Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 22.10.2012 | 5664 Aufrufe | Interviews

"Wäre Alexander nicht 323 v. Chr. gestorben..."

Interview mit Heiko Brendel über Kontrafaktische Geschichte

Was wäre gewesen, wenn...? Diese Frage stellen Historiker in der Regel eher nicht. Sie fragen vielmehr: Was war? Einige Historiker wenden dennoch den Konjunktiv II bzw. den Irrealis in ihrer Forschung an. So wie der Mainzer Nachwuchshistoriker Heiko Brendel vom Arbeitsbereich Osteuropäische Geschichte der Johannes-Gutenberg-Universität. Wir wollten von ihm wissen, was ihn an der kontrafaktischen Geschichte interessiert und zu welchen Erkenntnissen er möglicherweise dabei kommt.

Zoom

Heiko Brendel, Lehrbeauftragter für Osteuropäische Geschichte an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz

"Unmöglichkeit ist der Ansatzpunkt für Kontrafaktische Geschichte"

L.I.S.A.: Herr Brendel, Sie beschäftigen sich mit Kontrafaktischer Geschichte. Was ist das eigentlich genau - Geschichte gegen alle Fakten?
 
Brendel: Geschichtswissenschaft wurde von Ged Martin in seinem Buch „Past Futures“ im Jahre 2004 als „unmögliche Notwendigkeit“ beschrieben: Ihre Notwendigkeit ergibt sich aus dem individuellen und gesellschaftlichen Interesse an der Erforschung und Beschreibung der Vergangenheit. Anhand von Quellen – historische Zeugnisse und Überlieferungen – ist eine kausale Beweisführung in den meisten Fällen jedoch nicht möglich, der Untersuchungsgegenstand der Geschichtswissenschaft ist schlicht zu komplex für diese Herangehensweise. Zudem können keine Experimente durchgeführt werden, und eine Modellierung historischer Prozesse ist nur sehr eingeschränkt sinnvoll. Daher kann man, wie Martin, argumentieren, dass Geschichtswissenschaft eigentlich „unmöglich“ ist.

Genau diese „Unmöglichkeit“ ist der Ansatzpunkt für Kontrafaktische Geschichte. Bei dieser wird auf Grundlage der vorhandenen Quellen kontrolliert spekuliert, was geschehen wäre, wenn bestimmte historische Ereignisse und Entwicklungen anders verlaufen wären, als dies unserer Kenntnis der Vergangenheit nach geschah. Der Startpunkt einer kontrafaktischen Darstellung wird Divergenz- oder Wendepunkt genannt, von diesem Zeitpunkt an weicht die alternative Geschichte vom überlieferten Geschichtsverlauf ab. Je lückenhafter die Quellenlage ist und je länger vom Divergenzpunkt ausgehend in eine hypothetische Zukunft geschaut werden soll, desto spekulativer das Unterfangen des Fortschreibens der kontrafaktischen Geschichte. Und je spekulativer es wird, desto geringer wird üblicherweise der geschichtswissenschaftliche Wert. Während nur wenige Historiker explizit kontrafaktische Überlegungen heranziehen, geschieht dies implizit recht häufig, wenn es um die Wertung von Ereignissen oder die Bedeutung von Personen für den Geschichtsverlauf geht.

Belletristische Alternativgeschichtstexte sind als Vorläufer der Kontrafaktischen Geschichtsschreibung zu sehen, wobei es sich um ein Kontinuum handelt, bei dem die Zuordnung einzelner Texte durchaus schwerfallen kann. Sowohl bei belletristischen als auch bei wissenschaftlichen Alternativtexten wählen die Autoren bevorzugt militär- und politikgeschichtlich relevante Divergenzpunkte.

Zoom

"Diese Frage kann ich nicht beantworten"

L.I.S.A.: Sie gehen also hypothetischen Fragen nach, wie zum Beispiel: Was wäre gewesen, wenn Alexander der Große nicht so jung gestorben wäre? Oder: Wie sehe die Welt heute aus, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte? Haben Sie Antworten auf diese zwei Beispielfragen?
 
Brendel: Die von Ihnen genannten beispielhaften Fragestellungen sind in der Tat typisch für die Kontrafaktische Geschichte, ergänzen Sie am besten noch einen militärischen Sieg der Südstaaten im Amerikanischen Bürgerkrieg. Zu diesen Fragen gibt es Dutzende Aufsätze und, im Bereich der belletristischen Alternativgeschichtstexte, ganze Bücher und Buchreihen. Ich lese sehr gerne gut geschriebene Aufsätze zu diesen Themen, beschäftige mich selbst jedoch eher mit anderen Fragestellungen.

Aber um auf Ihre beiden Fragen dennoch konkret einzugehen: Wäre Alexander nicht 323 vor Christus in Babylon gestorben, hätte es ihn womöglich 322 in Susa dahingerafft. Und unabhängig davon, wann er gestorben wäre: Sein strategisch und administrativ enorm überdehntes Reich wäre meiner Ansicht nach so oder so bald nach seinem Tode kollabiert. Wenn Sie es phantastischer wünschen, empfehle ich Arnold Toynbees wunderbaren Aufsatz „If Alexander the Great Had Lived On“ aus dem Jahre 1969.

