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Georgios Chatzoudis | 02.09.2014 | 1261 Aufrufe | Interviews

"Ungewollte Affirmationen vermeiden"

Interview mit Frieder Vogelmann zum 30. Todestag von Michel Foucault

Michel Foucault zählt heute in den Geistes- und Sozialwissenschaften zu einem der einflussreichsten Denken des 20. Jahrhunderts. Anlässlich seines 30. Todestages in diesem Sommer hat das Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig zu einer Soiree eingeladen. Wir haben mit Dr. Frieder Vogelmann von der Universität Bremen, der gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Saar den Abend veranstaltet hat, über Michel Foucault, sein Werk und sein Wirken gesprochen.

Dr. Frieder Vogelmann, Universität Bremen, Institut für Interkulturelle und Internationale Studien (InIIS)

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"Breite Rezeption ergibt sich aus dem Charakter seiner Forschung"

L.I.S.A.: Herr Dr. Vogelmann, Sie beschäftigen sich intensiv mit Michel Foucault, der vor 30 Jahren gestorben ist. Die Rezeption von Foucaults Werk geht quer durch die geisteswissenschaftlichen Disziplinen. War er das, was man als einen Allround-Geisteswissenschaftler bzw. einen Universalgelehrten bezeichnen könnte?

Dr. Vogelmann: Ja und nein. Foucault war ein besessener Leser und verfügte über ein entsprechend breites Wissen auf einer Vielzahl von Gebieten. Wenn man einen „Universalgelehrten“ daran erkennt, könnte man Foucault als einen solchen bezeichnen. Aber weil wir den Begriff Universalgelehrter unweigerlich mit einem humanistischen Bildungsideal zusammendenken, würde ich den Begriff nicht verwenden, zumal die breite Rezeption nicht von der besonderen Bildung Foucaults abhängt, sondern sich aus dem Charakter seiner Forschung ergibt. Foucaults Arbeiten verdeutlichen die allgemeine Bedeutung spezialisierter Diskurse, zum Beispiel wenn er in Wahnsinn und Gesellschaft zeigt, wie der medizinisch-psychiatrische Diskurs die Grenzziehung zwischen Vernunft und Wahnsinn transformiert hat – und damit auch unser Verständnis von sowohl Vernunft als auch Wahnsinn. Dadurch stehen Foucaults Arbeiten meist quer zu etablierten Disziplingrenzen und Vorgehensweisen und können Anregungen für ganz unterschiedliche Forschungen geben. Dass Foucault in so vielen verschiedenen (geistes-)wissenschaftlichen Disziplinen rezipiert wird, liegt also nicht an der universellen Bildung Foucaults, sondern erklärt sich durch den Charakter seines Werkes.

"Foucaults vielfältige Wirkungen haben sich vom Autor abgelöst"

L.I.S.A.: In der Universität Leipzig fand zuletzt eine Soiree zum 30. Todestag Foucaults statt, die Sie gemeinsam mit Prof. Dr. Martin Saar organisiert haben. Worum ging es Ihnen dabei?

Dr. Vogelmann: Es ging uns vor allem darum, die Vielfalt der Wirkungen Foucaults in den diversen geistes- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen nochmal sichtbar werden zu lassen und miteinander über die ganz verschiedenen Foucaults zu diskutieren, die dabei entstanden sind. Denn auch wenn Foucault mittlerweile den Status eines „Klassikers“ genießt, bedeutet das in den verschiedenen Wissenschaften ganz unterschiedliches. In der Soziologie beispielsweise hat sich aus der Anregung der bereits erwähnten Gouvernementalitätsvorlesungen eine fast schon als Subdisziplin zu bezeichnende Strömung entwickelt hat, die sogenannten governmentality studies. Insofern ist Foucault dort ein vielleicht kritisch diskutierter, aber doch akzeptierter Referenzautor.

Dagegen ist er in der Philosophie bis heute eher randständig geblieben, weil seine zentrale Herausforderung, Philosophie nur im Durchgang durch die Wirklichkeit zu betreiben, immer noch gerne als „bloß sozialwissenschaftlich“ abgetan wird. Signalisiert der Name Foucault in der Soziologie also nur eine Abweichung, ist er in der Philosophie noch eine Provokation. Und natürlich sieht es wieder anders aus, sobald man auf die Literaturwissenschaft oder die Pädagogik blickt. Diese Vielfalt hat sich, das wurde auf der Veranstaltung deutlich, in den 30 Jahren seit seinem Tod eher verstärkt, bis zu dem Punkt, wo kritische Stimmen im Publikum laut wurden, ob „Foucault“ heute überhaupt noch für etwas Spezifisches stehen könnte. Das fand ich an dem Abend das vielleicht spannendste: Dass Foucaults vielfältige Wirkungen in den Wissenschaften teilweise dazu führen, dass sie sich vom Autor ablösen oder diesen selbst vervielfältigen. Ich würde gleichwohl seine Denkweise, d.h. die Art, wie er mit seinem historischen Material umgegangen und wie er zu seinen heuristischen Begriffen gekommen ist, für eine Besonderheit halten, die man in der Vielfalt festhalten sollte.

