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Björn Schmidt | 20.12.2016 | 1384 Aufrufe | Interviews

Das Scheitern einer "republikanischen Sprache"

Interview mit Jörn Retterath über den Volksbegriff in der Weimarer Republik

"Wir sind das Volk" – dies skandieren die Menschen bei den montäglichen Demonstrationen von PEGIDA in direkter Anlehnung an die Protestbewegung in der ehemaligen DDR. Der Begriff "Volk" scheint in jüngster Zeit wieder an Bedeutung zu gewinnen, Parteien wie die AfD wollen das Konzept des "Völkischen" seiner negativen Konnotationen entledigen. Doch bereits vor dem Nationalsozialismus waren das Wort und damit verbundene Volkskonzepte stark umkämpft. In der Weimarer Republik beriefen sich sowohl demokratische als auch antidemokratische Lager auf unterschiedliche Vorstellungen "des Volks". Dr. Jörn Retterath hat sich in seiner jüngst erschienenen Dissertation mit dem Volksbegriff in der Umbruchsphase zwischen dem Ende des Kaiserreichs und der Gründung der Weimarer Republik beschäftigt. Er argumentiert, dass die Aushöhlung der Demokratie maßgeblich durch eine ausbleibende Durchsetzung pluralistischer Volksbegriffe befördert wurde. Wir haben ihn zu diesem Thema und der historischen Dimension heutiger Debatten befragt.

"Zu dieser Zeit war 'Volk' eine omnipräsente und sehr ambivalente Vokabel"

L.I.S.A.: Herr Dr. Retterath, der Begriff „Volk“ ist aufgrund seiner historischen Verknüpfung mit dem Nationalsozialismus ein belasteter und in der Politik eher selten verwendeter Begriff. Eine wichtige Bedeutung hatte der Begriff auch vor der NS-Zeit in der Umbruchphase vom Kaiserreich zur Weimarer Republik, wie Sie in Ihrer Dissertation herausarbeiten. Warum wird er zu diesem Zeitpunkt wichtig?

Dr. Retterath: „Volk“ war einer der am häufigsten gebrauchten Begriffe in der politischen Sprache des ausgehenden Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Er wurde von allen Lagern verwendet. Dabei unterschieden sich aber seine Bedeutung und die mit ihm verknüpften Vorstellungen, Werte und Weltbilder erheblich. So konnte er im Ersten Weltkrieg sowohl von konservativen Kräften zum Appellieren an die Einheit des „Burgfriedens“ als auch von Sozialdemokraten und Linksliberalen für die Forderung nach demokratischen Reformen beschworen werden.

Während der Revolution 1918/19 hingegen verlangten die Linkssozialisten unter Bezugnahme auf „das Volk“ eine Herrschaft der zuvor benachteiligten Schichten. Unter „Volk“ verstanden sie damit in erster Linie die „plebs“. Gleichzeitig gebrauchten viele Sprecher aus dem politischen Spektrum der Mitte den Begriff im Sinne eines pluralistischen „demos“, um die baldige Abhaltung von Wahlen einzufordern. Daneben wurde der Begriff aber auch in einem ethnischen Sinne verwendet und mit mystisch-holistischen Vorstellungen – wie der von einem „Volkswesen“ oder einem „Volkswillen“ – verknüpft.

Nach der Abdankung der Monarchen wurde „das Volk“ zur neuen Legitimationsgrundlage. „Volk“ war also eine omnipräsente und sehr ambivalente Vokabel, die durch die Republikausrufung an Bedeutung gewann. Angesichts der Tatsache, dass im neuen, demokratischen Staat „das Volk“ der Souverän war, stellte sich die Frage: „Was ist das Volk?“ – darüber wurde zeitgenössisch jedoch kaum diskutiert. Die Unbestimmtheit des Volksbegriffs etwa in der Weimarer Reichsverfassung ermöglichte es den unterschiedlichsten politischen Kräften, die Konstitution nach ihrem Verständnis auszulegen – und im Extremfall unter Bezugnahme auf den Volksbegriff in der Verfassung, die Demokratie zu bekämpfen.

