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Olivia Schmidt-Thomée | 18.07.2019 | 338 Aufrufe | Artikel

Von großen Eindrücken im kleinen Göttingen, oder:
warum auch Studierende sich die Tagungen ihres Faches nicht entgehen lassen sollten

Beitrag zum 35. Deutschen Kunsthistorikertag 2019 in Göttingen

„Zu den Dingen!“ baten die Göttinger Kunsthistoriker*innen ihre Kolleg*innen im Rahmen des diesjährigen Deutschen Kunsthistorikertags nach Niedersachsen. Dem Ruf gefolgt sind Mitglieder verschiedenster Berufsgruppen, (Forschungs-)Einrichtungen und Institutionen – durchaus ganz buchstäblich, wie die Tagungstaschen in auffälligem Blau zu erkennen gaben, mit denen über der Schulter in den städtischen Kirchen etwa, dem botanischen Garten oder der Archäologischen Sammlung fleißig zu den Dingen geeilt wurde. Und während die Tagung den einzelnen Fachkreisen Gelegenheit zu Austausch und Vernetzung bot, bot sie den Studierenden Einblicke in die Berufspraxis, legte deren Vielseitigkeit offen und half, neue Antworten auf die uns so oft gestellte, leidige Frage „... und was macht man dann damit?“ zu finden.

Daneben beleuchteten die einzelnen Vorträge viele Themenbereiche, mit denen man während des Grundstudiums selten in Berührung kommt und gaben Impulse, sich selbst einmal abseits der Überblicksvorlesungen umzusehen. So schlägt beispielsweise Ilaria Hoppe (Linz) in ihren Forschungsprojekten eine Brücke von der Frühen Neuzeit hin zur Gegenwart und hier insbesondere zu deren Spiegelung in den Sozialen Medien. Ausgehend vom Selbstbildnis als ‚Winter‘ der venezianischen Künstlerin Rosalba Carriera (1675-1757), die Zeitgenossen auf der Grand Tour mit ihren überaus gefragten Porträts wie für ein „frühneuzeitliches Instagram“ ausgestattet habe, führt sie in die Queer Studies ein, einen Forschungszweig, über den man trotz seiner Aktualität als Studierende*r des Faches Kunstgeschichte im Uni-Alltag nicht unbedingt stolpert.

Das Pastellbild gehört zu den bekanntesten (Selbst-) Bildnissen der Künstlerin, sticht aber insofern heraus, als dass es weder in Pose noch (idealisierter) Physiognomie dem etablierten weiblichen Porträttypus entspricht. Man sieht zunächst: Rosalba Carriera, die sich hier als knapp 56-jährige im Bild festhält, ist weniger vom Alter als von der Narbe am linken Auge gezeichnet – ein ‚Schönheitsfehler‘, den mehrere schmerzhafte Augenoperationen zu verschulden haben, die ihr ihre Sehkraft letzten Endes nicht haben erhalten können. Elf Jahre lang lebt sie im Dunkeln, bevor sie schließlich hoch betagt stirbt. Die helle Augenfarbe findet sich in der Kleidung wieder, die Darstellung zarter Spitze und edler Stoffe ruft Bewunderung hervor und auch der Schatten – noch gesteigert durch die Flüchtigkeit des Pastells –, den der dünne weiße Stoff des Unterkleides auf die Haut des Dekolletés wirft, verweist auf die venezianische Malerei. Früher schon haben Carrieras Pastelle fasziniert, weil die Künstlerin neben dem (ungeschönten) Äußeren der Porträtierten auch ihre Stimmung einzufangen vermocht hatte. Heute würde man ihr auf der Basis einiger charakterlicher und biografischer Details in Verbindung mit dem ‚Winter‘-Selbstbildnis durch eine von einem heteronormativ, dichotomischen Geschlechterverständnis geprägte Brille zudem vielleicht vorschnell einen Grad an ‚Vermännlichung‘ attestieren oder in ihrem festen Blick das Selbstverständnis einer Frau, die sich in einer männerdominierten Welt beispielhaft ihren Freiraum geschaffen und erhalten hat, lesen wollen. Dabei übersähe man aber (und hier helfen die Queer Studies und der Einbezug von Kenntnissen bspw. der Humoralpathologie weiter): Der Reiz einer ambivalenten Selbstdarstellung wie der in Rosalba Carrieras ‚Winter‘-Porträt dürfte für ihre Zeitgenossen gerade auch in der Uneindeutigkeit der geschlechtlichen Kodierung gelegen und das ästhetische Urteilsvermögen selbiger, das diesbezüglich, wie Frau Hoppe gezeigt hat, durchaus Variablen einräumte, angesprochen haben. So bietet also auch die Frühe Neuzeit (vielleicht überraschende) Ansätze, Geschlechterkodierungen zu überdenken und kunstgeschichtliche Themen hinsichtlich dieser (neu) unter die Lupe zu nehmen.

Den Kunsthistorikertag als Studierende*r zu besuchen wurde aber nicht nur durch Ausflüge in andere Disziplinen oder Einblicke in unterschiedlichste Karrierewege belohnt; einige Vorträge aus der Forschungspraxis erwiesen sich als durchaus fruchtbringend für die eigenen (Abschluss-)Arbeiten. So beispielsweise Desirée Monsees‘ und Martina Sitts (beide Kassel) Plädoyer für die Archivforschung auch in Zeiten des Internets. Sie zeigten auf, dass man sich nicht davon, scheinbar „alles zu haben“, verleiten lassen dürfe: Viel zu häufig noch, stoße man online auf lückenhaft oder gar falsch erfasstes Material. Stark machten sie sich in diesem Rahmen für die richtige Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Archivar*innen. Ohne deren aktive Mitarbeit (und Gunst) nämlich, käme man oft nicht über das hinaus, was an anderer Stelle bereits publiziert worden ist. Abzuwägen gilt vorher jedoch, inwiefern sich zeitlicher und finanzieller Aufwand lohnen, worauf im dem Vortrag folgenden Gespräch auch durch das Publikum hingewiesen wurde. Dass sich ein solcher Aufwand zwecks der digitalen Ersterfassung von Objekten allemal bezahlt macht, bewiesen dagegen Hendrickje Kehlenbeck und Christiane Lukatis (beide Kassel) mit der Vorstellung ihres Digitalisierungsprojektes, das auf eine ganzheitliche, systematische und inhaltlich tiefgehende Erschließung setzt. Die über 50 Klebebände aus dem Kupferstichkabinett des Landgrafen Hessen-Kassel werden hier durchdacht als digital-dreidimensionale Objekte erfahrbar gemacht und für die Forschung zu umfassenden, ortsunabhängig nutzbaren Quellen aufbereitet.

Gründe für Studierende, den Deutschen Kunsthistorikertag zu besuchen, gibt es mehr als genug (man werfe einen Blick ins Tagungsprogramm) und ich hoffe für 2021 auf eine mindestens genauso rege Teilnahme von Seiten des Nachwuchses wie in diesem Jahr. Zuletzt möchte ich mich denjenigen Stipendiaten der Gerda Henkel Stiftung anschließen, die schon vor mir die hervorragende Organisation und Programm-Zusammenstellung gelobt haben und mich ebenfalls bei der Stiftung für die Möglichkeit zu fünf Tagen Kunsthistorikertag bedanken! Ich komme wieder und bin gespannt, wie ich dann – aus veränderter Perspektive, weil nicht mehr Studierende – wohl zu den Dingen stehe.

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