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Georgios Chatzoudis | 25.06.2015 | 1006 Aufrufe | Interviews

"Sehnsucht nach objektiven Entscheidungsgrundlagen"

Interview mit Andreas Quatember über Statistik in den Medien

Wenn in Nachrichtenmeldungen, Reportagen oder Kommentaren eine Behauptung untermauert werden soll, folgt in der Regel eine Statistik. Zahlen, Säulen oder Kuchenstücke beweisen die Richtigkeit der These, verleihen ihr Objektivität, so die Erwartung. Überraschend daran ist, dass sich diese Praxis hält, obwohl das Misstrauen gegenüber Statistiken bisweilen hoch ist. Mit Statistik ließe sich alles beweisen, außerdem sei nur der Statistik zu trauen, die man selbst gefälscht habe, so landläufige Vorstellungen. Bereits der britische Politiker Leonard Henry Courtney hatte Ende des 19. Jahrhunderts behauptet: "There are three kinds of lies - lies, damned lies, and statistics". Und trotzdem sind Statistiken heute ein nicht wegzudenkender Teil unserer Informations-, Medien- und Wissensgesellschaft. Prof. Dr. Andreas Quatember von der Johannes Kepler Universität in Linz hat sich die Verwendung von Statistiken in den Medien genauer angeschaut und darüber ein Buch veröffentlicht. Wir haben ihn dazu befragt.

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"Manchmal mangelt es durchaus am Grundverständnis"

L.I.S.A.: Herr Professor Quatember, Sie haben ein Buch zum Thema Statistik in den Medien geschrieben, das den Titel „Statistischer Unsinn. Wenn Medien an der Prozenthürde scheitern“ trägt. Läuft denn bei der Verwendung von Statistiken so viel schief?

Prof. Qautember: Ganz so schlimm ist es natürlich nicht. Denn im konkreten Buch befinden sich klarerweise ausschließlich Beispiele für Statistiken, die falsch verwendet, berechnet oder interpretiert wurden.  

L.I.S.A.: Was ist beispielsweise an folgender Meldung unsinnig: „Bis zu 630 Prozent Differenz bei den Kindergartengebühren stellte der Rechnungshof fest. So kostet der Elternbeitrag zwischen 36 und 263 Euro im Monat! Für die Knirpse fehlen außerdem Betreuungsplätze. Dafür leistet sich die Politik den Luxus von zwei Abteilungen für ein Ressort.“ Rechnerisch scheint doch alles in Ordnung zu sein, oder?

Prof. Quatember: Nun rein rechnerisch ist tatsächlich nichts falsch, denn 263 Euro sind im Vergleich zu 36 Euro (= 100 Prozent) tatsächlich um ca. 630 Prozent mehr, nämlich 263 : 36 * 100 = 730,6 Prozent. Aber Prozentangaben dienen doch der Veranschaulichung. Wenn von einer Gruppe von 142 Personen 44 eine bestimmte Eigenschaft aufweisen, dann kann man sich das dadurch veranschaulichen, dass man sich überlegt, wie viele von 100 Personen dies sein würden. Das sind 44 : 142 * 100 = 31 Prozent (lat.: „von hundert“).

Ist es nun wirklich anschaulicher zu sagen, dass die Gebühren bis zu 630 Prozent Differenz aufweisen als einfach anzugeben, dass sie zwischen 36 und dem 7,3-fachen, nämlich 263 Euro, schwanken? Die prozentuelle Angabe der Differenz scheint für diesen Zweck doch eh ungeeignet zu sein. 

L.I.S.A.: Wo liegt der Fehler bezeihungsweise das Problem? Sind es die Statistiken, die falsch erstellt werden, oder sind es die Medien, die sie falsch verstehen beziehungsweise interpretieren?

Prof. Quatember: Manchmal mangelt es durchaus am Grundverständnis. Wenn zum Beispiel behauptet wird, dass 4 von 10 Beschenkten oder jeder Vierte mit den Weihnachtsgeschenken unzufrieden ist oder dass ein Rückgang bei den männlichen Arbeitslosen um 13,7 und bei den Frauen um 10,3 Prozent einen Gesamtrückgang um 24,0 Prozent bedeutet, dann sind das leicht vermeidbare Fehler, sofern man bereit ist, sich nur ein wenig mit Statistik zu befassen. Die Schuldigen an der Misere sind sowohl Anwender, deren Methodenverständnis sich auf das Eintippen der richtigen Funktionen in Excel reduziert, Mathe-Lehrer an Schulen, die ihr Fach nicht so vermitteln, dass Schüler auch ein Zahlengefühl entwickeln, und nicht zuletzt auch Universitätsstatistiker (wie ich), wenn sie die Methodik nicht so erklären (wollen), dass alle ihre Studierenden sie auch verstehen können.  

"Diese 'Fakten' erreichen ja möglicherweise Millionen von Lesern"

L.I.S.A.: Wo sehen Sie die Ursachen beziehungsweise Motive für unsinnig eingesetzte Statistiken durch Medien? Ist es mangelnder Sachverstand, Fahrlässigkeit oder steckt Absicht dahinter?