"Die Offenheit des Wortes bot Anknüpfungspunkte für unterschiedlichste politische Vorstellungen"

L.I.S.A.: Begriffsgeschichtlich bezeichnete „Volk“ ursprünglich eine sich zu einem Zweck zusammenfindende Menschenmenge. Im 19. und 20. Jahrhundert wird der Begriff zum politischen Schlagwort und Bezugspunkt, beispielsweise wird das Volk der neue Souverän in der republikanischen Ordnung. Findet in der Phase zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik ein Bruch in der Bedeutung statt oder bleibt sie heterogen?

Dr. Retterath: Die eben aufgezeigten drei idealtypischen Hauptbedeutungen des Volksbegriffs – „plebs“, „demos“, „ethnos“ – hatten sich bereits an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert herausgebildet und blieben fortan nebeneinander bestehen. Insofern stellte die politische Zäsur des Jahres 1918/19 keinen Einschnitt in der Bedeutungsgeschichte des Begriffs dar. Aber durch den Zusammenbruch der Monarchie und die Ausrufung der Republik gewann der Begriff an Wirkmächtigkeit. Seine Verwendungshäufigkeit stieg an und auch die mit seiner Verwendung verknüpften Vorstellungen – zum Beispiel, ob „Volk“ pluralistisch oder holistisch gedacht wurde – veränderten sich. Zudem entwickelten sich „Volks-“Komposita, die teilweise vorübergehend, teilweise dauerhaft Eingang in die Sprache fanden. Zeitweilig führte die Revolution zwar zu einer stärkeren Verwendung des Begriffs im Sinne eines pluralistischen „demos“, bevor diese zu Beginn der 1920er Jahre durch holistische Konnotationen zurückgedrängt wurde. Gleichwohl blieb „Volk“ während der gesamten Weimarer Republik ein in seiner Bedeutung heterogener Begriff. Er war ein Fahnenwort, das aufgrund seiner Offenheit Anknüpfungspunkte für unterschiedlichste politische Vorstellungen bot.

"Der ethnische Volksbegriff spielte im nationalistischen Lager eine wichtige Rolle"

L.I.S.A.: Inwiefern war der Begriff in der von Ihnen untersuchten Zeit an Begriffe wie Abstammung, Ethnie oder auch „Rasse“ gekoppelt?

Dr. Retterath: Seit dem Aufkommen der Nationalbewegungen wurde „Volk“ unter anderem im Sinne von „ethnos“ verwendet. Unter diesem Volksbegriff wurde eine Gemeinschaft gefasst, die man anhand von Kriterien wie „Sprache“, „Kultur“, „Religion“, „Abstammung“, „Brauchtum“, „Geschichte“ oder „Rasse“ angeblich objektiv bestimmt werden könne. Dieser ethnische Volksbegriff spielte im nationalistischen und „völkischen“ Lager eine wichtige Rolle. Im Spektrum der politischen Mitte wurde „Volk“ in diesem Sinne explizit jedoch nur relativ selten verwendet. Möglicherweise wurden solche Konzepte von einigen Sprechern mitgedacht, jedoch wurden sie kaum näher thematisiert. Eine Ausnahme bildet hierbei der Streit um die territorialen Folgen des Versailler Vertrags. In der Argumentation für die nationale Zugehörigkeit etwa Oberschlesiens zum Deutschen Reich und für die Inkorporation Österreichs wurde zumeist auf angebliche ethnische Gemeinsamkeiten wie „Sprache“, „Abstammung“ und „Kultur“ verwiesen und nur sehr selten auf den Willen des „demos“.

"Mangelnde Akzeptanz des Pluralismus unterhölte die parlamentarische Demokratie"

L.I.S.A.: Sie widmen sich der politischen „Mitte“ in der Weimarer Republik. Statt der in der Forschung oft gemachten Unterscheidung zwischen demokratischen und antidemokratischen Kräften vertreten Sie die Dichotomie pluralistisch/holistisch. Eine pluralistische Denkweise akzeptiert die Heterogenität der Gesellschaft, während holistische Vertreter ein einheitliches Ganzes fordern, ohne sich explizit antidemokratisch verstehen zu müssen. Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Begriff „Volk“? Was kennzeichnet zu dieser Zeit eine pluralistische Deutung des Volksbegriffs?

