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Georgios Chatzoudis | 22.09.2015 | 1098 Aufrufe | Interviews

Visual History und die "zweite Realität"

Interview mit Gerhard Paul über Bilder in der Geschichtswissenschaft

In der Debatte um den Einsatz von Bildern zur Dokumentation oder Visualisierung von Ereignissen wird unter anderem die Position vertreten, Bilder sagten mehr als jedes Wort. Das stellt nicht nur Medienschaffende vor eine große Herausforderung sowie Verantwortung im Umgang mit besonders brisanten und emotional aufgeladenen Bildern, sondern auch Wissenschaftler, die Bilder zum Gegenstand ihrer Forschungen haben. In erster Linie fallen einem im geisteswissenschaftlichen Kontext Kunsthistoriker oder Medienwissenschafter ein. Zunehmend befassen sich aber auch Historiker mit Bildern. Prof. Dr. Gerhard Paul von der Universität Flensburg gehört zu den Pionieren der sogenannten "Visual History". Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

Prof. Dr. Gerhard Paul, Seminar für Geschichte Geschichtsdidaktik der Universität Flensburg
(www4.uni-flensburg.de/geschichte/mitarbeiter/prof-dr-gerhard-paul)

"Bilder generieren eine eigene Realität"

L.I.S.A.: Herr Professor Paul, Sie gehören zu den renommiertesten Vertretern des Ansatzes der sogenannten „Visual History“. Bei Docupedia.de ist in Ihrem Beitrag zu lesen, „Visual History“ markiere ein Forschungsfeld „…das Bilder in einem weiten Sinne sowohl als Quellen als auch als eigenständige Gegenstände der historiografischen Forschung betrachtet und sich gleichermaßen mit der Visualität von Geschichte wie mit der Historizität des Visuellen befasst.“ Hätten Sie ein konkretes Beispiel, das diesen Anspruch versinnbildlicht?  

Prof. Paul: Dass Bilder gerade im audio-visuellen 20. Jahrhundert eine wichtige Quelle und ein wichtiger Gegenstand der historiografischen Forschung neben Texten sind, ergibt sich aus der Geschichte dieses Jahrhunderts von selbst, denken Sie nur an den Nationalsozialismus, der ohne die von ihm produzierten Bilderwelten schlichtweg nicht zu begreifen ist. Allerdings hat es vergleichsweise lange gedauert, bis diese letztlich simple Erkenntnis bei den textverliebten Zeithistorikern angekommen ist. Bei den Mediävisten war das schon immer anders. Wichtig aber ist, dass Bilder nicht nur als Quellen für etwas benutzt werden, sondern dass Visualität in einem breiten Sinne als Einzelbild, Bilderserie, Bildpraxis, Bildpolitik usf. selbst zum Gegenstand historiografischer Forschung gemacht wird. Das passiert noch immer eher selten.  

Meine These ist, die ich in meinem Buch „Punkt & Pixel. Das visuelle Zeitalter“ entwickle, dass sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts neben der physischen Welt, in der wir leben, eine visuelle Welt, gleichsam eine „zweite Realität“, herausgebildet hat, in der wir uns orientieren und Entscheidungen treffen. Für diese zweite Welt, die sich im 20. Jahrhundert zunehmend über die erste Welt gelegt und diese zum Teil substituiert hat, gibt es eigene Regeln und Gesetze, die es zu begreifen gilt. Aus der Perspektive dieses Ansatzes war der Kalte Krieg zwischen Ost und West so immer auch ein Krieg der Bilder. Vielfach sickerten erst über Bilder die Denkmuster des Kalten Krieges in die Köpfe der Zeitgenossen ein. Aus dieser Perspektive war auch die Mauer durch Berlin nicht nur ein militärisches Sperrwerk, sondern ebenso ein Bild, das vielleicht handlungsrelevanter war als die physische Mauer selbst und daher ein Faktor des historischen Prozesses ist. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel: Moderne Kriege sind zunehmend Bilderkriege, die eine eigene Macht entfalteten. Hunderttausende Menschen mussten so etwa 1945 in Hiroshima und Nagasaki nur deshalb sterben, um der Sowjetunion ein gewaltiges Bild des Ereignisses zu liefern und die Wirksamkeit der Waffe zu demonstrieren. Es waren genau diese Bilder, die eine in der Geschichte der Menschheit beispiellose Aufrüstungsspirale in Gang setzten. Ähnliches geschah am 11. September 2001 in New York. Bilder generierten auch hier eine eigene Realität, auf die wir reagierten: eine „9/11-reality“, die zum Teil wichtiger wurde als das Ereignis selbst.  

Neben der Visualität der Geschichte befasst sich die „Visual History“ zunehmend auch mit der Geschichte der Visualität: mit der rasanten Geschichte der Bildmedien, mit der Entstehung immer neuer Bilderwelten, mit der Durchdringung von Gesellschaften durch Bildproduktionen und der Änderung von Blickroutinen und Wahrnehmungsweisen. „Visual History“ ist ein breites und äußerst spannendes Forschungsfeld geworden.