Prof. Quatember: Da kommt sicherlich alles vor. Bei den oben angeführten Prozentbeispielen handelt es sich zweifellos um mangelnde Sachkenntnis. Da man diese Fehler mit ein wenig Mühe durchaus hätte vermeiden können, würde ich durchaus auch von Fahrlässigkeit sprechen. Denn immerhin erreichen diese „Fakten“ ja möglicherweise Millionen von Lesern.

In punkto Absicht lässt sich nur mutmaßen, das dann und wann nicht aus Unkenntnis, sondern gerade aus dem richtigen Verständnis der Methoden, bewusste Verfälschung betrieben wird. Beispiele dafür sind Schaubilder in der Werbung, in denen zur Übertreibung eines Unterschieds zwischen zwei Produkten (wie der Reichweiten zweier Tageszeitungen) die y-Achse eines Säulendiagramms nicht bei null beginnt und so die Proportionen eben bewusst verfälscht werden. Wenn man dies der statistischen Methodik anlastet, dann verfährt man geradezu so, wie wenn man einen Unfall an einer geregelten Kreuzung der Ampelregelung anlasten würde, wenn ein Autofahrer ganz bewusst bei rot in die Kreuzung eingefahren ist. 

"Mit falsch verwendeter, errechneter und interpretierter Statistik kann man alles beweisen"

L.I.S.A.: In einem Kapitel Ihres Buches widmen Sie sich einer landläufigen Meinung: „Mit Statistik lässt sich alles beweisen!“ Stimmt das? Findet sich für jede Aussage eine entsprechende Statistik - auch eine, die das Gegenteil „beweist“?

Prof. Quatember: Darf ich dazu zwei aktuelle Beispiele zur Griechenlandkrise anführen? Auf Spiegel Online lässt sich nachlesen, dass das kolportierte niedrige durchschnittliche Rentenantrittsalter in Griechenland nicht mit jenem in Deutschland vergleichbar ist, da in die jeweiligen Berechnungen völlig unterschiedliche Bevölkerungsgruppen einfließen. Auch der Vergleich der Entwicklung der Anteile der Ausgaben für Pensionen und Renten am BIP in beiden ländern hinkt gewaltig: In Griechenland ist dieser Anteil von 2007 bis 2013 von 11,7 Prozent auf 16,2 Prozent gestiegen - siehe dazu die Grafik zu Rentenausgaben in der Europäischen Union.

Wer sich jetzt sofort ereifert, dass die Renten dort über alle Maße gestiegen sein müssen, könnte auf dem Holzweg sein. Denn ein Bruch kann aus zwei Gründen steigen – weil der Zähler (die Zahl über dem Bruchstrich) steigt oder weil der Nenner (unter dem Bruchstrich) fällt. Nun, in Griechenland ist das BIP von 319 Milliarden Dollar im Jahr 2007 innerhalb von sechs Jahren dramatisch auf 242 Milliarden Dollar gesunken! Den Rest kann man sich selber ausrechnen und mit den Rentenerhöhungen etwa in Deutschland vergleichen. Warum ich zum Vergleich der Rentenausgaben nicht die Rentenausgaben selbst verwende, sondern ihr jeweiliges Verhältnis zum BIP? Vielleicht weil man nur mit falsch verwendeter, errechneter und interpretierter Statistik alles beweisen kann!

L.I.S.A.: Wie weit reichen die Ursprünge der Statistik zurück, wann haben sie Hochkonjunktur und wann setzt das Misstrauen gegen Statistiken ein?

Prof. Quatember: Die Statistik kommt ja von der zahlenmäßigen Beobachtung des Staates. Man versteht unter diesem Begriff die Methoden, mit denen man aus vorhandenen Daten Informationen, die darin verborgen sind, aufspüren kann. Ihre aktuelle Bedeutung kann gar nicht überschätzt werden. Das mag im Einzelnen gefallen oder nicht, ist aber ein Faktum. Blättern Sie dazu einfach durch eine beliebige Tageszeitung – überall Statistiken! Dies kommt daher, dass in unserer immer komplexer werdenden Welt neben unseren eigenen wichtigen subjektiven Erfahrungen die Sehnsucht nach objektiven Entscheidungsgrundlagen immer größer wird. Wenn Sie sich ein Fußballspiel ansehen, dann kann Ihr Eindruck vom Spielverlauf durchaus unterschiedlich sein, je nachdem ob Sie Fan der einen oder der anderen Mannschaft sind. Die objektiven Matchstatistiken zu Ballbesitz und Zweikämpfen, Torschüssen und Eckbällen können auch da helfen, das von der eigenen Vorliebe möglicherweise verfälschte Bild etwas zurechtzurücken.

Ich denke, Skepsis ist grundsätzlich gesund und ganz allgemein angebracht, nicht nur den Statistike(r)n gegenüber. Mein Büchlein „Statistischer Unsinn“ kann dazu einen launigen, kleinen Beitrag leisten.

Prof. Dr. Andreas Quatember hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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