"Philosophie im Durchgang durch die Wirklichkeit"

L.I.S.A.: Welche seiner Werke halten Sie für die einflussreichsten? Sind es eher die historisch angelegten Studien, wie beispielsweise „Gesellschaft und Wahnsinn“, „Sexualität und Wahrheit“ oder eher die philosophischen Arbeiten wie „Ordnung der Dinge“, „Archäologie des Wissens“ oder „Die Ordnung des Diskurses“?

Dr. Vogelmann: Erst einmal denke ich nicht, dass sich die Werke so einfach in historische und philosophische einteilen lassen – denn wie gerade schon erwähnt, ist eines von Foucaults Anliegen in meinen Augen, eine andere Art des Philosophierens zu finden, Philosophie im Durchgang durch die Wirklichkeit zu betreiben. Ulrich Johannes Schneider, der auch bei der erwähnten Abendveranstaltung auf dem Podium saß, hat schon vor Jahren dafür die schöne Bezeichnung eines „extrovertierten Philosophiebegriffs“ dafür gefunden. Wenn also Philosophie nicht vom Durchgang durch das historische Material zu trennen ist, dann lassen sich die historischen Bücher Foucaults nicht als unphilosophisch bezeichnen, so wenig wie das vermeintlich philosophische Buch Die Ordnung der Dinge ahistorisch ist.

Überhaupt lassen sich die meisten Einteilungen, mit denen man versucht, Foucaults Werk zu ordnen, nicht durchhalten. Ihre Gruppierung deckt sich ja mit zwei der drei Phasen, die in der sicherlich beliebtesten Klassifizierungsweise unterschieden werden: archäologische, genealogische und ethische Phase (die Werke, die Sie philosophisch genannt haben, werden üblicherweise der ersten, die anderen der zweiten Phase zugerechnet). Nun ist aber mit der Publikation der Vorlesungen einiges an dieser Einteilung fragwürdig geworden: Beispielsweise sprach man von einer „Wende zu den Griechen“, die Foucault von seinen machtkritischen, genealogischen Büchern der 1970er Jahre zu den ethischen Spätwerk vollzogen habe. Aber lesen Sie die 2011 veröffentlichte erste Vorlesung am Collège de France, Über den Willen zum Wissen (gehalten 1970), und Sie sehen, dass diese ganz der Untersuchung des Griechenlands des 6./7. Jahrhunderts v. Chr. gewidmet ist. Gewiss, unter ganz anderer Fragestellung und mit Blick auf andere Texte, als Foucault in den 1980er Jahren behandeln wird, aber die spätere Hinwendung kommt erkennbar nicht unvorbereitet. Und zugleich sehen Sie in demselben Text, wie Foucault das archäologische Thema des Wissens ausarbeitet und darüber zur Machttheorie kommt – nicht über einen Bruch, wie in der Sekundärliteratur noch immer gerne behauptet wird, sondern indem er vom Wissen aus weiter fragt.

"Es hat in den 1990er Jahre einen besonderen 'Schub' in der Rezeption gegeben"

L.I.S.A.: Die Rezeption von Foucaults Büchern hat erst relativ spät eingesetzt und ihn teilweise sogar überlebt. Wieso ist Foucault erst so spät entdeckt worden?

Dr. Vogelmann: Nein, dass die Rezeption spät begonnen hat, kann man wirklich nicht sagen. Foucaults Bücher wurden in Deutschland schon ab den 1970er Jahren sehr schnell und kontinuierlich übersetzt und breit diskutiert. In Frankreich war er ohnehin spätestens seit Die Ordnung der Dinge (frz. 1966), von dem allein im ersten Jahr mehr als 20.000 Exemplare verkauft wurden, eine Berühmtheit. Von einer verspäteten Rezeption kann also keine Rede sein.

Es hat allerdings seit Mitte der 1990er Jahre und besonders mit der posthumen Veröffentlichung seiner Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität (frz. und dt. 2004) nochmal einen besonderen „Schub“ in der Rezeption gegeben. In diesen, aber auch in den Vorlesungen zur Praxis des Wahrsprechens in der Antike, zur parrhesia, kommen Facetten eines Denkens zum Vorschein, das so sehr in ständiger Bewegung war, dass die Bücher stets nur „Schnappschüsse“ davon liefern. Insofern hat die posthume Veröffentlichung der Vorlesungen, die demnächst abgeschlossen sein wird, viel neues Material zum Vorschein gebracht, das dazu einlädt, neu mit und über Foucault nachzudenken.

"Sensibilität für die Effekte der eigenen Wissensproduktion ausbilden"

L.I.S.A.: Sie setzen sich in Ihren Arbeiten vor allem mit dem politischen Foucault auseinander und wenden sein Werk auf unser heutige Gesellschafts- und Wirtschaftsverfasstheit an. Stichwort: Neoliberalismus. Inwiefern können Foucaults Denken und Begriffe dabei angewendet werden?

