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Georgios Chatzoudis | 11.02.2014 | 2648 Aufrufe | Interviews

"Streben nach Modernität"

Interview mit Friedrich Lenger über die Geschichte der Metropolen der Moderne

Mit dem Beginn des 21. Jahrhunderts leben zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Bis zum Jahr 2030 rechnen die Vereinten Nationen, dass sich die Stadtbevölkerung auf 60 Prozent erhöhen wird - Tendenz steigend. Im Jahr 1950 lebten noch 70 Prozent aller Menschen auf dem Land. Die zunehmende Urbanisierung wird sich in Zukunft vor allem in Asien und Afrika vollziehen. Soweit der Blick nach vorn. Die erste große Welle der Verstädterung in der Moderne fand auf einem anderen Kontinent statt - in Europa. Hier bildeten sich mit Paris, London, Wien, Berlin und Sankt Petersburg seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Metroplen heraus, deren Strahlkraft zunächst die Vereinigten Staaten erreichte und an denen sich auch heute noch die Megastädte unserer Zeit messen.

Der Historiker Prof. Dr. Friedrich Lenger von der Universität Gießen hat nun eine komplexe Studie zur europäischen Stadtgeschichte vorgelegt: Metropolen der Moderne seit 1850. Wir haben ihn zu seinem Werk, das auch in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung erschienen ist, befragt.

Prof. Dr. Friedrich Lenger und sein Buch "Metropolen der Moderne. Eine europäische Stadtgeschichte seit 1850"

"Die Stadt als Schlüssel für eine Sozial- und Kulturgeschichte Europas"

L.I.S.A.: Herr Professor Lenger, Sie haben ein neues Standardwerk der modernen europäischen Stadtgeschichte vorgelegt, das auch in der Historischen Bibliothek der Gerda Henkel Stiftung erschienen ist. Der Titel: „Metropolen der Moderne“. Was hat Sie an diesem Thema gereizt? Was hat Sie dazu bewogen, die Geschichte der europäischen Metropolen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts zu erforschen?

Prof. Lenger: Mir schien zu wenig reflektiert, was der historisch vergleichsweise junge Umstand bedeutet, dass wir Europäer ganz überwiegend in Städten leben (wie mittlerweile auch die Mehrheit der Weltbevölkerung überhaupt), weshalb wir dementsprechend über die Entwicklung der europäischen Städte im 20. Jahrhundert in mancherlei Hinsicht weniger wissen als über die Städte des Mittelalters, und dass zum anderen damit zusammenhängend die durchaus lebhafte aktuelle Stadtdiskussion ganz von sehr gegenwartslastigen soziologischen Analysen beherrscht wird, soweit sie sich nicht ohnehin auf die Teilgebiete der Stadtplanung und der Architektur beschränkt. Von daher schien es mir reizvoll, die Stadt als Schlüssel für eine Sozial- und Kulturgeschichte Europas zu benutzen und so zu einem vertieften Verständnis unserer Gegenwart beizutragen, für die ja Unterschiede in den urbanen Lebensformen oder hinsichtlich der Spielräume städtischer Öffentlichkeiten zwischen Nordwest-, Süd- und Ost(mittel)europa ganz zentral sind. Die gemessen an der Bundesrepublik hohen Durchschnittsvermögen in südeuropäischen Ländern lassen sich so ebenso besser verstehen wie das aktuelle Geschehen auf dem Maidan in Kiew. Denn für ersteres muss man den absoluten Vorrang des Erwerbs von Wohnungseigentum in den (groß-)familialen Strategien der Bewohner südeuropäischer Städte bei gleichzeitiger Nichtintervention des Staats im Wohnungsbereich in seiner Entstehung und Entwicklung nachverfolgt haben, für letzteres die Einschränkungen einer städtischen Öffentlichkeit in den Städten des sozialistischen Europas sowie die bedroht bleibende (Wieder-)Herstellung einer public sphere nach der Wende.

