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Georgios Chatzoudis | 24.06.2014 | 17494 Aufrufe | 4 | Interviews

Ustaša - "Faschismus und Nationalsozialismus als ideologische Leitsterne"

Interview mit Alexander Korb über Kroatien im Zweiten Weltkrieg

Heutige Vorstellungen von Gewalt und Terror auf dem Balkan sind meist mit Serben als Tätern verbunden. Dass Serben vor allem während des Zweiten Weltkriegs in erster Linie Opfer waren, daran erinnert eine aktuelle Studie des Historikers Dr. Alexander Korb von der University of Leicester: Im Schatten des Weltkriegs. Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941-1945. So soll am 22. Juni 1941 der Chefpropagandist der Ustaša und Minister für Religion und Bildung Mile Budak die Weisung ausgegeben haben, ein Drittel der Serben zu töten, ein weiteres Drittel zu deportieren und das verbleibende Drittel durch die katholische Taufe zu Kroaten machen. Wir haben mit Dr. Alexander Korb über die Ustaša-Bewegung und ihre Politik, ein ethnisch homogenes Großkroatien errichten zu wollen, ein Interview geführt.

"Besatzungsbürgerkriege, die sich im Schatten des Weltkriegs abspielten"

L.I.S.A.: Herr Dr. Korb, Sie haben sich intensiv mit dem kroatischen Ustaša-Regime während des Zweiten Weltkriegs befasst und dazu ein Buch geschrieben. Im Zentrum Ihrer Analyse steht dabei nicht das Regime an sich, sondern die von der Ustaša ausgeübte Gewalt gegen Serben, Juden und Roma. Wie kamen Sie zu diesem Thema? Ist das Feld nicht schon lange erforscht?

 

Dr. Korb: Nach Abschluss meines Grundstudiums leistete ich in der kroatischen Hauptstadt Zagreb den einjährigen „Europäischen Freiwilligendienst“ (EVS). Ich arbeitete bei einer NGO, die sich für die Bewältigung gesellschaftlicher und mentaler Kriegsfolgen einsetzte und über intensive Kontakte in die anderen ex-jugoslawischen Republiken verfügte. Es war mir vergönnt, in die jugoslawischen Nachfolgestaaten zu reisen und viel über die verschiedenen Interpretationen der Vergangenheit zu lernen. Auffallend war ein merkwürdiges Mischverhältnis: Zum einen war die Geschichte des Zweiten Weltkriegs und der in Jugoslawien verübten Gräuel omnipräsent, was auch an den Kriegen der 1990er Jahre lag; zum anderen war das Sprechen über Geschichte aber eigenartig unkonkret: Es blieb oft nebulös, was sich jeweils genau zugetragen hat.


Die Regale der Antiquariate waren voll mit Büchern aus der jugoslawischen Ära zu Tito und dem Partisanenkrieg, wohingegen die Schaufenster der Buchhandlungen bestückt waren mit neuen Büchern, die die Ustaša, also die faschistische Bewegung, die Kroatien von 1941 bis 1945 regierte, verherrlichten oder zumindest verharmlosten. Für Gewalt interessierte sich indes weder die ältere linke noch die jüngere rechte Literatur. Zwar beschrieben einige Autoren die Exzesse der Mörder detailliert, dabei verzichteten sie jedoch auf eine Analyse der Taten. Stattdessen begnügten sie sich damit, den Sadismus und die Bosheit beweisen zu wollen.


Als ich dann mit meiner Promotion an der Humboldt-Universität begann, ging es mir vor allem darum, eine Forschungslücke zu schließen, die ich persönlich interessant fand. Erst allmählich verstand ich das Potential, das das Thema für die gesamte Holocaustforschung hat. Denn bei Kroatien handelte es sich um ein Gebiet, in dem vor allem nichtdeutsche Täter für Gewalttaten verantwortlich waren. Im Land tobte ein Bürgerkrieg, vergleichbar mit der Ukraine, Griechenland oder Norditalien. Solche Besatzungsbürgerkriege, die sich gleichsam im Schatten des Weltkriegs abspielten, sind ein vielschichtiger und zugleich sehr europäischer Teil der Weltkriegsgeschichte. Die Dynamik zwischen den verschiedenen Tätergruppen, die sich zu einem Teil jenseits deutscher Kontrolle abspielte, sorgte für ein besonders hohes Maß an Gewalt und Brutalität.

