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M.A. Tina Öcal | 07.04.2016 | 1072 Aufrufe | Vorträge

Susanne Müller: Camouflage und (Un-)Heimlichkeit am Werk. Zeitgenössische Kunst an der Schnittstelle zwischen hervortretendem Subjekt und verborgenen Objekt

Eröffnungsvortrag der Tagung "Camouflage! Interdisziplinäre Forschung zum Verbotenen & Verborgenen"

Das französische Wort camouflage (von camouflet), das in der deutschen Sprache keine eindeutige Entsprechung kennt, versteckt hinter seinem eleganten Klang das derbe Bild eines pausbackigen „Muffels“ (moufle: „großes Gesicht“), dessen warme (chaudca1) Atemluft (souffle) im Außenraum zum Hauch wird, der sich wie ein Schleier über die Dinge legt und diese also „camoufliert“.2 Interessant an diesem Bild ist, dass es der warme Atem des Inneren ist3, der dem Äußeren zur Hülle und Verhüllung wird. Der Camouflage des äußeren Objekts geht somit das Zum-Vorschein-Kommen eines zunächst Unsichtbaren (Luft) voraus, das aus dem intimen Innenraum des menschlichen Körpers hervortritt.

Das deutsche Wort „unheimlich“ wiederum kennt im Französischen keine Entsprechung und verbirgt sich hier hinter der hölzernen Übersetzung „inquiétante étrangeté“4, was rückübersetzt „beunruhigende Fremdartigkeit“ ergibt. Der Signifikant „Heim“, Herzstück des deutschen Worts und Verweis auf das Eigene, Vertraute und Intime (Innere), auf welches Freud zufolge das Ängstigende der unheimlichen Erfahrung zurückgeht (Das Unheimliche, 1919), wird hier also außer Acht gelassen oder zumindest nicht ausgesprochen, verborgen und verneint, so wie auch die Negativform „unheimlich“ das Heimliche abstreitet.

Der vorliegende Beitrag interessiert sich für jenen Grenzbereich in der zeitgenössischen Kunst, auf den die Begriffe Camouflage und Unheimlichkeit hinweisen, und der an der Schnittstelle zwischen Innerem und Äußerem (Intimem und Öffentlichen), Sichtbarem und Unsichtbarem und nicht zuletzt zwischen Sagbarem und Unsagbarem angesiedelt ist. Camouflage wird hierbei begriffen als das, was am Werk auf etwas Anderes verweist, auf ein Intimes, Subjektives, Unbewusstes, Heim-liches (im doppelten Sinne von heimelig und versteckt), das wiederum beim Rezipient ein Gefühl von Unheimlichkeit auslösen kann.

Meiner Hypothese nach weisen diese Grenzbegriffe tatsächlich auf durchaus zentrale Merkmale der zeitgenössischen Kunst hin, die gerade durch ihre Hybridität und scheinbare Grenzenlosigkeit (Undefinierbarkeit) immer wieder „unfassbar“ erscheint, was an ausgewählten Beispielen aufgezeigt werden soll.
                                                             
1 Die pejorative Vorsilbe „ca“ findet sich ursprünglich etwa auch im Wort „caboche“, später „boche“, das eine abwertende Bezeichnung für einen Deutschen darstellt.
2 Cf. Dictionnaire étymologique de la langue française (O. Bloch, W. von Wartburg Hrsg.) und Dictionnaire culturel en langue française (A. Rey Hrsg.).
3 Es sei hier auf die Verbindung zum Begriff „Inspiration“ hingewiesen.
4 Tatsächlich gibt es auch in anderen Sprachen keine Entsprechung des deutschen Wortes, das z. B. im Englischen mit „uncanny“ umschrieben wird.

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Eröffnungsvortrag vom 20.11.2015 im Rahmen der Tagung "Camouflage! Interdisziplinäre Forschung zum Verbotenen & Verborgenen"

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Die Referentin

Susanne Müller, 1979 in Aachen geboren, lebt in Paris und Metz. Promotion in Kunst, Ästhetik und Kunstwissenschaften (Université Paris 1 - Panthéon-Sorbonne) mit Dissertation über das Unheimliche in der zeitgenössischen Kunst. Diplom-Psychologin (Universität Köln) mit Schwerpunkt Kunstpsychologie und Nebenfach Kunstgeschichte (Universität Bonn).

Seit 2014 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Kunst und Kunstwissenschaften an der Université de Lorraine (Metz). Eigene künstlerische Tätigkeit im Bereich Fotografie und Installation. Diverse Veröffentlichungen, Tagungsbeiträge und Übersetzungen in Frankreich und Deutschland. Herausgeberin von zwei Einzelbänden der psychoanalytischen Revue „Y“ (Parodos, Berlin).

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