Wie die Welt heute aussähe, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte – diese Frage kann ich ebenso wenig beantworten, wie die Frage, wie die Welt in den 2080er Jahren aussehen wird. Es gibt wenige Gründe zur Annahme, dass man von einem beliebig gewählten Divergenzpunkt in der Vergangenheit weiter in eine hypothetische Zukunft schauen kann, als man heute die tatsächliche Zukunft zu antizipieren in der Lage ist. Ich gehe jedoch davon aus, dass die deutsche Hegemonie über Europa nach einem militärischen Sieg im Zweiten Weltkrieg von nicht allzu langer Dauer gewesen wäre. Eine gar für Jahrzehnte stabile Nachkriegsordnung aufzubauen, wäre dem Dritten Reich wohl nicht geglückt.

Zoom

"Die Entscheidungsfreiheit historischer Akteure bemessen"

L.I.S.A.: Welchen Sinn macht es nach etwas zu fragen, was sowieso nie passiert ist? Was kann man aus einer rein hypothetischen Geschichte überhaupt lernen? Welchen Erkenntniswert hat Kontrafaktische Geschichtsforschung? Haben Sie ein Beispiel, an dem man zeigen kann, das Kontrafaktische Geschichtsforschung neue Erkenntnisse zu Tage fördern kann?
 
Brendel: Die Kontrafaktische Geschichtsschreibung kann meines Erachtens in zwei Bereichen neue Erkenntnisse und Einsichten liefern. Zum einen wäre da Ged Martins Vorschlag, die „geschehene Geschichte“ mit den vielfältigen Zukunftserwartungen, Hoffnungen und Ängsten der historischen Akteure – ob Individuen oder Kollektive – zu flankieren. Eine solche Betrachtung „vergangener Zukünfte“ ermöglicht es, die Bedeutung der getroffenen historischen Entscheidungen zu bewerten – und die Entscheidungsfreiheit des historischen Akteurs zu ermessen, womöglich die „Zwangsläufigkeit“ mancher sogenannter „zwangsläufiger“ historischer Entwicklungen zu überdenken. Kontrafaktische Überlegungen können somit vor der immer vorhandenen Versuchung schützen, Geschichte zu teleologisch zu denken, indem man die Bedeutung des Zufalls unterschätzt und historisch vorhandene Handlungsoptionen ausblendet.

Dies führt fast unmittelbar zum zweiten Bereich, in dem Kontrafaktische Geschichtsschreibung von Nutzen sein könnte. Um die Bedeutung der Entscheidungsfreiheit der historischen Akteure insbesondere bei größeren historischen Ereignissen und Entwicklungen zu bemessen, kann es sinnvoll sein, mittels kontrafaktischer Überlegungen die Relevanz einzelner Entscheidungen, Ereignisse und Prozesse zu hinterfragen.

Als Beispiel der Möglichkeiten des kontrafaktischen Ansatzes mag die „Südslawische Frage“ in Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg dienen: Die durchaus widersprüchlichen Bestrebungen der südslawischsprachigen Nationen des westlichen Balkan nach nationaler Selbstbestimmung einerseits und südslawischer Einheit andererseits stellten die Fortexistenz der Habsburgermonarchie massiv in Frage und wurden schon vor 1914 als größtes Nationalitätenproblem Österreich-Ungarns betrachtet. Dementsprechend gab es verschiedene – oft schon Jahrzehnte zuvor erdachte – Reichsreformpläne trialistischer und föderalistischer Natur, am Bekanntesten sind wohl Aurel Popovicis „Vereinigte Staaten von Großösterreich“. Von diesen Ideen wurde aber bis zum endgültigen Zusammenbruch Österreich-Ungarns und der Gründung des ersten gemeinsamen südslawischen Staates aus verschiedensten Gründen keine umgesetzt.

Wenn man nun diese in Wien und Budapest ausgiebig diskutierten Reformpläne in  kontrafaktischen Szenarien implementiert und fortentwickelt, wird rasch klar, dass kein einziger vor dem Hintergrund der österreichisch-ungarischen Nationalitätengeschichte und des Ersten Weltkrieges erfolgsversprechend gewesen wäre, kein einziger hätte eine Antwort auf die „Südslawische Frage“ bei gleichzeitigem Fortbestand der Habsburgermonarchie gegeben. Daraus lässt sich schließen: Gleichgültig, welcher der diskutierten Reichsreformpläne zwischen 1914 und 1918 auch verfolgt worden wäre, jeder wäre aufgrund der Eigendynamik des Weltkrieges und des südslawischen Nationalismus gescheitert. Alles andere als zwangsläufig erscheint hingegen die Entstehung Jugoslawiens – gerade mit der Kenntnis dessen Endes in den 1990er Jahren. Insbesondere der „Anschluss“ Montenegros an den SHS-Staat im Dezember 1918 wirft hier große Fragen auf.