"Kein Rezept gegen die Massaker durch kroatische Milizen"

L.I.S.A.: Das klingt so, als ob es sich bei den Deutschen in dem Gebiet nur um Zuschauer gehandelt habe. Ist das nicht eine gefährliche Minimierung der deutschen Verantwortung?

 

Dr. Korb: Das Deutsche Reich, aber auch das faschistische Italien, hatten klare Anteile an den Ereignissen in Jugoslawien und setzten mit der Zerschlagung des Königreichs Jugoslawien im Frühjahr 1941 die Gewaltspirale überhaupt erst aus. Die deutschen Besatzer sanktionierten die Massenvertreibungen von Serben, sie organisierten gemeinsam mit dem kroatischen Staat die Deportation kroatischer Juden nach Auschwitz und sie begingen selbst Massenmorde in ihrem Versuch, Titos Partisanenbewegung zu vernichten. Im April 1941 lösten sie allerdings mit dem Einsetzen der Ustaša in Regierungsverantwortung eine Entwicklung in Gang, über die ihnen bald die Kontrolle entglitt. Dem dezidiert antiserbischen Kurs der Ustaša standen die Besatzer hilflos gegenüber, zumal ihre Personaldecke wegen des bevorstehenden Angriffs auf die Sowjetunion sehr dünn war. Keine der deutschen Stellen befürwortete einen Massenmord an den Serben in Kroatien, doch es gab auch kein Rezept gegen die Massaker durch kroatische Milizen. Den Bürgerkrieg, den die Ustaša ausgelöst hatte, konnten die Deutschen kaum steuern, doch genau in diesem Konflikt wurden die meisten Gewalttaten verübt.

"Die Bewegung war eine regionale Variante des Faschismus"

L.I.S.A.: Das Ustaša-Regime gilt heute landläufig als die kroatische Variante des Faschismus in Europa bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Inwiefern stimmt das?

 

Dr. Korb: Dies stimmt vor allem dann, wenn man der Ustaša in ihrem Selbstbild folgt. Sie sah sich als Teil einer europäischen Bewegung; Faschismus und Nationalsozialismus galten als ideologische Leitsterne (auch wenn das Verhältnis zu Italien stets kompliziert blieb). Zwischen Berlin, Rom, und Zagreb gab es zahlreiche Querverbindungen, ideelle Transfers, Freundschaften, Wirtschaftsbeziehungen etc. Seit Mitte der 1930er Jahre verfügte die Ustaša, die als eine nationalistische, primär antiserbische Freiheitsbewegung gestartet war, über ein geschlossenes faschistisches Weltbild, in dem auch der Antisemitismus an Bedeutung gewonnen hatte. Das soll natürlich nicht bedeuten, dass die Ustaša von außen ferngesteuert war. Die Bewegung war eine regionale Variante des Faschismus, ging aber Konflikten mit ihren deutschen und italienischen Mentoren nicht aus dem Weg. Dabei gilt es allerdings eines zu beachten: Die Ustaša als faschistische Bewegung war zwar besonders gewaltaffin, dies bedeutet aber nicht, dass ihr Faschismus das Ausmaß der Gewalt während des Krieges erklären kann. Die Eskalation erfolgte eher aus situativen Dynamiken und die Gewalttäter waren häufig politisch indifferent.

"Zu Massakern kam es dort, wo das geplante Vorgehen scheiterte"

L.I.S.A.: Welche Politik verfolgte die Ustaša gegenüber Minderheiten in Kroatien? Gab es einen Plan, andere Ethnien zu vernichten? Wie war die ausgeübte Gewalt organisiert?