Dr. Retterath: Die Unterscheidung zwischen „demokratisch“ und „antidemokratisch“ in Bezug auf das politische Denken in der Weimarer Republik wird in der jüngeren Forschung zu Recht kritisiert. Eine solche Dichotomie blendet aus, dass es im konservativ-völkischen Lager durchaus Kräfte gab, die die liberale, parlamentarische Demokratie von Weimar ablehnten, sich aber selbst – unter Bezugnahme auf einen anderen Volks- und Demokratiebegriff – als Demokraten sahen. Um den entscheidenden Unterschied in den Vorstellungen deutlich zu machen, habe ich mich dafür entschieden, zwischen „pluralistischem“ und „holistischem“ Denken zu differenzieren. Unter Pluralismus verstehe ich hierbei die Anerkennung einer heterogenen Gesellschaft mit unterschiedlichen Gruppen, Interessen und Meinungen; Holismus hingegen negiert die gesellschaftliche Diversität und nimmt an, dass das Ganze mehr sei als die Summe seiner Teile.

In Bezug auf die Vorstellung von „Volk“ sind beide Konzepte von großer Bedeutung: „Volk“ im pluralistischen Sinne ist gewissermaßen das Dach, unter dem verschiedene Ansichten existieren können – in einem so gedachten „Volk“ kann es Mehr- und Minderheitsmeinungen geben, die etwa in der Sitzverteilung im Parlament zum Ausdruck kommen. Im holistischen Sinne hingegen wird „Volk“ als ein einheitliches Wesen mit einem Willen begriffen, der nicht in Wahlen und Abstimmungen zum Ausdruck kommt, sondern der intuitiv von den Politikern erfasst werden muss. Solche holistischen Vorstellungen waren in der Weimarer Republik im Spektrum der Mitte nicht unüblich. Vor allem ihre Verbreitung – und damit die mangelnde Akzeptanz für den Pluralismus – trug zu einer Unterhöhlung der parlamentarischen Demokratie bei. In der Phase der Revolution 1918/19 hatte es vorübergehend noch so ausgesehen, als würde sich der pluralistische Volksbegriff durchsetzen, doch geriet er in den als krisenhaften Folgejahren zunehmend ins Hintertreffen.

"Als schillernder Begriff ließ sich „Volk“ mit eigenen Inhalten aufladen"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Studie, dass demokratische Kräfte nicht in der Lage waren, eine der pluralistischen Demokratie angemessene Sprache zu etablieren. Der Nationalsozialismus habe sich der holistischen Auslegung des Volksbegriffs „bemächtigt“. Zugespitzt gefragt: Ist der Nationalsozialismus nicht vielmehr das konsequente Zu-Ende-Denken eines Volkskonzepts, das dem Begriff seit jeher inhärent ist?

Dr. Retterath: Der nationalsozialistischen Weltanschauung lag ein radikal-ethnischer Volksbegriff zugrunde. Dies kam etwa in der Rassenideologie, dem Sozialdarwinismus und der Forderung nach „Lebensraum“, aber auch in der auf Exklusion beruhenden Verheißung einer „Volksgemeinschaft“ zum Ausdruck. Zugleich war die NS-Ideologie zutiefst antipluralistisch und holistisch. Die Volksvorstellung der Nationalsozialisten war eine Möglichkeit, die sich aus den verschiedenen mit dem Volksbegriff verbundenen Konzepten ergab. Als extreme Variante hatte sie lange Zeit eine nur marginale – auf völkische Kreise beschränkte – Rolle gespielt, wobei beachtet werden sollte, dass ein Teil des Bürgertums mit diesen Ideen sympathisierte.

Für den Prozess der Imprägnierung der Sprache mit nationalsozialistischen Vorstellungen ist meines Erachtens eines von Bedeutung: Weimar und seinen Anhängern war es nicht gelungen, eine „republikanische Sprache“ zu etablieren oder wenigstens eine Akzeptanz für die berechtigte Existenz verschiedener Interessen und Meinungen zu schaffen. Dieser Umstand erleichterte es den Nationalsozialisten, mit ihren Konzepten und Vorstellungen in der politischen Sprache wirkmächtig zu werden. Ein schillernder Begriff wie „Volk“ war ideal geeignet, sich seiner zu bemächtigten und ihn mit eigenen Inhalten aufzuladen. Dies lässt sich gut am Begriff „Volksgemeinschaft“– einer Kombination aus zwei Hochwertwörtern – aufzeigen. In der Weimarer Republik wurde dieser Sehnsuchtsbegriff, der die Beendigung der vermeintlichen gesellschaftlichen Zerrissenheit verhieß, sowohl im Sinne eines „nationalen Grundkonsens“ auf Basis der Verfassung als auch im Sinne einer berufsständisch organisierten oder im Sinne einer mystisch-holistischen Gemeinschaft verwendet. Die erstgenannte, einen pluralistisch-demokratischen „demos“ anerkennende Bedeutungsvariante setzte sich in der Weimarer Republik jedoch nicht durch. So wurde der Begriff zu einem Schlagwort für verschiedene – mehr oder minder ausgearbeitete – Konzepte zur ganzheitlichen Überwindung der bestenden Verfassungsordnung. An ein solches Denken konnten die Nationalsozialisten anknüpfen und den Begriff schließlich mit ihren rassistisch-antipluralistischen Vorstellungen besetzen.