"Heute zählen Bilder ganz selbstverständlich zur historiografischen Forschung"

L.I.S.A.: In den Geisteswissenschaften folgt ein „turn“ dem nächsten. Wir erinnern uns an den Ausgangspunkt, den „linguistic turn“, gefolgt unter anderem vom „cultural turn“, „visual“ bzw. „iconic turn“, dem „body turn“, „communicative turn“ und jüngst dem „digital turn“. Seit wann spricht man vom “visual turn” und wie hat er die Geschichtswissenschaft geprägt?  

Prof. Paul: Ein „visual turn“ deutet sich in der Geschichtswissenschaft seit den 1990er Jahren an. Allerdings hatten es bildhistorische Publikationen wie etwa die Zeitschrift 20th Century Imaginarium meines Münsteraner Südosteuropa-Historikers Frank Kämpfer – einem Vorkämpfer der „Visual History“ – auch im Jahr 2000 noch schwer zu bestehen. 2002 musste Kämpfer seine Reihe wegen mangelnder Nachfrage einstellen. Nur wenige Jahre später, 2006, sah das schon ganz anders aus. Der Historikertag in Konstanz fand in diesem Jahr unter dem Leitthema „GeschichtsBilder“ statt und widmete sich in etlichen Sektionen auch Bildern als Quellen und Gegenständen der Geschichtswissenschaft. Im Gefolge des Historikertages entstanden dann sehr schnell etliche Qualifikationsarbeiten, die sich Bildern und Bildpraxen in der Geschichte widmeten, so dass unser amerikanischer Kollege David F. Crew in der Zeitschrift German History 2009 feststellen konnte: „Yet German Historians have only recently begun to pay serious attention to the politics of images.“ Heute, im Jahr 2015, zählen Bilder insbesondere bei jüngeren Historiker und Historikerinnen ganz selbstverständlich zu den Quellen und Gegenständen der historiografischen Forschung. Im März 2016 werden wir in Berlin einen größeren Kongress veranstalten, der zehn Jahre nach dem Historikertag von Konstanz einmal bilanziert, was der „visual turn“ in der Geschichtswissenschaft gebracht hat, wo die Desiderata liegen, wie es weitergehen soll. 

"Kinderbilder emotionalisieren in höchstem Maße"

L.I.S.A.: Zuletzt hat das Bild vom ertrunkenen Flüchtlingskind eine neue Debatte über den Umgang mit Bildern in den Medien ausgelöst. Eine alte Debatte oder gibt es neue Akzente? Und: Wie stehen Sie als „Visual Historian“ zur Verwendung von Bildern, die emotional so stark aufgeladen sind? Welche Rolle kommt dabei, falls überhaupt (noch), dem Text zu?  

Prof. Paul:Die Debatte über die Verwendung von stark emotionalisierenden Bildern in Publizistik und Wissenschaft ist nicht neu, denken Sie nur an Susan Sontags großartigen Essay Das Leiden der anderen betrachten. Neu ist aber, dass Bilder der Gewalt – etwa vom islamistischen Terrorismus – heute zunehmend als Waffen benutzt werden, um die westlichen Zivilgesellschaften unter Druck zu setzen. Und da müssen sich dann Redaktionen sehr genau überlegen, ob sie Bilder publizieren und sich somit zum Helfer, gar zum Mitkombattanten machen, oder dies nicht tun.  

In Krisen- , Kriegs- und Katastrophensituationen ist bei gerade bei Bildern mit Kindern immer höchste Vorsicht geboten, denken Sie an das Bild des Napalmmädchens aus dem Vietnamkrieg von 1972, das wie kein anderes Kriegsbild die Diskurse bis heute bestimmt und eigentlich eine ganz andere Geschichte erzählt, als die Medien damit verbinden. Zudem wurde das Foto beschnitten und retuschiert, um überhaupt eine Wirkung zu entfalten, was uns Betrachtern nicht mitgeteilt wurde. Oder denken Sie an das Foto und die Bildsequenz des kleinen Palästinenserjungen Mohammed al-Durra aus Gaza aus dem Jahr 2000, das zur Ikone der 2. Intifada wurde. Anders als die Palästinenser behaupteten, wurde der Junge nicht von israelischen Soldaten, sondern von den eigenen Leuten erschossen. Kinderbilder emotionalisieren eben in höchstem Maße. Gerade in Krisensituationen wie der jetzigen kommt es aber nicht so sehr darauf an, die Debatte mit solchen Bildern emotional weiter zu befeuern, sondern einen kühlen Kopf zu bewahren.  

Bilder bedürfen – unabhängig von Krieg und Krisen – immer einer genauen, quellenkritischen Kontextualisierung und damit des Textes. Und genau dafür sind wir Bildhistoriker da. Bilder „sprechen“ eben nur selten von selbst oder bilden das ab, was sie vermeintlich vorgeben.