 

Dr. Korb: Die Ustaša trat im April 1941 an, um einen ethnisch homogenen Nationalstaat zu formen. Die kroatische Nation bestand laut der großkroatischen Ideologie aus katholischen und islamischen Anteilen, denn die bosnischen Muslime sollten durch den neuen Staat vereinnahmt werden. Neben solchen inklusiven Ansätzen war Gewalt ein wichtiger Teil des Programmes. Es gab insofern einen Plan, andere Ethnien zu vernichten - wir sprechen von Serben, Juden und Roma -, als dass die kroatische Führung keine „nichtkroatischen“ Gemeinschaften im Staat dulden wollte. Dies bedeutet allerdings nicht, dass es einen Plan gab, alle Mitglieder dieser Gemeinschaften umzubringen. Zunächst waren Umsiedlungen und Zwangsassimilationen die Kernpfeiler des Homogenisierungsprojektes – das von deutschen Stellen unterstützt wurde. Vor allem die Vertreibungen von Serben nach Serbien wurden von staatlichen Stellen organisiert und von regionalen Behörden durchgeführt. Zu Massakern kam es vor allem dort, wo das geplante Vorgehen scheiterte, wo Milizen stärker waren als Behörden, und wo sich die Opfer zur Wehr setzten und die Herrschaft der Ustaša ins Wanken geriet. Dies heißt übrigens nicht, dass die Verantwortung für die Gewalt auch bei den Opfern zu suchen sei, denn diese wurden ja von ihren Peinigern angegriffen.

"Den serbischen Bevölkerungsanteil zu minimieren oder zu marginalisieren"

L.I.S.A.: Mit Blick auf die fachliche Diskussion, ob es einen detaillierten Plan der Ustaša gab, Serben, Roma und Juden zu vernichten, berufen sich viele auf ein Zitat, das auf Mile Budak, den Kultusminister der Ustaša, zurückgeführt wird. Sinngemäß soll er 1941 die Weisung ausgeben haben, ein Drittel der Serben zu töten, ein weiteres Drittel zu deportieren und das verbleibende Drittel durch die katholische Taufe zu Kroaten machen. Wie schätzen Sie das ein?“

 

Dr. Korb: Das Zitat gibt gut das Klima des Terrors wieder, das im Frühjahr 1941 herrschte; die Lage eskalierte zusehends nach dem 22. Juni 1941, denn der deutsche Angriff auf die Sowjetunion übte auch eine radikalisierende Wirkung auf die Ustaša aus, nicht zuletzt, weil die jugoslawischen Kommunisten nun in den bewaffneten Aufstand traten.


In der Tat setzte die Ustaša verschiedene Strategien gegen die serbische Bevölkerung ein, die ja immerhin ein knappes Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachte: Vertreibungen, Massenmorde und Zwangstaufen dienten jeweils dem Zweck, den serbischen Bevölkerungsanteil zu minimieren oder zu marginalisieren. Allerdings ist die Überlieferung des Zitats nicht unumstritten. Die jugoslawische Historiographie beging den Fehler, den Ausruf mit einer Art amtlichem Regierungsprogramm gleichzusetzen. Dabei stehen die verschiedenen Gewaltformen aber gerade für Konflikte innerhalb der Ustaša bezüglich des Vorgehens gegen die Serben. Manchen Vertretern gingen die Massenmorde zu weit, weil sie massive serbische Gegenwehr verursachten. Sie verstärkten daraufhin ihre Versuche, Serben per Zwang zu assimilieren. Mit anderen Worten waren die Zwangstaufen zum Katholizismus eher eine Art Versuch, eine Lehre aus der aus dem Ruder geratenen Gewalt zu ziehen als ein integraler Teil eines genozidalen Plans.