Dr. Vogelmann: Ich halte vor allem Foucaults Denkweise für interessant und höchst geeignet, politische Diagnosen zu liefern, die brauchbar sind – d.h. die tatsächlich anzeigen können, wo sich politische Kämpfe heute lohnen. Damit meine ich zweierlei: Erstens halte ich politische Diagnosen für unverzichtbar, die „denjenigen, die kämpfen wollen“, wie Foucault einmal gesagt hat, Hinweise darauf liefern, welche Kämpfe lokal zu führen sind und gleichwohl das Potential haben, sich wirklich gegen die gesamte Rationalität des Regierens aufzulehnen, um nicht nur eine Machttechnik zur Führung von Menschen durch eine andere Machtechnik zu ersetzen, die derselben Vernunft gehorcht.

Zweitens ist damit ein leiser Zweifel ausgesprochen, ob wir uns immer noch inhaltlich auf Foucaults Diagnosen verlassen sollten. Nehmen Sie die Neoliberalismusdiagnose: Foucault charakterisiert damit eine in den 1970er Jahren dominant werdende Rationalität, wie über gutes Regieren nachgedacht wird und wie diese Rationalität politisches Handeln orientiert. Aber in den letzten dreißig Jahren ist das ja nicht einfach nur angewandt, sondern auch weiterentwickelt, kritisiert und modifiziert worden. Insofern ist gar nicht klar, ob wir heute noch einen Neoliberalismus in dem Sinne diagnostizieren können, wie Foucault das gemeint hatte. Freilich gibt es eine fortschreitende Ökonomisierung, aber dafür brauchen Sie keinen Neoliberalismus, das konnte der Liberalismus ohne Neo auch schon immer – ebenso gut wie das garstige deutsche Gewächs des Ordoliberalismus. Nein, wir müssen in den Diagnosen viel genauer werden, und dabei kann uns Foucaults Denkweise helfen, weil sie ja gerade darauf aus ist, den Durchgang durch die politische, historische Wirklichkeit zu wagen.

Allerdings muss man dafür erstmal verstehen, wie Foucault zu seinen Diagnosen kommt, mit welchen Begriffen er nach welchen Kriterien Einschnitte feststellt oder bestreitet. Dann sieht man beispielsweise, dass er den Neoliberalismus vom Liberalismus vor allem dadurch unterscheidet, dass der Neoliberalismus auf die Gesellschaft verzichtet. Statt so zu regieren, dass man zwar die ökonomischen Prozesse unangetastet lässt, aber sich dafür auf die Rahmung dieser Prozesse durch die Gesellschaft konzentriert (die „frugale“ Rationalität des Liberalismus), versuchte der Neoliberalismus, auch darauf noch zu verzichten. Thatchers berühmter Spruch „there is no such thing as society“ heißt ja auch, dass Regieren anders funktionieren muss, indem man die Techniken des Regierens individualisiert und jeden einzelnen darüber steuert, dass man ihm oder ihr die „richtigen“ Anreize bietet.

Aber das ist längst nicht mehr die Rationalität, nach der heute regiert wird. Die Gesellschaft ist zurückgekehrt, aber es ist eine „neue“ Gesellschaft, die heute von der Rationalität des guten Regierens beschworen, gefördert, ja produziert wird. Ihr Schlüsselbegriff ist „Verantwortung“: Nicht die neoliberale Regierung unabhängiger, freier und also gesellschaftsloser Individuen ist die heutige Regierungsrationalität (das war der Neoliberalismus), sondern die Regierung im Namen einer herzustellenden, schützenswerten, aber auch fordernden Gesellschaft, die uns alle füreinander verantwortlich macht. Der Soziologie Stephan Lessenich hat diesen Wechsel sehr schön anhand der vermeintlich neoliberalen Reformen des Wohlfahrtsstaats analysiert und zeigt, wie dort tatsächlich eine „Neuerfindung des Sozialen“ stattfindet – die Erzeugung eines paternalistischen Neosozialen.

Wenn diese Diagnose – die ich hier natürlich nur grob umrissen, aber mit der ich mich andernorts ausführlich beschäftigt habe – zutrifft, dann hat das gravierende Konsequenzen, auch für die Ambitionen, Theorie kritisch zu betreiben: Denn es würde bedeuten, dass die Kritik des Neoliberalismus, also die Kritik an einer Rationalität, die ohne Gesellschaft regieren möchte, längst Bestandteil einer nicht weniger perfiden, neuen Regierungsrationalität geworden ist. Ohne entsprechende Diagnose der Gegenwart laufen wir also Gefahr, noch in unserer Kritik die neue Regierungsrationalität zu stärken. Mit Foucault zu denken heißt für mich daher, insbesondere eine Sensibilität für die Effekte der eigenen Wissensproduktion auszubilden, um solche ungewollten Affirmationen zu vermeiden.

Dr. Frieder Vogelmannn hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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