"Die verbesserte Erreichbarkeit vieler Städte"

L.I.S.A.: Sie beschäftigen sich mit der Metropole in der Moderne. Wann wird eine Stadt zur Metropole? Und: Was sind die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale zum städtischen Wesen der Vormoderne? Was macht eine Stadt modern?

Prof: Lenger: Eine Metropole ist eine Stadt, die auf mehr als einem Gebiet – beispielsweise dem Finanzsektor oder dem Kulturangebot – auf Weltniveau konkurrenzfähig ist. Dagegen fehlt Orten, die lediglich als religiöses Zentrum oder als politische Hauptstadt fungieren, in der Regel der Charakter einer Metropole. Die Mitte des 19. Jahrhunderts, mit der mein Buch einsetzt, bedeutet hier insofern einen tiefen Einschnitt, als die globale Konkurrenz durch die verbesserte Erreichbarkeit vieler Städte eine neue Qualität erreicht, die der Ausbau des Eisenbahnwesens ermöglicht. Heute ist eine Metropole ohne angeschlossenes Flughafendrehkreuz schwer vorstellbar. Was nun die Modernität der Großstädte und insbesondere der Metropolen ausmacht, ist gerade ihr Streben nach Modernität. Die Kriterien für die Beurteilung des Erfolgs dieses Strebens dagegen sind im historischen Prozess natürlich wandelbar.

"Die Zuwanderung ist ganz entscheidend"

L.I.S.A.: Wer sind die Trägerschichten der städtischen Kultur gewesen? Welche Rolle spielt die Zuwanderung bzw. die Landflucht für die Entwicklung der Städte?

Prof. Lenger: Die städtische Kultur ist zunächst sicherlich eine bürgerliche Kultur, weil die Wertewelt des städtischen Bürgertums die Selbstdarstellung der Großstädte ganz maßgeblich geprägt hat. In den Rathäusern und Opernhäusern, in den Museen und Bibliotheken, in den zoologischen Gärten und Parks manifestiert sich das. Gleichwohl prägen auch die anderen sozialen Gruppen die städtische Kultur in erheblichem Maße, wobei die organisierte Arbeiterschaft in der Regel die bürgerlichen Standards übernimmt und lediglich auf eine breitere und gerechtere Teilhabe an den Segnungen der bürgerlichen Kultur drängt. Die ältere Volkskultur und die sie seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ablösende Massenkultur verzichten dagegen weitgehend auf den Bildungsanspruch von Bürgertum und Arbeiterbewegung und rücken die Unterhaltung in den Vordergrund. Und diese richtet sich nicht so sehr an einzelne soziale Gruppen, sondern zunehmend an die Gesamtheit der Konsumenten, die insofern gleich behandelt werden, auch wenn der kommerzielle Charakter der Massenkultur sicherstellt, dass Einkommensunterschiede ihre Bedeutung behalten. Schließlich ist für das Mischungsverhältnis dieser Kulturen und für den zeitlichen Verlauf der Durchsetzung verschiedener Teilkulturen die Zuwanderung ganz entscheidend. Wo, wie in Moskau oder Athen in der Zwischenkriegszeit, die Zuwanderung vom Land zu einer Vervielfachung der städtischen Einwohnerschaft führt, erhalten sich Elemente der bäuerlichen Kultur sehr viel stärker als dort, wo ein schwächeres Städtewachstum zu gleichen Teilen von einem innerstädtischen Bevölkerungszuwachs und von Zuwanderung getragen wird. Und wo die Zuwanderung vom Lande ganze Dörfer in bestimmte Stadtviertel führt, bleibt der Zusammenhalt der Zuwandernden entsprechend stark und verläuft die Akkulturation an eine städtische Umwelt entsprechend langsam.