Der Minister Budak war übrigens ein damals sehr populärer Dichter, der nach 1941 in einer Vielzahl von Funktionen tätig war, so auch als kroatischer Botschafter in Berlin. In den 1990er Jahren wurden zahlreiche Straßen in kroatischen Orten nach ihm benannt, und zumindest im herzegowinischen Mostar heißt die Straße bis heute so.

"Schätzungen zufolge wurden 300.000 Serben, 25.000 Juden und 20.000 Roma getötet"

L.I.S.A.: Und wie hoch ist die Zahl der Opfer der Ustaša?

 

Dr. Korb: Die Opferzahlen sind höchst umstritten. Sie werden in Kroatien traditionell heruntergespielt und in Serbien tendenziell überhöht. Zwar stellten jugoslawische Statistiker und Ökonomen in den 1980er Jahren Übersichten der Opferzahlen auf, die bis heute als sehr zuverlässig gelten. Gegen die nationalistischen Diskurse in ihrem Land drangen sie damit allerdings nicht durch.


Ich selbst habe keine eigenen Berechnungen angestellt, sondern mich auf diese und jüngere Arbeiten verlassen. Konservativen Schätzungen zufolge wurden während der vierjährigen Herrschaft der Ustaša etwas über 300.000 Serben, 25.000 Juden und 20.000 Roma getötet, wobei die exakte Schätzung äußerst schwierig ist, weil Dokumente fehlen, weil verschiedene Tätergruppen tätig waren, weil ein Bürgerkrieg im Land tobte, und weil man beispielsweise gar nicht weiß, wie viele Roma im Lande lebten.

"Von einer Erinnerungskultur kann keine Rede sein"

L.I.S.A.: Wie beurteilen die unterschiedlichen Opfergruppen der Ustaša heute die an Ihren Vorfahren ausgeübte Gewalt? Was unterscheidet die serbische Erinnerung von der jüdischen und die der Roma?

 

Dr. Korb: So verschränkt die Gewalt gegen die drei Gruppen während des Krieges war, so separiert ist heutzutage die Erinnerung an sie. Der Massenmord an der Juden ist Teil der globalisierten Erinnerung an den Holocaust; der Massenmord an den Serben ist oft genug Streitpunkt zwischen serbischen und kroatischen Stellen auf verschiedenen Ebenen. Serbische Gemeinden beklagen zu Recht eine gewisse Ignoranz gegenüber dem serbischen Leid im Zweiten Weltkrieg, was nationalistische Organisationen nicht ohne Erfolg auszunutzen verstehen. Das Thema ist zu einem guten Teil von Ultranationalisten besetzt; der Massenmord an den Roma ist kaum erforscht und noch weniger Teil einer Erinnerungskultur, wobei die Gemeinde einiges leistet.


Im vorigen Jahr bereiste ich länger in Kroatien einige derjenigen Gegenden, die vom Krieg in den 1990er Jahren besonders betroffen waren. Die serbische Bevölkerung ist dort 1995 in ihrer Mehrheit vertrieben worden. Halbzerstörte Dörfer werden überwiegend von überalterten und verarmten Gemeinden bewohnt. Gerade in diesen Gegenden haben sich 1941 die schlimmsten Massaker abgespielt. Von einer Erinnerungskultur kann keine Rede sein, denn 1995 sind auch die meisten Denkmäler zerstört worden. Das Bild in der Hauptstadt Zagreb und auf höherer politischer Ebene ist allerdings differenzierter.

"Auseinandersetzung mit der Weltkriegsgewalt kann heilsame Kräfte entfalten"

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt denn die Ustaša-Vergangenheit im heutigen Kroatien? Gibt es eine historische Aufarbeitung?