"Bei PEGIDA vermischen sich die historischen Bedeutungen des Volksbegriffes"

L.I.S.A.: Der Ausspruch „Wir sind das Volk“ ist fest mit dem Zusammenbruch der DDR und der deutschen Wiedervereinigung verbunden. In der Rückschau werden die Montagsdemonstrationen oft als Beispiel für das erfolgreiche Aufbegehren des Volks als Souverän gegen die politische Führung gewertet. Heutzutage wird die Aussage von PEGIDA-Anhängern genutzt, die sich ebenfalls durch den Rückgriff auf das Volk legitimieren. Stehen diese beiden Beispiele in der Tradition des historischen Volksbegriffs? Welche Unterschiede oder auch Gemeinsamkeiten lassen sich hier ausmachen?

Dr. Retterath: Möchte man die drei genannten idealtypischen Hauptbedeutungen von „Volk“ zugrunde legen, dann steht der Ruf der Montagsdemonstranten von 1989 in der Tradition der „demos“-Bedeutung: Die Bürger der DDR forderten mit ihm Freiheit, Gleichheit und demokratisch-staatsbürgerliche Rechte ein. Mit dem Volksbegriff positionierten sie sich – ob bewusst oder unbewusst sei dahingestellt – auch gegen das Selbstverständnis der DDR-Führung, die sich in einem eher linkssozialistischen „plebs“-Sinne als Vertreterin des „Volkes“, sprich: der vormals minderprivilegierten Klasse der Arbeiter und Bauern, gerierte.

Im Unterschied dazu vermischen sich meines Erachtens bei den „Wir sind das Volk“ skandierenden PEGIDA-Anhängern die aufgezeigten Hauptbedeutungen des Volksbegriffes miteinander. Der bekannte und positiv konnotierte Slogan der gegen die Staatsmacht erfolgreichen DDR-Bürgerrechtsbewegung wird von ihnen übernommen, er trägt aber andere Bedeutungen. Hierbei kommt die Mehrdeutigkeit des Volksbegriffs, die auch für meinen Untersuchungszeitraum zu konstatieren ist, zum Tragen. Zum einen ist da die „demos“-Komponente kombiniert mit der „plebs“-Bedeutung: die Vorstellung vieler Demonstranten, man sei „das Staatsvolk“, das von „denen da oben“ nicht gehört werde, das zu kurz komme, über dessen Köpfe hinweg entschieden werde, und das daher seine staatsbürgerlichen Rechte gegenüber den Herrschenden einfordern müsse. Hierbei fällt besonders die Gegenüberstellung zwischen „wir“ und „die“ auf, zwischen „Demonstranten“ und „Entscheidungsträgern“, zwischen „Bürgern“ und „Staat“ – ein Merkmal der „plebs“-Bedeutung. Zum anderen spielt bei den PEGIDA-Demonstrationen aber auch die „ethnos“-Bedeutung eine Rolle, was nicht zuletzt in den gehaltenen Reden und den mitgeführten Fahnen zum Ausdruck kommt. Darin manifestiert sich die Überzeugung, exklusiv definieren zu können, wer zum „deutschen Volk“ dazugehört. Nämlich nur diejenigen, die wirklich „deutsch“ seien – eine Vorstellung, die auf nicht näher bestimmte Merkmale wie gleiche „Religion“, „Abstammung“, „Herkunft“, „Hautfarbe“ und „Kultur“ rekurriert. Mit einem so verwendeten mehrdeutigen Volksbegriff als Protestslogan gelingt es PEGIDA, sowohl unzufriedene Konservative als auch eingefleischte Rechtsextreme zu erreichen.

Dr. Jörn Retterath hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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