"Die amerikanische Führungsrolle im Wettstreit um Modernität"

L.I.S.A.: Gab es zwischen den europäischen Metropolen Konkurrenzsituationen? Wirkten bestimmte Städte auf andere wie Vorbilder? Welche Metropole hatte eine Vorreiterrolle? Und: Ab wann orientierten sich europäische Metropolen an ihre Pendants in den Vereinigten Staaten?

Prof. Lenger: Schon aufgrund des Modernitätsstrebens befanden sich alle Großstädte in einer latenten Konkurrenzsituation. Wohin man schaute, war indessen gestuft, auch wenn im 19. Jahrhundert die Führungsrolle von London und Paris nicht in Zweifel stand. Gleichwohl schaute man etwa aus der österreichischen Provinz oder der bulgarischen Peripherie eher nach Wien, von Kiew und Kasan nach Moskau oder Petersburg. Der Vergleich mit amerikanischen Großstädten war für europäische Metropolen unterschiedlich attraktiv. Berlin z.B. fand sich in der technischen Modernität des geschichtslosen Chicago eher wieder als traditionsreiche Hauptstädte wie Wien und Paris. Wir haben jedoch mit den Weltausstellungen einen gleichsam objektiven Indikator. Und da ist es schon aussagekräftig, dass die frühen amerikanischen Weltausstellungen in New York oder Philadelphia nicht als ihren Vorläufern in London und Paris ebenbürtig wahrgenommen wurden. Mit der Ausstellung in Chicago (1893) hatte sich das grundlegend verändert, zeigte sich die amerikanische Führungsrolle im Wettstreit um Modernität doch gerade darin, dass die spektakulärsten Neuerungen aus Chicago 1900 nach Paris übernommen wurden.

"Die Rede von einer Nebenrolle der europäischen Stadt ist deutlich verfrüht"

L.I.S.A.: In Ihrem Werk machen Sie drei zeitliche Phase aus: Von 1850 bis zum Ersten Weltkrieg, die Zwischenkriegszeit und die Nachkriegszeit. Wenn Sie wählen könnten, in welcher Phase hätten Sie am liebsten in welcher europäischen Metropole gelebt und warum?

Prof. Lenger: Das ist eine schwer zu beantwortende Frage. Aber wenn Ihr Angebot einer Zeitreise eine Eintrittskarte zur Weltausstellung von 1889 in Paris, zur Berliner Uraufführung der Brechtschen Dreigroschenoper 1928 oder zu den Olympischen Sommerspielen von 1992 in Barcelona mit umfasst hätte, wäre ich in jeder der Städte gern ein ganzes Jahr geblieben.

L.I.S.A.: Heute geht der Trend eindeutig zu Megastädten – insbesondere in Afrika, Asien und Südamerika. Erleben wir eine neue Epoche der städtischen Entwicklung, in der die europäischen Städte nur noch eine Nebenrolle spielen?

Prof. Lenger: So zutreffend es ist, einen solchen Trend zu Megastädten zu konstatieren, so irrig wäre es, hier eine gleichförmige Entwicklung zu vermuten. Jenseits der explosionsartigen Einwohnerentwicklung verbindet wenig das Emporschießen endloser Hochhausgebirge in den Zentren der chinesischen Sonderwirtschaftszonen mit der tagtäglichen Errichtung neuer favelas am Stadtrand südamerikanischer oder afrikanischer Großstädte. Aber es ist richtig, dass europäische Metropolen auf den Listen der größten Städte der Welt, die sie früher angeführt haben, immer weiter nach hinten rücken, und dass es innerhalb Europas nicht länger London und Paris, sondern Moskau und Istanbul sind, welche die meisten Menschen beherbergen. Trotzdem scheint mir die Rede von einer Nebenrolle der europäischen Stadt deutlich verfrüht. Als Typus ist sie unverändert attraktiv. Darauf deutet jedenfalls, dass neue Großsiedlungen in Moskau als „europäisch“ beworben, solche in chinesischen Städten nach venezianischen oder niederländischen Vorbildern gestaltet erscheinen sollen.

Prof. Dr. Friedrich Lenger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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