 

Dr. Korb: Was bislang leider zu wenig erkannt wird: Die Auseinandersetzung mit der Weltkriegsgewalt in allen jugoslawischen Nachfolgerepubliken könnte mit Blick auf die in den 1990er Jahren geschlagenen Wunden durchaus heilsame Kräfte entfalten. Leider fehlt der Wille, denn eine Ausdifferenzierung bisher sakrosankter geschichtspolitischer Positionen gilt als Zurückweichen vor dem nationalen Konkurrenten. Zwar ist Kroatien hier weiter als Serbien, aber doch lassen beispielsweise die Schulbücher immer noch viel zu wünschen übrig. Allerdings wiedereröffnete im Jahr 2006 – nach ihrer Zerstörung 1995 - die Gedenkstätte Jasenovac, die sich auf dem Gelände des größten Konzentrationslagers der Ustaša befindet, die seither wichtige, staatlich geförderte Arbeit leistet.

"Krieg und Frieden sind oft nah beieinander"

L.I.S.A.: Ihre Studie ist erschienen in einer Reihe der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Inwiefern führt die Fokussierung auf ausgeübte Gewalt zu einem besseren Verständnis eines ganzen Jahrhunderts? Ist diese Perspektive nicht zu eng?

 

Dr. Korb: Was die Frage nach der Gesamtgeschichte betrifft, glaube ich schon, dass die Frage nach der physischen Gewalt eine der Schlüsselfragen für das globale 20. Jahrhundert ist, und wie es scheint, uns auch im 21. Jahrhundert weiterhin begleiten wird. Gerade Bürgerkriege wie in Syrien und im Irak weisen zahlreiche Parallelen zu den Ereignissen in Jugoslawien im Zweiten Weltkrieg auf. Doch plädiere ich mit vielen Kollegen und Kolleginnen für einen integrativen Ansatz, denn Krieg und Frieden sind oft nah beieinander.

 

Nun ist gerade für Jugoslawien der Fokus auf die Gewalt besonders einsichtig, denn seit den Balkankriegen 1912/13 waren der Region nur wenige friedliche Atempausen vergönnt. Zudem wurde jeder Krieg aus dem jeweils vorherigen legitimiert. Selbst in der stabilen Phase unter Tito war der Krieg auf den Denkmälern überall sichtbar und blieb zugleich unaufgearbeitet. Allerdings haben Sie recht: der Fokus auf Gewalt allein verstellt den Blick, und läuft am Ende Gefahr, dem Mythos vom blutrünstigen Balkan Vorschub zu leisten. Und so sollte der Historiker stets auch nach den Grenzen der Gewalt fragen: In welchen Gemeinden können sich die Gewalttäter nicht durchsetzen? Wo können multiethnische Gemeinschaften bestehen? Wie genau endet die Gewalt, und wie bildet sich die neue Friedensordnung heraus?

Dr. Alexander Korb hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Ansgar W. | 01.07.2014 | 12:37 Uhr
Habe dieses Interview mit großem Interesse gelesen. Würde mich mal interessieren, was die Serben, Kroaten und die anderen beteilgten Nationen dazu zu sagen haben. Ist das Buch beispielsweise in Serbien rezipiert worden? Gibt es Reaktionen von kroatischen Lesern oder Historikern? Ich könnte mir schon vorstellen, dass es Vorbehalte gegen eine "ausländische" Darstellung gibt, oder?

