher Animalität und starker Körperlichkeit resultierten, wurde Juden eine aus dem Verborgenen ausgeübte Macht über Medien, die Politik sowie die Wirtschaft und insbesondere die Finanzsphäre attribuiert und als Triebkräfte des Aufstiegs einer kapitalistischen Moderne konstruiert.

Dr. Kristoff Kerl hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Gerd Weghorn | 16.01.2018 | 19:33 Uhr
Dr. Kerls Aussagen über jüdische Amerikaner - genauer: amerikanische Juden - sind seltsam unbestimmt und hinterlassen bei mir den Eindruck, dass der Autor mit Vorurteilen über die Yeomen arbeitet, wenn er schreibt: Es "galten Juden als schlau, hinterlistig und enorm einflussreich" und es wurden von den Südstaatlern "Juden eine aus dem Verborgenen ausgeübte Macht über Medien, die Politik sowie die Wirtschaft und insbesondere die Finanzsphäre attribuiert und als Triebkräfte des Aufstiegs einer kapitalistischen Moderne konstruiert."

Diese distanzierten Attribuierungen - "galten, attribuiert, konstruiert" - bezüglich der genannten Eigenschaften von Juden verstehe ich als Kerls Kritik an den Yeomen, so, als wolle er damit den Südstaatlern ein falsches Bewusstsein von der Wirklichkeit nachsagen oder unterstellen.

Was aber, wenn die Karikatur von Watson Heston, „History Repeats Itself,” der Realität entsprochen hätte?!

Meine Fragen:

Haben Sie, Herr Dr. Kerl, die politisch-ökonomischen Aussagen über die von den Südstaatlern kritisierten Juden und Politiker (siehe Karikatur) auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft, oder vertreten Sie wirklich die Auffassung vom Opferstatus dieser Gruppierungen?

Gab es das ausbeuterische Verhalten dieser Gruppierungen in Wirklichkeit - oder hat sich Heston diese Ausbeutung nur ausgedacht?!

Entspricht es nicht den Tatsachen, dass die Vermögensverteilung in den USA genau in diesem Zeitraum von himmelschreiender "Ungerechtigkeit" gewesen ist, und dass nicht nur die Yeomen an ihrem - doch ehrenwerten - Selbstverständnis als "Ernährer der Familie" aus strukturell-funktional erklärbaren Gründen haben zweifeln müssen?!

Ich würde Ihre Parteinahme für Leo Frank als "Opfer" einer patriarchalischen Mentalität der Yeomen als Resultat eines Vorurteils beurteilen, weil der Klassenlage der Kritisierten nicht die führende Rolle in der Erklärung ihrer Mentalität zugekommen wäre: "erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!" (BB)

Kommentar

von Prof. Dr. Norbert Finzsch | 16.01.2018 | 21:40 Uhr
Bei Herrn Weghorn handelt es sich um einen im Netz allzu bekannten antisemitischen Agent Provocateur. Daran ändert auch seine für Antisemiten ungewöhnlich eloquente Sprache nichts. Dass die Vermögensverteilung in den USA "in diesem Zeitraum" ungerecht gewesen ist, wird niemand bestreiten. Dass jüdische Amerikaner irgendetwas mit dieser Ungerechtigkeit zu tun hatten, hingegen wohl. Insofern handelten die Yeomen auf der Basis eines notwendig falschen Bewusstseins -- wenn wir schon die vom ehemaligen SDS-Mitglied Weghorn so eifrig bemühten marxistischen Vokabeln nicht scheuen wollen. Das "ausbeuterische Verhalten dieser Gruppierungen" (warum schwafeln Sie an dieser Stelle so herum, Herr Weghorn?) war ein Hirngespenst von Antisemiten des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Die kleinen Farmer litten an den hohen Kosten für Hypotheken, der Knappheit an Ackerboden, der Deflation und den sinkenden Agrarpreisen auf dem Weltmarkt, nicht an der "Ausbeutung" durch Juden. Antisemiten verlagern die Ausbeutung typischerweise weg aus der Produktionssphäre und verorten sie in der Reproduktionsphäre oder im Bankenwesen. Im 19. Jahrhundert gab es keine Juden in der Industrie. Es gab ein paar jüdische Investmentbanker, aber gemessen an der riesigen Zahl von jüdischen Einwanderern aus Russland und der K.u.K-Monarchie war das eine verschwindend kleine Gruppe.

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