"Oft ist das prickelnde Feeling der Teilhabe wichtiger als der Inhalt des Geschehens"

L.I.S.A.: Die Befürworter der Veröffentlichung und Verbreitung des Bildes vom ertrunken Jungen am Strand argumentieren, dass dieses und ähnliche Bilder die Wahrheit dokumentieren und Geschichte emotional erfahrbar machen würden. Ist das so? Bilden Bilder die historische Wirklichkeit ab und lassen Sie uns emotional an Schicksalen teilhaben?  

Prof. Paul: Wahrheit ist komplexer, als dass sie in einem einzigen Bild oder einer knappen Bildsequenz festgehalten werden kann. Tatsächlich aber hat sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts so etwas wie eine aus Medienikonen, Piktogrammen und Symbolen bestehende visuelle Kurzschrift herausgebildet, die komplexe Realitäten auf knappe Bildformeln reduziert, mit denen wir kommunizieren und glauben, die Welt zu erfahren. Uns muss aber klar bleiben, dass es sich um Reduktionen handelt, die komplexe Gedankenarbeit nicht ersetzen können und dürfen.  

Zum „visuellen Zeitalter“, in dem wir leben, gehört auch, dass wir in zunehmendem Maße per Bilder an Geschehen teilhaben, die zeitlich und räumlich außerhalb unserer physischen Reichweite liegen. Oft ist heute dieses prickelnde Feeling der Teilhabe wichtiger als der Inhalt des Geschehens. Hinter den emotionalisierenden Bildern – und dies trifft auch für das Bild des toten Jungen zu – werden allzu oft die strukturellen Ursachen von Kriegen und Notsituationen vergessen. Gerade heute käme es eher darauf an, sich rational mit diesen Ursachen und mit den langfristigen Auswirkungen und Gefahren der Migrationsströme auf die demokratischen Gesellschaften des Westens zu befassen als reflexartig auf solche emotionalisierenden Bilder zu reagieren, wie dies vermutlich auch die Kanzlerin getan hat. Das aber verhindern die emotional aufgeladenen Bilder, die uns das Fernsehen und die Zeitungen tagtäglich liefern.

"Mit dem digitalen Wandel ist die bisherige Bildgläubigkeit ins Wanken geraten"

L.I.S.A.: Der digitale Wandel geht einher mit einer regelrechten Bilderflut. Welche Herausforderungen stellen sich an die „Visual History“, wenn heute jede und jeder in der Lage ist Bilder zu erstellen und diese nahezu grenzenlos zu verbreiten?  

Prof. Paul: Der digitale Wandel hat auch für uns Historiker zunächst einmal etwas Positives. Gerade als Bildhistoriker haben wir durch ihn heute in Sekundenschnelle Zugang zu den großen Bildagenturen und -archiven dieser Welt oder können mit Bildersuchmaschinen die Geschichte von einzelnen Medienikonen rund um den Erdball nachverfolgen. Das macht ganz andere Fragestellungen möglich. Zudem können wir mit Hilfe der neuen Technologien selbst Bildarchive anlegen und Bilder problemlos in unseren Lehrveranstaltungen zeigen und analysieren. Da müssen wir nicht mehr den Umweg über Kopiermaschinen, Overhead- oder Diaprojektoren gehen.

Auch die Fähigkeit, selbst Bilder zu erstellen, ist ja grundsätzlich positiv. Denn nur so erwerben Menschen etwa die Fähigkeit, Fakes und Bildinszenierungen zu durchschauen oder offizielle Mainstreambilder selbst durch eigene Bilder zu konterkarieren. Im Irakkrieg von 2003ff. haben so etwa irakische Blogger die cleanen Hightech-Perspektiven der amerikanischen Militärs aus der Luft mit den „schmutzigen“ Perspektiven vom Boden gekontert und uns eine Realität erschlossen, die außerhalb der Blicke der Mainstreammedien lag. Ich vertrete sogar die These, dass mit dem digitalen Wandel die bisherige Bildgläubigkeit ins Wanken geraten ist und eine grundsätzliche Bildskepsis im Entstehen begriffen ist, die es Politik und Medien immer schwerer macht, uns mit Bildern „hinter’s Licht“ zu führen. All das ist positiv.  

Mit der digitalen Bilderflut hat zugleich aber natürlich auch die Notwendigkeit zugenommen, die Strukturen und Gesetze der visuellen Wirklichkeit zu begreifen, das Alphabet ihrer Bilderwelten zu erlernen, Bilder – stehende wie laufende, analoge wie digitale – zu dechriffrieren und zu kontextualisieren. Das ist nicht primär eine Sache der Historiker, sondern die einer vorausschauenden Bildungspolitik. Der Erwerb des visuellen Alphabets als basaler Kulturtechnik ist heute meines Erachtens ebenso wichtig wie Lesen und Schreiben. Da kann und muss in Schule und Universität noch sehr viel mehr getan werden.     

Prof. Dr. Gerhard Paul hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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