Kommentar

von Dr. Alexander Korb | 03.07.2014 | 16:21 Uhr
Lieber Ansgar, ich erlaube mir, direkt auf die Frage zu antworten. Die Reaktionen auf das Buch sind in der Tat sehr unterschiedlich. In Serbien (bzw. in den serbischen Diasporen in den USA, Frankreich und der BRD) haben einige nationalistische Kollegen im Schneeballprinzip eine Reihe negativer Besprechungen ausgelöst. Die englischsprachige Besprechung durch M. Bozinovich ist repräsentativ, da sie die wichtigsten Punkte benennt: http://serbianna.com/analysis/archives/1950
Der Tenor lautet, dass ein deutscher Historiker den Genozid an den Serben leugne, indem er 1) den Begriff Genozid nicht benutzt und 2) die Opferzahlen herunterrechnet. 3) wird der Vorwurf erhoben, dass ich den klerikalfaschistischen Charakter des Ustaša-Regimes nicht anerkenne.
Dazu muss man sagen, dass es unwahrscheinlich ist, dass das gute Dutzend Rezensenten die Studie wirklich gelesen hat. Vielmehr werden Zitate aus einer besonders umfangreichen Besprechung in der Zeitschrift des Kulturvereins "Matica Srpska" recycled. Mein Buch scheint als Projektionsfläche für gefühlte Angriffe "des Westens" auf Serbien zu dienen, vielleicht ein wenig vergleichbar mit den Angriffen in Serbien auf Christopher Clarks "The Sleepwalkers". Leider haben bislang keine liberalen Kollegen in Serbien mein Buch besprochen.
In Kroatien sind die Reaktionen verhalten positiv. Bislang zwei Rezensenten wägen Lob und Kritik ab, aber loben die Tatsache, dass ein sich Außenseiter der kroatischen Geschichte nähert. Die Gefahr besteht darin, dass die Tatsache, dass ich die Geschichte der Massengewalt verkompliziere, kroatischen Rechten möglicherweise entgegen kommen könnte. Auf der anderen Seite bin ich eindeutig in dem Befund, dass die kroatischen Faschisten die Gewalt selbst zu verantworten haben, und keine deutschen Marionetten waren. Wie das Buch in Kroatien aufgenommen werden wird, steht also noch aus.

Ich bin in Kontakt mit KollegInnen sowohl in Kroatien als auch in Serbien, um Buchvorstellungen zu organisieren und schließlich auch eine Übersetzung des Buches in die Wege zu leiten. Leider sind der kroatische und der serbische Buchmarkt mittlerweile völlig separiert - ein in Zagreb erschienenes Buch wird in Belgrad nur wenig wahrgenommen und vice versa.

Eine Anekdote zum Schluss verdeutlicht, dass es oft völliger Zufall ist, wie ein Buch im Ausland wahrgenommen wird. Auf Amazon griff ein kroatischer Patriot mein Buch in seinem User-Kommentar an, woraufhin sich sofort eine serbische Patriotin fand, die dort mein Buch engagiert verteidigte.

Kommentar

von MIRKO BABIC | 18.04.2016 | 22:16 Uhr
Lieber Herr Korb, ich befasse mich seit meiner Kindheit der brutalen Greueltaten von kroatischen Ustashas die an den serbischen, jüdischen und der Roma Bevölkerung während des 2.Weltkrieges angetan wurde. Es gibt ein Buch von Vladimir Dedijer der detailiert beschrieben hat wie diese Satans Handlanger an Neugeborenen, Kindern, Frauen und Männer bestialisch vorgegangen sind. Durch die Serben wiederspiegeln und sehen sich die Kroaten selbst, da der grösste Teil katholisierte Serben sind und dadurch auch ihre Identität in der Katholischen Kirche suchten. Die Kroaten hielten während der 2.WW KZ`s für Kinder, die Waffen SS waren Engel im Vergleich zu diesen Satanisten. Der Hass galt hauptsächlich gegen die Heilige allumfassende Orthodoxe Kirche die von Christus gegründet war!

Kommentar

von rei svager | 24.02.2017 | 10:16 Uhr
als österreichischer "nachfahr" meines 1929 in vukowar geborenen vaters bemerke ich:
< nirgendwo konnte ich vorher prägnanteres lesen. < vor allem das spannungsfeld ungarisch deutsch kroatisch < & die assimilierung der deutschen(katholischen) ins kroatische. < der herr doktor saß 1942 noch in der separierungskommission & hat deportationslisten geschrieben. < um 10 jahre später in salzburg die große donauschwäbische geschichte zu erzählen!! < neben tisma & sein "buch blam" das beste was mir bei meiner privat-recherche passieren konnte. vielen dank !!

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