Zoom

Von Heiko Brendel erstellte Karte der Vereinigten Staaten von Großösterreich.

"Geschichtsdidaktisch als Rollenspiele sinnvoll"

L.I.S.A.: Viele Historiker bezeichnen Kontrafaktische Geschichte als sinnlos und vor allem unwissenschaftlich. Haben Sie unter Historikerkollegen einen entsprechend schweren Stand?
 
Brendel: Kontrafaktische Geschichte ist nicht mein Forschungsschwerpunkt, sondern nur eines meiner Interessengebiete. Womöglich habe ich deswegen noch keine negativen Erfahrungen mit Kollegen gemacht? Ich weiß es nicht. Nicht wenige Kollegen interessieren sich zudem durchaus für Kontrafaktische Geschichte. Manchmal sicherlich nur zur Unterhaltung, aber nicht selten auch fachlich.

Ich thematisiere in der Lehre regelmäßig die Möglichkeiten und Grenzen der Kontrafaktischen Geschichte. Geschichtsdidaktisch betrachte ich Rollenspiele als sinnvoll, in denen die Studenten die Rollen historischer Akteure einnehmen und ergebnisoffen Entscheidungsprozesse nachspielen. Im Übrigen habe ich die Erfahrung gemacht, dass das historische Interesse nicht weniger Studenten gerade durch populäre Werke der Kontrafaktischen Geschichte geweckt wurde. Oder durch Computerspiele mit historischem Hintergrund, die alternative Geschichtsverläufe thematisieren.

Kontrafaktische Geschichte ist meiner Ansicht kein „Geschichtswissenschlopf“, wie sie von Edward Thompson etwas übertrieben angefeindet wurde. Und sie ist sicherlich mehr als Edward Carrs „parlour game“. Jedoch wird sie von manchem Befürworter – beispielsweise Niall Ferguson – in ihrer Bedeutung und ihren Möglichkeit wohl überschätzt. In manchen Bereichen, bei bestimmten Fragestellungen und auch in der Didaktik können kontrafaktische Überlegungen hilfreich sein. Eines darf jedoch nicht vergessen werden: Dass kontrafaktischen Texte, wie jede andere Form historischer Darstellung, Konstruktionen sind, die tief in der Gegenwart des jeweiligen Verfassers verankert sind. So finden sich in der Kontrafaktischen Geschichte, wie in belletristischen Alternativgeschichtstexten, zu den gleichen Szenarien Utopien und Dystopien.

Die bislang gelungenste Einschätzung des wissenschaftlichen Potentials der Kontrafaktischen Geschichte legte 2006 der Psychologe Philip Tetlock vor. Dessen eigentlicher Forschungsschwerpunkt ist die – überraschend schwach ausgeprägte – Prognosefähigkeit politischer und ökonomischer „Experten“. Hier kommen also wieder die Zukunftserwartungen historischer Akteuren ins Spiel, Martins „vergangene Zukünfte“.

Mehrere Arbeiten zeigen bereits, dass der wissenschaftliche Ertrag der Kontrafaktischen Geschichtsschreibung sowie der Wert fachwissenschaftlicher und populärer Alternativgeschichtstexte als Quelle historischer Forschung nicht mehr unterschätzt wird. Man kann mit gutem Recht andere Forschungsfelder als wichtiger und fruchtbarer erachten, aber Ressentiments sind fehl am Platze. Und in der Tat scheinen die Berührungsängste abzunehmen.

"Alternativlosigkeit? Ja und Nein"

L.I.S.A.: Heutzutage bemühen viele Politiker oder Publizisten den Begriff "Alternativlosigkeit", um Entscheidungen und Meinungen letztgültiges Gewicht zu verleihen. Aber zeigt nicht gerade die Kontrafaktische Geschichte, dass es immer eine Alternative gibt?
 
Brendel: Im Prinzip ja, aber…

Es kann durchaus Situationen geben, in denen alle den Akteuren zur Verfügung stehenden und in Frage kommenden Handlungsalternativen entweder zum selben Ergebnis kommen – oder zu zwar verschiedenen, aber gleichermaßen unerwünschten Resultaten führen. In solchen Fällen, zu dem ich durchaus mein obiges Beispiel zur „Südslawischen Frage“ zählen möchte, könnte der Begriff „Alternativlosigkeit“ durchaus angebracht sein.

In der Gegenwart als Politiker von „Alternativlosigkeit“ zu sprechen, und dabei eigentlich Zeitdruck und Sachzwänge zu meinen, durch die einem vermeintlich nichts übrig bleibt, als so zu handeln, wie man eben handelt, um damit den in Demokratien so wichtigen politischen Diskurs im Vornherein abzuwürgen – das ist nicht nur schlechter Stil, das ist gefährlich. Denn diese Wortwahl stellt den Kern des Politischen in Frage: Die willentliche Gestaltung des Öffentlichen und Privaten durch die Politik. Zu Recht wurde „alternativlos“ zum „Unwort des Jahres“ gewählt.

Kommentar erstellen

6YYP5Z